Gut Reiten – was heißt das eigentlich? Ist es akademisch? Leégèreté? Dressur? Hacken tief und Rücken gerade oder doch eher innere Bilder und Centered nach Sally? So viele Strömungen, so viele Gedanken und Ideen. Was ist das Richtige? Auch für dich und dein Pferd? Das kannst du nur herausfinden, in dem du dir so viel wie möglich ansiehst, ausprobierst und dann den Weg für dich selbst findest.

Ich persönlich bin ein Fan vom Centered Riding, weil es nicht darum geht einem Bild zu entsprechen, sondern einen Sitz zu finden, der dem eigenen Körper entspricht. Und die sind ja bekanntlich sehr individuell. Das erscheint mir logisch. Lockerer Beckenboden und dann mit den Bewegungen des Pferdes einen Sitz finden.

Wer ist Sibylle Wiemer

Sibylle Wiemer

Sibylle Wiemer arbeitet zum Beispiel auch mit diesen Elementen, verbindet sie aber mit Franklinbällen und der hohen Dressurschule der Légèreté – spannend! Wie sie das macht und was für sie persönlich gutes Reiten bedeutet, das hat sie mir im Interview erzählt.

Sibylle Wiemer ist auch Speakerin bei PFERNETZT und erklärt auch da, wie du mit Franklin-Bällen, inneren Bildern und Gymnastik in und auf dem Pferd deinen persönlichen perfekten Sitz finden kannst.

INFO: Live erleben kannst du sie bei PFERNETZT 2017. 

PFERNETZT ist der Pferdeevent für Pferdemenschen – am 06. und 07. Mai 2017 im Seminarhotel Fohlenweide bei FULDA.

2 Tage geballtes Pferdewissen, 22 pferdefreundliche Speaker, 26 spannende Vorträge für 200 gleichgesinnte Pferdemenschen.

In spannenden Workshops, Vorträgen und Vorführungen bekommst Du Einblicke in die Arbeit von bekannten Pferdetrainern wie Arien Aguilar und Babette Teschen und in die unterschiedlichsten Trainingsmethoden und Themen rund ums Pferd.

Hier findest Du das Programm und HIER kannst Du Tickets kaufen.

In drei verschiedenen Räumen auf der Fohlenweide wird es Vorträge geben zu Themen von feinem Reiten und vertrauensvoller Bodenarbeit über Kräuterfütterung bis zu Pferdeanatomie. Die Trainer werden dir nach den Seminaren für deine Fragen zur Verfügung stehen und wir alle freuen uns darauf, uns mit dir und den Trainern auszutauschen. Ich werde auch da sein und würde mich freuen dich dort zu treffen.

Interview über gutes Reiten, den perfekten Sitz, Sperrriemen und Hilfszügelwas Sibylle Wiemer dazu zu sagen hat erklärt sie dir im Interview

Sibylle WiemerPferdeflüsterei: Gutes Reiten – was bedeutet das für dich?

Sibylle Wiemer: Gutes Reiten ist für mich nicht abhängig vom Ausbildungsstand. Denn Pferd und Reiter können auch innerhalb von Einheiten im therapeutischen Reiten oder Reiten als Gesundheitssport „gut miteinander umgehen“. Mir ist das Miteinander zwischen Pferd und Mensch letztendlich wichtiger als eine messbare Leistung.

So ist für mich absolut gleichwertig, wenn ein Mensch mit geistiger Behinderung im Schritt über eine am Boden liegende rot-weiße Stange trabt oder der Leistungssportler die gleiche Stange bei einer Höhe von 1,20 m überwindet. Ich beobachte die Mimik von Pferd und Mensch, die Körpersprache und die Ansprache. Mir ist also das Einfühlungsvermögen besonders wichtig.

Légèreté – was ist das

Pferdeflüsterei: Du bist ja auch der Schule der Légèreté verhaftet – inwiefern unterscheidet sie sich beispielsweise von der klassischen Reitkunst oder der akademischen?

Sibylle Wiemer: Ich beginne mit einer Gegenfrage: Wie unterscheidet sich das Westernreiten vom konventionellen Reiten? Inwieweit die klassisch-barocke Reiterei von der spanischen oder portugiesischen Reitweise? Die Liste ist endlos.

