Artikel aktualisiert am 02.03.2017

Pferde wünschen sich von uns, gesehen zu werden. Als das, was und wer sie sind und nicht für eine Leistung“, sagt Karin Müller bevor wir anfangen über die Weisheit der Pferde zu sprechen. Ich liebe diesen Satz, weil so unglaublich viel darin steckt. Genau wie in ihrem Buch. Darin liegen Gedanken, Ideen und Inspirationen wie kleine Schätze auf dem Leseweg, während man Seite um Seite blättert und in die Weisheit der Pferde eintaucht.

Das Buch beschäftigt sich mit der Seele der Pferde, der Wirkung die Pferde auf uns haben können, liefert Tipps und Hinweise, wie wir den Alltag mit unseren Pferden bewusster wahrnehmen und die Persönlichkeit unserer Pferde mehr schätzen und kennenlernen können.

Pferd als Therapeuten für unsere Seele und den Körper

Es geht auch um Pferden als Therapeuten – für Seele und Körper und um einen anderen, sanfteren und freundlicheren Weg mit den Pferden. Denn letztlich ist der Umgang mit Pferden so viel mehr als nur Reiten. Wer die Pferde nur als Reittiere betrachtet, missachtet ihre Würde und verpasst das größte Geschenk, das uns die Pferde machen.

Ruhe, Zufriedenheit, Glück, Liebe, Vertrauen, Gelassenheit, Erkenntnis über uns selbst, die Welt, das Leben. Es liegt an uns, den Pferden zuzuhören, ihre Weisheit zu erkennen und dadurch mit den Pferden in unserem Leben zu wachsen.

„HippoSophia – Warum Pferd und Mensch sich gut tun“ – Darüber habe ich mit der Autorin, Karin Müller, gesprochen. Sie ist Tierkommunikatorin, Pferdefrau und Buchautorin. HIER auf ihrer Webseite kannst du übrigens mehr über Karin Müller erfahren. Aber jetzt reden wir erst einmal über die Weisheit der Pferde mit ihr.

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Interview über „HippoSophia“ – die Weisheit der Pferde mit Karin Müller:

Petra (Pferdeflüsterei.de): Diese besondere Weisheit der Pferde – wann hast du diese Weisheit das erste Mal gespürt? 

Karin: Da gibt es so viele Momente, das ich gar keinen ersten Moment festmachen kann. Auf jeden Fall waren das immer ganz besondere Augenblicke, in denen mich diese Geschöpfe zum Staunen gebracht haben: Wenn ein bockender Irrwisch sich einem Kleinkind plötzlich ganz vorsichtig blubbernd und mit gesenktem Kopf nähert.

Wenn ich mich mit 40 Grad Fieber in den Stall geschleppt habe und die Tiere deutlich spürbar Rücksicht darauf nahmen. Die sensible Arbeit von Therapiepferden und von jedem einzelnen Schulpferd im Verein. Und natürlich der legendäre Olympiaritt von Halla und Hans Günter Winkler, der mich als Kind schwer beeindruckt hat.

Pferdeflüsterei.de: Was macht diese besondere Weisheit für dich aus?

Karin: Für mich ist es die Fähigkeit des Pferdes, sich so hochsensibel und fein auf seinen Menschen einzustellen. Sich auf ihn einzulassen und ihn zu spiegeln, sogar möglicherweise zu therapieren durch diese unwillkürliche Reflexion. Der Umgang mit Pferden – oder besser von Pferden mit uns – hat für mich viel mit Hingabe und Demut zu tun.

Und umgekehrt mit Achtung und Respekt vor einem Tier, dessen Reaktionsschnelligkeit und Gewicht uns um ein Vielfaches überlegen ist. Pferde bringen uns an unsere Grenzen und tragen uns weit darüber hinaus, wenn wir sie nur lassen.

