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Dualaktivierung: Weniger Panikpotential und mehr Balance

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Der ganze Artikel für dich auf einen Blick

Dualaktivierung ist Gehirnjogging für das Pferd. Die Trainingsmethode geht von der wissenschaftlichen Erkenntnis aus, dass Pferde keine besonders ideale Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte haben. Das Wissen kombinierte der Erfinder der Dualaktivierung, Michael Geitner, mit einer neueren wissenschaftlichen Studie. Sie hat ergeben, dass Pferde vor allem die Farben Gelb und Blau besonders gut erkennen können.

Deswegen baut die Trainingsmethode auf den Farben Blau und Gelb auf und arbeitet viel mit Seitenwechseln. Das linke Auge ist für die Erkennung von Gefahren zuständig, das rechte Auge für den Fluchtreflex. Offenbar funktioniert aber die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften beim Pferd bis zu 8mal schlechter als beim Menschen. Dann erkennt das Pferd eine potentielle Gefahr zwar mit dem rechten Auge, hat dazu aber keine Situation in seinem Kopf aus dem linken Auge parat, die es zuordnen kann und schon ist es im Fluchtmodus.

DUALAKTIVIERUNG SCHENKT DEINEM PFERD MEHR BALANCE UND DAMIT GELASSENHEIT UND RITTIGKEIT.

Bei diesem Transferproblem zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte im Pferdekopf will die Dualaktivierung ansetzen. Die Pferde sollen über die optischen Farbreize Gelb und Blau und verschiedene Übungen lernen ihre beiden Gehirnhälften besser miteinander zu vernetzen.

Das wiederum sorgt für:

  • Mehr Coolness, Selbstbewusstsein
  • Mehr Balance
  • Mehr Koordination
  • Weniger Panikpotential in Alltagssituationen.

Ständige rechts/links Wechsel, immer wieder Biegen, dann Geraderichten und üben der Konzentration – das alles soll die Dualaktivierung bringen und die berühmte Hinterhand soll auch aktiviert werden. Weil das Pferd versammelt durch die Gassen laufen muss, um sie meistern zu können.

Dualaktivierung Michael Geitner Müller Rüschlikon Cover Buch

Dualaktivierung mit Pferd

Die richtige Ausrüstung

Schaumstoff statt Holz für die Dualaktivierung

Du brauchst für die Dualaktivierung nicht viel. Das Meiste davon hast du vermutlich schon in deinem Stall herumliegen oder in der Sattelkammer hänge. Ich liste es dir einmal auf mit Tipps, was du nehmen kannst, falls dir einzelne Gegenstände noch fehlen:

  1. Ein paar blaue und gelbe Gassen – mit diesen Gassen HIER haben wir gute Erfahrungen gemacht*
  2. Ein paar blaue und gelbe Pylonen – HIER findest du leichte Pylonen in Blau und Gelb
  3. Einen guten Kappzaum – HIER findest du einen feinen und gut sitzenden Kappzaum
  4. Eine Longe – HIER findest du eine feine Longe

Beim Training werden die Gassen und Figuren aus den Pylonen und Schaumstoffgefüllten Plastikstangen gebaut. Alles in den Farben Gelb und Blau. Du nutzt deswegen Schaumstoffgefüllte „Stangen“, weil Holzstangen sich für das Pferd unangenehm anfühlen können und es ein erhöhtes Verletzungsrisiko gibt, wenn es dagegen stößt. 

Indem der Mensch sein Pferd durch die Gassen schickt, kann er es abwechselnd gerade stellen und biegen, das wiederum verbessert die Balance und den Muskelaufbau.

Gassen + Longe = Dualaktivierung

Zuerst wird das Pferd von der Trainerin im Schritt longiert, um die Balance, die Koordination und die Gelassenheit des Pferdes zu verbessern. Wir haben eine Trainerin der Dualaktivierung für dich gefilmt, so dass du dir das vorstellen kannst. Judith baut erst einen einfachen Parcours auf, dann erschwert sie die Bedingungen für eine zweite Runde, weil ihr Pferd Amy schon geübt ist.