Wir haben derzeit viele Strömungen verschiedener Reitweisen auf dem Markt. Wenn ich noch nie geritten bin, schalte ich den Fernseher an, sehe ich Dressurspringen und Voltigieren in höchster Wettkampfqualität. Wenn ich weiter zappe, galoppiert John Wayne dem Sonnenuntergang entgegen oder Sissi springt über die Rosen. Was ich damit sagen möchte ist: egal wie stark sich auch die alternativen Ausbildungsgänge machen, im Hinblick auf die Gesamtzahl der Reiter in Deutschland ist das konventionelle Reiten definitiv in einer deutlichen Überzahl.

Pferdeflüsterei: Also sind diese Strömungen eher Minderheiten-Programm?

Sibylle Wiemer: Ich glaube, dass sich in den letzten 20 Jahren der Turniersport pervertiert hat. Die Methoden zur Ausbildung werden rigider, stehen unter Zeitdruck, während das Reitenlernen im modernen Zeitalter der Computer nicht schnell genug gehen kann. Es ist nicht mehr „In“ sich Mühe zu geben, geschweige denn sich abzumühen.

1998 lernte ich Philippe Karl kennen, ein sehr gebildeter Mann und exzellenter Reiter. Ich habe ihm viel zu verdanken, da er mir sehr deutlich machte, mehr über die „Materie Pferd“ zu erlernen, auf intelligente Weise nach Lösungswegen zu suchen, wenn das Pferd mal nicht in der gewünschten Weise reagiert. Er begeisterte mich als Ausbilder durch ein schier unendliches Repertoire an Übungen, Lektionen und Handlungsabfolgen, die dem Pferd präzise den Weg weisen, den der Reiter geplant hat.

Pferdeflüsterei: Und bei den Akademikern?

Sibylle Wiemer: Ich glaube, dass in der akademischen Reitweise ein ähnliches Phänomen herrscht, jedoch haben Bent Branderup und Philippe Karl unterschiedliche Vorbilder und teils unterschiedliche Interpretationen alter Reitmeister. Der große Unterschied ist, dass Philippe Karl immer wieder die Dehnungshaltung abfragt und dabei das Pferd in ein frisches Vorwärts reiten lässt. Die Unterschiede zur konventionellen Reitweise, wie sie auf den Turnieren und im Alltag praktiziert wird, sind so reichhaltig, dass ich dazu nur empfehlen kann Karls Buch „Irrwege der modernen Dressur“ zu lesen. Da sie den Rahmen eines Interviews komplett sprengen.

Ich selbst wage zu behaupten, dass, wenn alle Reiter im Alltag und in Turnieren absolut Richtlinienkonform reiten würden, die Unterschiede zwischen der Schule der Légèreté und der FN gar nicht so groß wären. Vielleicht wäre das Buch „Irrwege …“ gar nicht nötig gewesen, aber das ist eine Frage, auf die niemand eine Antwort weiß.

Dressur – nur für Profis?

Pferdeflüsterei: Ist das etwas für Profis oder kann man sich auch als Neuling Dinge abschauen bzw. in den Alltag einbauen und wenn ja welche?

Sibylle Wiemer: Ich habe 25 Jahre lang einen Reitstall für Jung und Alt inklusive Reitern im therapeutischen Reiten geleitet. Wir hatten in besten Zeiten 20 Schulpferde und mit 5 Ausbildern gleichzeitig gearbeitet. 1998 lernte ich Phillipe Karl kennen und habe nicht an einem Tag gedacht: „Ab heute mache ich alles anders.“ Sondern es entstand ein schleichender Prozess von Veränderung in der Hilfengebung, im Umgang mit dem Pferd und in der Ausbildung der Reitschüler.

Ich kann nicht mal sagen, wann die Erkenntnis da war, dass der gesamte Schulbetrieb im Sinne der Schule der Légèreté geführt wird. Ich weiß aber, wenn ich heute zurückschaue, dass der Prozess der Wandlung ungefähr 3 Jahre gedauert hat. Das heißt, die Kinder und Reitanfänger, die nach 2003/2004 begonnen haben bei uns zu reiten, haben den Longenunterricht am Kappzaum erlebt, die Schulpferde ohne Nasenriemen aufgetrenst und die Seitengänge viel früher gelernt als Reitschüler in einem konventionellen Reitstall.

Pferdeflüsterei: Hast du da Unterschiede bei den Pferden bemerkt im Vergleich zu vorher?

Sibylle Wiemer: In Bezug auf die Qualität der Schulpferde glaube ich, dass sie in guter Qualität über viele Jahre Lehrpferd sein können ohne abzustumpfen oder Gangqualitäten zu verlieren. Insofern ist meine Antwort, dass das Reiten im Sinne der Schule der Légèreté für jedermann geeignet ist. Es ist eben schade, dass es nicht so viele in der Schule der Légèreté ausgebildete Trainer gibt.