Pferdeflüsterei.de: Das ist wirklich ein großes Geschenk, wenn wir das bewusst wahrnehmen. Das kennen viele Pferdemenschen. Du hast für dein Buch deine eigenen Erfahrungen zusammengefasst, aber auch mit vielen Experten, wie Sybille Wiemer oder Linda Tellington Jones, gesprochen – nach welchen Kriterien hast du dir diese Pferdemenschen ausgesucht? Also, was mussten sie haben um zu diesem Titel „Weisheit der Pferde“ zu passen?

Karin: Ich habe mir für dieses Buch den Luxus und die Freiheit genommen meine Lieblingsexperten quasi virtuell an einen runden Tisch zu setzen und verschiedenste Aspekte mit hineinzunehmen, quasi „unabhängig und überparteilich“. Damit meine ich über die Grenzen von Reitweisen oder Philosophien hinaus.

Dadurch, dass ich den Bogen so weit vom Horseman bis zur Olympionikin, vom Ethnologen bis zur Feng Shui Beraterin gespannt habe, hoffte ich, auch bei den Lesern Interesse für den ein oder anderen neuen Aspekt zu wecken. Ich wollte andere Perspektiven aufzeigen und neue Ideen mitgeben.

Es tut gut auch mal die eigene Komfortzone zu verlassen. Denn eins haben all diese Menschen, die ich in HippoSophia zu Wort kommen lasse, gemeinsam: Sie setzen sich auf ihre Weise, durch ihr Wissen und ihre Vorbildfunktion bestmöglich für das Wohl von Pferden ein.

Pferdeflüsterei.de: Haben sie dir neue Weisheiten erzählt, die dir auch Inspiration waren oder einen anderen Blickwinkel geschenkt haben?

Karin: *lacht* Ja, genau darum habe ich sie eingeladen mitzumachen. Weil sie mich inspiriert haben und ich die Leser daran teilhaben lassen wollte.

Pferdeflüsterei.de: Was macht denn einen guten Pferdemenschen aus deiner Sicht aus?

Karin: Dass er sein Pferd als Partner begreift, der Bedürfnisse und Gefühle hat, die denen von uns Menschen gleichwertig und ebenso wichtig sind. Dass er erkennt, dass diese Bedürfnisse pferdisch sind und nicht menschlich und entsprechend artgerecht handelt. Und dass er verstanden hat, dass sein Pferd keine Tablette ist, kein Ersatz für ein Defizit oder ein Sportgerät – sondern eine kostbare Leihgabe auf Zeit – und ein Geschenk des Himmels.

Pferdeflüsterei.de: „Pferde spiegeln uns“ – ein ganz einfacher Satz, den man in seiner Tiefe aber erst begreifen muss, finde ich. Wie würdest du diesen Satz jemandem erklären, der die Weisheit der Pferde noch nicht für sich entdeckt hat?

Karin: Ein Spiegel zeigt einfach das, was ist. Abhängig davon, wer hineinsieht, wird das Spiegelbild ausfallen. Heißt, Pferde werfen uns wie Spiegelbilder auf uns selbst zurück. Sie reagieren direkt und unmittelbar auf unsere Körpersprache, Mimik, unser Verhalten, unsere nonverbalen Signale – auf das, was wir ausstrahlen.

Abhängig von der Sensibilität des Tieres und der Enge der Beziehung geht das allerdings noch viel tiefer: Bis hin zur Symptomebene. Es geht soweit, dass Pferde scheinbar sogar versuchen, uns etwas abzunehmen, für uns etwas zu tragen oder stellvertretend etwas zeigen.

  • Also nicht nur: Reiter schiefe Hüfte – Pferd schiefe Hüfte oder Reiter gestresst – Pferd gestresst
  • Sondern sogar: Reiter lässt sich im Alltag unterbuttern – Pferd zeigt sich auffällig aggressiv

Wenn aber der Reiter erkennt, dass dieses Thema mit ihm zu tun hat und etwas für sich tut, wird sich in der Folge auch das Verhalten des Pferdes ändern. Womit wir wieder beim Spiegel sind: gehe ich zum Frisör und lasse mir die Haare schneiden, wird mir auch mein Spiegelbild keine alten Zöpfe mehr präsentieren. 