Amy arbeitet konzentriert mit und schwebt elegant in allen Gangarten durch die Gassen. Dann baut Judith für die zweite Runde eine deutlich schwererer Stufe auf. Amy nimmt auch die schwerere Longenrunde mit Gelassenheit. Das war wohl nicht immer so. Als Judith ihre Stute bekam, war Amy mit 7 Jahren noch roh und nicht das einfachste Pferd. Für heute hat Amy genug geleistet. 

Dass sie am Ende stolpert hat etwas mit der Dauer der Trainingseinheit zu tun, immerhin ist sie eine gute halbe Stunde durch den Parcour gelaufen und langsam müde. Im nächsten Schritt würde Judith dann den Parcour auch im Sattel mit Amy trainieren. Solange bis die Stute gelernt hat sich zu balancieren und die Übungen ohne Stolpern zu meistern.

Die Zeit bei der Dualaktivierung
Der richtige Ablauf - so geht Dualaktivierung

In der Longengasse soll das Pferd jeweils auf jeder Hand zweimal in jeder Gangart trainiert werden. Zwischen den Handwechseln gibt es dann immer 45 Sekunden Pause. An den Pylonen stellst du dein Pferd leicht nach innen. In den Gassen lässt du dein Pferd an der lockeren Longe selbst den Weg finden.

Schritt 1

2 Minuten Schritt auf der rechten Hand. Dann 2 Minuten Schritt auf der linken Hand. Anschließend 45 Sekunden Pause.

Schritt 2

2 Minuten Schritt auf der rechten Hand. Dann 2 Minuten Schritt auf der linken Hand. Anschließend 45 Sekunden Pause.

Insgesamt

Das macht insgesamt 8 Minuten Arbeitsphase. Das mag dir wenig erscheinen, aber für dein Pferd ist das am Anfang richtig anstrengend.

Wie es weitergeht?

Dann steigerst du langsam und trainierst jeweils 3 Minuten auf jeder Hand vor den Pausen, dann jeweils 4 Minuten pro Phase trainieren. Dann baust du die nächste Schwierigkeitsstufe aus. Du nimmst den Trab mit dazu. Da startest du wieder erst mit den 2 Minuten Intervall im Training.

Interview mit dem Erfinder der Dualaktivierung -Michel Geitner

Michael Geitner ist der Erfinder der Dualaktivierung

Michael Geitner ist Pferdetrainer und Pferdemensch seit vielen vielen Jahren. Er hat die Dualaktivierung erfunden – genau wie die Equikinetic, die Basic-Trainingsidee "Be Strict" und "Equiclassics". Alle Trainingsmethoden bauen auf klassischen und erprobten Trainingsideen auf und machen sie einfach und verständlich sowie easy trainierbar dank klarer Anleitungen, sichtbaren Bahnfiguren durch die Pylonen und Gassen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Er reichert seine klassischen Trainingsideen mit  wissenschaftlichen Studien über die Wahrnehmung der Pferde und die Biomechanik an. Bei der Dualaktivierung beispielsweise arbeitet er mit der wissenschaftlichen Erkenntniss, dass Pferde nur wenige Farben wahrnehmen und vor allem Blau und Gelb sehen können. Gleichzeitig setzt die Beidseitigkeit der Gassen und Farben Reize an beide Gehirnhälften, was wiederum für eine bessere Vernetzung sorgt. Michael Geitner kommt aus Bayern, arbeitet und unterrichtet in ganz Europa und hat diverse Bücher – teilweise mit Co Trainern – verfasst. 

Michael Geitner Dualaktivierung

Interview über Balance, gesundes Reiten und Anti-Fluchtreflexe dank dem richtigen Training

Pferdeflüsterei: Wie definierst und erklärst du das Konzept der Dualaktivierung?

