Was macht gutes Pferdetraining aus? Wie sollen wir uns dem Pferd annähern und was brauchen die Pferde wirklich von uns? Klarheit? Sanftmut? Achtsamkeit? Stärke? Führungsqualität? Wie sieht diese Stärke aus und wieviel davon müssen wir zeigen? Was ist richtig: positive oder negative Verstärkung? Das sind Fragen, die alle Pferdemenschen vermutlich immer wieder umtreiben. Jeder gibt darauf eine andere Antwort. Egal ob es um Alfonso Aguilar geht, Bernd Hackl oder Anja Beran. Wie auch die Philosophie von Wolfgang Marlie, der heute von seinen Trainingsideen erzählen wird.

Reiterpension Marlie - Wolfgang Marlie Freiarbeit

Es gibt so viele verschiedene wege, wie es Pferdemenschen gibt. Deswegen gibt es immer wieder Interviews auf der Pferdeflüsterei. Sie spiegeln 1:1 die Meinung des Interviewten wieder, weil ich es wichtig finde offen und neugierig zu sein, andere Meinungen für sich stehen zu lassen und dir absolut zutraue deinen eigenen Weg in den Antworten für dich zu finden. So mache ich es auch. Ich bin da, betrachte, frage nach und sortiere die Informationen dann für mich dort ein, wo sie für mich hinpassen und einiges sortiere ich auch einfach weg. Weil es nicht zu mir passt oder weil mir der Weg nicht für mich gefällt. So kannst du das auch machen. Mit all den Kursen, die du besuchst, mit all den Büchern die du liest und natürlich mit all den Informationen aus den Interviews hier auf der Pferdeflüsterei.

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Ich freue mich, dass so viele Experten sich schon auf diese Interviewidee eingelassen haben. Das erschafft eine wunderbare Vielfalt. Ob nun jede Antwort mir entspricht? Nein – aber das ist egal. Sie alle sind Inspiration, regen zum Nachdenken an, geben Wissen und Gedanken weiter. Mit manchen Gedanken freude ich mich an und lege sie in meinen inneren Werkzeugkoffer, mit manchen Gedanken nicht. Genauso kannst du es auch handhaben, wenn du möchtest. Ich würde mich freuen.

Deswegen hier der kleine Hinweis – Du findest all unsere Interviews HIER – damit du dir deine eigenen Gedanken zu den Gedanken vieler wunderbarer Pferdemenschen machen kannst

Und weil das Leben immer weitergeht, geht natürlich auch die Expertenrunde immer weiter. Heute mit dem Autor für “Feine Hilfen” und “Reitkultur” Wolfgang Marlie. Er ist Reiter, Pferdemensch und besitzt die Reitpension Marlie an der Ostsee – die er zusammen mit seiner Frau betreibt. Er hat unter anderem das Buch “Pferde wie von Zauberhand bewegt” zusammen mit seiner Co-Autorin Ulrike Bergmann geschrieben.

HIER gibt es eine Rezension zu dem Buch

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Interview mit Wolfgang Marlie über Seilchenschwinger und positive Verstärker über Treiben und Halt geben und über die Frage, was Pferde von uns wirklich brauchen

HIER findest du im ersten Teil mehr Informationen zu seinem Unterricht und seiner Philosophie – wir steigen jetzt erst einmal mit der Praxis ein und sprechen dann all die vielen Themen durch, die Pferdemenschen bewegen.

Pferdeflüsterei: Ein Part deiner Trainingsidee ist die “Kopfkontrolle” – das habe ich zumindest in der Stunde Bodenarbeit erfahren, die wir zusammen gemacht haben – was bedeutet das genau?

Wolfgang Marlie: Ich nenne es selber immer Kopfkontrolle, finde das Wort aber eigentlich sehr unschön, viel zu technisch. Es entspricht nicht dem, was ich erreichen möchte, wenn ich ein Pferd bitte, mir seinen Kopf anzuvertrauen. Ich bitte darum oder fordere es dazu auf, wie gesagt, darüber muss ich nochmal nachdenken, dass ich seinen Kopf bewegen, ihm damit die Blickrichtung dirigieren darf. Ein Raubtier würde das Pferd nie aus den Augen lassen. Wenn es also auf meinen Wunsch dazu bereit ist, sich mir zu- aber auch mal den Kopf abzuwenden, dann ist das schon ein Vertrauensbeweis, weil es zeigt, dass es mich nicht als Raubtier betrachtet.