Pferdeflüsterei.de: Dieses Spiegeln ist ein Teil der Weisheit, die Pferde besitzen, finde ich. Weil sie in uns so viel mehr sehen und erkennen, als wir selbst oft wahrnehmen. Sie stoßen uns mit der Nase auf uns und unser Leben. Wenn wir lernen wollen, diese Weisheit anzunehmen und wahrzunehmen, wie müssen wir aus deiner Sicht dann sein? Was müssen wir uns erarbeiten?

160x600 Pferdefreundlich Shoppen - HalsringKarin: Ich glaube, so lange wir offen und lernbereit sind, ist das eine gute Voraussetzung. Unser Bewusst-Sein ist gefragt. Eine zweite Voraussetzung ist für mich, dem Wesen Pferd achtsam zu begegnen. Es wertzuschätzen für das, was es für uns tut. Und das sollte sich auch darin zeigen, wie wir es halten und mit ihm umgehen.

Wir sollten öfter mal die „Menschenbrille“ abnehmen und die „Pferdebrille“ aufsetzen. Öfter mal hinterfragen, „was man schon immer so gemacht hat“, wieso wir welches Equipment benutzen und wie. Neue Wege gehen. Auch mal raus aus der bequemen Komfortzone.

Und vor allem: Uns öfter mal ehrlich und nach bestem Gewissen fragen: Wenn ich mein Pferd wäre, würde ich gern bei diesem Menschen sein? In diesem Stall? Mit diesen Aufgaben und diesem Leben? Würde ich mich hier wohlfühlen? Und was hätte ich gern anders? Wo fange ich als Mensch an, auf mein Pferd zu projizieren oder zu kompensieren, mein Pferd als Lückenbüßer oder Sündenbock zu benutzen?

Pferdeflüsterei.de: Ganz oft sind es ja die ganz kleinen Momente – abends eine halbe Stunde beim Pferd sitzen und da sein. Ein gespitztes Ohr wahrnehmen und darauf reagieren. Ein Nein auch mal akzeptieren und nachfragen. Miteinander arbeiten und nicht gegeneinander. Weniger wollen und mehr annehmen und und und – hast du da auch noch Momente, die dir einfallen – die Menschen bewusster wahrnehmen könnten für mehr Harmonie mit dem Pferd?

Karin: Es ist genau wie du sagst: Es sind die kleinen Dinge, die unsere gemeinsame Zeit so wertvoll machen. Wenn wir Entschleunigung beim Pferd finden wollen, dann sollten wir einmal mehr „nichts wollen“. Einfach nur da sein. Ganz bewusst. Im Augenblick sein, genießen, ohne gleich wieder in gehetzten Aktionismus zu verfallen.

Auf die Reaktionen des Gegenübers eingehen. Ohne stur vorgefertigte Abläufe, Schablonen und Denkmuster durchziehen und erfüllen zu wollen. Einfach nur mal b e w u s s t langsam tun. Beim Pferd sitzen, es bürsten, uns tragen lassen. Gemeinsam Wolken beobachten an der Weide. Ihm beim Fressen zuhören. Nichts tun.

Zuschauen. Berühren. Atmen. Genießen. Abschalten. Auch das Handy. Qualitätszeit beim Pferd ist Qualitätszeit beim Pferd. Aber das setzt voraus, dass wir da sind. In diesem Augenblick. Nicht bei der Konferenz morgen oder dem Streit vom Vormittag.

Pferdeflüsterei.de: Pferde sind so sanft und weise – da stimme ich dir 100% zu – und doch werden sie so oft missverstanden. Da ist dann von dem „Gaul“ die Rede, der “verarscht“ oder Reiter, die ihr Pferde in die Box stellen und das so schön gemütlich finden oder Pferdemenschen, die es in Ordnung finden, ihr Pferd mit Sporen vorwärtszutreiben und einen Ausbinder anzuschnallen – wieso benehmen wir Menschen uns so oft daneben mit Pferden, was glaubst du?

