Titelbild Chevalie

Ein Gastbeitrag von Chevalie:

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich musste das Zitat mehrmals lesen, bevor ich so richtig verstanden hatte worum es Mark Rashid ging. Seitdem habe ich viel darüber nachgedacht und es beinhaltet für mich so viel, dass ich mich besonders freue es hier in der Pferdeflüsterei mit Dir zu teilen.

Das Zitat stammt aus einem Buch, das mich wahrscheinlichmehr geprägt hat als jedes andere Pferdebuch*

Einem Pferd dabei helfen, etwas zu verstehen

Mein junges Pferd, Massoud (genannt Soudi), hat ein Problem mit Pfützen. Es ist nicht so, dass er Angst vor Wasser im Allgemeinen hätte, aber Pfützen sind etwas anderes. Wenn man darüber nachdenkt, ist das auch gar nicht so doof, immerhin könnten ein Hai oder ein Alligator darin lauern oder die Pfütze könnte in Wirklichkeit ein tiefer Abgrund sein. Du und ich wissen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, aber Soudi weiß das nicht. Deshalb finde ich seine Skepsis gegenüber Pfützen durchaus nachvollziehbar.

Trotzdem ist es manchmal unvermeidlich, dass er durch eine Pfütze durch muss. Wenn wir zu unserem Putzplatz möchten, zum Beispiel. Normalerweise kommt Soudi mir auf der Weide entgegen, wir begrüßen uns und er folgt mir ohne Halfter oder Strick zum Zaun, wartet, bis ich das Tor zum Putzplatz öffne und geht hinein. Vor einigen Wochen hatte es aber tagelang geregnet und am Zaun vor dem Putzplatz lauerte eine große Pfütze. Ausgerechnet an diesem Tag hatte ich weder Halfter noch Strick dabei. Im Nachhinein bin ich froh darüber, denn wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, vielleicht hätte ich mich dann doch dazu hinreißen lassen ihn dazu zu bringen, durch die Pfütze zu gehen. Aber so konnte ich nur abwarten. Ich war guter Dinge, dass Soudi ganz von selbst die „richtige“ Entscheidung treffen und sich überwinden würde, ich hatte Zeit und selbst wenn er sich doch dagegen entschieden hätte, wäre ja nichts Schlimmes passiert. Und so wartete ich. Minuten vergingen, in denen ich dabei zusah, wie Soudi mit sich rang. Er wollte wirklich nicht durch die Pfütze. Aber er wollte auch wirklich gerne zu mir.

harmonie

Ungeduld ist ein ständiger Gast in unseren Ställen

Neben uns auf einem kleinen Paddock übte eine andere Einstellerin mit ihrem Jungpferd und zu meinem größten Erstaunen ertrug sie mein Warten kaum. Sobald Soudi vor der Pfütze stehen blieb, fragte sie mich, ob sie helfen und von hinten treiben sollte. Ich verneinte. Aber während ich dort stand, meinem Pferd gut zuredete und geduldig wartete, bot sie mir noch zwei Mal Strick, Gerte oder ihre Mithilfe an. Ich wunderte mich, dass ihr das Warten so schwer fiel – obwohl es sie doch noch nicht einmal betraf. Und als ich so darüber nachdachte, wurde mir klar, dass Ungeduld ein ständiger Gast in unseren Reitställen ist. Wir sind ungeduldig, wenn unsere Pferde zögern, wenn sie nicht verstehen was wir von ihnen wollen, wenn sie nicht stillstehen – eigentlich sind wir ständig ungeduldig. Normalerweise bringen wir sie dann dazu, zu verstehen. Wir wollen, dass unsere Pferde die richtige Entscheidung treffen. Nämlich unsere. Und zwar jetzt. Aber warum eigentlich? Das ist doch unsere Freizeit. Haben wir keine Zeit zu warten? Ich dachte an all die Male, in denen ich ungeduldig gewesen war und mir wurde klar, wie selten wir die Zeit aufbringen, unseren Pferden die Gelegenheit zu geben die Situation zu durchdenken und eine Entscheidung zu treffen.

Geduld lohnt sich

Als Soudi sich schließlich überwand und auf Hufspitzen durch die schreckliche Pfütze zu mir hastete, feierte ich ihn begeistert und Soudi wuchs vor Stolz bestimmt zehn Zentimeter. Dieser kleine Sieg war für uns ein großer Moment, weil wir ihn zusammen errungen hatten. Es hatte sich keiner durchgesetzt. Ich hatte Soudi den Weg gezeigt, ihm die Entscheidung aber selbst überlassen und ihm die Zeit gegeben, die er brauchte. Und er war mir gefolgt, obwohl es ihn Überwindung gekostet hatte und obwohl er es nicht hätte tun müssen. Er war mir gefolgt, weil er mir folgen wollte.