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Pferdeflüsterei: Wie machst du das dann?

Wolfgang Marlie: Ich fasse den Kopf an und schiebe ihn möglichst weich seitlich weg oder hole ihn näher zu mir. Das ist eine sehr sanfte Form, Vertrauen und Respekt einzufordern … wieder das Wort fordern. Bitten wäre mir lieber. Wenn das Pferd das nicht will, kann ich es nicht wirklich dazu zwingen.

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Wenn ich das mit Beharrlichkeit und Ruhe mache, also ein ruhiges Bedrängen – wie es Sonne, Wind oder Regen schaffen können – eine beharrliche Ungemütlichkeit, die nicht gefährlich oder schmerzhaft ist, sondern nur lästig…wenn ich es schaffe, dass das Pferd dieser Ungemütlichkeit weicht und nicht opponiert, ist das quasi wie ein Gesellschaftsspiel zwischen uns, bei dem das Pferd im Idealfall neugierig auf mich wird. Zwischendurch biete ich immer wieder Pause an. Für uns beide. Da Pferde von Haus aus Energiesparer sind, werden sie dankbar sein, wenn sie es sich leisten können, Ruhe wirklich zu genießen.

Pferdeflüsterei: Das ist die Pause im Natural Horsemanship – deswegen erinnert mich deine Bodenarbeit auch sehr an die Seilchenschwinger..

Wolfgang Marlie: Ja klar, weil du diese tierbezogenen Themen immer wieder in jeder Trainingsmethode finden wirst. Bei Xenophon oder bei Pat Parelli. Das Wichtige ist, dass man die Bereitschaft hat, das Pferd auf Augenhöhe zu sehen.

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Punkt 2 im Marlie-Konzept: Halt geben durch Treiben

Pferdeflüsterei: Ein weiterer Teil deines Konzeptes ist das Thema „Halt geben“. Das erreichst du in deiner Idee – wenn ich das richtig verstanden habe – durch treiben?

Wolfgang Marlie: Halt geben, heißt für mich tatsächlich „treiben zu können“. Ich kann den Huf zum Beispiel nur Halten, wenn das Pferd ihn mir vorher gibt. Wenn es sich von mir in eine Position treiben lässt und dann die Bereitschaft entwickelt, sich von mir halten zu lassen, sich mir anzuvertrauen. Solange es die Bereitschaft nicht hat, sich auf meine treibende Einwirkung einzulassen, hat es auch kein Vertrauen in mich. Wie beim Tanzen. Da würde ich dich ja auch führen beziehungsweise treiben. Und es würde nur funktionieren, wenn du einverstanden bist und Spaß an dieser Fahrt ins Blaue hast.

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Pferdeflüsterei: …oder wenn ich extrem schüchtern und ängstlich bin und einfach mache was du sagst, weil ich mich nicht traue Nein zu sagen. Woher weißt du, wann das Pferd sich in deine Form von Halt (den du ja durchaus einforderst) begibt oder wann es das macht, weil es sich nicht traut Nein zu sagen.

Wolfgang Marlie: Es wird sich nicht unbedingt immer gleich begeistert darauf einlassen. Mir ist es wichtig – deswegen mache ich so viel mit freilaufenden Pferden – dass ich das Treiben nicht erzwinge. Dass ich sozusagen dem Pferd ein gewisses Maß an Belästigung zumute, aber nach Möglichkeit nur eine Art der Belästigung, die ihm keine Angst, sondern die es neugierig macht.

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Pferdeflüsterei: Du näherst dich in deiner Trainingsphilosophie dem „Halt“ sozusagen an?