Michael Geitner: Das startet beim monokularen Sehen der Pferde. Also bei der Anordnung der Augen, die ja beim Pferd an der Seite sind. Das eine Auge ist das sogenannte Fluchtauge und andere das Sicherheitsauge. Das Sicherheitsauge ist meist links, bei 95 % der Pferde ist das so.

Damit schauen sie selbstständig nach dem Raubtier oder wenn sie auf der Flucht sind, behalten sie damit alles im Blick. Das rechte Auge ist dann das Auge, das den Weg im Blick behält und schaut wo sie hin laufen. Diese Fähigkeit ist für ein Fluchttier natürlich super. Aber bei der Ausbildung der Pferde macht uns das Schwierigkeiten, weil die Einheitlichkeit und damit die Balance fehlt. Je nachdem wo das dominierende Auge ist, entsteht dann natürlich eine Unausgeglichenheit und eine Seite wird stärker.

Die Augen und die Dualaktivierung

Pferdeflüsterei: Das dominierende Auge ist also immer das Sicherheitsauge?

Michael Geitner: Genau. Versuche haben gezeigt, dass es bei 95 % der Pferde das linke Auge ist. Das ist das Auge, das die meisten Erfahrungen sammelt. Zum Beispiel die alte Geschichte im Gelände: Das Pferd geht auf dem Hinweg an der Parkbank vorbei, die mit dem linken Auge sichtbar ist, nimmt die Parkbank wahr und legt sie auf der rechten Gehirnhälfte ab. Auf dem Weg zurück ist das dann das gleiche.

Das Pferd nimmt die Parkbank mit dem rechten Auge wahr, findet aber kein Bild dazu auf der linken Gehirnhälfte. Da das Pferd als Fluchttier innerhalb von Sekunden entscheiden muss, wird es sich im Zweifelsfall für das Fluchtschema entscheiden. Wenn es keine Information findet zu der besagten Parkbank, um bei dem Beispiel zu bleiben. Das eine flüchtet wirklich, die anderen bleiben stehen, die nächsten buckeln – da gibt es verschiedene Reaktionen je nach Pferd.

Pferdeflüsterei: Es dreht sich alles um die innere und äußere Balance?

Michael Geitner: So ist es. Letztendlich ist das Prinzip der Dualaktivierung, eine Gleichseitigkeit herzustellen. Wobei das ja schon immer der klassische Grundsatz war. Die ganzen Hufschlagfiguren zielen ja auch schon immer darauf ab, eine Gleichseitigkeit herzustellen. Was letztendlich dazu führt, dass die Pferde lernen schneller zwischen den Gehirnhälften zu schalten. Denn die Pferde schalten ja bis zu 4x langsamer als der Mensch*

Pferdeflüsterei: Du sagst gerade, dass die klassische Reitkunst schon immer nach dem Prinzip verfahren ist – was ist dann an der Dualaktivierung anders?

Michael Geitner: Erstmal haben die Gassen die Bahnfiguren sichtbar gemacht. Sie sind für jeden Reiter reitbar. Eine korrekte halbe Volte hängt ja auch davon ab, dass man sie in alle Richtungen korrekt reitet. Nicht dass man sie irgendwie reitet. Das können viele Reiter gar nicht. Außerdem hat sich in den letzten Jahren herausgestellt, dass es schon einen Unterschied macht, ob die Gassen da liegen oder ob du das in den blanken Boden reinreitest. Die Gassen erhöhen die Trainingsintensität, weil Pferde diese beiden Farben sehr gut sehen.

Pferdeflüsterei: Gelb und Blau?

Michael Geitner: Genau, sonst ist nicht viel Farbschema da bei den Pferden. Sie sehen neben Gelb und Blau ansonsten sehr viele Grautöne. Wenn man die Praxis zusammenfasst, dann muss man schon sagen, dass es einen Unterschied macht, ob die Farben Gelb und Blau im Spiel sind oder nicht. Es haben schon sehr viele Ausbilder ausprobiert und sie alle berichten, dass die Pferde besser balanciert sind als bei anderen Methoden.

