Schwirren dir immer wieder diese Sätze entgegen, dass Pferde in Rangordnungen denken und deswegen dominiert werden müssen? Hast du von deinem Reitlehrer auch schon mal gehört, dass du dich jetzt endlich „durchsetzen“ musst, damit dein Pferd dir nicht auf der Nase herumtanzt? Dass dein Pferd dich testet und du ihm jetzt zeigen musst, wer das Leittier ist? Oder gar schlimmer: Hast du die Ansage bekommen mit der Gerte zu „hauen“, damit das Pferd endlich läuft? Oder am Halfter zu rucken, wenn das Pferd hektisch wird? Oder richtig am Zügel zu ziehen, wenn es nicht anhält? Wenn du diese oder ähnliche Sätze kennst, aber tief in dir Zweifel anklopfen, ob das der richtige Weg ist, dann bist du bei diesem Artikel genau richtig. 

Ich erzähle dir kurz meinen Weg und dann nehme ich dich mit in verschiedene Gedankenwelten und Inspirationsmomente, damit du dir überlegen kannst, wie dein Weg mit den Pferden aussehen könnte. Vielleicht kommst du auch ins Umdenken und oder stellst erleichtert fest, dass es einen anderen Weg mit dem Pferd gibt – frei von Dominanz. Der übrigens sehr vertrauensvoll und sicher ist. Aus meiner Sicht deutlich sicherer als der vermeintlich sichere Weg der Dominanz. 

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Natürlich müssen wir auch festlegen, wie wir das Wort “Dominanz” definieren. Denn du wirst sehr schnell feststellen, dass es die unterschiedlichsten Definitionen und Ansichtsweisen dazu gibt. Ich werde dir in diesem Artikel ein paar Facts aus meiner Geschichte erzählen, mit dir über Dominanz sprechen und warum sie für mich nichts am Pferd zu suchen hat und dir natürlich eine Definition geben. Damit du weißt wovon wir reden.

Dominanzfrage: Wie sinnvoll ist die Leittier-Theorie beim Pferd?

Ich stelle dir aber erstmal eine Frage: Wenn ein Pferd Nein sagt, weißt du dann sofort warum? 

Vermutlich musst du diese Frage mit „Nein“ beantworten. Du kannst es im ersten Moment nämlich nicht wissen. Vielleicht sagt das Pferd nein, weil es Schmerzen hat oder weil der Sattel nicht sitzt oder weil es dich nicht versteht oder die Aufgabe einfach körperlich nicht erfüllen kann oder weil es müde ist oder einen schlechten Tag hat oder in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht hat oder gerade eine andere Idee oder einen anderen Plan hat oder noch nicht versteht, dass deine Aufgabe sinnvoll ist. Es gibt noch tausend weitere Möglichkeiten, weshalb das Pferd Nein sagen könnte. Oft sind es aber tatsächlich vergangene schlechte Erfahrungen, eine schlechte Tagesform oder Schmerzen und Probleme, die Pferde dazu bringen “nein” zu etwas zu sagen. Denn Pferde sind vom Grund ihres Wesens eigentlich kooperativ.

Gehen wir davon aus, dass dein Pferd Schmerzen hat oder der Sattel nicht richtig sitzt: Wie schlimm wäre es, wenn du es jetzt durch den Schmerz zwingst, frei nach dem Motto: SETZ DICH DURCH! DER GAUL TESTET DICH!

Zu dem Thema “Testen” schreibe ich dir auch kurz noch jetzt zwei Punkte – auch wenn es da noch viel zu sagen gibt – aber der Artikel wird sonst ein ganzes Buch ;-) : 

  1. Ist es nicht ein ganz trauriger Gedanke, wenn wir davon ausgehen, dass Pferde Widersetzlichkeit gerne zeigen, weil sie keine Lust haben, faul sind oder nicht „arbeiten“ wollen? Machen wir das Pferdetraining nicht alle, weil wir Freude daran haben, weil es unsere Freizeit ist? Warum sollten wir uns dann mit Gewalt durchsetzen? Und nichts anderes als Gewalt ist es, wenn wir am Zügel reissen oder die Gerte fetzen lassen. 
  2. In der Herde machen die das doch auch – heisst es dann gerne. Ja! Stimmt! Pferde kennen Rangfolgen und diskutieren auch mal etwas aus. Aber: In der Herde können sie weichen und gehen, wenn sie nicht mehr wollen. Sie müssen nicht kämpfen oder mitmachen. Wenn wir aber mit unserer ganzen Ausrüstung kommen und sie in einer Halle oder auf dem Platz haben, können wir ziehen, zerren, festhalten. Pferde können dann nicht weichen oder sich entziehen. Es ist also ein bisschen wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Ja, beides ist Obst – aber es ist nicht das Gleiche. Du ahnst, was ich sagen will? 