Karin: Wenn Pferde nicht so unglaublich geduldig wären, würde sicher noch einiges mehr an sogenannten Unfällen passieren. Es muss schon einiges zusammenkommen, bis ein Pferd sich mit Zähnen und Hufen wehrt. Und in den allermeisten Fällen wird es „widersetzlich“, weil es schlicht Schmerzen hat oder komplett überfordert ist.

Zu den dunklen Seiten im Menschen gehört vermutlich, dass er seine Unzufriedenheit, Wut oder Hilflosigkeit eher an denen auslässt, die sich in unseren Raubtieraugen schwach verhalten. Und ein Pferd als Fluchttier ist immer defensiv, wenn es die Wahl hat und wir es nicht in die Enge treiben oder getrieben haben. Für mich gibt es keine Problempferde, sondern nur Problemmenschen.

Pferdeflüsterei.de: Ich denke, ein Stückweit ist es auch die Angst vor Kontrollverlust, vor der Stärke dieser Tiere. Reitsport gilt als eine der gefährlichsten Sportarten, aber am Ende müsste sie das gar nicht sein. Wenn wir nur lernen würden, mit den Pferden richtig umzugehen. Was macht dieses „richtig“ aus deiner Sicht aus?

Karin: Die Kantsche Regel – die besagt im Grunde: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Ich habe für HippoSophia sehr viel recherchiert und hochinteressante Studien gefunden, die belegen zum Beispiel ganz klar, dass ein Pferd, das genug Platz hat, um auszuweichen, niemanden tritt – auch keinen Menschen.

Oder wie oft unterschätzt wird, wie viel Bewegung ein Pferd wirklich braucht, wie viel Sozialkontakt, um gesund und ausgeglichen zu sein und unbedingt zeitlich unbegrenzten Zugang zu Raufutter. Daher ist Boxenhaltung in den Augen vieler Experten allein unter diesem Aspekt indiskutabel und muss zu Verhaltensaufälligkeiten und / oder Krankheit führen.

Ein Wildpferd benötigt keine Bespaßung durch Menschen, um glücklich und zufrieden zu sein. Aber eine rechteckig abgesteckte Hochleistungsgrasparzelle ohne Baum und Strauch, stundenweise mit ein oder zwei vom Menschen vorgesetzten, fremden Wesen, die zufällig auch Pferd sind – das hat nichts mit Herdenverband oder naturnaher Haltung zu tun.

Pferdeflüsterei.de: Dominanz wird immer wieder heiß diskutiert – ich persönlich mag das Wort nicht. Und denke eher in Verantwortungsbewusstsein oder Geradlinigkeit. Welche Rolle spielt die „Dominanz“ in deinem Zusammensein mit den Pferden?

Karin: Ich mag das Wort nicht. Ich möchte niemanden dominieren, also beherrschen im Sinn von bedingungslosem Gehorsam. Natürlich wahre ich „meinen Tanzbereich“ und bemühe mich umgekehrt auch den meines Pferdes zu respektieren. Sicherheit steht an erster Stelle. Auch Sicherheit im Sinne von Souveränität, Vertrauen und Gelassenheit.

Wenn ich mich ständig meiner Autorität versichern muss, kann es damit in Wahrheit nicht weit bestellt sein. Mir bricht kein Zacken aus der Krone, wenn ich mit der Idee zu Pferd gehe, ausreiten zu wollen und die wieder verwerfe, weil mein Pferd etwas anderes anbietet. Jeder darf mal einen schlechten Tag haben. Ich bemühe mich, auf mein Gegenüber einzugehen.