Pferdeflüsterei: Légèreté – bedeutet Leichtigkeit – ein wunderschönes Wort und beim Reiten ein wunderschöner Zustand, den wir alle gerne erreichen wollen. Was braucht es für diese Leichtigkeit in Mensch und Pferd – körperlich wie geistig?

Sibylle Wiemer: Innere und Losgelassenheit bei Pferd und Mensch. Meiner Überzeugung nach, ist die Grundausbildung eines Reiters in der heutigen Zeit viel zu kurz. Um Leichtigkeit in seiner Hilfengebung anwenden zu können, muss ein Reiter komplett ausbalanciert in seinem eigenen Gleichgewicht absolut zügelunabhängig sitzen können. Jede Art von formalen Kriterien im Sinne von „Linie hier, Linie da“ bringt den Reiter aus der Losgelassenheit heraus. Der Körper muss funktionieren und nicht schick aussehen. Und das gilt sowohl für Pferd als auch für den Menschen.

Leichtigkeit beim Reiten – wie du sie bekommen kannst

Pferdeflüsterei: Ein Teil der Leichtigkeit ist die berühmte Losgelassenheit und der Schwung – die Durchlässigkeit im Grunde: Was gehört da im Bewegungsablauf des Pferdes alles dazu?

Sibylle Wiemer: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten, Versammlung. Diese 6 Punkte der Ausbildungsskala, kann wahrscheinlich jeder deutsche Reiter herunterbeten.

In der Schule der Légèreté gibt es einen Regelkreis auf dem ähnliche Ausbildungspunkte aufgelistet sind. Durch den Kreis wird verdeutlicht, dass Légèreté und Versammlung sich gegenseitig bedingen, aber auch voneinander abhängig sind. In der Légèreté wird dem Gleichgewicht der Pferde, also die Fähigkeit alle vier Beine in allen Gangarten und Lektionen gleichmäßig zu belasten, viel mehr Bedeutung beigemessen.

Es wird dabei zwischen dem lateralen Gleichgewicht, also dem Ausbalancieren der rechten und linken Körperhälfte, und auch dem horizontalen Gleichgewicht unterschieden. Beim horizontalen Gleichgewicht geht es darum, dass das Pferd von der ersten Stunde an, wo es einen Reite trägt, lernen muss, seinen Schwerpunkt etwas nach hinten zu verschieben. Das heißt, die Vorhand zu entlasten und die Hinterhand etwas mehr zu belasten.

Pferdeflüsterei: Wo sind dann aus deiner Sicht die genauen Unterschiede?

Sibylle Wiemer: Ich glaube, dass diese beiden Ausbildungswege mit ihren Darstellungsweisen teilweise zwar die gleichen Begriffe benutzen, jedoch inhaltlich sehr verschieden umgesetzt werden. Der unbedingte Respekt dem Pferd gegenüber, die Sorgfalt im Umgang mit seinem Maul und das Wertschätzen im Miteinander bekommen im Regelkreis der Légèreté sehr viel mehr Gewicht als ich es in der Ausbildungsskala wiederfinde.

Neben dem Gleichgewicht und dem unbedingten Schenkelgehorsam finden wir Begriffe wie „Mobilität“ und „Flexibilität“ sowie den Begriff der „Impulsion“, der sehr viel mehr beinhaltet als Schwung und Durchlässigkeit.

Impulsive Reaktionen des Pferdes auf die Hilfen des Reiters machen nach und nach die Einwirkung immer leichter, so dass die Ausbildung des Pferdes eher einer Spirale als einer Pyramide gleicht.

Wie du Schwung und Durchässigkeit bekommst

Pferdeflüsterei: Was kann ich als Reiter tun, um dem Pferd Schwung und Durchlässigkeit zu ermöglichen?

Sibylle Wiemer: Immer wieder gibt es den Ansatz von Reitlehrern „vorne halten, hinten treiben“ – zu unterrichten. Ich persönlich halte das für falsch, denn aus meiner Sicht zieht es das Pferd wie eine gespannte Feder zusammen und vermittelt die falsche Botschaft an den Reiter.

Pferdeflüsterei: Was hältst du von Hilfsmitteln – wie 1.Ausbinder und 2.Sperrriemen – die im Deutschen Reitbetrieb zum Teil ja fast Alltag sind?