Barefoot Pylonen Blau Gelb

Pferdeflüsterei: Praxiserfahrung ist das eine – aber beweisbare Wissenschaft ist das andere. Gibt es denn Studien, die beweisen, dass die Pferde die Farben Gelb und Blau besonders wahrnehmen?

Michael Geitner: Eine Studie aus Wisconsin hat das belegt und die FN hat die Farben Blau und Gelb mittlerweile auch anerkannt. Das war für viele der Auslöser zu glauben, dass sie auch die Dualaktivierung anerkannt haben. Dieser Prozess der Anerkennung der Farben durch die FN hat ein bisschen gedauert, aber man muss da auch Verständnis haben.

Da kommt so Einer und spielt ein bisschen mit den Farben herum. Das dauert eben, bis klar wird, dass es wirklich hilft. Da muss man in der Reiterwelt grundsätzlich mal ein bisschen umdenken, was neue Methoden betrifft. Wenn wir das Training damit verbessern können, ist das doch toll.

Pferdeflüsterei: Gut, es gibt diese Studie. Und es gibt auch mehrere Studien, die beweisen, dass die Pferde keine besonders ausgeprägte Verbindung beider Gehirnhälften haben. Aber wie hast du die Methode letztlich entwickelt?

Michael Geitner: Der Auslöser war ganz einfach: Ein Reiter saß auf dem Pferd und ich bin mit einer Plastiktüte an der Gerte hinter dem Pferd vorbei. Anastasia, das Pferd, hat ständig versucht die Tüte mit dem linken Auge zu verfolgen statt den Transfer zu machen und irgendwann das rechte Auge zu nutzen. Da stellte sich mir die Frage – wieso schaut das Pferd nicht einfach mit dem rechten Auge weiter, sondern will die Tüte mit dem linken Auge verfolgen?

Dann kam der Gedanke zu dem Konzept der zwei Gehirnhälften auf und dann haben wir eine Literatur-Recherche bei der Universität München in Auftrag gegeben und die Farbschema-Studie entdeckt. So kamen die Farben ins Spiel und dann haben wir angefangen mit den Farben und den Plastiktüten und Gassen zu experimentieren. Die Übungen selbst musste ich nicht erfinden, weil es Klassiker sind. Ich musste sie nur an die Gassen anpassen.

Pferdeflüsterei: Die Gassen sind nicht aus Holz – sondern aus Schaumstoff und Pylonen. Warum?

Michael Geitner: Da geht es einfach um die Verletzungsgefahr. Viele Pferde haben nicht so viel Respekt oder sind tollpatschig und treten auch mal auf etwas am Boden liegendes drauf. Die Holzbalken sind deswegen deutlich gefährlicher als der Schaumstoff, was das Verletzungsrisiko betrifft. Die Gassen haben diesen großen Erfolg, weil viele Leute es schätzen, dass sich die Pferde nicht wehtun. Gerade wenn die Pferde durch Gassen laufen müssen, dann steigen sie erstmal auch drauf und da sind die Holzstangen absolut unpassend.

Pferdeflüsterei: Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Pferde sich erschrecken oder nicht gerne in die Gassen laufen würden, wenn sie unangenehme Gefühle damit verbinden. Da sie sich in den Gassen selbst tragen sollen, müssen sie auch gerne durchgehen wollen – nehme ich an?

Michael Geitner: Genau! Das sind die Dinge, die wir einfach nicht wollen.

Equikinetic Buch Geitner Müller Rüschlikon

Be strict - Training mit Konsequenz nach Geitner

Neben der Dualaktivierung hat sich Miachel Geitner auch mit der Pfedreerziehung beschäftigt – “Be strict” hieß sein erstes Programm.