Natürlich müssen wir wissen, wie Pferde ticken und natürlich agieren Pferde in Rangfolgen, aber Pferde kommunizieren auch miteinander und haben zum Teil wechselnde Dynamiken und Aufgaben in der Herde – außerdem können sie sich in der Herde entziehen, wenn es ihnen zuviel wird. Meist ist auch nicht unbedingt der Dominanteste oder Lauteste das Pferd in den obersten Rängen, sondern eher der Verantwortungsbewussteste und Unerschütterlichste.

  • Dominanz bedeutet zu beherrschen in einem Monolog ohne Widerspruchsrecht
  • Führungskompetenz bedeutet mitzunehmen, empathisch zu handeln, zu kommunizieren, auch mal abzugeben und gleichzeitig verantwortungsvoll an die Hand zu nehmen. 

Ich sperre mich so gegen die Dominanz-Theorie und möchte dieses Wort gemeinsam mit dir aus der Trainingswelt verbannen: Wenn du dem Weg der Dominanz folgst, dann „riegelst“ du im Grunde unter Umständen auch mal den Schmerz deines Pferdes runter – weil: DER GAUL MUSS DOCH!

  • Was ist das für eine Botschaft? Dir tut der Sattel weh? Mir egal! DU MUSST DOCH!
  • Du hast Schmerzen im Rücken? Mir egal! ICH WILL DOCH REITEN!
  • Du magst nicht mehr traben, weil du müde bist? Mir wurscht! DU KANNST DOCH UND ICH WILL HALT!

Wenn du dein Pferd liebst – und davon gehe ich aus – dann solltest du seine Bedürfnisse mit einbeziehen. Du solltest es nicht dominieren wollen, sondern viel lieber Führungskompetenz entwickeln und eine feine Pferdepersönlichkeit werden. 

Dann kannst du es mitnehmen und deine Idee zu seiner Idee werden lassen durch gutes Timing, Klarheit, Sicherheit und kleine verständliche Schritte. 

DENN: Es macht keinen Sinn dein Pferd zu etwas zu zwingen. Entweder bekommst du einen Kampf oder du bekommst eine „Hülle“, wenn du immer dominant agierst. Es macht aber auch keinen Sinn dein Pferd zweifelnd, fragend und unsicher zu betrachten, dich ständig zu fragen was es wollen könnte und mit aller Vorsicht in Watte zu packen und mit dem Wunsch gefallen zu wollen zu deinem Pferd zu gehen. Das macht dich unsicher und dein Pferd wird diese Unsicherheit spüren. Das trägst du dann wie Ballast vor dir her und dein Pferd wird sich fragen, warum du dir Sorgen machst oder zweifelst.

Dominanz ist nicht der richtige Weg zu einem sicheren Pferd und gutem Pferdetraining. Du brauchst vielmehr eine Balance: 

  • aus dem Mitspracherecht deines Pferdes und aus deiner Klarheit und Konsequenz
  • aus deiner Empathie und deiner Klarheit in deinen Wünschen an das Pferd
  • aus deinem Wunsch nach einer Partnerschaft und dem Wunsch deines Pferdes nach einer scheren und verantwortungsbewussten Führungspersönlichkeit
  • Aus den Bedürfnissen deines Pferdes und dem Wissen um seine individuelle Persönlichkeit und der daraus resultierenden idealen Ansprechhaltung
  • aus deinem Wunsch nach einem sicheren Pferd mit einer feinen Verbindung zu dir und dem Wunsch deines Pferdes nach Sicherheit
  • aus deiner Bereitschaft auf die Kommunikation und die Wünsche deines Pferdes einzugehen ohne deinem Pferd dabei Unsicherheiten zu vermitteln

Meine Geschichte

Gestartet bin ich – getriggert durch all die Reitlehrer und Trainern, denen ich begegnet bin – wie so viele mit der Idee von Rangfolgen und dem Satz „die Pferde machen das doch auch so in der Herde“… Wohlgefühlt habe ich mich damit nie. Weshalb ich mich auch nie so „durchgesetzt“ habe, wie diverse Trainer und Reitlehrer mehr oder weniger laut von mir gefordert haben. Meine Idee vom Umgang mit Tieren war und ist schon immer eine andere. Sie sind Lebewesen mit Gefühlen, wieso sollte ich sie also dominieren und unterwerfen?