Als ich ihn am nächsten Tag von der Weide holte, zögerte er wieder an der Pfütze, aber nur einen Augenblick lang. Und am dritten Tag folgte er mir ohne zu zögern.

draussen

Das Pferd dazu bringen, etwas zu verstehen

Als ich letztes Jahr im Urlaub in Dänemark war, ging ich am Strand spazieren und sah von weitem eine Reiterin mit ihrem Haflinger am Strand entlangreiten. Zunächst freute ich mich über den schönen Anblick. Doch dann versuchte sie, ihr Pferd ins flache Wasser zu reiten. Der Hafi erschrak fürchterlich, als die Brandung um seine Fesseln schlug und machte einen Satz zurück. Aber das Mädchen wollte, dass er hineinging und lenkte ihn immer wieder auf’s Wasser zu, während sie ihm die Schenkel in die Rippen donnerte und seine Nase Richtung Meer riss. Schließlich setzte sie sich durch. Sie hatte das Pferd dazu gebracht, seine Angst zu überwinden (um den Schmerzen zu entgehen).

Wir beide haben am Ende im Prinzip das Geiche erreicht. Wir haben unsere Pferde dazu bekommen, durch gruseliges Wasser zu gehen. Aber unsere Herangehensweisen waren dabei sehr unterschiedlich. Siehst Du den Unterschied zwischen „dazu bringen“ und „dabei helfen“?

Ein Pferd zu etwas bringen – oder ihm helfen

Dieses Zitat ist so wichtig, weil es unsere gesamte Ausbildung betrifft. Die Arbeit an der Longe ist, finde ich, ein sehr alltägliches, gutes Beispiel dafür. Viele bringen ihr Pferd dazu, an der Longe zu laufen, indem sie es an ein langes Seil binden, den Kopf mit Ausbindern in die richtige Position bringen und so lange mit der Peitsche knallen, bis es im Kreis läuft ohne stehen zu bleiben.

Andere helfen ihrem Pferd dabei zu verstehen, wie longieren funktioniert. Sie führen ihr Pferd zunächst auf immer größer werdenden Kreisen, erklären ihm dabei, welche Haltung es einnehmen muss und bis das Pferd dann irgendwann in gesunder Haltung an der Longe um sie herumläuft vergehen Tage, oder gar Wochen.

Der längere Weg ist oft der bessere

Bei allem, was wir unseren Pferden beibringen oder was wir von ihnen verlangen, haben wir die Wahl, ob wir sie dazu bringen, oder ihnen dabei helfen wollen. Der Unterschied liegt oft gar nicht in besonderen Techniken, sondern vor allem in unserer Einstellung. Wollen wir unser Pferd dominieren oder sein Partner sein? Ein Partner bestimmt nicht. Er dominiert nicht. Er leistet Hilfestellung. Und er hat Geduld. Denn der sanftere Weg ist oft der längere – aber auch der lohnendere.

Text: Sophie Pahl – Chevalie.de
Bilder: Sophie Pahl – Chevalie.de

Titelbild Chevalie

Wer ist der Zitategeber – Mark Rashid*

Mark Rashid ist ein amerikanischer Pferdetrainer und Autor, der mit seinen Pferden einen Weg jenseits der Dominanztheorie gesucht und dank seines Lehrmeisters, dem „alten Mann“, auch von Anfang an gefunden hat. Mark Rashid betrachtet den Umgang mit Pferden aus der Sicht der Pferde und entwickelte seine Methoden aus Erfahrungen und Beobachtungen, die er mit großen Pferdeherden in den USA machen konnte.

