Kennst du diese Momente, wenn du andere trainieren siehst und das alles so kompliziert aussieht, dass du nicht daran glaubst genau das auch mit deinem Pferd erreichen zu können? Wenn du siehst, wie ein Pferd motiviert und freudig mit seinem Menschen arbeitet und du an deinen kleinen faulen Futterfresser denkst und innerlich den Kopf schüttelst, weil du dir nicht vorstellen kannst wie deine bequeme Tonne auf vier Beinen je motiviert und energetisch mitarbeitet? Oder du hast so ein Energiebündel, ein Powerpony, dass keine 5 Sekunden ruhig stehen und sich auf schwierigere Lektionen konzentrieren kann? Und das soll konzentriert und fokussiert mitarbeiten? Aber weißt du was? Das geht! Mit jedem Pferd! Es gibt viele Wege, die nach Rom führen und Rom ist in diesem Fall ein motiviertes, gelassenes und gut trainiertes Pferd. Einer dieser Wege ist die akademische Reitkunst. 

Was ist die akademische Reitkunst

Die akademische Reitkunst klingt komplizierter und unerreichbarer als sie ist. Piaffe, Passage, Hankenbeugung und Schulhalt! Das alles klingt so kompliziert, dass du vielleicht kurz den Kopf schüttelst und dich ganz schnell vom Acker machen willst. Das ist aber nicht nur Dressur, das ist Gesunderhaltung und es ist nicht nur Kunst, sondern eine wunderschöne Entwicklung mit spannenden Zielen, die du mit deinem Pferd haben kannst. Schritt für Schritt könnt ihr reinwachsen. Ich finde das Konzept inspirierend und spannend.

HIER findest du einen Artikel mit ersten Infos zur akademischen Reitkunst und einem Kursbericht

HIER erkläre ich dir, wie du dein Pferd schön und sanft trainieren kannst – im Sinne der akademischen Reitkunst

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Und jetzt gibt es ein Interview mit dem “Erfinder” der akademischen Reitkunst. Bent Branderup ist das Gesicht dieser Bewegung und er ist derjenige, der die akademische Reitkunst ins Leben gerufen hat. Wobei sie viel mehr ist als eine reine Trainingsmethode. Es ist eine Philosophie und ein Weg zu einem gesunden und motivierten Pferd.

HIER findest du übrigens das Buch “Beziehungspflege Horsemanship” – das erste in einer Reihe von 16 Bänden über die akademische Reitkunst – superspannend!

Beziehungspflege Horsemanship Buch Bent Branderup Cover Müller Rüschlikon

Interview mit Bent Branderup über die akademische Reitkunst, die Seele der Pferde und die ersten Schritte zur Ausbildung des Pferdes

Pferdeflüsterei.de: Starten wir mit der Begriffsdefinition: Was unterscheidet denn die akademische Reitkunst von der klassischen Reitkunst von der Legerete?

Bent Branderup: Das ist ein bisschen so als ob sich ein Veganer und ein Vegetarier streiten würden. Der Unterschied in diesen verschiedenen Trainingsideen liegt vor allem in der Interpretation. Wir interpretieren zum Beispiel eine Piaffe anders als die Legerete oder als die Klassik. Es ist schon interessant – je ähnlicher man sich wird, desto mehr Punkte gibt es, in denen man sich dann doch unterscheidet und darüber streiten und diskutieren kann. Das ist genau wie bei Religionen. Nur die Religionen, die sich stark ähneln können sich gut streiten.

Pferdeflüsterei.de: Aber es sind doch zum Teil die gleichen Meister, die zitiert werden?

Bent Branderup: Was will ein Islandpferdetrainer sich mit einem Springtrainer streiten? Es gibt keinen Streitpunkt, weil das Training und die Ziele so unterschiedlich sind. Aber zwei, die eine Piaffe grundverschieden interpretieren, die können sich wahnsinnig uneinig sein. Auch wenn sie auf den gleichen Meistern basieren.

Pferdeflüsterei.de: Wie kann man denn zum Beispiel eine Piaffe so unterschiedlich interpretieren?

