Artikel aktualisiert am 27.02.2017

Daniela Schinko auf ihrem Pferd // Fotograf: Lukas Erhart-Fotografie

Ein Gastbeitrag von “HIPPOVITAL

“Für wessen Auge reitest du?” …die Frage stellte Bent Branderup* einmal in einem Kurs und bezog sich in seinem „Wort zum Sonntag“ auf die Zuschauer des Lehrganges und die vielen verschiedenen Augenpaare, die die Reiterin beobachteten.

Jeder kennt die Situation

  • wenn die Stallkollegen neugierig an der Bande stehen
  • sich die beste Freundin zum Zusehen angemeldet hat
  • man vielleicht sogar auf einem Turnier oder einer Prüfung sein Können unter Beweis stellen muss…

Man möchte doch seinem „Publikum“ gefallen.

Daniela Schinko auf dem Pferd

„Für wessen Augen reitest Du?“

Für mich selbst interpretiere ich die Frage so:

Reite nie um dich selbst zu profilieren, deinem Publikum zu gefallen oder für deinen Applaus. Sondern immer so, dass du dem Körper deines Pferdes nicht schadest, es stolzer und anmutiger machst und ihm auch nach dem Training noch in die Augen blicken kannst.

“Reite nie um dich selbst zu profilieren, deinem Publikum zu gefallen oder für deinen Applaus. Sondern immer so, dass du dem Körper deines Pferdes nicht schadest, es stolzer und anmutiger machst und ihm auch nach dem Training noch in die Augen blicken kannst.”

Zugeben muss ich, es gelingt die meiste Zeit, aber nicht immer. Und gerade der Punkt, das Pferd stolzer und anmutiger zu trainieren, wirft oft Diskussionen mit mir selbst auf.

Daniela Schinko auf ihrem Pferd // Fotograf: Lukas Erhart-Fotografie

Fühlt sich mein Pferd tatsächlich so durch meine Arbeit?

Kürzlich durfte ich wieder Bent Branderups Worten lauschen, und ein Satz von ihm hat mir bei meinen Fragen sehr geholfen:

„Lerne mit Pferdeaugen zu sehen. Wann fühlt sich das Pferd in Pferdeaugen schön…?“ (Bent Branderup)

Seit diesem Tag verbringe ich viel Zeit auf der Weide bei den Pferden. Ich beobachte ihre Bewegungen einmal mehr und betrachte sie in einem anderen Licht.

  • Welche Bewegungen zeigen sie in welchem Gemütszustand, sei es nun pure Freude an der Bewegung, oder Erregung im positiven oder negativen Sinne?
  • Wie bewegen sie sich, wenn sie sich untereinander imponieren?

Pferde auf der Weide

Ich studiere förmlich das Zusammenspiel ihrer Muskulatur, die ihre Gelenke je nach Bewegungsausmaß mehr beugen oder strecken und so das Bilder schaffen zudem ich, wie ich zugeben muss, das Pferd auch gerne reiten zu können im Stande wäre.

Levade

Betrachtet man beispielsweise Hengste untereinander, so wird man die ganze Reihe an eindrucksvollem Gangwerk, von der Passage bis zu den Schulsprüngen sehen. All das ist die Basis für die weitere Gymnastizierung.

Es darf also nicht unser menschliches Auge in der Dressur bestimmen, wann wir ein Pferd schön empfinden, sondern die Dressur soll das aus dem Pferde mühelos und in Leichtigkeit hervorbringen, wozu es sonst in der Natur einer gewissen emotionalen Erregung und Spannung bedarf.

“Für wessen Augen reitest du?”

Daniela Schinko auf ihrem Pferd // Fotograf: Lukas Erhart-Fotografie

Die Antwort auf die Frage ist für mich also: „Reite stets für die Augen deines Pferdes!“

Text: Daniela Schinko von Hippovital
Fotos: Daniela Schinko von Hippovital & Lukas Erhart-Fotografie

Wer ist der Zitategeber – Bent Branderup?

Bent Branderup lebt in Dänemark, gibt aber Europaweit Kurse zur akademischen Reitkunst. Er ist der Begründer der Ritterschaft der akademischen Reitkunst. Dahinter steckt im Grunde Dressur und Gesunderhaltung der Pferde nach den Richtlinien der alten Meister. Die Ritterschaft ist sozusagen der Club dahinter, dem man beitreten kann, wenn man nach seinen Prinzipien trainiert und verschiedene Kurse und Lehrgänge absolviert hat. Mitglied kann werden, wer die Prüfung (Wappenträgerprüfung) bestanden hat.

Viel spannender als die Ritterschaft sind die Ansätze und Ideen von Bent Branderup. Er hat sich der Gesunderhaltung von Körper und Seele der Pferde verschrieben. Sein Ideal ist es die natürliche Aufrichtung des Pferdes zu fördern und dem Pferd so dabei zu helfen sich auszubalancieren. Das Pferd soll lernen sich zu versammeln und vorwärts-abwärts zu dehnen. Das wiederum ist die gesündeste Haltung um einen Reiter zu tragen.