Noch mehr Bücher von Mark Rashid findest du hier*

Autor: Gastautor / Gastautorin

9 Kommentare zu “Mark Rashid: Hilf dem Pferd dabei, dich zu verstehen

  1. Nina sagt:

    Ein wirklich toller Beitrag, der mir aus der Seele spricht.
    Nun hat vielleicht nicht jeder die Möglichkeit ohne Halfter außerhalb des Reitplatzes zu üben und viele werden auch noch gar nicht dieses Vertrauen zueinander aufgebaut haben, aber genau das ist doch das Ergebnis von Geduld! Wenn alle einfach mal Geduldiger wären, gäbe es viel weniger vermeintliche „Problempferde“. Also Pferde mit Menschenproblemen 🙂
    Ich dachte gerade beim Lesen selbst, dass es meistens nicht das Problem ist dass Menschen nicht wissen wie eine Trainingsmethode funktioniert, das „wie bring ich meinem Pferd irgendwas bei“. Oft wird es richtig, aber viel zu schnell gemacht. Und da kam auch schon dein Satz „Der Unterschied liegt oft gar nicht in besonderen Techniken…“
    Danke für deinen Gastbeitrag!

    • Sophie sagt:

      Hallo Nina,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Es freut mich sehr, dass Dir mein Gastbeitrag gefällt. Außerhalb des Reitplatzes haben wahrscheinlich wenige diese Möglichkeit. Aber auf dem Reitplatz sicherlich hin und wieder schon. Ich glaube es lohnt sich, dann mal alles weg zu lassen. Wahrscheinlich wird das bei den ersten Malen relativ frustrierend sein, aber das ist die beste Geduldsübung, die ich kenne. Es einfach mal aushalten, wenn sich das Pferd nicht für einen interessiert oder weggeht… Ich glaube das fällt fielen sehr schwer und uns wird ja auch eingetrichtert, dass das Pferd uns, dem Alpha, gefälligst zuzuhören hat. Ich sehe das mittlerweile anders. Mein Pferd muss mir nicht zuhören. Aber es ist toll, wenn er das tut. Und ich habe für mich entdeckt, dass er das vor allem tut, wenn ich ihm Zeit gebe und ihn mitreden lasse – denn dann hat er Spaß an dem was wir tun. Wenn er versteht was ich von ihm möchte, dann tut er das (meistens) gern für mich. Und wenn nicht, dann vielleicht morgen, oder übermorgen. Ich kann so „arbeiten“, weil ich Zeit habe und mir die Zeit nehme. Zeit und Geduld sind aber irgendwie wirklich Mangelware in unserem Sport…
      Die Technik, die ich dann anwende ist nicht halb so wichtig, wie die Tatsache, dass ich meinem Pferd Zeit gebe zu verstehen – genau wie Du sagst! 🙂
      Liebe Grüße,
      Sophie

  2. Christina sagt:

    Wie wahr… Mein Pferd ist ein richtiges Sensibelchen und Druck jeglicher Art ist für ihn der Horror. Noch vor 3-4 Jahren war ich auch noch in der Druck und Dominanz Schiene drin und wollte so meinem Pferd Ängste nehmen… Klar, dass er so vor allen Dingen noch mehr Angst bekam. Seit unsere Beziehung wieder einigermaßen gut ist, also dass er mir endlich wieder richtig vertrauen kann, führe ich ihn erneut an die Angsteinflößenden Dinge heran. Und das immer in der Freiarbeit und da nehme ich mir auch die Zeit, die er eben dafür braucht. Und das kann dann auch mal 2-3 Wochen dauern wo ich 1-2 Tage pro Woche soetwas mit ihm mache. Aber es funktioniert! So viel besser! Die Dinge werden plötzlich richtig interessant und er fühlt sich nach jeder Überwindung so stolz – wie es bei deinem Pferd ja auch war 🙂 Und wenn man die Pferde vergleicht, die da in solche Angst-Situationen hinein geprügelt, tun sie einem einfach nur leid… Denn die Angst wurde nicht überwunden, es war der Wille des Pferdes, der beiseite geschoben wurde…

    • Sophie sagt:

      Liebe Christina,

      ich finde es toll, wenn man ehrlich zu sich selbst ist und auch mal Fehler eingesteht. Früher bin ich auch ganz anders mit Pferden umgegangen. Es wurde mir eben so beigebracht… Heute tut mir das sehr leid, aber das kann ich nicht mehr ändern. Was ich aber ändern kann ist mein Umgang heute und ich bin froh, dass mir unter anderem dieses Zitat dabei geholfen hat zu begreifen, welchen Weg ich gehen möchte. Soudi ist absolut kein Sensibelchen. Aber auch er hat eben manchmal Angst oder keine Lust. Ich glaube, wenn ich nicht auf seine Einwände hören würde, dann würden wir ständig miteinander „kämpfen“. Aber so ist das eine absolute Seltenheit (und IMMER meine Schuld) und meistens erarbeiten wir Neues ganz stressfrei und entspannt und haben beide Spaß dabei. Wenn das dann mal etwas länger dauert? Egal. Wir haben ja schon auf dem Weg dahin Spaß und nicht erst, wenn wir das Ergebnis haben.:)
      Liebe Grüße,
      Sophie