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Gleichzeitig war in mir auch früher immer diese Unsicherheit, ob all diese Theorien nicht vielleicht doch richtig liegen, denn schließlich werden sie ja von allen Seiten mehr oder weniger stark gepredigt und selbst wenn sie nicht gepredigt werden, werden sie doch oft vorgelebt.

Ich habe schließlich angefangen nach Trainern und Wegen zu suchen, die nicht von Dominanz geprägt sind, habe viel ausprobiert und probiere heute noch ganz viel aus: 

  • Freiarbeit
  • Verschiedene Horsemanship-Trainer in unterschiedlich „sanften“ Ausprägungen
  • Körpersprachetrainingsgedanken 
  • Positive Verstärkung
  • Bodenarbeit
  • Tricks
  • Pferdepsychologie
  • usw.

Letztlich bin ich bei der Persönlichkeitsentwicklung angekommen. Was das bedeutet? Pferdetraining ist vor allem Arbeit an dir selbst. Wenn du eine Kommunikation mit deinem Pferd möchtest, musst du herausfinden, wer dein Pferd ist und wie es mit dir spricht – du musst es ausreden lassen, ihm zuhören und dann Entscheidungen darüber treffen, ob der Wunsch deines Pferdes gerade sinnvoll ist oder nicht, ob du eine bessere Idee hast und wie du deinem Pferd diese Idee vermitteln kannst, so dass sie zur Idee deines Pferdes wird. 

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Ich gebe dir ein Beispiel: Ich hatte und habe immer wieder mal wieder Phasen mit meiner Stute in denen ich nicht den richtigen Tonfall treffe. Je länger wir uns kennen, desto seltener und kürzer werden diese Phasen. Grundsätzlich machen wir eine schöne Kurve nach oben, aber diese Kurve verläuft immer wieder in Wellen – und das liegt in aller Regel an mir: 

  • Weil ich unter anderem ein harmoniebedürftiger Mensch bin, der gemocht werden will und weil ich will, dass alle um mich herum immer glücklich sind und eher mich selbst zurücknehme, um mein Umfeld zufriedenzustellen 
  • Weil ich aber ein ziemlich komplexes Pferd habe, das nicht gefallen will, sondern sich selbst ziemlich nah ist. Sie ist ranghoch und scheut sich nicht ihre Gefühle offen zu zeigen. Vor allem, wenn sie etwas blöd findet. Das macht mein Pferd bei mir, bei anderen Menschen und in der Herde. Daran kann ich sehen, dass es einfach ihre Persönlichkeit ist. 

Das ist eine ziemlich kursgefasste Beschreibung unserer Persönlichkeiten, aber ich will dir ja nur zu einem Part von uns ein Beispiel geben. 

Man könnte jetzt also sagen, dass wir wirklich auseinanderdriften in unseren Bedürfnissen und eigentlich nicht zusammenpassen. Das ist aber falsch. Viel mehr ist es so, dass ich genau das Pferd bekommen habe, das ich brauche. 

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Denn mein Pferd schenkt mir mit ihren Bedürfnissen und ihrer Kommunikation einen permanenten Anstubser eine bessere Führungspersönlichkeit zu werden: 

  1. Wenn ich in alte Muster zurückfalle, quittiert sie mir das mit Unlust
  2. Wenn ich bestimmt, sicher und freudig bin und keinen Zweifel, keine Sorge oder keine Grübelei in mir trage, kommt sie ohne alles mit zum Gatter und begrüßt mich brummelnd

Dein Pferd schenkt dir bestimmt auch etwas? Was ist es bei dir? Schreibe mir gerne einen Kommentar!

Pferde wollen Sicherheit – aber was bedeutet das eigentlich?

Alle reden und schreiben immer über diese berühmte Sicherheit die Pferde haben wollen. Meist werden dann verschiedene Taktiken angeboten, wie du diese Sicherheit herstellen kannst – gerne mit Methoden, die mit Dominanz und Durchsetzen zu tun haben. 

