Artikel aktualisiert am 22.02.2017

Kurz vor Weihnachten habe ich eine Email bekommen, die mich sehr berührt hat. Eine Leserin hat mir die Geschichte ihres Pferdes geschrieben. Sie hat bei unserem Adventskalender gewonnen und sich mit der Geschichte ihrer Stute dafür bedankt. Damit hat sie mir soviel mehr zurückgegeben. Denn die Geschichte der beiden hat mich zu Tränen gerührt und mich lange in meinen Gedanken begleitet.

Deshalb habe ich sie gefragt, ob ich ihre Geschichte zu Weihnachten veröffentlichen darf. Weil sie ein Beispiel dafür ist, wie man einen Seelenverwandten finden kann, wenn man sich auf die Persönlichkeit des Gegenübers einlässt. Sie zeigt, dass Vertrauen ein Geschenk ist und wie ein Band wachsen kann, weil das Pferd sein darf wer es ist und nicht in eine Idee oder Vorstellung gepresst wird.

Vertrauen, Pferde und Respekt

Die meisten Missverständnisse zwischen Pferd und Mensch entstehen vermutlich, weil der Mensch bestimmte Erwartungen an sein Pferd hat.

Warum “Du sollst Ausgleich sein! Du sollst funktionieren! Ich will… Du sollst… Du musst…” der falsche Ansatz ist:

Vertrauen, Pferde und Respekt

Die berührende Geschichte von Kristin und ihrem Pferd:

2011 entschloss ich mich endlich dazu, mir ein eigenes Pferd zu kaufen. Ich fuhr viel herum und schaute mir Pferde an. Ich hatte spezielle Vorstellungen davon, wie mein erstes eigenes Pferd sein soll. Ich wollte ein großes, schwarzes Pferd, mit langen Beinen, einem ruhigen Charakter und ein Verlasspferd – bestenfalls schon mit Erfahrungen auf Turnieren. Außerdem sollte es ein Wallach sein der Dressurbetont ist. Dann hatte ich so ein Pferd gefunden und war nahe dran es zu kaufen. Ein Pferd, das zu fast 100% meine Vorstellungen erfüllte. Das Pferd sollte zu einem Spott-Preis verkauft werden, da die Besitzerin aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiten konnte. Einen Tag vor Unterzeichnen des Vertrages fuhr ich spontan noch einmal zu einem anderen Züchter. Ein absoluter Geheimtipp sagte man mir. Ich kam an und er meinte, er habe nur vier Pferde. Ein Absetzer, ein 3-jähriges und eine Stute mit Fohlen. Ich kann bis heute nicht sagen warum, aber ich ging durch den Stall und sah diese Stute mit dem Fohlen. Sie blickte ängstlich, fast schon hysterisch aus der Box. Ich fragte ob ich diese Stute reiten könnte. Der Züchter war so ehrlich und meinte, dass er das nicht verantworten könne, denn diese Stute wurde seit 4 Jahren nicht mehr geritten. Er erzählte mir, das sie zwei Leuten das Bein gebrochen hatte, ihm selbst die Hüfte und einer professionellen Bereiterin den Arm.

Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern (Aristoteles)

Sie ließ sich nicht reiten

Auf Grund ihrer Abstammung diente sie also als Zuchtstute. Nach Aussage des Züchters war die Stute auch schon 3x verkauft worden und nach spätestens 6 Wochen wurde sie wieder auf dem Hof abgegeben, weil sie einfach nicht händelbar war. Auf Bitten und Betteln hin zeigte er sie mir an der Longe. Tja, wie soll eine übergewichtige Stute schon laufen, wenn sie 4 Jahre nur auf der Koppel stand und nie gearbeitet wurde?!

Sie lief Taktunrein, total klamm und von Dehnungshaltung war keine Spur. Frag mich bitte nicht wieso, aber noch am selben Tag unterschrieb ich den Kaufvertrag für diese Stute. Sie entsprach null meinen Vorstellungen. Sie war sehr kurz und kompakt, eher in die schwere Warmblut Richtung gehend. Sie war nur angeritten und hatte mit 7 Jahren schon diverse Gliedmaßen auf dem Gewissen und überhaupt keine Erfahrung was das Reiten anbelangt.