  3. Miriam sagt:

    Liebe Sophie, liebe Petra,

    das ist ein sehr schöner Artikel. Mir zaubert er heute Morgen ein Lächeln auf’s Gesicht.
    Es ist so schön wie das Pfützenproblem gelöst wurde. Ich selber versuche immer, mein Pony selber entscheiden zu lassen und ihm in ganz kleinen Schritten zu erklären was ich eigentlich von ihm will. Ich setze mich nicht durch und werde auch nicht energischer, wenn was nicht klappt. Im Gegenteil entweder gehe ich ein Stück zurück, lass es an dem Tag ganz oder warte bis er versteht was ich sagen will. Das funktioniert bei uns gut. Mein Pony traut sich dadruch eigene Ideen zu haben, eigene Vorschläge zu bringen und Aufgaben selbständig zu lösen. So wie Soudi die Pfütze selbständig gelöst hat. Wer einmal den Ausdruck des Pferdes bemerkt hat nachdem es eine Aufgabe ganz alleine gemeistert hat und verstanden hat, was man von ihm will, der kann sich glaube ich nicht mehr durchsetzen und das Pferd (auch nicht sanft) zwingen. Es gibt für mich kaum einen schöneren Augenblick wie der Ausdruck meines Ponys voller Stolz und Selbstvertrauen, weil er selber eine für ihn große Aufgabe gemeistert hat und verstanden hat, worum es geht.
    Meine ehemalige Reitbeteiligung war z.B. jemand, der bei solchen Aufgaben immer erst Mal weg gelaufen ist. Er hat nachgedacht, kam dann wieder, hat ganz tief eingeatmet und ist dann durch. Danach wurde er bestimmt 20 cm größer, hat den Hals rund gemacht, abgeschnaubt und den Schweif stolz etwas aufgestellt. Das waren so schöne Momente. Aber ich musste bei ihm zulassen, dass er sich erst Mal wegbewegt.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Sophie sagt:

      Liebe Miriam,

      dieses Zulassen ist, glaub ich, das was uns allen so schwer fällt. Dass Pferd weggehen lassen, wenn wir etwas von ihm wollen? Mir wurde zumindest beigebracht, dass man das auf keinen Fall tun darf – denn dann wird das Pferd ja früher oder später gar nichts mehr machen! Du und ich wissen, dass das natürlich völliger Humbug ist. Eher das Gegenteil ist der Fall: Wenn ich Soudi zwingen oder ihn zu etwas bringen will, dann macht er früher oder später gar nichts mehr. Aber wenn ich nett frage, dann macht er es – wenn nicht beim ersten Mal – ganz sicher beim zweiten oder dritten Mal. Diese Geduld lohnt sich so sehr, wenn ich dafür nicht mit ihm kämpfen muss und wir Freude an unserem Zusammensein und auch an unserer „Zusammenarbeit“ haben.
      Und diese Momente, wenn wir zusammen (nicht gegeneinander) eine Aufgabe bewältigt haben, sind mit die schönsten Augenblicke, die wir zusammen erleben. <3
      Ganz liebe Grüße,
      Sophie

  4. Mieke sagt:

    Super Artikel! Ich kenne das Gleiche aus der Hundeszene. Da hört man auch immer wieder „Der hat zu gehorchen, wenn ich rufe!“, aber selten wird sich gefragt „Warum gehorcht er gerade eigentlich nicht?“ und noch seltener wird das Problem in der Basis betrachtet und noch viel seltener wird dem Tier die Chance zum selbstmotivierten Lernen gegeben.

    Sophie, ich finde Du hast vollkommen recht und ihr habt das klasse gemacht!

  5. Sandra sagt:

    Danke für diesen tiefsinnigen und liebevollen Beitrag. Du bringst alltägliche Probleme auf den Punkt und wie immer zeigt es gesellschaftliche Schwierigkeiten auf: Zeit und Respekt – egal ob für Equiden oder Humanoiden.

    • Petra sagt:

      Das Lob gebührt ganz Sophie von Chevalie bei diesem Beitrag 🙂 Sie hat ihn ganz wundervoll für uns geschrieben. Liebe Grüße und danke dir dafür, Petra

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