Islandpferd Herr Freyr ist jetzt seit einigen Wochen bei mir und ich konnte in den ersten Trainingswochen schon viel über ihn herausfinden. Ich beobachte auch immer seine Reaktionen auf dem Hof, zum Beispiel, wenn der Bagger an seinem Paddock vorbeifährt, oder wenn um ihn herum auf der Koppel gearbeitet wird.

Er ist meistens eher erstmal zurückhaltend. Dann überkommt ihn doch die Neugierde und er schaut sich alles. Am Platz konnte ich außerdem feststellen, dass er nicht kopflos wegrennt, wenn ihm etwas Neu ist. Deswegen wage ich mich diese Woche das erste Mal ins Gelände mit ihm.

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Gefährliche Strassen und laute Dörfer?

Hier bei mir habe ich einen schönen Vorteil. Der Bienwald liegt direkt hinter dem Hof. Ich kann also ohne Straßenüberquerungen oder Dorfdurchwanderungen direkt in den Wald mit dem Pferd. Das macht es mit einem Neuling wie Herr Freyr natürlich einfach.

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ACHTUNG: Wenn ihr mit einem Jungpferd das erste Mal ins Gelände wollt, dann achtet immer darauf, dass schon eine Vertrauensbasis da ist. Umso größer die Umwege ins Gelände und umso mehr Hindernisse auf Eurem Weg, desto besser sollte das Vertrauensverhältnis zwischen Euch schon sein.

…und täglich grüßt das Murmeltier

Am Anfang meiner Geländegänge laufe ich mit dem neuen Pferd immer die gleiche Runde. Es bekommt so Sicherheit und kann ohne Gefahr (Das große Gespenst „Straßenüberquerung“ zum Beispiel) wieder zum Stall oder den anderen Pferden finden, sollten wir uns einmal verlieren. Man weiß ja nie….

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Safety first!

Mit von der Partie ist beim Geländegang natürlich immer Flame – mein Co-Trainer. Ein gut erzogener mitlaufender Hund ist eine echte Bereicherung in der Pferdeausbildung. Schon früh habe ich gemerkt, dass Pferde, die ohne Hundeerfahrung trainiert wurden, schreckhafter sind als diejenigen, bei denen auch immer ein Hund um sie herumgesprungen ist.

Raus aus dem Gebüsch, rein ins Gebüsch, kurz mal hinterm Pferd vorbei – so ein Hund ist immer in Bewegung und zeigt den Pferden, dass da schnell mal Action sein kann – aber nie etwas passiert. Mein erster Geländegang mit einem Jungpferd oder einem neuen Pferd ist immer ziemlich anspruchslos. Auch hier möchte ich herausfinden, wie Herr Freyr auf gewisse Dinge reagiert, bzw. ob er reagiert.

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Entdecke die Leitstute in Dir

So tripple ich als Leitstute einfach los, ich kenne meinen Weg, ich weiß was ich will und ich bin gelassen und Herr Freyr folgt mir. Er hält guten Abstand zu mir ein, aber wenn ich von der Geschwindigkeit in meinen „Wanderschritt“ falle, merke ich, wie Zug auf das Seil kommt und er sich mitziehen lässt. Ich laufe also wieder langsamer und das Seil ist wieder locker. Ich möchte ihm unseren ersten Spaziergang so angenehm wie möglich gestalten und noch nicht sofort an ihm herummäkeln.

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Runde 1 – Tipps für den ersten Spaziergang

Auch wenn ich den ersten Geländegang gerade als anspruchslos bezeichnet habe, ist er das natürlich nicht wirklich. Das Pferd darf natürlich nicht machen was es will. Ich möchte also nicht, dass es überall stehenbleibt um Gras zu naschen und ich möchte nicht angerempelt oder überholt werden. Ansonsten ist mir erst einmal egal, ob er auf meiner rechten oder linken Seite entlang marschiert. Immer, wenn er zufällig an meine Seite kommen würde, hätte ich ihm den Hals gekrault. Aber – Herr Freyr ist den ganzen Weg hinter mir hergelaufen, hat sich also noch nicht getraut weiter nach vorne zu kommen.Unser erster Geländegang war also recht unproblematisch, er hat nicht gedrängelt, hat nicht überholt, hat nicht versucht irgendwo zu fressen, hat keine Hüpfer gemacht oder ist sonst irgendwie losgerannt.