Aber am schlimmsten war der Charakter

Jede Fliege die in 4 km Entfernung irgendwo flog, brachte sie zum explodieren. Und mit explodieren meine ich wirklich eine Störung! 2 Monate lang musste ich noch warten ehe ich sie zu mir holen konnte, da das Fohlen ja noch abgesetzt werden musste. Ich stellte sie in den Reitstall in dem ich ohnehin schon war.

Und dann fing das Übel an

Sie war ständig krank: Offene Beine, Knochenhautentzündung, Lahmheiten aus der Hinterhand und so weiter. So hatte ich keine Chance diese unheimliche Energie die sie von Natur aus hatte irgendwie raus zu lassen, da sie strickte Boxenruhe hatte. Im Januar entschloss ich mich dann zum Wohle des Pferdes sie zum Züchter zurück zu bringen. Er kam und holte sie. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie ich geheult habe. Nun war sie weg. Und ich stand da. Ich hatte dieses Pferd, das ich nie wollte, so ins Herz geschlossen, dass es mir das Herz fast zerriss, als der Hänger vom Hof fuhr.

Etwa eine Woche später klingelte mein Handy

Ich ging ran und der Züchter war am Telefon. Er klang hilflos und sagte zu mir: “Du musst bitte mal vorbei kommen, ich weiß nicht mehr weiter”. Sofort setzte ich mich ins Auto und fuhr die 50km zu dem Stall. Was ich dort sah, verschlag mir fast die Sprache.

Dort stand meine Stute mit gesenktem Kopf, trübem Blick und war total eingefallen. Der Züchter erzählte mir, sie hätte eine Woche nichts gefressen und würde nur am Koppelgatter stehen und warten. Ich sagte nichts. Ein Kloß steckte mir im Hals. Ich pfiff ganz leise, so wie ich es immer tat wenn ich den Stall betrat und sie begrüßte. Was dann geschah, war die Entscheidung meines Lebens. Sofort hob die Stute den Kopf und wieherte aus vollem Hals. Sie drängte sich an die Boxenwand und als ich die Tür öffnete, schnaubte sie, atmete tief durch und legte ihre Stirn an meine.

Selbst dem Züchter fehlten die Worte

Er meinte er würde seit 40 Jahren Pferde züchten aber sowas habe er noch nicht erlebt. Es war klar, dass ich dieses Pferd wieder zurücknahm. Unter der Bedingung, dass ich sie in einen anderen Stall stelle und bis dahin bleibt sie so lang beim Züchter. Der Stall vorher war ein Turnierstall und es herrschte ständig Stress. Absolut nichts für die sensiblen Nerven dieser Stute.

Ich fand einen kleinen Privatstall und holte die Stute zu mir. Das ist jetzt 3 Jahre her. Mittlerweile ist sie bis L-Dressur ausgebildet, läuft brav im Gelände und kleine Kinder können auf ihr durch die Halle schuckern. Sie ist nervenstark und ein absolutes Verlasspferd geworden. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber was mir diese Stute geschenkt hat, ist unbezahlbar. In keinster Weise kann ich ihr das alles zurückgeben was sie mir vor Jahren gegeben hat: Ihre Liebe und ihr Vertrauen. Niemals hätte der Züchter geglaubt sie würde ein zuhause finden und schon gar nicht hätte er gedacht das aus ihr einmal das wird was sie jetzt ist.

Ich liebe dieses Pferd und dieses Pferd liebt mich

Unsere Beziehung basiert auf Ehrlichkeit und Vertrauen. Wir wissen immer ganz genau was der andere denkt. Wir gehen durch dick und dünn. Im Übrigen habe ich für dieses Pferd den Traum vom Turnierreiten aufgegeben. Geritten wird sie grundsätzlich gebisslos und so natürlich wie möglich gehalten. Ich habe die Geduld in dieses Pferd investiert, die ich als absolut ungeduldiger Mensch eigentlich nicht habe. :-)Erst nach einem halben Jahr, bin ich das erste Mal geritten. Vorher hab ich sie jeden Tag nur geputzt und mit ihr im Roundpen gearbeitet. Diese simplen Methoden um ein Pferd kennen zu lernen und sein Vertrauen zu erlangen sind das, was uns geholfen hat. Täglich komme ich um die gleiche Uhrzeit in den Stall und immer steht sie am Koppelgatter und wartet auf mich. Nicht selten wird mir entgegen gebrummelt….