Wolfgang Marlie: Ja, ich nähere mich dem Haltgeben an. Das ist ein Prozess. Wir kennen das ja auch von der Haltetherapie bei uns Menschen. Oder von dieser speziellen Wickelmethode für Babys, das Pucken, wo die Kinder sich offensichtlich geborgen fühlen in dieser sehr engen Art eingewickelt zu sein. Genau die gleiche Beobachtung habe ich durch Zufall bei Pferden oft gemacht: Sie reagieren in bestimmten Situationen gar nicht explosiv, sondern sind schnell bereit, sich auf die Situation ruhig einzulassen.

Pferdeflüsterei: Aber vielleicht sind sie nicht ruhig, sondern vielmehr „starr“. Gerade introvertierte oder rangniedrigere Exemplare trauen sich vielleicht gar nicht nein zu sagen.  Ob also das Eingerahmt sein immer ein entspanntes Gefühl ist, ist die Frage.

Wolfgang Marlie: Das ist eine ganz wichtige Frage! Ich glaube nämlich, man kann es doch erkennen. Zum Beispiel daran, ob das Pferd nach so einer Halteeinheit gut ansprechbar, motiviert ist. Es kommt immer auch auf den Menschen an, der mit dem Pferd agiert. Möchte er dem Pferd helfen oder möchte er sich selbst etwas beweisen? Ich stelle immer wieder fest, dass Pferde sich sehr sicher fühlen, wenn das Gegenüber sich sicher fühlt.

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Mehr Entspannung und Neugierde

Pferdeflüsterei: Also eigentlich plädierst du für mehr Entspannung beim Pferd?

Wolfgang Marlie: Auch. Ich plädiere vor allem für Neugier. Das ist nochmal eine Stufe mehr. Und ich möchte ermutigen. Pferde wie Menschen. Wenn jemand Angst vor der Höhe hat, neigen wir dazu zu sagen: Sei ja vorsichtig, das ist ja so gefährlich! Das müssten wir aber nicht sagen, denn das weiß der Mensch selbst. Aber je mehr ich jemandem sage, dass er vorsichtig sein soll, desto mehr Angst hat er.

Es macht einen großen Unterschied ob wir jemanden entmutigen, in dem wir ständig erklären, was er alles falsch macht – oder ihn zu ermutigen, indem man ihn neugierig macht, ihm das Gefühl gibt, dass er okay so ist wie er ist und dass er all sein Potenzial nur noch besser nutzen kann.

Pferdeflüsterei: Wie machst du das im Training?

Wolfgang Marlie: Wir müssen den Pferden das Gefühl geben, dass sie ein Mitspracherecht haben. In der freien Natur muss sich ein Pferd nie prügeln, wenn es das nicht will. Es kann immer gehen. Pferde erleiden aus meiner Sicht keinen Gesichtsverlust, wenn sie nachgeben, sondern machen einfach das, was praktisch ist für sie. Sie haben sozusagen keine Eitelkeit in sich.

Im Zweifelsfall halten sie sich von dem fern, was ihnen unangenehm ist. Das bedeutet: Wir dürfen die Pferde nicht zwingen still zu halten, wir müssen ihnen immer den Raum lassen zu gehen. Oder sie sogar ins Gehen treiben, damit sich irgendwann ein Bedürfnis nach Ruhe einstellt. Das Prinzip darf nicht sein, ein Pferd zu bestrafen.

Das ist entmutigend. Deswegen ist es für mich unglaublich wichtig dem Pferd nie zu sagen, dass es falsch ist, was es macht, sondern ihm einen Weg zu zeigen und zu sagen: ‚Komm, das wäre für dich praktischer.‘ Das Pferd zu ermutigen beinhaltet, dem Pferd das Bewusstsein für seine Fliehfähigkeit zu geben. Dass es das Gefühl hat, dass es sich jeder schwierigen Situation immer entziehen kann. Dann wird es meist gar nicht das Bedürfnis haben zu fliehen. Gutes Pferdetraining braucht ein System und es braucht Zeit.

Das System Marlie

Pferdeflüsterei: Was ist denn das System mit dem du ganz praktisch arbeitest?