Ich wünsche mir, dass mein Pferd mit Freude bei mir ist. Also verhalte ich mich so, dass auch ich selbst als Pferd gern mit mir zusammen wäre. Das ist der Idealfall. Und ich arbeite daran, dem möglichst nah zu kommen. Auch das ist ein Geschenk unserer Pferde für uns: Sie formen, fördern und fordern unseren Charakter und unsere Persönlichkeit.

Pferdeflüsterei.de: Dann gibt es eine andere Diskussion: Positive versus negative Verstärkung – Was ist es aus deiner Sicht und nach all den Gesprächen, die du für das Buch geführt hast, was die Pferde von uns brauchen?

Karin: Genau die Ausstrahlung dieser Sicherheit, Souveränität und die Fähigkeit zu leiten. Damit wir ihr Vertrauen in uns nicht enttäuschen. Ich darf auch nein sagen. Ich muss es manchmal sogar. Aber man kann zusammen auch jede Menge Spaß haben. Wirklich zusammen – und nicht nur einseitig.

HIER gibt es einen Artikel in der Pferdeflüsterei zum Thema “Pferd widersetzt sich: Warum Pferde auch mal Nein sagen dürfen”

Pferdeflüsterei.de: Turniersport, Boxenhaltung – der Umgang mit Pferden sah vor einigen Jahren noch ganz anders aus. Heute dreht es sich auch endlich um die richtige Haltung und den richtigen Umgang – ändert sich gerade in den letzten Jahren der Blickwinkel auf die Pferde vielleicht auch weil die Gesellschaft andere Prioritäten setzt?

Karin: Ganz bestimmt. Wir haben eine Sehnsucht nach heiler Welt, nach Natur und Entspannung. Wenn wir den Wald zubetonieren, werden wir darin nicht mehr gut atmen können. In einem Zoo, der aus Gitterstäben und Stacheldraht besteht, fühlen wir uns auch als Besucher nicht mehr wohl.

Wir begreifen endlich, dass wir der Natur auch etwas zurückgeben müssen für das, was sie für uns tut. Dass wir sie nicht länger unbeschadet einfach konsumieren können nach dem Motto, was kostet die Welt und nach uns die Sintflut. Der erste Schritt zu HippoSophia ist die Erkenntnis, dass es so zurück schallt, wie wir in den Wald – oder ins Pferd – hineinrufen.

Pferdeflüsterei.de: Zu oft mißachten wir die Pferde. Wir wollen etwas von ihnen – Reiten, Erholung, Liebe – was auch immer. Aber mir fällt immer wieder auf, dass das „zurückgeben“ eine deutlich kleinere Rolle bei vielen Menschen spielt. Ich frage mich woher das kommt? Wieso viele scheinbar in Ordnung finden, das Pferd mit Sporen zu „hacken“ oder in Rollkur zu reiten oder über Buckeln und Bocken „hinwegzutrainieren“. Dass das falsch ist, ist klar. Was würdest du dir für einen Umgang wünschen?

Karin: In zwei Worten: Achtsam und Bewusst. Wir haben die Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung. Das ist Segen und Fluch zugleich. Leider bedeutet das nämlich auch, dass wir einfach ausblenden können, was für uns unangenehm oder unbequem ist oder mit Aufwand verbunden wäre. Anders kann ich mir auch Massentierhaltung, Umweltverschmutzung oder den Raubbau an unserem eigenen Körper nicht erklären.

Kennst du die Bedürfnispyramide nach Maslow*? Wir wissen genau, was uns gut tut und was nicht. Und doch sägen wir so oft den Ast ab, auf dem wir sitzen. Wir verschieben auf morgen, auf nächsten Monat, auf den Ruhestand. Wir wissen auch um die Bedürfnisse unsere Pferde. Sollten wir zumindest. Wenn nicht, sollten wir uns schleunigst damit auseinandersetzen. Und entsprechend danach handeln. Zu Glück ist der Mensch ja bis ans Lebensende lernfähig.