Warum Sensibelchen was Schönes sind

Ein Grund, warum mir sensible Pferde aus einer guten sozialen Aufzucht sehr gefallen ist, dass sie sehr respektvoll sind und immer schön Abstand halten wollen. Ich muss mir also nicht erst einmal den Abstand erarbeiten und das Pferd von mir fernhalten. Wie bei Pferden mit entsprechenden Vorkenntnissen oder einem weniger sensiblen Charakter. Da muss man als Ausbilder immer wieder Grenzen setzen. Mehr Spaß macht es da natürlich, einfach immer nur ein netter Mensch zu sein und dem Pferd Schritt für Schritt alles beizubringen. Die Distanz verringert sich nach und nach automatisch, da das Sensibelchen mehr und mehr Vertrauen zu den Menschen fasst.

TIPP: Wie ist ein korrekter Abstand? Wenn ich von Abstand spreche, meine ich in etwa eine Armlänge. Pferde, die ständig am Menschen kleben, Leckereien suchen und einen rumschubsen, erschweren die Arbeit doch sehr. Dagegen würde ich gegen eine respektvolle Nähe natürlich nichts unternehmen – sondern sie einfach genießen! Wenn ihr das Gefühl habt, neben euch könnte eine Bombe explodieren und euer Pferd würde zwar erschrecken – aber eben nicht auf euch draufhüpfen, dann darf es so dicht sein wie es möchte.

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„Im Kreis schleudern“ muss nicht sein

Sensible Pferde wie Herrn Freyr longiere ich auch deswegen nicht an einer langen Longe, sondern (wenn der Zirkel schon sein muss) ich gehe immer neben ihm her. Ich arbeite ihn anfangs nie weiter weg, als ich noch Einfluss auf ihn habe.

ACHTUNG: Ganz nebenbei erwähnt ist ein Jungpferd „im Kreis herumzuschleudern“ sinnfrei und trägt nicht besonders viel zu einer guten Mensch-Pferd-Beziehung bei.

Runde 2 – Sei kein Abschleppdienst

Aber zurück zu unseren Geländegängen. Da ich weder ein „Abschleppdienst“ bin, noch möchte, dass Freyr nur mir hinterherdackelt und selber nicht aufpasst, habe ich die nächsten Tage wieder mein Stöckchen mitgenommen. Einmal, um ihn damit streicheln zu können und auch um eine „Begrenzung“ dabei zu haben.

  1. Ich lege großen Wert bei der Führarbeit darauf dass sich das Pferd von beiden Seiten problemlos „händeln“ lässt. Also anhalten, loslaufen, lenken.
  2. In Situationen, in denen ich nicht weiß, ob das Pferd ängstlich ist, erschrickt oder vielleicht sogar vorbeirauschen will, nehme ich das Pferd grundsätzlich immer auf die Seite, die dem Pferd zu dem „unheimlichen Ding“ (was auch immer…) die größtmögliche Distanz bietet. Außerdem kann es so bei einem Hüpfer von mir weg springen und muss mich umrennen.
  3. Gleichzeitig erkennt es, dass der Mensch ganz relaxt (auf beiden Beinen am Boden sind wir doch ziemlich sicher und entspannt) an dem „unheimlichen Ding“ vorbeilaufen kann und nichts passiert.
TIPP:TIPP: Mach das Richtige bequem und das Falsche unbequem

Beim Führtraining passiert ganz viel über bequem bzw. unbequem. Praktisch heißt das einfach nur, dass ich die Position, in der ich das Pferde haben möchte, bequem gestalte:

Ich bin also locker, entspannt und habe das Führseil ohne Spannung in der Hand.

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Wie bekomme ich Herrn Freyr an meine rechte oder linke Seite?

Da er ein Sensibelchen ist, musste ich nicht viel machen. Während des Laufens habe ich das Stöckchen hinter meinem Rücken Richtung Pferdebauch geschwenkt. Gaaaanz leicht nur! Herr Freyr ist brav in die gewünschte Richtung ausgewichen. Ich lobe in ausgiebig mit sanfter Stimme und bringe das Stöckchen sofort wieder in Neutralposition.

Durch die Übungen vom Anfang kann ich Freyrs „Go“ ganz gut einschätzen und ihn entsprechend sanft aufmuntern. Trotzdem kann es sein, das er mal zu schnell wird und mich daher überholen will. Dann muss ich ihn begrenzen und ihm damit erst sanft (im Zweifelsfall auch deutlicher) sagen, dass er nicht vorauslaufen soll.

