Versammlung braucht weder eine Kandare noch ein Gebiss, sagt Honza Blaha. Dressur hat sehr viel mehr mit dem richtigen Training zu tun als mit der richtigen Ausrüstung. Er trainiert seine Pferde bis zu den höchsten Lektionen in Liberty. Ohne Strick, Zaumzeug oder Gebiss. Wie er das macht, erzählt er jetzt im Interview. Und er verrät, warum er das Aktivieren der Hinterhand alleine für eines der ganz großen Mythen in der Reiterei hält.

Honza Blaha LIberty Freiheitsdressur

Interview mit Honza Blaha über Versammlung, die Hinterhand und Dressur in Liberty – ohne Zaumzeug oder Gebiss

Pferdeflüsterei.de: Lass uns über die „Line Free Collection“ reden – das ist deine Trainingsphilosophie. Am Boden und im Sattel. Du bezeichnest es nicht nur als Trainingsprogramm, sondern als Lebenseinstellung. Was bedeutet das für dich?

Honza Bláha: Ich denke, es ist ein bisschen, wie wenn du dich dafür entscheidest ein Vegetarier zu sein. Es gibt verschiedene Gründe Vegetarier zu werden. Vielleicht weil du kein Fleisch magst, vielleicht weil du einfach keine Tiere essen willst, vielleicht weil du die Fleischindustrie einfach zu schlimm findest und nicht verantwortlich dafür sein willst, dass Kühe in einer Reihe stehen und unter schlimmsten Bedingungen gehalten und geschlachtet werden.

Es ist im Grunde egal – es gibt viele verschiedene Gründe. Aber was bedeutet es denn jetzt am Ende, wenn du dich dazu entschließt Vegetarier zu sein? Isst du dann von Montag bis Freitag nur Salat und gehst Samstags ins Steakhaus? Wie viel Salat und Grünzeug muss ich essen, damit ich mich selbst als Vegetarier bezeichnen kann?

Pferdeflüsterei.de: Naja, der Punkt ist, dass Vegetarier einfach nie Fleisch essen…

Honza Bláha: Wenn ich also über Line Free Collection spreche, bdeutet das, dass meine Pferde kein Halfter mehr getragen haben seit sie 3 oder 4 Jahre alt sind. Wenn du also 3 Tage mit und 3 Tage ohne Halfter trainierst – bist du dann ein „Vegetarier“? Für mich ist das vollkommen okay, wenn Menschen kein Fleisch ögen und nur Grünzeug essen. Oder wenn Menschen Fleisch nur zu Hause essen, weil sie dann wissen wo das Fleisch herkommt.

Übersetzt auf das Pferdetraining: Menschen kommen zu mir und sagen, dass sie sich für die Freiarbeit interessieren. Sie sagen: Ich will dien vegetarisches Superfood probieren – ich mag Fleisch, aber ich will einfach mal probieren, wie dein Vegetarischer Salat schmeckt – dann ist das vollkommen okay für mich.

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Wie wir trainieren – Freiarbeit und Versammlung

Pferdeflüsterei.de: Freiarbeit oder nicht – ich denke es sollte immer darum gehen, wie wir trainieren und an unser Ziel kommen. Nämlich auf pferdefreundliche Art und Weise. Ich habe gelesen, dass du die Pferde nach ihren Talenten trainierst. Also wenn ein Pferd lieber springt, dann trainierst du es als Spingpferd – wenn es lieber Dressur mag, dann trainierst du Dressur – ist das richtig?

Honza Bláha: Das ist so wichtig. Ich prüfe immer, wie sich das Pferd fühlt und was es mag. Ich gebe dir ein Bild: In Deutschland habt ihr eine Demokratie – trotzdem ist nicht alles erlaubt. Es gibt Regeln. Aber innerhalb der Regeln, könnt ihr tun was ihr wollt. Für ist Pferdetraining auch Führung. Ich habe einen Plan und weiß, was ich tue. Aber Führung bedeutet auch Verantwortung.

Das bedeutet, dass ich nie um etwas bitte, was das Pferd nicht tun kann oder nicht tun möchte. Wenn ich einem Pferd die Piaffe beibringe, wird es sich danach königlich fühlen. Aber wenn es sich nicht königlich fühlt in der Piaffe, gehe ich lieber springen oder mache etwas anderes. Ich mache auch nicht immer alles richtig. Fehler zu machen ist einfach nur menschlich. Das ist okay. Aber es ist wichtig, sie nicht immer wieder zu wiederholen.

Honza Blaha LIberty Freiheitsdressur

Pferdeflüsterei.de: In deinem Training gibt es ein paar Trainingsschritte, die du entwickelt hast, um eine Verbindung zum Pferd zu finden und das Pferd zu gymnastizieren. Hinterhandwendung, Führen und Folgen, Schulter herein und Vorhandwendung spielen da eine Rolle – Klassiker eben. Aber es gibt auch eine, von der ich noch nie vorher gehört habe. Du nennst es den „Jink“ – kannst du das erklären?

Honza Bláha: (lacht): Das ist nur ein blöder Name. Wenn du ein Pferd hast und seine Hinterhand bewegst – danach bittest du das Pferd dir zu folgen. Das Pferd wird den Kopf in deine Richtung bewegen und dir folgen. Dann kommt der nächste Schritt: Das Pferd folgt dir und die bewegst die Schulter ein kleines bisschen nach außen. Die Nase wird sich dir zuwenden und du kannst du Schulter noch ein bisschen mehr bewegen, während du vor dem Pferd läufst. Das Pferd wird sich in etwa wie eine Banane biegen.