Pferdeflüsterei.de: Wir brauchen letztlich einen neuen Blickwinkel – denke ich oft – und würde mir wünschen, dass alle Pferdemenschen auf dieser Welt erkennen, dass sie das größte Geschenk der Pferde verpassen, während sie versuchen das Pferd zu kontrollieren. Wie hast du dich auf den Weg begeben, die Weisheit der Pferde zu erkennen?

Karin: Ich glaube, da w160x600 gesund fütternar ich höchstens vier oder fünf Jahre alt. Mein Vater hat mich auf einem Leihpony durch die Weinberge am Neusiedler See spazieren geführt. Hanno hieß der Schecke und ich wollte unbedingt selber reiten. Ich wollte, dass wir’s schön haben, gemütlich und nett. Ich wollte ihn auf keinen Fall so schweißnass und erschöpft wieder zurückbringen, wie ich es kurz zuvor bei einem anderen Pony gesehen hatte.

Ich wollte es anders machen. Und ich wollte allein reiten. Doch sobald mein Vater die Zügel losließ, latschte Hanno an den Wegrand, wo saftiges Gras stand. Hanno war es schnuppe, was auch immer ich auf seinem Rücken veranstaltet habe. Ob ich gebrüllt, gezerrt, gebolzt habe – denn das war alles, was mir einfiel. Da habe ich einsehen müssen, dass ich mit Gewalt nicht weiter komme. Und dass ich, um anders zu sein, mich auch anders verhalten muss.

Ich kann ein Pferd nicht zwingen. Ich kann mir seine Aufmerksamkeit verdienen. Ich kann es motivieren. Das setzt voraus, dass ich es verstehe und akzeptiere, dass es stärker ist – und Gras attraktiver als ein nerviges kleines Mädchen. Wir haben einen guten Kompromiss gefunden damals. Hanno durfte eine Weile fressen und ich habe währenddessen Voltigieren geübt: auf dem Pferd zu stehen, verkehrt herum zu sitzen, Fahne und all sowas. Und dann ging es weiter. Leckerlis haben auch geholfen.

Pferdeflüsterei.de: Wenn sich nun jemand auf den Weg begeben möchte, dieses Geschenk der Pferde zu sehen und anzunehmen, vielleicht etwas mit seinem Pferd verändern möchte – welche Tipps hast du für Pferdemenschen? Wie können sie anfangen damit? Was sind erste Schritte?

Karin: Jeder Schritt abseits der ausgetretenen Pfade ist gut: Scheinbar Altbewährtes hinterfragen und neu hinschauen: Dient das, was ich tue dem Wohl des Pferdes, meinem inneren Schweinehund oder jemand anderem? Auch kleine Dinge können viel bewirken!

Wenn ich bereit bin, mich selbst in Frage zu stellen, ist das ein guter Anfang. Wenn ich selbst mich in meinem Stall nicht wohl fühle, dann wird es vermutlich auch mein Pferd nicht tun. Ein Eimer Farbe, ein Fenster, wo jetzt noch eine triste Wand ist, gutes Heu zur freien Verfügung, weg mit einem unnützen Sperrriemen, oder doch der längst überfällige Stallwechsel – alles kann ein erster Schritt sein.

Und nicht zuletzt: Zum Geschenk der Pferde gehört auch, dass ich mich darüber freue, dass wir schon ganz schön viel geschafft haben. Dass ich aus vollem Herzen all die schönen Momente überhaupt wahrnehme, annehme, dankbar und bewusst genieße: Dass mein Pferd mir Heilzeit schenkt. Jetzt und Hier. In jedem einzelnen Augenblick unseres gemeinsamen Seins: Wenn ich nur hinschaue und dieses Geschenk nicht gleichgültig liegen lasse, sondern von ganzem Herzen annehme. Das ist HippoSophia.

: Danke für dieses schöne Gespräch, das mich mit einem Lächeln zurücklässt.