  1. „Be Strict!“ Es geht um Bodenarbeit, Fairness, Konsequenz und damit ein gelasseneres Pferd
  2. „Dualaktivierung“ Es geht um Gehirnjogging für das Pferd, Anti-Schreck-Training und damit mehr Balance
  3. „Equikinetic“ Es geht um Muskelaufbau und damit mehr Kraft für einen gesunden Pferderücken

Wer bewegt wen? Das ist nach dem Geitnerschen System die Grundsatzfrage zwischen Pferden und damit auch die Grundsatzfrage zwischen Mensch und Pferd. So sieht Michael Geitner die Kommunikationsbasis, die wir in seiner Technik immer im Hinterkopf haben sollten, wenn wir mit Pferden arbeiten.

„Be Strict“ hat er seine Trainingsbasis genannt und es erinnert mich im Grunde an Natural Horsemanship, also die Kommunikation nach den Prinzipien der negativen Verstärkung mit dem Pferd. Erst einmal wird im Geitnerschen System immer die Rangordnung geklärt. Das ist keine einmalige Sache. Sie wird in jeder Situation und Lebenslange immer wieder geklärt, je nach Pferd häufiger oder seltener. Und sie wird schon beim Abholen oder Putzen geklärt, nicht erst in der Reithalle.

Wir beschreiben dir gleich die wichtigsten Regeln nach "Be strict" a la Michael Geitner und befragen ihn danach noch im Interview dazu. Dann kannst du selbst entscheiden, was davon zu dir passt und was nicht. 

Michael Geitners Bodenarbeitssystem

Die wichtigsten Regeln von "Be Strict"

REGEL 1: SEI FAIR, KLAR UND VERANTWORTUNGSBEWUSST!

Pferde vertrauen demjenigen, der die besten Führungsqualitäten hat. Sie vertrauen demjenigen, der verantwortungsbewusst und fair ist. Das bedeutet, dass wir immer konsequent und klar sein müssen.

Denn es ist nicht fair, dem Pferd ständig Leckerli zu geben und ihm den Kopf zu kraulen wenn es so niedlich in den Taschen danach sucht und dann ein andermal sauer zu werden, wenn es kurz vor dem Turnier oder beim Führen auch vehement in den Taschen sucht. Woher soll es wissen, dass es einmal passend ist in den Taschen des Menschen zu suchen und einmal nicht?

REGEL 2: ICH ACHTE AUF DICH, ALSO ACHTEST DU AUCH AUF MICH

Damit das Pferd weiß, dass ich immer aufpasse und dass es mir Vertrauen kann, muss ich ihm beweisen, dass ich Bescheid weiß über die Welt und das wiederum kann ich am Besten in seiner Sprache. Also im: Wer bewegt wen? Das Pferd will in der Zusammenarbeit mit dem Menschen gerne wissen, ob der Mensch überhaupt dazu in der Lage ist, es im Ernstfall zu beschützen.

Laut Michael Geitner, wird unter anderem auch über den Versuch getestet den Menschen zu bewegen oder sich eben nicht bewegen zu lassen.

Interview mit Michael Geitner über "Be Strict" und seine Ansichten über Fehler in der Pferd-Mensch-Kommunikation, klare Regeln sowie Grunderziehung beim Pferd

IPferdeflüsterei: Was heißt denn für dich „Strict“ oder „Streng“ sein. Es gibt die viel diskutierte Dominanztheorie, andere wollen nur positive Verstärkung, wieder andere clickern oder arbeiten mit Leckerli. Wie definierst du das für dich?

Michael Geitner: Das kann ich dir in wenigen Sätzen zusammenfassen. Es geht in der Pferde-Menschen-Welt um zwei Dinge.

  • Wer bewegt wen?
  • Du musst dem Pferd und das Pferd muss Dir die 100%ige Aufmerksamkeit schenken

Das war es für mich vor über 13 Jahren, als ich mein Buch zu dem Thema geschrieben hatte und das ist es für mich heute auch noch. Die Menschen machen sich viel zu viele Gedanken darüber wie sie sein müssen, wenn sie mit Pferden sind. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Konsequenz ist für mich die Tatsache, sich nicht bewegen zu lassen.