Frei nach dem Motto: Dann wüsste das Pferd ja immer Bescheid, was du willst und kann sich entspannen. Ich sehe es anders. Wenn du immer dominierst – dich also immer durchsetzt bei jedem “Nein” deines Pferdes und ohne deinem Pferd beim Training zuzuhören, hört dein Pferd auf mitzudenken, weil es ohnehin nicht mitsprechen darf. Wenn du kein Pferd hast, dass dann anfängt zu kämpfen, bekommst du eine Hülle. Wenn du „Glück“ hast, funktioniert die Hülle immer totbrav, wenn du Pech hast entscheidet sich die Hülle in einer Gefahrensituation dagegen zu funktionieren und dampft dir ab. 

Schön ist das alles nicht. Und wenn du ein Pferd hast wie ich, das mitreden darf, dann bekommst du manchmal auch Antworten, die sich im ersten Moment nicht schön anfühlen, die aber unglaublich lehrreich, bereichernd und persönlichkeitsentwickelnd sind. 

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Ich gebe dir ein Beispiel: Mein Pferd ist aktuell leider zu dick. Das fuchst mich richtig, weil es nicht gesund ist. Zu dick ist sie, weil das Heu offenbar zeitweise zu reichhaltig war am neuen Stall und weil sie 24 Stunden reinhauen kann. Also habe ich mit viel Sorge im Kopf und Frust intensiv trainiert. Leider sind die Kilos nicht so geschwunden, wie ich mir das gewünscht habe. Ich bin also weiter mit dieser Sorge, diesem Zweifel und dem Frust an den Stall und habe gleichzeitig ziemlich powertrainiert. 

  1. Was macht meine Stute? Zum ersten Mal seit ich sie habe hat sie sich einige Tage hintereinander jedesmal weggedreht und ist ein paar Schritte weg, wenn ich sie holen wollte. 
  2. Was habe ich gemacht? Weiterhin frustriert und sorgenvoll – jetzt weil sie nicht direkt zu mir gekommen ist – viel gestreichelt, auf der Koppel gekratzt, das Sportprogramm runtergefahren und sie immer nur kurz rausgeholt. Dann aber trotzdem frustriert und sorgenvoll angeschaut, weil ich mich gefragt habe, warum sie denn nicht zu mir kommt, wie eigentlich gewohnt. 
  3. Was hat meine Stute gemacht? Sie hat zwar weiter kurz Hallo zu mir gesagt, wenn ich gekommen bin, ist dann aber zwei Tage hintereinander richtig abgehauen, sobald ich das Halfter in meiner Hand zücken wollte. Ich sah ein bisschen so aus, wie einer dieser Problempferdefälle bei den Vox-Pferdeprofis deren Pferde sich nicht einfangen lassen
  4. Was habe ich gemacht? Einmal tief durchgeatmet, den Frust weggeatmet und gegrübelt. Mir zwei Tage Pause genommen. Dann bin ich wieder an den Stall, zur Koppel und habe beschlossen den Frust wegzuwerfen, die Zweifel und die Sorgen ebenfalls und einfach nur Zeit mit meinem Pferd zu verbringen und mit einem Plan im Kopf unser Training zu machen. So wie immer eben. 
  5. Was hat meine Stute gemacht? Hat mich prüfend angeschaut und ist mir dann sofort drei Schritte entgegengekommen, hat sich entspannt und zufrieden aufhalftern lassen und kommt seitdem wieder so zufrieden mit mir mit, wie vorher auch.  

Was ist passiert? Mein Pferd hat meine Sorgen gespürt und meine Zweifel. Natürlich wusste sie nicht, dass meine Zweifel ihrem dicken Bauch galten – ich war für sie einfach nicht so erstrebenswert, weil meine Sorgen und Zweifel und Unsicherheiten sich wie Ballast für mein sensibles Pferd anfühlen. Sie hat angefangen sich Sorgen zu machen, wenn sie mit mir zusammen war, weil ich mir Sorgen gemacht habe. 

Ich bin also in die Harmonie-Glucken-Falle getappt – in die ich ab und an mal tappe – und habe das sofort ehrlich quittiert bekommen: Master yourself! …hat meine kluge Stute mir zugerufen ;-)

Herdentiere wollen sich nämlich keine Sorgen machen, denn das ist anstrengend und unsicher für sie. Sie wollen sich sicher und sorgenfrei fühlen. So einfach ist das. 