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6 Kommentare zu “HippoSophia! Über die besondere Weisheit der Pferde

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    in diesem Interview steckt so viel Wahres.
    Leider gehen zumindest in meinem Umfeld wenig Menschen so mit ihren Pferden um.
    Unter dem Deckmantel der Sicherheit werden Pferde unterdrückt und dominiert. Sie müssen unter Kontrolle gehalten werden. Meiner Meinung nach habe ich nie die Kontrolle über ein Pferd. Selbst mein 80kg schweres Pony kann nich nicht kontrollieren, wenn er es nicht zulässt. Sicherheit, durch Vertrauen (in mein Pony aber auch in meine eigenen Fähigkeiten), souveräner Umgang und sorgfältige Vorbereitung auf Aufgaben helfen hier viel mehr. Ich würde zum Beispiel niemals mit einem Pferd Spazieren gehen mit dem das Führen daheim schon nicht richtig klappt. Ja dadruch bin ich "langsamer" aber ich fühle mich sicher mit meinem Pony und mein Pony mit mir. Gut vorbereitet bestehen wir dann auch Abenteuer wie bei unserem letzen Ausflug. Wir waren etwas weiter unterwegs und hatten die Wahl uns an einer Stelle durch Dickicht zu schlagen oder einen langen Rückweg in Kauf zu nehmen. Wir sind durch das Dickicht gestiefelt was für ihn wirklich hoch war. Er hat mir vertraut, dass schon alles gut gehen wird und ist vetrauensvoll mit mir gegangen.
    Achtsamkeit und Respekt sind für mich die Schlüssel. Die meisten Menschen passen gut auf, dass das Pferd ihnen nicht ungefragt zu Nahe kommt, aber wie sieht es denn umgekehrt aus? Ich fasse mein Pony nur dann an, wenn er es erlaubt. Ich frage ihn immer vorher, ob er das nun möchte. Ich halftere ihn nur auf, wenn er das okay gibt. Auch putze ich ihn nur, wenn er sagt, dass es in Ordnung ist. Wenn nicht, bleibt er ungeputzt, was soll’s? Er trägt keinen Sattel der drücken oder reiben könnte und wenn würde ich an solchen Tagen eben darauf verzichten. Habe ich ein Pony was nie mitmacht? Nein, ich habe ein Pony was 90% der Zeit freudig ankommt und mit mir gehen möchte.
    Warum sollte er auch nicht, wir haben Spaß miteinander. Wir sind Freunde und verbringen gerne Zeit miteinander. Er ist neugierig was ich mir wieder hab einfallen lassen an lustigen Spielen und freut sich über Kuscheleinheiten.
    Die angesprochene Freude ist so wichtig. Ich lache viel mit meinem kleinen Ponymann. Er bringt mich mit Kaspereien immer wieder zum Lachen, er hat eigene Ideen und probiert sich aus und darüber kann ich sehr oft lachen.
    Verbissenes trainieren an einer Lektion findet hier nur dann statt, wenn ich plötzlich ehrgeizig werde und von meinem Weg abkomme. Zum Glück habe ich ein Pony an meiner Seite, der sowas nicht duldet und dann einfach die Mitarbeit verweigert.
    Schön finde ich auch den Satz, dass wenn ich mich meiner Autorität ständig versichern muss es damit nicht weit her sein kann. Das ist genau meine Erfahrung. Wenn ich mein Pferd ständig nach hinten schicken muss, es ständig begrenzen und kontrollieren muss, dann bin ich selber unsicher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die allermeisten Pferde freiwillig anschließen, wenn man selbstbewusst ist, souverän im Umgang und die Pferde respektiert. Dann hatte ich das alles plötzlich nicht mehr nötig und konnte echte Freundschaft mit Pferden erleben.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, danke für deine Gedanken sie sind (wie immer) eine wunderbare Ergänzung zu dem Artikel und dem Interview mit Karin Müller. Ich sehe und erlebe es ähnlich wie du. Ich glaube auch fest an Sicherheit durch Vertrauen und beidseitigen Respekt. Dominanz und Kontrolle bringen alles andere als das. Das bedeutet aber, dass wir lernen müssen loszulassen und das ist sicher nicht immer einfach. Aber es lohnt sich so sehr, das zu lernen und immer wieder an sich zu arbeiten. Ganz liebe Grüße an deinen Ponymann (der es wirklich sehr gut bei dir hat) und dich, Petra