Wolfgang Marlie: Das System ist, eine Grundkommunikation mit dem Tier aufzubauen, die nur auf den Botschaften basiert: Das Pferd zu bedrängen und Abstand zu fordern oder es in die Ruhe und in die kuschelige Nähe einzuladen. Aber das muss das Pferd an der Art wie ich mich zeige, wie ich mich äußere, erkennen können. Verbal, optisch oder taktil.

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Pferdeflüsterei: Das Wort Bedrängen mag ich ja nicht besonders, aber ich bleiben wir einfach mal dabei: Wie „bedrängst“ du und wie lädst du ein?

Wolfgang Marlie: Bedrängen bedeutet, dem Pferd eine Unbehaglichkeit zuzumuten, die es veranlasst aus seiner vermeintlichen Komfortzone zu gehen. Ich möchte Pferde auf Signale konditionieren. Ich möchte, dass das Pferd lernt, über seine Sinne meine Signale wahrnehmen zu können. Das kann eine Berührung sein oder etwas, was ich ihm zeige oder was ich akustisch von mir gebe.

Um diese Signale dem Pferd bekannt zu machen, muss ich ein Motiv liefern. Ein Motiv ist ein angenehmes Gefühl oder ein lästiges Gefühl. Was veranlasst das Pferd etwas zu verändern? Eher ein lästiges, als ein angenehmes Gefühl. Nur dann wecke ich Veränderungsbedarf. Dann kann ich das Pferd aus dem Unangenehmen ins Angenehme führen.

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Pferdeflüsterei: Praktisch gesprochen: Du bewegst es, um es dann zu streicheln. Aber du meinst, dass es ohne „Bedrängen“ nicht geht?

Wolfgang Marlie:. Wie soll das Tier sich für irgendetwas interessieren, wenn ich ihm nichts gebe, auf das es sich einlassen kann? Wenn ich ihm keinen Grund liefere, etwas zu verändern?

Positive Verstärkung aus dem Marlie-Blickwinkel

Pferdeflüsterei: Naja, die positiven Verstärker zum Beispiel schließen das „Bedrängen“ komplett aus. Und wenden eine komplett konträre Lerntheorie an.

Wolfgang Marlie: Das ist mir zu diffus. Ich denke, dass es Stress ist, wenn das Pferd keine klaren Rahmenlinien bekommt. Wenn es also selbst herausfinden soll, was gewünscht ist, ist das anstrengender als klare Signale. Aus meiner Sicht ist da zu viel Raterei im Spiel.

Nehmen wir ein Beispiel. Da steht ein Pferd, ich möchte, dass es zu mir kommt, winke mit der Möhre und belohne es damit, wenn es kommt. Ich halte dem Pferd die Möhre hin und wecke damit ein Bedürfnis, das es vorher gar nicht hatte. Also schränke ich seine Behaglichkeit in dem Moment ein. Es wird also auch bedrängt. Ich kann nur da ansetzen, wo Bedarf ist. Bedarf heißt aber immer auch, dass ich ein Defizit fühle.

Die reine positive Verstärkung geht meiner Überzeugung nach nicht, weil sich die Gedankenwelt des Pferdes nur verändern kann, wenn ich es ein bisschen störe in seiner Behaglichkeit. Das ist bei uns Menschen genauso. Wir müssen unsere Komfortzone verlassen. Wir brauchen einen Auslöser, um noch einmal darüber nachzudenken, ob das, was wir gerade machen wirklich so praktisch ist. Ich möchte dem Pferd gezielt sagen, was ich mir von ihm wünsche. Das sage ich dem Pferd dadurch, dass ich es berühre und es ihm „begreiflich“ mache. Die ruhig anliegende Hand sagt: Mach bitte ein bisschen Platz. Die streichelnde Hand sagt: mach bitte Pause. Das bringe ich ihm so bei. Der Kern ist immer, es dem Pferd begreiflich zu machen.