Aber wer gibt denn schon seine Träume auf um mit einem Lebewesen zu leben, das so unnahbar ist, das im Grunde unberechenbar sein kann? Wer öffnet sich vollkommen dem Pferd und lässt es in seine Seele blicken? Keiner der großen Reiter oder die, die es sein wollen.

Funktioniert ein Pferd nicht, oder bringt es nicht den gewünschten Erfolg, so wird es ausgetauscht, gegen eines, das die Erwartungen erfüllt. So sieht leider das wahre Leben aus. Bis heute kann ich niemandem sagen warum ich diese Stute nach dem Longieren kaufte ohne sie je zu reiten. Ganz zu schweigen davon, daß sie nicht im Geringsten etwas mit meinem Traumpferd zu tun hatte…. Aber ich bereue diese Entscheidung nicht. Nie im Leben würde ich dieses Pferd wieder hergeben. Ich lasse sie Pferd sein, habe niemals versucht sie zu ändern. Sie ist von ganz allein die geworden, die sie jetzt ist. Wahrscheinlich aus dem Fakt heraus, daß ich sie zu nichts gezwungen habe.

Alles Liebe, Kristin“

Vertrauen, Pferde und Respekt

Liebe Kristin, ich möchte dir danken für deine Geschichte, deine Ehrlichkeit und deine Worte.

Ich habe viel über die Geschichte von Kristin und ihrer Stute nachgedacht. Darin schwingt sehr viel Selbsterkenntnis, Verständnis füreinander, Herz und gegenseitiges Vertrauen mit.

Vertrauen, Pferde und Respekt

Vertrauen, Pferde und Respekt

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ihre Pferde fragen, was sie können und wer sie sind. Ausbilder erzählen mir, dass immer wieder Pferdehalter kommen, die ihr Pferd in 4 Wochen durch die Ausbildung pressen wollen. Weil das doch sonst so teuer sei…

Eine Reitlehrerin erzählte mir von einer Frau, deren Pferd unter Satteldruck litt, aber ein neuer angepasster Sattel sei doch so teuer und das wolle sie jetzt also auch nicht mehr in das kranke Pferd investieren… Ich habe Sätze gehört, wie „der muss funktionieren“ oder „mir doch egal ob der was hat, der hat jetzt zu laufen“… und ich war fassungslos!

Im Großen und im Kleinen läuft so viel falsch in der Pferdewelt. Ich war zum Beispiel auf einem Bodenarbeits-Kurs, bei dem Pferde all ihren Mut zusammengenommen haben um beim Anti-Schreck-Training ihrem Besitzer zu folgen. Man hat in ihren Augen die Unsicherheit gesehen und den Mut, den sie als Fluchttier zusammengekratzt haben, um das Hindernis zu überwinden. …und es gab für einige Pferde nicht einmal ein Lob. Dabei ist nichts von dem selbstverständlich, das Pferde für uns tun. Sie überwinden immer wieder ihre Ängste, nur für uns. Das berührt mich sehr. Viele Menschen würde das für ihre Pferde nicht tun.

Vertrauen, Pferde und Respekt

Es geht auch anders

Ich erlebe aber auch Pferdemenschen, die mit ihren Tieren “reden”, die ihnen in die Augen sehen und ihre Ausbildung an ihre Fähigkeiten anpassen. Das lässt mich lächeln. Man kann das unsichtbare Band zwischen solchen Pferd-Mensch-Paaren regelrecht sehen. Meine Trainerin zum Beispiel, die sich auf jedes Pferd neu einlässt. Oder auch Pferdeexperten wie Alfonso Aguilar, Mark Rashid, Sandra SchneiderSusanne Kreuer oder Kenzie Dysli.

Es macht mich froh, dass ich so viele Menschen kenne, die ihr Pferd „fragen“, es als Familienmitglied und Partner sehen und nicht als Sportgerät. Die Pferde schenken uns so viel! Sie geben so viel für uns und es gibt leider immer wieder Menschen in der Reiterwelt, die das nicht zu schätzen wissen. Wir haben sie in unsere Welt geholt, deswegen haben wir die Pflicht ihnen auch den Raum zu geben, den sie brauchen. Das fängt bei der artgerechten Haltung an und hört bei dem alltäglichen Umgang miteinander auf.