Die Menschen sich viel zu viele Gedanken wie sie ihr Pferd bewegen und zu wenig Gedanken darüber wie sie von ihrem Pferd bewegt werden. Derjenige der den anderen Bewegt und vor allem in unbedarften Momenten, das ist der, der die Führung hat unter Pferden. Das meist missbrauchte Wort in der Pferdewelt ist die „Partnerschaft“, da geht es meist um das Wohlfühlen des Menschen, nicht um das Wohlfühlen des Pferdes.

Da geht es nicht um Clickern und Steckchen mit denen man fuchtelt oder Raschelsäcke, wie sie der Geitner auch früher geschwenkt hat. Früher, viel früher, ist man Schulter an Schulter gelaufen, da ging es wirklich um Augenhöhe und Partnerschaft. Das ist das Wesentliche: Wer bewegt wen und zusammenarbeiten mit gegenseitiger Aufmerksamkeit.

Pferdeflüsterei: Also hältst du nichts vom Clickern?

Michael Geitner: Nein, nein, wir machen das ja auch bei der Equikinetic mit dem Piepston am Ende des Intervalltrainings. Das ist super! Aber was ich wichtig finde, dass ich „Nein“ sage, wenn ein Pferd etwas macht, was ich nicht will. Wenn ein Pferd mir auf den Fuß springt, bekommt es auch mal einen Klaps. Das ist in Ordnung, weil Pferde auch so untereinander miteinander sprechen. Wir müssen unsere Sichtweise auf die Pferde ein bisschen verändern. Die Menschen sind zu verunsichert und denken zu viel, weil sie mit zu viel Information überflutet werden.

Pferdeflüsterei: Zu dem Thema “Respekt” habe ich auch mal Bernd Hackl*Vom Boden bis zum Sattel! Mit „Be Strict“ zu einem gelasseneren Pferd 5 interviewt. Der sagte, dass es ihm um gegenseitigen Respekt und Höflichkeit geht zwischen Mensch und Pferd und um klare Regeln. „Wenn das Pferd zu mir höflich ist, bin ich es auch.“ Das ist ein schönes Bild, finde ich…

Michael Geitner: Genau! Der Bernd hat auch mal so schön gesagt: Wir werden nie eine Leitstute sein, wir sehen schlechter, wir hören schlechter und wir sind auch langsamer als ein Pferd. Da hat er Recht! Für das Pferd ist es doch nett. Es hat immer jemanden an seiner Seite, der eher vom Löwen erwischt wird ;-)

Pferdeflüsterei: Es geht darum zu sagen: Was sind meine Grundregeln und was will ich und was will ich nicht. Und diese Regeln müssen immer gelten, um dem Pferd Sicherheit zu geben. 

Michael Geitner: Es gibt so viele verschiedene Thesen und Theorien und jeder sagt einem etwas anderes. Da tun mir die ganzen Reiter manchmal auch schon leid. Weil jeder einem seine Theorie um den Kopf haut, als ob sie das einzig Wahre wäre. Dabei lässt es sich wirklich auf eine Basis zurückführen. Es gibt nur ein Konzept: Wer bewegt wen. Da braucht man einfach verschiedene Techniken um das Pferd zu bewegen und dann hat man auch die Führungsqualität. Das findet übrigens oft auch in Situationen statt, in denen man nicht aufpasst.

Pferdeflüsterei: Gibt es denn Dinge, die dir immer wieder auffallen, die falsch laufen? Oder Tipps?

Michael Geitner: Das Pferd lässt den Menschen immer anlaufen, obwohl in jeder Reitlehre steht, dass der Mensch das Pferd antreten lassen soll. Das haben wir komplett vergessen, das machen so viele. Laufen alle einfach los. Das Pferd kontrolliert oft das Tempo beim Gehen und beim Führen. Und zwar immer im Komforttempo des Pferdes. Das ist fatal, so kann es sich auf die Umwelt konzentrieren. Dann passieren auch mal Dinge und es begegnen einem vermehrt „Gespenster“.