Bent Branderup: Kann man zum Beispiel akzeptieren, dass das Vorderbein rückständig steht? Kann man akzeptieren, dass der Rücken nicht ganz getragen wird im Schulterblatt? Die Frage ist also: was gilt noch als gute Piaffe? Was für den Einen eine gute Piaffe ist, ist für den Anderen ein totales Fiasko. Für uns in der akademischen Reitkunst wäre es zum Beispiel eine misslungene Piaffe, wenn die Vorderbeine rückständig stehen. Wenn man es aber zulässt, ist das ein viel schnellerer Weg zur Piaffe. So lässt sie sich über Wochen und Monate ausbilden. Wenn der Ausbilder aber ein Pferd komplett auf die Hanken setzen will, wie in der akademischen Interpretation, dauert das Jahre.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst Haflinger

Definition der akademischen Reitkunst

Pferdeflüsterei.de: Dann konzentrieren wir uns jetzt auf die akademische Reitkunst. Was macht da die Eckpunkte aus?

Bent Branderup: Die akademische Reitkunst arbeitet in zwei Richtungen. Das eine nenne ich experimentelle Archäologie. Da kramen wir Themen heraus, die die alten Meister genutzt haben. Am liebsten natürlich Themen, die man heute nicht mehr nutzt. Dann experimentieren wir damit und überprüfen, was man damit machen kann – wie der Schulhalt zum Beispiel. Das andere Gleis ist, dass wir dem Gefundenen eine Berechtigung für die Gegenwart geben wollen.

Es gibt auch viele Dinge, die die alten Meister gemacht haben, die wir heute nicht mehr gebrauchen können. Das heißt aber nicht, dass das ganze Werk des Meisters sinnbefreit ist für die Gegenwart. Wir nehmen also die Informationen aus den Lehren heraus, von denen wir glauben, dass wir sie für die Gegenwart brauchen können. Dann nehmen wir unsere besten Reiter und arbeiten die Übungen und Ideen durch. So bekommen wir verschiedene Ergebnisse und wenn diese dann reif sind, nehmen wir das was gut funktioniert mit in den Unterricht.

Pferdeflüsterei.de: Das ist im Grunde so eine Art wachsendes Trainingskompendium?

Bent Branderup: Die Ritterschaft ist ein Brainpool. Wir kommen zusammen und diskutieren über alle Themen. Nehmen wir als Beispiel die Schulparade. Es hat uns viele Jahre gekostet zu entdecken, wo die Fehler bestehen, was eine richtige Schulparade ist, wozu man sie gebrauchen kann, wie man sie lehren und wer sie lehren kann.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst Haflinger

Warum die akademische Reitkunst in Wirklichkeit gar nicht so kompliziert ist

Pferdeflüsterei.de: Das bringt mich direkt zur nächsten Frage: Die akademische Reitkunst kommt einem von außen erst einmal wahnsinnig kompliziert vor und ich glaube, dass viele eine riesige Hemmschwelle haben dieses Feld zu betreten, zu verstehen und mit dem eigenen Pferd umzusetzen. Ist es denn wirklich so kompliziert?

Bent Branderup: Man kann Biomechanik nicht vereinfachen. Ich mache schon eine grobe Vereinfachung, wenn ich das Wissen lehre, aber letztlich kann es keine leichte Reitweise geben, weil Biomechanik einfach sehr kompliziert ist. Ich sehe das eher so: Der Mensch fängt an Reiten zu lernen. Das Leben wird vergehen. Und dann sieht man Menschen, die ihr Leben lang reiten und nichts dazu lernen. Wenn man sich aber doch ohnehin ein Leben lang mit etwas beschäftigen will, wieso will man dann nicht besser werden? Die Zeit wird so oder so vergehen. Stellt euch vor, ihr geht zu einem Italienischkurs und nach vielen Jahren Italienischunterricht könnt ihr in Rom immer noch keinen Kaffee bestellen?

Pferdeflüsterei.de: Das wäre ziemlich deprimierend, das stimmt.

Bent Branderup: Italienisch ist eine komplizierte Sprache, keine Frage. Aber wenn man nicht anfängt zu lernen, kann man eben den Kaffee nie in Rom auf Italienisch bestellen.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst Haflinger

Pferdeflüsterei.de: Wie würden Sie denn dann anfangen. Nehmen wir an, dass wir ein junges Pferd haben, das bei Ihnen in der Ausbildung ist – wie fangen Sie mit diesem Pferd an?

Bent Branderup: Mein Grundsatz ist erst einmal, dass das Pferd, das man jetzt hat, das Pferd ist von dem man jetzt lernt. Wenn ich also ein junges Pferd habe, ist die Grundkommunikation im Vorwärts-Abwärts das erste Ziel. Das ist mit jedem Pferd erreichbar. Erst geht es also um die Kommunikation vom Boden aus und die Schulung des Auges, damit man die Antworten des Pferdes auch sieht. Wenn man dem Pferd eine Frage stellt – wir nennen es Hilfen – muss man die Antwort des Pferdes lesen können.