Und damit wären wir bei der Führungskompetenz. Denn wenn du dominiert wirst, fühlst du dich nicht sicher. Du weißt vielleicht ganz genau, was die Ansagen sind, aber das macht nicht sicher, sondern nur duldsam. Weil es alternativlos ist.

Zumal Dominanz meist mit negativen Emotionen verbunden und ein Monolog ist – kein Dialog. Du willst aber doch einen Dialog, sonst würdest du nicht diesen Artikel lesen, richtig? 

Kommen wir jetzt also zu der Frage warum Dominanz für mich der falsche Weg ist und wo der Unterschied zur Führungskompetenz liegt. 

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Dominanz versus Führungskompetenz

Ich denke, dass diese „Dominanz“-Theorie als unfassbar fest und tief verankerter Glaubenssatz in den Köpfen sitzt. Warum das so ist? Sie ist so vermeintlich einfach und genau das sorgt dafür, dass sie sich so immens durchgesetzt hat. Du bekommst damit nämlich eine vermeintlich simple Formel an die Hand: 

Dominiere immer dein Pferd und setz dich immer durch —> dann wird es sich sicher fühlen —> alles ist gut und du kannst mit deinem Pferd alles machen was du willst. 

Dominanz = das Lexikon sagt…

Dominanz = dominieren – heißt aber BEHERRSCHEN und GEBIETEN – frei übersetzt sage ich dazu: UNTERWERFEN

Das Lexikon sagt: „Dominanz sind Verhaltensweisen, die der Demonstration von Überlegenheit dienen und aggressiven oder drohenden Charakter haben können (…) das alles mit dem Ziel das Gegenüber einzuschüchtern.“

In der Biologie: „Dominanz bezeichnet in der Genetik die vorherrschende Wirkung eines Gens über das andere. Das dominante Gen wird merkmalsbestimmend, das andere bleibt zwar, wird aber unsichtbar.“

Ist das nicht ein trauriger Gedanke? Du setzt dich immer durch und dein Pferd wird letztlich in seiner Persönlichkeit unsichtbar. Warum? Weil es immer wieder lernt, dass es ohnehin keine Wahl hat und keine Mitspracherechte. 

Ich finde das schrecklich! Denn das ist langfristig das Ergebnis einer falsch verstandenen Leittier-Theorie. Ist doch eigentlich logisch, oder?

Wenn du dich immer durchsetzt – mit all den Mitteln, die wir als Menschen im Umgang mit unseren Pferde haben, weil das Pferd vermeintlich widersetzlich ist und in der Schlussfolgerung der Dominanz-Theorie einfach nur mehr Ansage braucht…. Dann bekommst du ein Pferd das lernt: Immer wenn ich sage, was ich will, wird es richtig blöd! 

Du bekommst zwei mögliche Reaktionen: 

  1. Das Pferd denkt: Dann mache ich doch einfach, was der Mensch will, habe meine Ruhe und kann dann schnell wieder gehen. Egal ob ich Schmerzen habe, ob es mir gut oder schlecht geht…ich schalte mich einfach aus sobald der Mensch kommt und funktioniere lieber
  2. Das Pferd denkt: Das lasse ich nicht mit mir machen – dann kämpfe ich eben. 

Beides sind nicht besonders schöne Aussichten, richtig? Das muss aber nicht so sein. Du kannst dein Pferd auch so trainieren, dass ihr einen gemeinsamen Weg geht, dein Pferd sicher und verlässlich für dich ist und dein Pferd gerne mit dir arbeitet. Dafür brauchst du aber nicht Dominanz, sondern Führungskompetenz. 

Der kleine Unterschied – das Herdenleben

Das Leben und auch das Herdenleben ist nicht so eindimensional wie viele gerne behaupten und wie wir Menschen vielleicht auch gerne hätten. Es wäre doch so schön, wenn alles einfach, einschichtig und simpel wäre. Ist es aber nicht! 

Was ich damit meine? Ich denke, dass Pferde Führungskompetenz und Sicherheit von uns brauchen, denn genau das suchen sie auch in der Herde. Aber sie wollen nicht dominiert werden. Das ist ein ganz großer Unterschied. Dieser Unterschied liegt vor allem in dir, deinem Mindset und deiner Einstellung deinem Pferd und dir gegenüber. 