Sibylle Wiemer: Ich war 28 Jahre mit all meinen Ausbildungen in der FN verankert. Ich betone das, ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich hatte das große Glück stets gute Ausbilder gehabt zu haben, die sich selbst an Meistern wie Steensbek oder Steinbrecht orientiert haben

Doch Ende der 90er Jahre lernte ich nicht nur Philippe Karl kennen, sondern noch andere „alternative Ausbilder“. Mein Wissen um die Biomechanik erweiterte sich stetig, so dass ich grundsätzlich keine Ausbinder mehr benutze. Ich sehe das wie bei einem Muskel. Der Muskel wird trainiert, indem man ihn bewegt. Diese Bewegung wird durch einen willkürlichen Impuls im Gehirn ausgelöst. Wenn ich einen Muskel in eine Form binde, wird er weder bewegt noch erhält das Gehirn irgendwelche Impulse auf diesem Weg. Diese Gedankengänge erscheinen mir schlüssig, so dass ich daher keine Ausbinder mehr benutze.

No Go Sperrriemen?

Pferdeflüsterei: Und die Sperrriemen?

Sibylle Wiemer: Ich nutze keine Sperrriemen mehr und brauche auch keine. Meine Pferde gehen in der Dressur ohne jegliche Nasenriemen. Beim Springen und im Gelände verwende ich einen korrekt verschnallten englischen Nasenriemen, der so locker ist, dass man zwei Finger zwischen Nasenrücken und Riemen bekommt. Auf die Art und Weise kann das Pferd nicht am Abkauen gehindert werden. Beim Springen und auch im Gelände möchte ich meine Pferde vor dem unbeholfenen Einsatz der Reiterhände schützen, daher der englische Nasenriemen. Der verhindert, dass das Pferd aufgrund einer erhöhten Zugkraft das Kiefergelenk schmerzhaft weit öffnet.

Pferdeflüsterei: Trotz allem werden sie ja immer wieder kritisiert – Pferde können nicht abkauen, schlucken usw. – ist da also Sperrriemen nicht gleich Sperrriemen oder ist es einfach im Fall deiner Reitschüler und dem Thema Springen das „geringere Übel“?

Sibylle Wiemer: Wie in der Biologie erforscht, wirkt bei dem kombinierten Nasenriemen entweder der Sperrriemen oder der Nasenriemen. Es ist physikalisch messbar, dass der Riemen den Druck abfängt, der als erstes durch das Öffnen des Mauls angespannt wird. Und das können beide sein.

Ich sehe mit großer Sorge neuartige Nasenriemenkonstruktionen, die dem Reiter ermöglichen ungebührlich viel Kraft beim Schließen des Riemens aufzuwenden und in ihrer Wirkung zusätzlich Druck auf das Genick ausüben. Ich sehe das ähnlich wie mit den Hilfszügeln: Ich muss so lange das Schwimmen üben, bis ich keinen Rettungsring mehr brauche. Ich muss so lange reiten üben, bis ich in meiner Feinabstimmung dem Pferd aus einem balancierten Sitz heraus verständlich machen kann, was ich von ihm will.

Pferdeflüsterei: Ich danke dir für das Interview und freue mich schon auf deinen Vortrag bei PFERNETZT

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Autor: Petra

Pferde machen glücklich. Sie sind unsere Lehrmeister, auf dem Weg zu dem besten "Ich", das wir werden können. Daran glaube ich fest. Es ist wichtig, dass wir ihnen zuhören und lernen sie zu verstehen. Dann schenken sie uns besondere Momente. Diese Momente machen süchtig. Im echten Leben bin ich professionelle Journalistin. Das versuche ich hier in die Welt der Pferde zu übertragen. Ich schreibe die Artikel, führe die Interviews und besuche die Kurse für mehr Pferdewissen. Mein Mantra: Sei ein sicherer Ort für das Pferd.

2 Kommentare zu “Leicht Reiten mit Légèreté! Was gutes Reiten wirklich bedeutet

  1. Karin-Kelly sagt:

    Vielen Dank für das interessante Interview. Ich befasse mich seit einger Zeit mit dem Reiten in Legerete und ich möchte jedem kritischen Reiter die Bücher von Jean-Claude Racinet und Pascale Berthier-Herzog empfehlen.
    Herzliche Grüße. Karin

    • Petra sagt:

      Liebe Karin, vielen Dank! Empfehlungen werden immer gerne entgegengenommen 🙂 Viele liebe Grüße, Petra

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