Das lässt sich gut vermeiden, wenn man abwechselt zwischen schnellerem Tempo und langsamerem Tempo als dem Komforttempo des Pferdes. Dann laufen wir beim Seitenwechsel oft ums Pferd herum, anstatt das Pferd um uns herumzuschicken. Und was der absolute Tipp ist, egal welche Methode die Menschen verfolgen, beim Erziehen ihres Pferdes. Der wichtigste Fehler den alle machen: Sie glauben, dass das Beziehungstraining nur im Round-Pen oder in der Halle stattfindet. Das wäre so, als ob man sagt: Die Beziehung zwischen Mann und Frau fände nur im Bett statt. Nein! Es sind die ganzen Zwischentöne, die eine Beziehung ausmachen. Das findet im Alltag statt. Und genauso ist es beim Pferd.

Die halbe Stunde, die man mit dem Pferd aktiv arbeitet, wenn man trainiert – da nervt man das Pferd ja eher. Aber in der Zeit dazwischen. Da ist Friedenszeit, da könnte man mit dem Pferd arbeiten und die Führungsposition schon festigen. Wenn man plötzlich beim Dressurkurs fordert und davor und danach das Pferd alles entscheiden lässt. Das nervt die Pferde wirklich. Wenn man sie im entscheidenden Moment im Stich lässt. Und wenn das Pferd Dich im Stich lässt, wenn Du es brauchst – im Kurs. Aber das ist die eigene Schuld der Menschen, wenn sie vorher nicht richtig erzogen haben.

Pferdeflüsterei: Das ist für mich sehr logisch, Kindererziehung fängt ja auch nicht erst im Schulhaus statt…

Michael Geitner: Das ist eine ganz klare Geschichte. Genauso läuft es. Die Beziehung mit dem Pferd fängt da an, wo man den Stall betrifft und hört dann auf, wenn man ins Auto steigt. Da machen die Menschen die Fehler. Egal welche Methoden man liest und nutzen will. Da findet die Beziehung statt.

So viele Bücher, wie man sein Pferd versteht. Aber das Wichtigste ist, dass es Regeln gibt und Vorschriften, man darf sich vom Pferd nicht herumschubsen lassen und gleichzeitig sollte man dem Pferd auch Respekt entgegenbringen. Das ist eine Beziehung auf Gegenseitigkeit, die auf klaren Regeln beruhen sollte. Das ist für mich der Schlüssel. Davon bin ich tief überzeugt.

Pferdeflüsterei: Wo liegen für dich die größten Fehler?

Michael Geitner: Die Pferde werden so ausgequetscht von uns und in Schubladen gesteckt. Aber ich bin tief davon überzeugt: Das Allerbeste, was man für ein Pferd tun kann ist, dass man ganz klare Führung übernimmt. Das Pferd weiß, dass es sich auf Dich verlassen kann. Es ist so wichtig sich immer gleich zu verhalten, in jeder Situation. Das ist meine Definition von „Strenge“, auch „Strenge“ gegen sich selbst.

Pferdeflüsterei: Das ist für mich eine schöne Definition von „Strenge“. Sie ist gewaltfrei und es geht um die innere Stärke…

Michael Geitner: Das ist bei einem männlichen Pferd aber anders als bei einer Stute. Die Jungs rumpeln auch mal untereinander und dann muss man wie unter Kumpels zurückrumpeln und dann ist wieder alles gut. Bei Stuten ist das schon anders. Sie sind, im Gegensatz zu den männlichen Pferden, verschieden sozialisiert und reagieren viel mehr auf Energie. Mir ist es mittlerweile wichtig, dass Pferde gerne mit mir arbeiten. Dass sie sagen: Geitner, ich arbeite gerne mit dir!

Pferdeflüsterei: Wie erreichst du das?