Wenn du für dein Pferd eine gute Pferdepersönlichkeit sein willst, dann solltest du: 

  1. Einen Plan haben und eine Idee von dem was ihr jetzt tun könntet – ABER KEIN DIKTATOR, sondern ein KOMPETENTER PARTNER UND GUTER CHEF
  2. Zuhören, ob dein Pferd dich gerade versteht und das leisten kann, was du möchtest – NICHT BEFEHLEN OHNE GEGENZUCHECKEN WAS DEIN PFERD DAZU SAGT
  3. So kleinschrittig und geduldig wie irgendmöglich erklären – LASS EUCH ZEIT
  4. Keine negativen Emotionen vor dir hertragen – WUT UND ÄRGER HABEN NICHTS AM PFERD VERLOREN
  5. Gib Signale, aber sei dabei sanft nicht laut – EGAL OB STIMME; ZÜGEL ODER GERTE
  6. UND GANZ WICHTIG: MACHE DIR KEINE SORGEN – SEI NICHT UNSICHER – SEI DIR DEINER SELBST SICHER

Du musst nicht dominant sein oder dich immer durchsetzen – du musst einfach nur in dir ruhen und diese Ruhe und Klarheit ausstrahlen. Klingt einfach, ist es aber nicht immer. Ich weiß das so gut! Ich gehe diesen Weg seit einigen Jahren und lerne jeden Tag dazu. 

12 Punkte für mehr Führungskompetenz und Vertrauen mit dem Pferd

  1. Sei dir sicher: Du wirst immer wieder in alte Verhaltensmuster verfallen. Das ist okay – wichtig ist nur, dass du dich an der Stelle immer mal wieder überprüfst, über dich lächelst, einmal tief durchatmest und die alten Verhaltensmuster immer wieder abstreifst
  2. Du brauchst neue Glaubenssätze und musst sie erst verinnerlichen – was sind Glaubenssätze? HIER HABE ich dir einen Artikel nur dazu geschrieben
  3. Du musst aufhören zu zweifeln – an dir, deinem Pferd oder eurer Beziehung oder an dem Gedanken, dass die Dominanz vielleicht doch der richtige Weg sein könnte
  4. Du musst an dich glauben und an eine schöne zukünftige Einheit mit deinem Pferd und dieses Bild tief in der tragen, es hüten wie einen Schatz und es immer wieder und immer größer in dir zu malen
  5. Du musst Vertrauen und Respekt schenken
  6. Du musst wissen, was deine Regeln und Grenzen sind
  7. Du musst aber auch wissen, was die Regeln und Grenzen deines Pferdes sind – dazu gibt es HIER einen Artikel
  8. Hör nicht auf die Lästerer an der Bande und all die Stimmen, die dir einflüstern wollen, dass das alles Quatsch ist und du einfach mal die Gerte nutzen musst, damit es läuft
  9. Aber werde vor lauter „Arbeit an dir selbst“ und „Sanftmut“ nicht zu einem wachsweichen übersensiblen „Ich“ deinem Pferd gegenüber
  10. Erinnere dich immer wieder daran, dass du super bist und dein Pferd auch
  11. Sei dir sicher: Es wird Probleme geben – aber weißt du was: Für jedes Problem gibt es auch eine Lösung – deswegen nimm sie nicht zu ernst und entspanne dich – überlege, wie du sie angehen kannst und ziehe es dann fokussiert gemeinsam mit deinem Pferd durch
  12. Sei geduldig mit dir und deinem Pferd

Es ist so ein unglaublicher spannender Weg, herauszufinden, wie du die perfekte Pferdepersönlichkeit in dir entdecken kannst. Jeder von uns ist da auch ein bisschen anders – der eine ist tougher, der andere sanfter. Das ist vollkommen okay und ziemlich wunderbar: Denn du musst dich nicht verändern oder verbiegen – du musst einfach nur eine klare, selbstsichere und entspannte Version von der selbst werden. 

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3 Kommentare zu “Dominanz versus Führungskompetenz: Warum es nicht das ist Gleiche ist

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,
    ich glaube ganz fest daran, dass der Weg zu meinen Pferden über mich führt. Ich mach immer wieder die Erfahrung, dass es in erster Linie Arbeit an mir selbst ist. Meine Pferde danken es mir täglich und spiegeln mich deutlich, wenn ich Mist baue in ihren Augen. Erst letztens bin ich wieder in die Falle getappt. Der Ponymann und ich versuchen gerade ordentliche Zirkel mit Biegung und Stellung zu gehen. Er macht das auch total gut und gibt sich richtig Mühe. Er merkt, dass er beweglicher wird und mehr Kraft aufbaut und das gefällt ihm. Ich wollte letztens gerne, dass meine Frau uns filmt, dass ich mal von außen schauen kann wie es aussieht. Sobald sie dabei war hat nichts geklappt. Er hat angefangen die Pylonen, die ich als optische Hilfe aufgestellt habe umzuschubsen, ist einfach weggelaufen und war nicht bereit das zu machen worum ich ihn bat. Kurz wurde ich ärgerlich, weil er ausgerechnet wenn meine Frau Zeit hat so einen Mist baut und da ist mir aufgefallen was das Problem ist. Ich habe Druck gemacht und mein schlaues Pony hat sich dem verweigert. Ich bin in ein altes Muster gefallen, dass ich so gerne beweisen will, dass unser Training funktioniert, weil ich doch manchmal noch unsicher bin. Da muss ich an mir arbeiten. Am nächsten Tag ohne Kamera hat der Ponymann wieder alles ganz toll gemacht.
    Natürlich hätte ich mich durchsetzen können, aber das funktioniert nicht wirklich, denn die freudige Mitarbeit und das Vertrauen meines Ponys hätte ich verloren und das für einen blöden Zirkel.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Esther sagt:

      Liebe Petra,
      das ist (wieder mal) ein toller Artikel. Vielen lieben Dank dafür.
      Die Sache Dominanz und Führungspersönlichkeit beschäftigt mich aktuell sehr, daher kam dein Artikel für mich gerade goldrichtig.👍
      Das mit dem Sorgen machen kenne ich auch. Ich mache viel Freiarbeit mit unseren Pferden und ich liebe das. Wenn wir spazieren gehen, laufen unsere z.B. einfach neben mir her. Es ist herrlich, wenn wir im selben Tempo traben… Aber zwei, zeigen mir immer sofort, wenn ich mit dem Kopf nicht bei Ihnen bin. Einer wird immer schneller und der andere wendet sich ab und frisst.
      Aber ich glaube, es ist wie du schreibst. Unsere Entwicklung verläuft in Wellen und ich denke, wenn wir eine gute Basis mit unseren Pferden haben, dann dürfen solche Wellen auch mal sein, um sich wieder ein bisschen neu zu justieren und etwas dazu zu lernen.

      Hab nen schönen Sonntag
      Liebe Grüße
      Esther

  2. Alexandra sagt:

    Liebe Petra,

    wow, das ist ein unglaublich toller Artikel und du sprichst mir aus der Seele!! Meine Erfahrungen sind ähnlich, und mein Umgang mit den Pferden wurde erst wesentlich einfacher , stimmiger und harmonischer, nachdem ich mich von den gutgemeinten Tips der "setz dich durch" Fraktion emanzipiert habe. Das war nicht einfach, weil ich dann allein da stand, und zwar eine vage Idee hatte, aber keinen echten Plan. Und mein Umfeld mich für mindestens arg sonderlich gehalten hat. Ich hab dann einfach den Pferden zugehört, das "die müssen das machen" gestrichen, wir haben hauptsächlich gemacht, was uns allen Spass gemacht hat und niedrigschwellig an den bestehenden Problemen gearbeitet. In dieser Zeit habe ich sehr viel mehr über Pferde & mich gelent, als den beiden was beizubringen, die können das meiste nämlich, bloß mit der Kommunikation hat es nicht so geklappt. Und ich glaube, das, was ein Mensch (war bei mir zumindest so) als entspannt empfindet, ist oft für ein Pferd noch ein Stück weit davon entfernt, deshalb stimmt die Basis schon manchmal nicht.
    Und das ist dann der Punkt Master Yourself, den jeder für sich selbst finden muss. Für mich waren es letztlich, nach diversen Fehlversuchen, Qigong und Meditation. Und dafür werde ich meinen beiden weltbesten Personal Coaches der Welt immer dankbar sein, denn das hat mir in allen Lebensbereichen unheimlich viel gebracht!

    Viele Grüße

    Alexandra

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