Das alles wird durch gymnastizierende Übungen erreicht, um das Pferd lange zufrieden und gesund zu erhalten. Branderup hat sein Leben den Pferden gewidmet. Das fing schon in seiner Kindheit an. Auf seiner Seite schreibt er, dass er seinen Großvater schon im Alter von 1,5 Jahren mit seiner Antwort auf die Frage überraschte, was er sich zu Weihnachten wünsche.

„Ich will ein Pferd!“, sagte der klitzekleine Bent Branderup. Später hat er bei den ganz großen der Reiterwelt gelernt. Bei Nuno Oliveira*, Egon von Neindorff* oder an der königlichen Schule in Jerez de la Frontera. Wirklich gelernt hat er von seinem Pferd Hugin, sagt er selbst bis heute. Ein Knabstrupper, dessen Sprunggelenke vorne links durch einen Unfall gebrochen waren, genau wie das Griffelbei hinten rechts. Außerdem war Hugin blind. Branderup trainierte mit dem Pferd bis zur hohen Schule der Dressur, nur mit Geduld und gymnastizierenden Übungen*

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4 Kommentare zu “Bent Branderup: Für wessen Augen reitest du?

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    "für wessen Augen reitest du" ist für ich ehrlich gesagt schon ein Thema. Ich schaffe es ganz gut in unserem "normalen" Alltag auf mein Pony einzugehen, keinen Erfolgsdruck aufzubauen und ihn trotzdem zur Mitarbeit zu motivieren. Er ist meistens fröhlich dabei und unsere Kommunikation klappt.
    Wenn allerdings jemand anderes dabei ist, den wir noch nicht so gut kennen, oder jemandem dem ich gerne zeigen möchte wie es bei uns klappt, dann geht es schief. Ich baue dann Erfolgsdruck auf und mein Pony entscheidet dann, dass er mich und meine Vorschläge doof findet. Er ist ein ganz guter Lehrmeister bei dem Thema. Leider gelingt es mir (noch) nicht, dass ich mich hier besser im Griff habe.
    Ich muss also sagen, meistens findet das Training für uns statt. Einmal natürlich die Gymnastik für mein Pony, aber dann auch das Training für unsere Beziehung zueinander. Aber wenn jemand "Fremdes" mit dabei ist, dann versuche ich für andere zu trainieren und mein Pony will dann gar nicht.
    Hier versuche ich an mir zu arbeiten und mit der selben Einstellung, die ich auch sonst habe zu meinem Pony zu gehen.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, ich freue mich ja immer über deine ehrlichen Kommentare, ehrlich deswegen – weil du auch so ehrlich mit dir selbst bist. Das ist bewundernswert und toll. Ich denke, dass wir das alle kennen – sobald uns jemand über die Schulter schaut, wollen wir zeigen, was wir können oder was das Pferd kann. Mir wird es mit meiner Jungstute genauso gehen. Aber – wie du schon schreibst – dann kommen die Pferde und zeigen uns, dass wir noch ein bisschen mehr an uns arbeiten müssen. Dafür liebe ich sie auch so sehr, sie helfen mir zumindest immer mehr zu meinem inneren Ommmmh zu finden. Das ist ein großes Geschenk, das einem das Pferd macht. Vielleicht sogar das größte, das vielen gar nicht bewusst ist. Mir war es auch nicht bewusst, als ich mit dem Reite angefangen habe. Ich wollte Reiten und Pferde. Mittlerweile arbeite ich jedes mal beim Training an meiner Genauigkeit und meiner inneren Gelassenheit. Es ist doch immer wieder spannend, was die Pferde uns alles zeigen können. Ganz liebe Grüße und wie immer lieben Dank für deinen Kommentar, Petra

  2. Uta von tiergezwitscher sagt:

    Liebe Petra,
    die Antwort "reite stets für die Augen deines Pferdes" finde ich absolut überzeugend. Genauso überzeugend, wie wir es sein müssen, damit unser Pferd uns vertrauensvoll folgt. Pferde, Tiere insgesamt sind der beste Spiegel für unser Verhalten, unsere Körpersprache und unsere Authentizität. Danke für diese Erinnerung an das Wesentliche!

    Liebe Grüße
    Uta

    • Petra sagt:

      Liebe Uta, die Antwort hat mich auch sofort überzeugt. Das Lob gebührt Daniela Schinko von Hippovital, die das Zitat für die Pferdeflüsterei interpretiert hat. Ich habe ihren Text sofort geliebt, weil so viel wichtiges und wahres drin steckt. Ich freue mich deswegen sehr, dass er euch gefällt und schicke liebe Grüße zurück, Petra

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