Vertrauen, Pferde und Respekt

„Wer bist Du?“

…werde ich meine Stute fragen, wenn sie bei mir ist. Weil ich wissen will, wer sie ist, was sie kann und wie sie sein will. Ich will kein „Westernpferd“ mit dem perfekten Spinn, ich will auch kein „Dressurpferd“ mit der perfekten Piaffe und ich will sicher kein perfektes „Springpferd“. Ich will einfach nur wissen, wer sie ist und gemeinsam mit ihr entscheiden, was aus uns beiden werden soll. Ich habe keine Erwartungen oder große Ziele.

Ich habe nur einen Wunsch: Ich wünsche mir, dass sie die Ohren spitzt, wenn ich komme. Vielleicht kommt sie mir auch entgegen und senkt ihre Nase in das Halfter. Das wäre schön. Ich wünsche mir, dass sie mir folgt, auch ohne Halfter. Ich würde mich freuen, wenn sie mir ihr Vertrauen schenkt und habe ihr und mir versprochen, dass ich ihr alle Zeit der Welt und mein ganzes Vertrauen geben werde. Sie muss nichts Bestimmtes „sein“ und ich werde ihre Fähigkeiten und ihren Charakter über unsere gemeinsame Zeit entscheiden lassen.

Vertrauen, Pferde und Respekt

Ein Versprechen

Ich habe mir selbst noch einmal versprochen meiner Stute immer wieder die Chance zu geben, mir zu zeigen, wer sie ist. Das wird manchmal schwer und manchmal leicht sein. Aber so wie ich mir von ihr Respekt, Vertrauen und Freundschaft wünsche, muss ich ihr genau das auch geben. Ich glaube, dass sie mich gefunden hat oder ich sie, weil wir voneinander lernen können. Vermutlich werde ich mehr von ihr lernen, als sie von mir. Aber das ist in Ordnung. Der Satz „Pferde spiegeln uns“ ist sehr wahr. Und ich ahne jetzt schon, was sie mir spiegeln wird… Gleichzeitig will ich ihr auch spiegeln können, wer sie ist.

Vertrauen, Pferde und Respekt

Habt ihr auch Geschichten von euch und euren Pferden? Etwas, das sie euch gezeigt haben? Etwas, das sie euch spiegeln oder etwas wofür ihr dankbar seid?

Habt ein schönes Weihnachtsfest mit all Euren Lieben und kommt gut ins neue Jahr

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16 Kommentare zu “Von Vertrauen, Verständnis und großen Missverständnissen

    • Petra sagt:

      Mich hat die Geschichte auch sehr berührt und tut es immer wieder. Wie ist denn die Geschichte von Dir und Deiner Stute? Ich würde mich freuen, wenn Du sie erzählen möchtest :-) Auf jeden Fall wünsche ich Dir und Deinen Lieben frohe Weihnachten, Petra

  1. Claudia sagt:

    So ähnlich war es bei meiner Ardennerstute Lucy und mir. Wir nehmen an, dass sie bevor sie zu uns kam, misshandelt wurde. Sie ließ sich nicht an die Beine fassen, streicheln kannte sie auch nicht und vor allem suchte sie fluchtartig das Weite, wenn man zB ein Stöckchen von der Weide (nichtsahnend) aufhob. Nach ca 2 Jahren darf man sie überall streicheln (nun liebt sie es!!), anfassen und sogar mit einem Schwamm die Beine abwaschen. Was vorher völlig undenkbar war!! Sie wiehert wenn man kommt und läuft einem hinterher fast wie ein Hund. Wir gaben ihr Zeit Vertrauen zu uns zu finden und lieben dieses Pferd mit den Wahnsinnskulleraugen!!