Das kann mehrere Male passieren bis man richtig eingespielt ist. Das ist aber nicht schlimm. In der Pferdeausbildung hat man sehr oft erst ein zu schnell, zu langsam, zu viel oder zu wenig, zu tief oder zu hoch…. Es dauert Jahre, bis alles in Balance ist.

Was tun, wenn das Pferd zu viel Tempo aufnimmt?

Freyr ist also rechts an mir vorbeigelaufen, das Seil ist locker (aber eben irgendwann zu Ende). Ich nehme über das Seil Kontakt mit ihm auf und drehe mich auf einem kleinen Halbkreis nach links weg, so dass Freyr mit seiner Schulter auf Höhe von meiner Schulter bleibt.

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Ich lobe verbal, entspanne mich wieder und auch Herr Freyr entspannt sich und kommt wieder in den Schritt. Ich löse meinen kleinen Zirkel auf und gehe unseren Waldweg weiter.

Sei unbequem wenn es sein muss. Aber nur dann!

Ich mache seine unerwünschte Tempoerhöhung unbequem. Dadurch, dass ich ihn auf einen kleinen Zirkel um mich herumlaufen lasse. Das Ganze ohne irgendwie hektisch zu werden oder am Seil herumzuziehen.

Herr Freyr hat gelernt: „Auch wenn ich schneller laufe, bleibe ich immer in gleicher Position zu meinem Menschen. Dann kann ich auch entspannt langsam geradeaus laufen. Das ist doch viel gemütlicher.“

Und ich habe gelernt, dass der Impuls für Herrn Freyr in diesem Moment zu stark war und kann ihn das nächste Mal entsprechend sanfter auffordern.

Ganz ohne Rechts-Links-Schwäche?

Wir üben weiter und nach kurzer Zeit kann ich ihn völlig easy rechts und links von mir auf dem Waldwegen entlanglaufen lassen. Bald möchte ich anfangen, auch in Trab oder Tölt einige Strecken zurückzulegen. Joggen ist für unsere Fitness ja auch immer nicht schlecht…

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So geht „Halt“ auf Pferdisch:

Als nächstes kommt aber noch ein anderer Ausbildungsschritt. Nämlich das Durchparieren, sprich Anhalten. Das Anhalten ist beim Pferd irgendwo zwischen vorwärts und rückwärts. Wenn ich mit einem Pferd also immer nur vorwärts (oder sogar schnelles vorwärts) übe… Was glaubt ihr – wie gut lässt sich dieses Pferd wohl anhalten?

Bei Herrn Freyr reicht als Haltesignal ein leichtes Vibrieren am Seil und das Heben des Stöckchens. Alles in Ruhe und mit viel viel Lob natürlich. Da darf auch gerne mal ein Leckerchen den Besitzer wechseln. Ich lege großen Wert darauf, dass meine Pferde sich jederzeit anhalten lassen. Und zwar prompt – und nicht erst 200 m später. Ich übe das konsequent und lobe das ausgiebig. Ich bin da sehr genau. Vielleicht ein bisschen pingelig..

Aber in der heutigen Zivilisation ist das aus meiner Sicht sehr wichtig. Denn was nützt das schöne Vorwärts, wenn das Rückwärts nicht geht? Ich hatte auch noch nie Probleme damit, dass sich die Pferde durch ein Rückwärts entziehen wollen. Obwohl ich quasi jedes Pferd zuerst „rückwärts“ einreite. Denn was nützt mir denn ein Pferd das schön läuft, wenn ich es nicht mehr anhalten kann? Deswegen baue ich immer erst die Bremse ein.

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TIPP: Ich baue von Anfang an immer wieder auch ein Rückwärts ein. Das besteht aber nicht darin, ein Pferd möglichst schnell oder eine lange Strecke rückwärts zu schicken. Nein! Es ist eher ein „Vom Vorwärts über ein Anhalten in ein ganz leichtes Rückwärts“-Denken.

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Die HAUSAUFGABEN? Spaß zusammen haben. Wechsel der Gangarten im Gelände auf beiden Seiten durch Körpersprache, üben des Rückwärts aus verschiedenen Positionen.

Beim nächsten Mal? Während meiner Geländegänge in den letzten Tagen, haben wir nun tatsächlich zum ersten Mal ein aus Herrn Freyrs Sicht „unheimliches Ding“ angetroffen. Was das war und vor allem, wie wir damit umgegangen sind, das erfahrt ihr dann in zwei Wochen hier in der Pferdeflüsterei.