  2. Svenja sagt:

    Hallo Petra,
    Ein sehr schöner Artikel! Ich habe meine Stute erst seit 3 Monaten. Sie ist sehr zurückhaltend, stellt mich in frage, ihr fällt es schwer vertrauen zu fassen. Alles auch mein Thema. Wir machen alles in unserem Tempo. Manchmal komme ich an den Stall schon mit dem Gefühl, das es der richtige Tag zum reiten ist und manchmal eben nicht. An diesen Tagen habe ich so viel Vertrauen in sie, das es einfach perfekt läuft! Ich liebe es, wenn ich alleine am Stall bin, genieße die Ruhe, wenn ich mich an den Offenstall setze und sie einfach nur beobachte. Sie dann zu mir kommt, mir in die Hände pustet. Wir wachsen zusammen und ich genieße es jeden Tag Zeit mit ihr zu verbringen. Ich arbeite viel an mir selbst, um ihr das Vertrauen und die Sicherheit entgegen zubringen, die sie von mir braucht. Diese Ruhe abends am Stall, ganz allein, oder wenn die Pferde auf der Wiese stehen und sie nicht weg läuft und mir genügsam hinterher läuft, wenn ich sie hole. Das sind Kleinigkeiten, über die ich mich freue und es wird jeden Tag mehr. Sie möchte nicht unter Druck gesetzt werden und ich gebe ihr die Zeit. Sie hat Angst, das ich sie wieder weg gebe und ich sage ihr jeden Tag, das wir zusammen gehören. Sie war einfach schon meine, bevor ich sie live gesehen habe, auch wenn sie nicht das ist, was ich gesucht habe. Aber wir gehören einfach zusammen und wir müssen beide viel voneinander lernen und dafür bin ich sehr dankbar!
    Lg Svenja

    • Petra Haubner sagt:

      Hallo liebe Svenja, was für ein wunderschöner Kommentar! Ich danke dir für deine Gedanken, und dass du so liebevoll und geduldig mit deinem Pferd um gehst. Meine Erfahrung ist, dass so Vertrauen und Bindung wachsen und so wiederum das Training und auch die Kommunikation immer einfacher wird. Viele liebe Grüße und bis ganz bald, Petra

  3. Sabine sagt:

    Liebe Petra, liebe Karin,
    ich habe dieses Interview mit Gänsehaut gelesen, denn es berührt mich sehr. Ich selbst wünsche mir das viel mehr Pferdemenschen an den Punkt kommen dies zu erkennen und umzudenken… Wenn auch nur in kleinen Schritten… Ein Pferd auch Pferd sein zu lassen und ihre Gutmütigkeit nicht auszunutzen!
    Sie verzeihen uns so unendlich viel, so manch einer sollte dankbar sein, dass Pferde so un glaublich viel Geduld mit uns haben.

    Der Text ist so wahr und ich würde es genau so unterschreiben.
    Wir sollten zulassen, dass die Pferde uns helfen, helfen zu uns selbst zu finden…
    Ich habe auch so einen Wallach, der dadurch das er selbst so hochsensibel ist mir genau zeigt wie ich Seelisch drauf bin… an ihm erkenne ich ob es mir wirklich gut geht oder ich es mir nur einbilde… ist dies nicht ein wahres Geschenk? Er hilft mir meine Mitte zu finden und in mir selbst zu Ruhen…. zumindest so lange ich bei ihm bin.

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Sabine, wie wunderschön – ganz lieben Dank für deinen wunderschönen und berührenden Kommentar. Allerliebste Grüße an deinen Seelenwallach und dich, Petra

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