    • Petra sagt:

      Das ist so rührend! Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade die Seelen, die besonders viel erlebt haben und dann in ein liebevolles Zuhause kommen besonders dankbar reagieren, wenn sie Vertrauen gefasst haben. Sie wissen genau, dass man es gut mit ihnen meint und wissen die Freundlichkeit und den Respekt und die Liebe sehr zu schätzen. Das ist vielleicht manchmal schwerer, als mit einem Tier ohne schlechte Vorerfahrungen, aber die Liebe kommt dann irgendwann doppelt zurück. Habt noch ein schönes Weihnachtsfest und vielen Dank für Deinen Kommentar, ich habe mich sehr gefreut

  2. Mine sagt:

    Meiner Stute ist im November eine sehr deprimierende Diagnose gestellt worden, und sie wird daher nie das sein, was ich mit meinem ersten eigenen Pferd alles erarbeiten wollte… in den Urlaub fahren, am Strand langgaloppieren, Wanderritte, ein Pferd, das Zirkuslektionen und Dressurlektionen beherrscht, Gymnastikspringen, einen kleinen Geländeparcour, vielleicht mal ein Turnier, Reitunterricht bei einem klassischen Ausbilder…
    Ich habe das Gefühl ein Stück meiner Identität verloren zu haben, als klar wurde, dass mein Pferd im besten Fall noch ein bisschen durchs Gelände bummeln können wird. Ich kann nicht mal in Worte fassen, wie ich mich fühle, nur dass ich sehr traurig bin. Nicht, dass das hier missverständlich ist: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ständig reiten müssen.
    Meine einzige Möglichkeit damit umzugehen ist umzudenken und andere Ziele zu setzen – welche, die wir noch erreichen können.
    Solche Artikel, und hier besonders der Abschnitt "Wer bist du…?" helfen mir dabei. Vielen Dank.

    • Petra sagt:

      Liebe Mine, das tut mir sehr leid, dass Dein Pferd eine schlechte Diagnose bekommen hat. Ich hoffe, dass es ihr trotzdem den Umständen entsprechend gut geht. Aber wenn sie einen Menschen wie Dich gefunden hat, dann ist das schon einmal das Wichtigste. Ich glaube (leider), dass nicht alle Menschen dann zu ihrem Pferd stehen würden. Ich persönlich finde, dass wir eine Verantwortung übernehmen, die in guten und in schlechten Zeiten gelten muss und habe große Hochachtung davor, dass Du so bedingungslos dazu stehst. Bei Euch ist das natürlich ein Sonderfall, denn Dein Pferd hat jetzt eine Art Handycap, das bestimmt, was ihr zusammen machen könnt, wenn ich das richtig verstanden habe. Und es ist schön, dass Du darauf achtest und einen neuen gemeinsamen Weg finden willst. Es gibt da draussen aber offenbar so viele Menschen, die wie bei einem Sportgerät bestimmte Vorstellungen haben und dann wird das Pferd eben in eine Form gepresst. Ob es reinpasst oder nicht, wird nicht gefragt. Wenn es nicht passt, dann wird es eben verkauft oder schlimmer: es muss zum Schlachter. Das macht mich verrückt. Und ich frage mich in was für einer Welt wir leben, in der Tiere entsorgt werden, wenn sie nicht die erwünschte Leistung liefern. Gott sei Dank, gibt es Menschen wie Dich, die das anders sehen. Das freut mich immer wieder zu lesen, wenn ich Kommentare wie Deinen bekomme! Also danke dafür und hab noch ein schönes Weihnachtsfest, Petra