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Pferdeflüsterei: Das würde jetzt ziemlich weit führen, wenn wir die positive Verstärkung und deren Lerntheorien zerlegen und diskutieren. Ich denke, dass sie ein bisschen anders funktioniert, als du beschreibst und ein sehr schöner Weg sein kann, aber das ist einen Extra-Artikel wert. Letztlich gibt es viele Wege, die nach Rom führen. Aber diskutieren wir nicht über positive Verstärkung, sondern bleiben einfach bei deiner Theorie und deinen Vorstellungen von Pferdetraining. Darum soll es ja im Interview gehen. Für mich klingt das was du beschreibst und ich sehe das was du machst im Grunde wie Natural Horsemanship in einer klaren und deutlichen Ausprägung. Du spielst „wer bewegt wen“, hast am Ende die Entscheidungsgewalt, kommunizierst über das Treiben und die Pause – wobei du treiben ganz kleinteilig definierst – willst Klarheit in den Emotionen und Führungskompetenz zeigen, was wiederum dem Pferd Sicherheit gibt?

Wolfgang Marlie: Ich habe ja auch gar nichts gegen Natural Horsemanship. Im Gegenteil. Ich denke, dass Pferde mit unklaren Botschaften nichts anfangen können. Sie schätzen die Klarheit, damit sie sich sicher fühlen können. Als ich anfing zu reiten, wollte ich, dass das Pferd genau das macht, was ich will. Das ist heute anders. Ich habe Freude daran, wenn der andere sich freut oder wenn ich für den anderen etwas tun kann. Ich bin den Pferden zugewandt. Das ist eine ganz andere Basis.

Freude statt Ehrgeiz im Pferdetraining

Pferdeflüsterei: Also die Technik ist ähnlich geblieben, wenn auch sanfter geworden – aber das Gefühl ist nicht mehr Ehrgeiz, sondern Freude?

Wolfgang Marlie: Das ist der gravierende Unterschied. Ich habe keinen Frust mehr. Früher hatte ich ständig Frust, weil es im Training oft nicht so funktioniert hat, wie ich das wollte. Heute finde ich schon im Tun Freude und habe so eine ganz andere Haltung dem Pferd und mir selbst gegenüber. Wir lassen uns so viel entgehen, wenn wir die Pferde nur trainieren wollen und nicht als das sehen, was sie sind und nicht mit ihnen gemeinsam entdecken, was sie können und wohin der gemeinsame Weg uns führen kann.

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Pferdeflüsterei: Du möchtest gar nicht so sehr Technik vermitteln, sondern vor allem eine andere Einstellung und ein anderes Gefühl?

Wolfgang Marlie: Genau. Schlechte Lehrer sind Entmutiger, gute Lehrer sind Ermutiger. Pferde sind nicht zu 100% kontrollierbar. Du kannst keinem Pferd 100% trauen, weil es ein Lebewesen ist, das jederzeit bocken oder treten kann. Aber das ist nicht das Problem. Denn du musst nicht dem Pferd trauen, du musst dir selbst vertrauen. Dann kann dich letztlich auch kein Pferd ängstigen und du kannst mit allen Pferden umgehen, ihnen Sicherheit geben. Weil du immer einen Weg finden wirst, um mit dem Pferd zu arbeiten – je nachdem wie es sich verhält. Weil du dir selbst vertraust und deswegen die entsprechende Gelassenheit besitzt.

Ich lese sehr gern die Bücher von Mark Rashid. Er beschäftigt sich letztlich immer mit der inneren Einstellung. Er sagt, dass er nicht mit sanfter Hand reiten kann, wenn er nicht sanft ist. Er kann auch nicht sanft zum Pferd sein, wenn er nicht sanft ist. Das ist eine Grundeinstellung des Respektes. Dass wir akzeptieren, dass das Meer tief ist oder hohe Wellen produziert. Ich liebe es nicht trotz all dem, sondern ich mag es so, wie es ist. Jemanden ein bisschen zu mögen und sich gleichzeitig vorzustellen wie er sein müsste, damit wir ihn richtig mögen könnten – darum kann es nicht gehen. Mir geht es darum, dass alles in der Natur liebenswert ist. Alles hat seinen Wert und je mehr ich alles respektieren kann, desto zufriedener werde ich mit dem Leben sein.

Pferdeflüsterei: Ich danke dir für deine Gedanken zum Thema. Es ist wichtig immer wieder neue Blickwinkel kennenzulernen, denke ich – um dann den eigenen Weg zu finden. 