Und weil es so gebogen ist, wird es die Biegung ausgleichen und „durch dich hindurch gehen“ wollen. Aber deine Hand und dein Stick sagen „Nein“. Dann nimmst du diese Energie, wechselst deine Position und gehst in die andere Richtung (in die der Pferdekopf zeigt). Um es kurz zu machen: Du fängst an zu laufen, bewegst die Schulter, drehst dich, wechselst die Schulter auf die andere Seite, drehst dich wieder. Das ist dann wie ein „Yin und Yang“. Das ist der Jink (lächelt).

Honza Blaha LIberty Freiheitsdressur

Versammlung des Pferdes – warum die aktive Hinterhand alleine eine Lüge ist

Pferdeflüsterei.de: Das ist ja alles Gymnastizierung und damit Vorbereitung auf die Versammlung. Da sagst du aber, dass eine der großen Lügen im Pferdetraining die ist, dass wir die Hinterhand aktivieren sollen und der Kopf nicht zu tief sein sollte. Warum?

Honza Bláha: Der tiefe Kopf ist so wichtig für die Pferde. Es ist gesund und gut für den Rücken. Das tiefe Genick hebt die Schultern. Das wiederum ermöglicht Verschiedenes im Training. Das ist wichtig. Nicht immer nur die Hinterhand zu aktivieren und den Kopf hoch zu holen. Wer jemals gefühlt hat, wie sich der Rücken hebt und schwingt in einer Piaffe oder Passage und wie es sich anfühlt ohne den schwingenden Rücken, weiß wie wichtig ein tiefer Genickpunkt ist. Es is Humbug, dass Menschen sagen, es wäre ungesund wenn die Pferde ihren Kopf tief haben.

Pferdeflüsterei.de: Aber bekommst du mit dem tiefen Kopf nicht vor allem auch Pferde, die auf der Vorhand schlurfen?

Honza Bláha: Du musst natürlich auch die Schultern heben und freimachen. Dann ist genug Platz für die Hinterhand weiter unterzutreten. Es ist verrückt zu sagen, dass die Pferde einfach nur eine aktive Hinterhand brauchen. Sie verlieren den Rückenschwung dadurch. Du brauchst auch starke Schultern und einen tiefen Kopf. Dann aktiviert sich die Hinterhand automatisch und der Rücken wird sich auch automatisch heben.

Honza Blaha LIberty Freiheitsdressur

Pferdeflüsterei.de: Verstehe ich dich richtig, dass du davon ausgehst, dass Versammlung nicht unbedingt etwas mit der Hinterhand zu tun hat?

Honza Bláha: Ich persönlich werden meine Pferde sicher nie so auf die Hinterhand trainieren, dass sie fast schon drauf sitzen. Ich will ein ausbalanciertes Pferd. Und in dieser Balance sollen sie natürlich auch engagiert sein. Aber diese Balance hat automatisch auch mehr Gewicht auf der Vorhand, weil Pferde nun einmal ihr ganzes Leben stärker auf der Vorhand verbringen.

Natürlich sollen sie die Hinterhand nicht nach hinten rauswerfen oder kurz treten. Ich sage ja nicht, dass es egal ist, ob die Hinterhand aktiv ist oder nicht. Aber ich sage: Egal wie aktiv die Hinterhand ist, das Gewicht wird immer mehr auf der Vorhand sein. Die Qualität der Versammlung hat vor allem etwas damit zu tun, wie wir die Schultern öffnen und heben können, so dass die Hinterhand tiefer untertreten kann und der Rücken ganz einfach in Schwung kommen kann.

Pferdeflüsterei.de: Wie bekommst du dann diese Biegung und Stellung und auch die Schultern ohne Strick oder Zügel?

Honza Bláha: Ich habe für mich entdeckt, dass ich mit der Schulter der Pferde erst dann anfange zu spielen, sobald sie entspannt sind und einen tiefen Kopf haben. Zum Beispiel durch Wendungen, Biegungen und das Bewegen der Schulter. Nach und nach hebt sich die Schulter und ich habe Platz für die Hinterhand. Aber das Pferd muss entspannt sein. Dann ist das Pferd langsam nach und nach in Balance. Auch ohne Strick und Zügel.

Pferdeflüsterei.de: So versammelt Honza Pferde 🙂 Danke für das Interview!

HIER findest du Teil 1 des Interviews mit Honza Blaha – über Sicherheit, Druck und freies Training

Und HIER findest du einen Kursbericht zu Honza Blaha – mit den ersten Schritten in der „Line Free Collection“

Autor: Petra Haubner

Pferde machen glücklich. Sie sind unsere Lehrmeister, auf dem Weg zu dem besten "Ich", das wir werden können. Daran glaube ich fest. Es ist wichtig, dass wir ihnen zuhören und lernen sie zu verstehen. Dann schenken sie uns besondere Momente. Diese Momente machen süchtig. Im echten Leben bin ich professionelle Journalistin. Das versuche ich hier in die Welt der Pferde zu übertragen. Ich schreibe die Artikel, führe die Interviews und besuche die Kurse für mehr Pferdewissen. Mein Mantra: Sei ein sicherer Ort für das Pferd.

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