  3. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    ich hatte von meinem ersten Pferd sehr genaue Vorstellungen: Ich wollte eine Stute nicht zu groß eher zierlich, verlässlich und am liebsten mit heller Farbe. Gekauft habe ich dann einen Wallach 1,80 groß, eher schwer und zu diesem Zeitpunkt eher durchgeknallt. Zudem war er chronisch krank. Er hat mich mehrfach ins Krankenhaus gebracht, ich leide heute noch unter den Verletzungen, die er mir vor Jahren beigebracht hat. Er hat verschiedene Trainer aus dem Reitplatz gejagt und mehrer Profis schwer verletzt. Ich war so oft verzweifelt und unglücklich bis ich eines Tages mit ihm auf den Reitplatz gegangen bin. Eigentlich wollte ich etwas Bodenarbeit machen, aber er hatte schon beim Putzen den Anbindering aus der Wand gerissen, hat zweimal nach mir getreten und mich nur knapp verfehlt, war beim Führen einfach unmöglich und hat sich letzten Endes wieder mal losgerissen und wollte auf mich losgehen. Ich bin in der Bahnmitte gestanden und hab dieses wütende Pferd angeschaut und aufgegeben. Ich habe alles was ich in der Hand hatte fallen gelassen habe ihn angeschaut und wirklich gesagt "Wenn du mich umbringen willst, dann tu es. Mir ist es jetzt egal, ich weiß nicht mehr weiter. Entscheide du." In diesem Moment hat er den Kopf gesenkt und kam nicht wie sonst auf zwei Beinen auf mich zu oder im gestreckten Galopp so dass ich gerade noch auf die Seite springen konnte, sondern ganz langsam und ruhig. Er drückte seine weiche Nase an mich und zwar ausnahmsweise nicht um mich zu beißen und blies mir seinen Atem ins Gesicht. In diesem Moment haben wir nach 1 1/2 Jahren Kampf Freundschaft geschlossen. Er war auch danach nie einfach und ein erbarmungsloser Lehrmeister, der viel von körperlicher Züchtigung hielt ;). Aber er war der beste Lehrmeister den ich mir wünschen konnte. Alles was ich heute über Pferde weiß und meine ganze Einstellung Pferden gegenüber habe ich von ihm gelernt. Er war ein großartiges Pferd mit einem starken Kämpferherz.

    Ich finde es schön, dass du deine Stute kennen lernen willst. Ich glaube nur wenige Reiter kennen ihr Pferd und das ist sehr traurig.

    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, ich danke Dir sehr für Deine Geschichte. Sie hat mich tief berührt. Alleine die Vorstellung, was Dich dieses Pferd gekostet haben muss, damit Du irgendwann in der Mitte des Platzes stehst und Dir alles egal ist, zeigt wie sehr Du für ihn und vielleicht anfangs auch gegen ihn gekämpft hast. Es ist umso beeindruckender, dass ihr dann zusammengefunden habt. Das ist eine große Leistung, auch von Dir. Denn viele hätten ihn so lange zurechtgeriegelt, bis er aufgegeben oder sich selbst umgebracht hätte. Dass Du sein Kämpferherz nicht gebrochen, sondern ihm den Raum gegeben hast, ist beeindruckend. Und ein bisschen klingt es so, als ob er in dem Moment Respekt vor Dir und für Dich hatte, in dem Du Respekt vor seiner Eigenwilligkeit hattest und ihn nicht mehr zu etwas bringen wolltest? Aber das ist nur ein schwacher Rateversuch aus der Ferne. Dass Pferde die besten Lehrmeister sind und viele Menschen sich das Pferd heraussuchen, dass ihnen dabei hilft zu sich selbst oder zu einem besseren Selbst zu werden, ist vermutlich keine Urban Legend. Aber die Menschen müssen auch bereit dazu sein, ihrem Lehrmeister zuzuhören und das ist oft sicher sehr schwer. Für viele vermutlich so schwer, dass sie lieber Augen und Ohren verschließen und den Fehler beim Pferd suchen. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich meiner Stute immer zuhören werde und hoffentlich immer die richtigen Entscheidungen für sie und mit ihr treffen werde. Aber ich habe die leise Befürchtung, dass das nicht "immer" funktionieren wird ;-) Alles Liebe und schön, dass Du immer wieder hier vorbeischaust, Petra

  4. indra sagt:

    Ganz tolle rührende Geschichte die mich zu Tränen gerührt hat. Ich bin kein Reiter und habe auch kein Pferd. Hier sieht man mal wieder das es darum geht sich auf das Tier einzulassen und zu nichts zu zwingen. Egal ob Pferd, Hund oder Katze. Es geht um Kommunikation und Verständnis.
    Danke für die tolle Geschichte.
    LG
    I.BIELKE

    • Petra sagt:

      Liebe Indra, das trifft es ziemlich gut. Wie Du schreibst: Egal ob Pferd, Hund oder Katze – das wichtige ist der Respekt vor dem anderen Lebewesen und Verständnis für den anderen. Ich hatte lange eine Katze und sie war eine meiner besten Freundinnen. Nicht jeder hat das verstanden, aber das war mir egal. Sie war ein Teil meines Lebens und wird es immer sein, sie hat mir viel beigebracht, hat mein Leben bereichert und mir sehr viel Liebe und Vertrauen geschenkt. Aber erst nachdem ich ihr auch Liebe und Vertrauen entgegengebracht habe. Alles Liebe und danke für Deinen Kommentar, Petra

    • Petra sagt:

      Eure ist auch sehr hübsch, liebe Sonny! Es ist immer wieder schön, wenn zwei zusammenfinden. Alles Liebe, Petra

  5. Nadja sagt:

    Das ist eine tolle Geschichte. Fast unheimlich, dieses Band zwischen Mensch und Pferd.
    Meine Geschichte ist nicht ganz so spektakulär: Vor ein paar Jahren, ich steckte in einer ziemlichen Krise und war fertig mit mir und der Welt. Komme auf die Koppel. Mein Projektpferd, nicht das Menschen bezogendste Tier auf Erden und auch keines, das angaloppiert kommt, wenn ich am Tor stehe, frisst parallel mit seinem Kumpel. Sie sehen mich, marschieren zielstrebig zu mir rüber. Einer stellt sich links, einer rechts, Kopf jeweils an meiner Seite. Und da standen sie. Als würden sie Wache halten. Das war ein absolut krasser Moment.
    VG! Nadja

    • Petra sagt:

      Ich finde sie mindestens genauso spektakulär, weil sie zeigt, dass die Pferde ein unheimliches Gespür für Emotionen und Stimmungen haben und sie rührt mich auch sehr. Die beiden, die (wie Du schreibst) nicht die Menschenbezogensten sind, kommen zu Dir damit Du dich anlehnen kannst. Das ist so schön! Sie haben also ihre Bedürfnisse in dem Moment unter Deine gestellt. Das ist auch so unglaublich mitfühlend – so viel mitfühlender als viele Menschen da draussen wären. Liebe Grüße, Petra

  6. Stephanie sagt:

    Ja,es gibt Geschichten!
    Eine Freundin brachte Ihr Pferd(für die Tochter gekauft/kein Intresse mehr)auf meine bitte zu uns in unseren kleinen Selbstversorger Stall.
    Sie sagt die Stute ist fast blind und ist unsicher zu reiten,macht Probleme.Sie war wohl mal ein tolles Westerpferd,gut ausgebildet.Ausgemustert weil sie sich immer schwerer verladen lies u. mit den Tunierplätzen nicht mehr zu recht kam.
    In unserer 4er Stutenherde kommt sie gut zurecht.Offebstall u.alle Koppeln sind mit Flatterbändern versehen die sie gut höhren kann.Ihre Tasthaare sind sehr lang geworden(nicht mehr beschnitten).Ich reite sie Gebisslos mit langen Zügeln ins Gelände.(Jeder zwang mit festen Schenkel,kurze Zügeln "mir eh fremd"u.s.w. machte sie nervös u.unberechenbar,da sie Dinge nicht orten kann,sich nicht in die Richtung horchen kann).
    Heute geht Sie endspannt in einer tollen Haltung ins Gelände und ist das sicherste Pferd im Stall.So aufmerksam,sie will alles richtig machen,ein traum!!!!! Inzwischen ist sie ganz blind, im Offenstall und ihrer feste Gruppe fühlt sie sich wohl.Sie begleitet die Jungstuten sicher ins Gelände nimmt sie als Handpferd sicher mit und zeigt ihnen das Gelände nur toll ist.Inzwischen ist sie meine und alle in der Stallgemeinschaft lieben diese Pferd.Sie ist ein Traum der Real ist.

    • Petra sagt:

      Wie rührend, liebe Stephanie, ich liebe solche Geschichten mit einem happy End. Und Deine Geschichte zeigt auch wieder, dass man auf jedes Pferd einzeln eingehen muss. Wenn man auf sie achtet und auf ihre individuellen Probleme und Sorgen eingeht, dann danken die meisten Tiere es einem mit Treue und Freundlichkeit und Respekt. Dann kraule mal Eurem Traumpferd den Widerrist von mir und liebe Grüße an den ganzen Stall, Petra

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