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7 Kommentare zu “Vertrauen durch Halt und Halt durch Treiben: Wolfgang Marlie im Interview

  1. Chrisa sagt:

    Hallo Petra, ein sehr interessantes Interview!
    Ich habe auch das Buch gelesen (Pferde – wie von Zauberhand bewegt), konnte damit aber, ehrlich gesagt, nicht so viel anfangen, zusammen mit dem Interview rückt es sich gerade ein bisschen besser zurecht in meinem Oberstübchen 😉
    Er hat seinen eigenen Weg gesucht (und gefunden), irgendwo in dem riesigen Graubereich zwischen positiver Verstärkung (über die er sich vllt nochmal informieren sollte 😉 ) und den Horsemanship-Methoden (die ja meist über Druckstufen arbeiten). Es ist ihm anzumerken, dass er die Art und Weise, wie mit Pferden umgegangen wird, positiv zu Gunsten der Pferd verändern möchte und das ist schon sehr viel!
    Auch die pos. Verstärkung kennt Signale, auf die das Pferd hin bestimmte Reaktionen anbieten soll (die Intensität entspricht ungefähr dem, was Herr Marlie selbst beschreibt mit "wie es Sonne, Wind und Regen schaffen können" – Sylvia Czarnecki schreibt "milde störend"), ausschließlich über das "freie Formen" arbeiten wohl die wenigsten.
    Und für viele Pferde ist es schon eine "Erleichterung", wenn das Signal nur wiederholt, nicht aber die Intensität gesteigert wird.

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Chrisa, ja deine Gedanken kann ich sehr nachvollziehen. Ich hatte nach dem Buch auch andere Erwartungen als ich dort war. Aber auch wenn ich nicht alle Ansichten teile, finde ich sie trotzdem interessant. Und ein paar Gedankengänge habe ich mir auf jeden Fall mitgenommen. Nur nicht zur positiven Verstärkung 😉 Da hast du Recht, das dachte ich auch beim Interview. Wollte aber jetzt keine Trainingsmethode durchdiskutieren oder belehren, sondern weiter über Wolfgang Marlies Ansichten reden. Auf jeden Fall lieben Dank für deine Gedanken und ganz liebe Grüße, Petra

  2. Miriam sagt:

    Liebe Petra,
    wieder ein sehr interessantes Interview. Auch wenn ich definitiv aus einer anderen Ecke komme, konnte ich hier wieder ein paar Denkanstöße mitnehmen.
    Was ich anders sehe ist, dass ich dem Pferd eine Situation unbequemer machen muss, damit es sich aus seiner Komfortzone bewegt. Das erlebe ich bei meinem Ponymann ganz anders. Er hat einen starken Willen und sagt deutlich, wenn er etwas gut findet oder wenn nicht.
    Er arbeitet aber immer begeistert mit, wenn die Übung ihm entweder einfach total viel Spaß macht (z.B. Ball spielen) oder sie ihm einen anderen Nutzen wie z.B. mehr Beweglichkeit bringt. Er muss für sich einen Sinn in der Übung sehen und dann ist er auch dabei. Findet er diesen für sich nicht, dann hat er auch überhaupt keine Motivation.
    Das macht das Training manchmal schwerer, denn ich muss mir immer überlegen wie ich ihm Übungen so näher bringe, dass er möglichst schnell erkennen kann, was sie ihm bringt. Das Schulterherein hat er z.B. sehr schnell gelernt, weil er schnell gemerkt hat, dass ihn das beweglicher macht. Er fragt manchmal selber nach, ob wir das nicht üben können. Ich habe einen Baumstamm auf dem Paddock liegen an dem ich immer wieder beobachten kann, wie er selbständig das bewusste Drüberschreiten übt. Hier gewinnt er an Körpergefühl.
    Das Kruppeherein können wir nach wochenlangem Üben noch immer nicht. Warum? Weil ich noch nicht den richtigen Ansatz gefunden habe es ihm so beizubringen, dass er versteht, was es ihm bringt. Ich habe bisher versucht es ihm über das Hüfttarget zu erklären. Er sieht für sich aber keinen Sinn in dieser Übung. Das Hüfttarget macht ihm keinen Spaß (er kaspert halt einfach gerne rum) und er zieht für sich auch keinen anderen Nutzen aus der Übung. Also will er nicht richtig und das macht es sehr zäh.
    Jetzt könnte ich natürlich mehr Druck machen und versuchen ihn zu überzeugen, denn ich bin mir sicher, wenn er das Kruppeherein begriffen hat, wird er wieder das Mehr an Beweglichkeit für sich entdecken und die Übung gut machen. Das ist für mich aber nicht der Weg. Das wäre einfach, aber ich versuche nun einfach einen anderen Weg zu finden, wie ich ihm diese Übung erklären kann und zwar so, dass er Spaß daran hat und motiviert mitmacht. Oftmals dauert das länger und ist komplizierter, aber ich freue mich, wenn ich einen Weg finde, der die Motivation meines Ponys erhält. Dafür gehe ich gerne Umwege.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Chrisa sagt:

      Hallo Miriam, das ist ja "lustig", was du am Schluss über das Kruppeherein schreibst… Wir haben eine ähnliche Blockade beim Renvers, das ja im Prinzip nur ein "umgekehrtes" Travers ist… Irgendwie schaff ichs nicht, die Hilfen so ans Pferd zu bringen, dass er kapiert, dass es die gleiche Bewegung ist, nur halt zur Bande hin und nicht zur Bahnmitte…
      Das mit der Komfortzone unterschreib ich dir, da hängt er (glaub ich) noch ein bisschen an den ganz alten Denkmustern, dass Reiten/etc. halt "Arbeit" ist, die keinen Spaß macht (darum liest man auch oft, das Pferd auf!jeden!Fall!immer! mit ausreichend Pausen zu "Belohnen"). Je nachdem, wie aber das "Training" aufgebaut ist, ist das Pferd ja eh motiviert und dann hab ich dieses Komfortzonenthema gar nicht…

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, was für ein schöner Gedanke. Ich finde, dass dein Ponymann es ziemlich gut bei dir hat und er ist ja auch so eine freche neugierige und wunderbare Persönlichkeit. Ich glaube schon, dass es auch Pferde gibt, die den Halt einer klaren Ansage brauchen, um Verantwortung abgeben zu können – aber immer in Maßen. Ich zweifle auch noch sehr an dem Modell des "Kratzens an der Komfortzone", das ja gerade im Horsemanship und in vielen anderen Trainingsideen verbreitet ist. Deinen Ansatz finde ich sehr spannend. Ich muss da mal ein bisschen drüber grübeln, ob ich da mit meinem Pferd beispielsweise auch Möglichkeiten hätte oder ob sie das als Inkonsistenz betrachten würde, die ihr wiederum Unsicherheiten verursacht. Auf jeden fall vielen lieben Dank für deinen Kommentar und deine bereichernden Gedanken zum Thema. Alles Liebe und bis bald, Petra

  3. Jörg sagt:

    Hallo Petra,
    mich interessiert Dein persönlicher Eindruck beim Vergleich von Wolfgang Marlie und Honza Bláha:
    Wer arbeitet mit mehr Druck (Stärke, Dauer)?
    Wer zeigt bessere und präzisere Zeitverhalten (Timing)?
    Wer produziert den eleganteren Tanz/das schönere Ergebnis mit dem Pferd?

    • Petra sagt:

      Hallo lieber Jörg, das ist ganz schwer zu beurteilen. Trainer zu vergleichen, vor allem, wenn man sie nur einen Tag oder zwei erlebt hat ist wirklich schwierig. Ich würde sagen, dass beide ein sehr gutes Timing haben und beide mit Druck arbeiten. Aber jede auf eine eigene Art. Ein Tanz ist es bei beiden – aber schon mit einem dominanten Tanzherren – würde ich sagen. Honza ist mehr Cowboy, Wolfgang mehr Gentleman. Insofern – sie nehmen sich nichts, aber jeder auf seine Art und Weise. Viele liebe Grüße, Petra

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