Es geht erstmal nicht um Hankenbiegung oder wilde Lektionen, sondern darum, dass dieses Pferd und dieser Mensch einen täglichen Umgang erlernen und eine gemeinsame Sprache aufbauen müssen. Wir müssen Lehrer unserer Pferde werden. Wir müssen uns also erst einmal selbst die richtige Sprache aneignen, damit wir sie unserem Pferd wiederum gut beibringen können. Und dann geht es tiefer und tiefer in die Materie. Und dann ist das erste Pferd schon 20 Jahre alt (lacht)

Pferdeflüsterei.de: Dann gibt es ja die akademische Leiter – das ist der praktische Weg zu einem gut ausgebildeten Pferd?

Bent Branderup: Das ist ein bisschen wie die verschiedenen Gürtel beim Karate. Aber leider nicht so klar als System, weil jeder Mensch und jedes Pferd verschieden sind. Deswegen ist die akademische Leiter nur ein grober roter Faden. Pferde können wir nie ganz nach dem Buch ausbilden. Es gibt nur ein Pferd, das sich wie im Buch verhält und das ist das theoretische Pferd aus dem Buch.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst Haflinger

Welche Rolle spielt die Seele der Pferde in der akademischen Reitkunst

Pferdeflüsterei.de: Das fand ich im Kurs übrigens sehr auffällig – Sie haben sehr viel Wert auf die Seele der Pferde gelegt. Immer wieder….das ist offenbar genauso wichtig in der akademischen Reitkunst wie das Körperliche.

Bent Branderup: Ich denke, wir müssen die Kunst modernisieren. Kunst ist nicht die Überlieferung der Asche, sondern es muss gelebte Kunst sein. Das heißt also, dass jede Kunst auch mit der Gegenwart mitgehen muss. Wir wollen verschiedene handwerkliche Fähigkeiten wiederentdecken, die die alten Meister beherrscht haben, aber wir wollen nicht wie die alten Meister sein.

Deswegen geht es heutzutage auch darum, dass wir endlich erkennen müssen, dass dem Pferd ein Geist zugesprochen wurde. Der jetzige Papst hat für mich gerade die größte Revolution der Religion seit 2000 Jahren losgetreten. Auch für eine Veränderung unseres Blicks auf die Tiere und deren Seele benannte er sich ja nach dem Heiligen Franziskus, der ein bekennender Freund der Tiere war. Wenn also sogar die katholische Kirche den Tieren eine Seele und einen Geist zusprechen kann, dann würden wir stark hinterherhängen, wenn wir nicht den Geist des Pferdes in unser Training einbeziehen. Wir definieren in der akademischen Reitkunst: Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst Haflinger

Pferdeflüsterei.de: Das finde ich einen sehr schönen Part an der akademischen Reitkunst. Dass der Fokus so stark auf Motivation und Entspannung der Pferde liegt…dass kein Wert auf das Funktionieren gelegt wird.

Bent Branderup: Das kenne ich auch von mir selbst – früher…Ich bin früher im Zirkus geritten, habe Zirkuspferde ausgebildet, habe an verschiedenen Orten Pferde im 3-Monatstakt ausgebildet und bin Turniere geritten. Da musste das Pferd JETZT funktionieren. Aber heute weiß ich, dass wir das gar nicht nötig haben. Nur weil Publikum da ist oder ich den falschen Ehrgeiz habe, würde ich heute keinen Wert mehr auf das Funktionieren legen. Wozu ist das gut? Wir sollten uns vielmehr die Frage stellen: Warum reite ich? Ich reite meinetwillen und für das Pferd. Das Pferd und ich sind die Einzigen, die zählen sollten. In wessen Augen möchtest du Geltung finden? Hoffentlich in den Augen deines Pferdes.

Pferdeflüsterei.de: Das wäre das Schönste. Es ist nur noch nicht überall so…

Bent Branderup: Nein und auch wir schaffen es nicht immer. Wir sind ja nicht heilig und auch nur Menschen. Den Ehrgeiz und den Wunsch anderen zu gefallen können wir nicht vollkommen ablegen, aber wir können es anstreben.

 

Zum Schluss noch 3 Fragen an Bent Branderup, die ich von euch mitgenommen habe

Ich wollte von euch via Facebook und Instagram wissen, was ihr Bent Branderup gerne fragen wollt. Herausgekommen sind drei wunderschöne Fragen und drei inspirierende Antworten.