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Autor: Sabine

4 Kommentare zu “Geländegängig! …oder WARUM läuft WER eigentlich WO?

  1. Miriam sagt:

    Liebe Sabine,

    wie spannend.
    Spazieren gehen war bei uns irgendwie ein Thema. Ganz am Anfang als ich ihn geholt habe, war er leider in einem Stall in dem er sich nicht wohlgefühlt hat. Es wurde einiges nicht eingehalten was vorher abgesprochen war und wir waren dort sehr unglücklich. Hier war das Spazieren gehen gar kein Problem. Er schien so gar regelrecht froh zu sein den Hof zu verlassen.
    In seinem jetztigen Stall fühlt er sich total wohl und liebt seine Mädelstruppe. Hier wurde es plötzlich schwierig. Er ging sehr lustlos mit und blieb ständig stehen. Ich habe dieses Verhalten anfangs fälschlicherweise für Sturheit gehalten. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass mein Pony bei Angst nicht unbedingt flüchtet, sondern einfriert und stehen bleibt. Er hatte plötzlich Angst vor dem Spazieren gehen. Also sind wir einen ordentlichen Schritt zurück gegangen.
    Ich habe angefangen ihn im Hof zu trainieren so weit er sich noch wohl fühlt. Dort haben wir gespielt. Mit der Zeit hat er sich im Hof total wohlgefühlt und eines Tages wollte er selber den Hof verlassen. Ich wollte einfach nur schauen, ob er sich an den Rand vom Hof traut und bin ein Stück nach vorne gegangen und plötzlich ist mein Pony aus dem Hof marschiert als würde er das jeden Tag tun. Er hatte richtig Lust spazieren zu gehen und mit mir was zu entdecken. Seither geht es wieder problemlos. Er geht mit Freude spazieren und es ist tatsächlich schon passiert, dass ich ihn eigentlich zur Weide zurück bringen wollte, er umgedreht hat und ganz klar Richtung Hof und eine Runde spazieren gehen wollte. Da war ich natürlich mächtig stolz auf ihn.
    Wir drehen zwar immernoch eher kleine Runden, aber das finde ich nicht schlimm. Es war bisher immer so, dass der nächste Schritt irgendwann von ganz alleine kam, wenn er soweit war und darauf vertraue ich auch hier.

    Liebe Grüße
    Miriam

    • Sabine sagt:

      Hallo Miriam,
      ja, ich liebe es auch im Gelände unterwegs zu sein. Irgendwie ist die Natur auch eine schönere bzw. natürlichere Umgebung für ein Pferd. Im Gelände kann ich sehr viele Dinge üben, habe aber viel mehr gerade Strecken, welche wiederum meinen Jungpferden zugute kommen.
      Trotzdem übe ich alles, was neu ist – erst einmal auf dem Reitplatz oder der Halle um zu erfahren, wie es um das Pferd steht. Und dann nehme ich meine Lektionen wieder mit raus in den Wald. Die Pferde lieben das. Und ich liebe es auch :)!
      Viele Grüße
      Sabine

  2. Nina sagt:

    Huhu Sabine, na da bin ich ja mal gespannt vor WAS denn nun Freyr tatsächlich mal Angst hatte. Beim Begriff "Abschleppdienst" musste ich grinsen, blöderweise läuft bei uns der Abschleppdienst verkehrt rum*hüstl* Naja das gute Wetter kommt und somit auch wieder mehr Zeit und Motivation zum üben Liebe Grüße Nina

    • Sabine sagt:

      Hi Nina,
      (schmunzel) Ja, Freyr hatte richtig Angst vor…..

      neeee – ich verrate noch nichts… 🙂

      Das ist aber sehr anstrengend, wenn dein Pferd dich abschleppt, wenn ich so ein Pferd an der Leine habe, wechsel ich immer einfach die Richtung – dann bin ich wieder vorne! Es kann aber sein, das dein Pferd dich dann wieder überholt… und wieder… und wieder….

      Auch hierfür braucht man Zeit und ich weiß, das das nicht immer einfach ist alles unter einen Hut zu kriegen.

      Außerdem muß man innerlich entspannt und cool bleiben, auch das ist nicht leicht, Pferde können einen schon ganz schön fordern was die emotionale Fitness angeht.

      Viele Grüße

      Sabine

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