Michael Geitner: Indem ich die Stute frage. Ich achte darauf, wie sie das haben möchte. Beim Longieren zum Beispiel. Ich frage einfach, ob sie lieber 10 Zentimeter mehr Abstand haben möchte oder weniger. Und schon gehen die Ohren nach vorne. Und dann weiß ich, was funktioniert. Man muss nur auf seinen gesunden Menschenverstand hören, sich trauen Fehler zu machen und seinen eigenen Weg zu gehen. Hört auf Euer Gefühl. Die Leute haben so viel Angst, dass sie alles kaputt machen und machen damit am meisten Kaputt.

Pferdeflüsterei: Und wenn man Angst hat davor? Das spüren die Pferde doch…

Michael Geitner: Das gilt auch, wenn man in Situationen Angst hat. Solange man derjenige ist, der entscheidet, wer sich wohin bewegt. Ja und? Natürlich hat man manchmal Angst, aber das ist okay für die Pferde. Wenn man dazu steht und trotzdem strikt mit Ihnen arbeitet.

Ein Chef in der Firma ist doch nicht deswegen ein schlechter Chef, weil er vor etwas Angst hat. Wenn er ansonsten gute Führungskompetenzen hat. Das ist alles nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn der Mensch versucht, keine Angst zu haben. Das kann das Pferd nicht einsortieren. Das Pferd wird die Angst verstehen, als Fluchttier, wenn man als Partner trotzdem klar und konsequent bleibt für das Pferd, wird es das akzeptieren.

Weiter geht’s mit Equikinetic: Ab ins Fitnessstudio mit dem Pferd und warum wir anders trainieren müssen.

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Kommentare (4)

Liebe Petra,

warum schickt die Trainerin ihr Pferd im Galopp durch die Quadratvolte? Geitner schreibt in Equikinetic S. 143 ganz klar: „Vom Galopp raten wir bei der Equikinetic gänzlich ab.“

Kannst du mir dazu Näheres sagen?

Grüße
Anja

Das müsstest du sie fragen, sie ist ja Geitner-Trainerin und hat bei ihm die Ausbildung gemacht. Ich meine, dass sie das Pferd bei der Dualaktivierung und nicht bei der Equikinetic im Galopp geschickt hat. Aber es ist so lange her, dass ich es nicht mehr sicher weiss. Ganz liebe Grüße, Petra

Ich habe letztes Jahr einen 10 jährigem Wallach gekauft und dann mit bodenarbeit, longieren, gymnastizierung und reiten ihn erfolgreich für mich gewinnen können. Es gab viel Respekt und er fühlte sich sicher bei mir. Dann war ich Weihnachten für drei Wochen auf reisen. Für diese Zeit habe ich ein Schwesternpaar (Reiter, freiheitsdressur erfahren) erlaubt ihn zu betreuen. Nach einem probetag war ich zufrieden mit den Mädchen und ihrer Art mit meinem Pferd umzugehen. Seit ich jetzt wieder zurück bin, hat sich da aber das so feste Band gelockert, mein Wallach testet mich bei allem, schnappt nach mir, ist respektlos, im Gelände schaltet er auf fluchtmodus und das ist gefährlich. Nach einem Monat ist er wieder ruhiger, dank der bodenarbeit und der gehorsamkeitsübungen. Aber das volle Vertrauen und so die Anerkennung, das ich das Leiter unserer Zweierreihe bin, fehlt noch. Dein Beitrag hat mir mein Problem ganz deutlich vor Augen geführt. Ich hoffe jeden Tag etwas weiter zu kommen. Es wird ja auch schon besser, aber gut Ding will Weile haben. Mein Ziel ist sein Verhalten fluchtmodus im Gelände zu kontrollieren, oder noch besser, ihm Gelassenheit geben, so dass er nicht flüchten braucht.

Das ist ein wunderbares Ziel, liebe Valerie und ich drücke dir ganz fest die Daumen. Viele liebe Grüße, Petra

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