Mein persönlicher Lieblingssatz: “Ein Seelenpferd ist nicht unbedingt das Pferd, von dem man am meisten lernt. Ein Seelenpferd ist eher das Pferd, bei dem man sich über sein eigenes Spiegelbild am meisten freut.” Ist das nicht wunderschön? Mich hat es unglaublich zum Nachdenken angeregt.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Pferdeflüsterei.de: Hatten Sie je zu einem anderen Pferd eine intensivere Beziehung als zu Hugin?

Bent Branderup: Ich habe natürlich eine enge Beziehung zu all meinen Tieren – ob das meine Hunde, Katzen oder Pferde sind. Aber es gibt immer wieder diejenigen unter den Tieren, die einem wirklich ans Herz wachsen. Ich habe also sehr schöne Pferde, die ich alle sehr gerne habe. Aber mein Jüngster – Dorado – nimmt tatsächlich den gleichen Stellenwert ein wie Hugin. Er hat ein bisschen auf sich warten lassen, aber jetzt ist er da.

Pferdeflüsterei.de: Haben oder hatten Sie jemals so etwas wie ein Seelenpferd?

Bent Branderup: Man muss natürlich erst einmal schauen, wie der Fragende den Begriff „Seelenpferd“ definiert. Das versteht jeder ein bisschen anders. Wenn ich den Begriff spirituell denke, dann kann ich sagen, dass für mich als Reiter meine Kunst auch ein bisschen zu meiner Religion wurde und der Weg dorthin vor allem von zwei Pferden begleitet wurde, als eine Art Spiegel meiner reiterlichen Fähigkeiten. Wenn ich den Begriff jetzt also so deute, würde ich auch da die gleichen Pferde erwähnen: Hugin und Dorado. Es gibt aus meiner Sicht große Lehrmeister unter den Pferden, die aber nicht unbedingt Seelenverwandte sind. Oft lernt man mehr von den schwierigen Pferden als von den unkomplizierten und eine überstandene Reise durch ein schwieriges Gelände macht einen stolzer als eine leichte Reise. Deswegen ist ein Seelenpferd nicht unbedingt das Pferd, von dem man am meisten lernt. Ein Seelenpferd ist eher das Pferd, bei dem man sich über sein eigenes Spiegelbild am meisten freut.

Pferdeflüsterei.de: Wie steht die akademische Reitkunst denn zur Freiarbeit?

Bent Branderup: Wir haben die Philosophie, dass es immer besser ist, wenn man seine Ziele mit Weniger erreichen kann. Wenn man gutes Training also ohne jede Ausrüstung erreichen kann, ist das sehr schön. Ich sehe aber sehr viele Menschen, die frei arbeiten wollen und es leider nicht richtig schaffen. Viel öfter sieht man Freiarbeit, die eher schlecht als recht umgesetzt wird. Es geht mir nicht darum, dass wir frei arbeiten, sondern, dass wir gut arbeiten und das alles am Besten auch noch mit weniger Ausrüstung hinbekommen. Frei zu arbeiten ist ja noch schwieriger, deswegen kann das Freie an sich auch zu katastrophalen Folgen führen. Aber wenn man es kann ist es wunderbar. Wenn man es nicht kann, reicht nicht aus, dass man es gerne möchte.

Pferdeflüsterei.de: Machen Sie denn selbst Freiarbeit?

Bent Branderup: Nein, eigentlich nicht. Aber viele der Momente bei denen ich meine Werkzeuge am Pferd nicht einsetze, wären ja im Grunde wie Freiarbeit. Ich persönlich will aber nicht ohne meine Ausrüstung auskommen. Ich arbeite eher auf die Momente hin, in denen es ohne gehen könnte.

Bent Branderup und Petra

Wie findest du den Beitrag?
Du darfst diesen Artikel gerne verlinken

Wo teilst du am liebsten gute Artikel mit deinen Freunden?

https://www.pferdefluesterei.de/akademische-reitkunst-interview-bent-branderup/

↑Kopier dir diesen Link um ihn z.B. in Foren oder Kommentarfeldern einzufügen↑ 

<a href="https://www.pferdefluesterei.de/akademische-reitkunst-interview-bent-branderup/">Pferdeflüsterei.de: Was ist die akademische Reitkunst? Interview mit Bent Branderup</a>

↑Kopier Dir einfach diesen HTML-Code um ihn in deiner Webseite einzufügen↑


2 Kommentare zu “Was ist die akademische Reitkunst? Interview mit Bent Branderup

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, sehr gerne 🙂 Ich fand Bents Ansichten auch sehr spannend 🙂 Ganz liebe Grüße, Petra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Schon gesehen? Diese Artikel hier passen prima zu dem Thema: