Dualaktivierung ist Gehirnjogging für das Pferd. Die Trainingsmethode geht von der wissenschaftlichen Erkenntnis aus, dass Pferde keine besonders ideale Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte haben. Das Wissen kombinierte der Erfinder der Dualaktivierung, Michael Geitner, mit einer neueren wissenschaftlichen Studie. Sie hat ergeben, dass Pferde vor allem die Farben Gelb und Blau besonders gut erkennen können.

Deswegen baut die Trainingsmethode auf den Farben Blau und Gelb auf und arbeitet viel mit Seitenwechseln. Das linke Auge ist für die Erkennung von Gefahren zuständig, das rechte Auge für den Fluchtreflex. Offenbar funktioniert aber die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften beim Pferd bis zu 8mal schlechter als beim Menschen. Dann erkennt das Pferd eine potentielle Gefahr zwar mit dem rechten Auge, hat dazu aber keine Situation in seinem Kopf aus dem linken Auge parat, die es zuordnen kann und schon ist es im Fluchtmodus.

Kappzaum

Weniger Panikpotential

Bei diesem Transferproblem zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte im Pferdekopf will die Dualaktivierung ansetzen. Die Pferde sollen über die optischen Farbreize Gelb und Blau und verschiedene Übungen lernen ihre beiden Gehirnhälften besser miteinander zu vernetzen.

Das wiederum sorgt für:

  • Mehr Coolness, Selbstbewusstsein
  • Mehr Balance
  • Mehr Koordination
  • Weniger Panikpotential in Alltagssituationen.

Ständige rechts/links Wechsel, immer wieder Biegen, dann Geraderichten und üben der Konzentration – das alles soll die Dualaktivierung bringen und die berühmte Hinterhand soll auch aktiviert werden. Weil das Pferd versammelt durch die Gassen laufen muss, um sie meistern zu können.

Schaumstoff statt Holz

Soweit die Theorie. In der Praxis werden Gassen aus Pylonen und Schaumstoffgefüllten Plastikstangen gebaut. Alles in den Farben Gelb und Blau. Deswegen Schaumstoffgefüllte „Stangen“, weil Holzstangen sich für das Pferd unangenehm anfühlen, wenn es dagegen stößt. Indem der Mensch sein Pferd durch die Gassen schickt, kann er es abwechselnd gerade stellen und biegen, das wiederum soll die Balance und den Muskelaufbau verbessern.

Judith-baut-auf

Gassen + Longe = Dualaktivierung

Zuerst wird Amy von der Trainerin im Schritt longiert, um die Balance, die Koordination und die Gelassenheit des Pferdes zu verbessern. Judith baut erst einen einfachen Parcours auf, dann erschwert sie die Bedingungen für eine zweite Runde, weil Amy schon geübt ist.

Amy arbeitet konzentriert mit und schwebt elegant in allen Gangarten durch die Gassen. Dann baut Judith für die zweite Runde eine deutlich schwererer Stufe auf:

Amy nimmt auch die schwerer Longenrunde mit Gelassenheit. Das war nicht immer so. Als Judith ihre Stute bekam, war Amy mit 7 Jahren noch roh und nicht das einfachste Pferd. Für heute hat Amy genug geleistet. Dass sie am Ende stolpert hat etwas mit der Dauer der Trainingseinheit zu tun, immerhin ist sie eine gute halbe Stunde durch den Parcour gelaufen undlangsam müde. Im nächsten Schritt würde Judith dann den Parcour auch im Sattel mit Amy trainieren. Solange bis die Stute gelernt hat sich zu balancieren und die Übungen ohne Stolpern zu meistern.

Pferd auf Platz mit Pylonen und Stangen

Zeit spielt eine Rolle

In der Longengasse soll das Pferd jeweils 2 Minuten auf jeder Hand zweimal in jeder Gangart trainiert werden. Zwischen den Handwechseln gibt es dann immer 45 Sekunden Pause:

1. Schritt – rechte Hand // Schritt – linke Hand – 45 Sekunden Pause

2. Schritt – rechte Hand // Schritt – linke Hand – 45 Sekunden Pause

3. Macht insgesamt 8 Minuten Arbeitsphase

4. Dann jeweils 3 Minuten, dann jeweils 4 Minuten pro Phase trainieren. Dann die nächste Schwierigkeitsstufe bauen.

Teil 1 noch nicht gelesen? Mit „Be Strict“ zu einem gelasseneren Pferd? Sei verantwortungsbewusst und fair!

Interview mit Michael Geitner, dem Erfinder der Dualaktivierung über Balance, Gesundes Reiten und bessere Anti-Flucht-Reflexe

 Michael Geitner Dualaktivierung

Pferdeflüsterei: Wie definierst und erklärst du das Konzept der Dualaktivierung?

Michael Geitner: Das startet beim monokularen Sehen der Pferde. Also bei der Anordnung der Augen, die ja beim Pferd an der Seite sind. Das eine Auge ist das sogenannte Fluchtauge und andere das Sicherheitsauge. Das Sicherheitsauge ist meist links, bei 95 % der Pferde ist das so.

Damit schauen sie selbstständig nach dem Raubtier oder wenn sie auf der Flucht sind, behalten sie damit alles im Blick. Das rechte Auge ist dann das Auge, das den Weg im Blick behält und schaut wo sie hin laufen. Diese Fähigkeit ist für ein Fluchttier natürlich super. Aber bei der Ausbildung der Pferde macht uns das Schwierigkeiten, weil die Einheitlichkeit und damit die Balance fehlt. Je nachdem wo das dominierende Auge ist, entsteht dann natürlich eine Unausgeglichenheit und eine Seite wird stärker.

Die Augen und die Dualaktivierung

Pferdeflüsterei: Das dominierende Auge ist also immer das Sicherheitsauge?

Michael Geitner: Genau. Versuche haben gezeigt, dass es bei 95 % der Pferde das linke Auge ist. Das ist das Auge, das die meisten Erfahrungen sammelt. Zum Beispiel die alte Geschichte im Gelände: Das Pferd geht auf dem Hinweg an der Parkbank vorbei, die mit dem linken Auge sichtbar ist, nimmt die Parkbank wahr und legt sie auf der rechten Gehirnhälfte ab. Auf dem Weg zurück ist das dann das gleiche.

Das Pferd nimmt die Parkbank mit dem rechten Auge wahr, findet aber kein Bild dazu auf der linken Gehirnhälfte. Da das Pferd als Fluchttier innerhalb von Sekunden entscheiden muss, wird es sich im Zweifelsfall für das Fluchtschema entscheiden. Wenn es keine Information findet zu der besagten Parkbank, um bei dem Beispiel zu bleiben. Das eine flüchtet wirklich, die anderen bleiben stehen, die nächsten buckeln – da gibt es verschiedene Reaktionen je nach Pferd.

Pferdeflüsterei: Es dreht sich alles um die innere und äußere Balance?

Michael Geitner: So ist es. Letztendlich ist das Prinzip der Dualaktivierung, eine Gleichseitigkeit herzustellen. Wobei das ja schon immer der klassische Grundsatz war. Die ganzen Hufschlagfiguren zielen ja auch schon immer darauf ab, eine Gleichseitigkeit herzustellen. Was letztendlich dazu führt, dass die Pferde lernen schneller zwischen den Gehirnhälften zu schalten. Denn die Pferde schalten ja bis zu 4x langsamer als der Mensch*

Pferdeflüsterei: Du sagst gerade, dass die klassische Reitkunst schon immer nach dem Prinzip verfahren ist – was ist dann an der Dualaktivierung anders?

Michael Geitner: Erstmal haben die Gassen die Bahnfiguren sichtbar gemacht. Sie sind für jeden Reiter reitbar. Eine korrekte halbe Volte hängt ja auch davon ab, dass man sie in alle Richtungen korrekt reitet. Nicht dass man sie irgendwie reitet. Das können viele Reiter gar nicht. Außerdem hat sich in den letzten Jahren herausgestellt, dass es schon einen Unterschied macht, ob die Gassen da liegen oder ob du das in den blanken Boden reinreitest. Die Gassen erhöhen die Trainingsintensität, weil Pferde diese beiden Farben sehr gut sehen.

Pferdeflüsterei: Gelb und Blau?

Michael Geitner: Genau, sonst ist nicht viel Farbschema da bei den Pferden. Sie sehen neben Gelb und Blau ansonsten sehr viele Grautöne. Wenn man die Praxis zusammenfasst, dann muss man schon sagen, dass es einen Unterschied macht, ob die Farben Gelb und Blau im Spiel sind oder nicht. Es haben schon sehr viele Ausbilder ausprobiert und sie alle berichten, dass die Pferde besser balanciert sind als bei anderen Methoden.

Studien und Beweise

Pferdeflüsterei: Praxiserfahrung ist das eine – aber beweisbare Wissenschaft ist das andere. Gibt es denn Studien, die beweisen, dass die Pferde die Farben Gelb und Blau besonders wahrnehmen?

Michael Geitner: Eine Studie aus Wisconsin hat das belegt und die FN hat die Farben Blau und Gelb mittlerweile auch anerkannt. Das war für viele der Auslöser zu glauben, dass sie auch die Dualaktivierung anerkannt haben. Dieser Prozess der Anerkennung der Farben durch die FN hat ein bisschen gedauert, aber man muss da auch Verständnis haben.

Da kommt so Einer und spielt ein bisschen mit den Farben herum. Das dauert eben, bis klar wird, dass es wirklich hilft. Da muss man in der Reiterwelt grundsätzlich mal ein bisschen umdenken, was neue Methoden betrifft. Wenn wir das Training damit verbessern können, ist das doch toll.

Pferdeflüsterei: Gut, es gibt diese Studie. Und es gibt auch mehrere Studien, die beweisen, dass die Pferde keine besonders ausgeprägte Verbindung beider Gehirnhälften haben. Aber wie hast du die Methode letztlich entwickelt?

Michael Geitner: Der Auslöser war ganz einfach: Ein Reiter saß auf dem Pferd und ich bin mit einer Plastiktüte an der Gerte hinter dem Pferd vorbei. Anastasia, das Pferd, hat ständig versucht die Tüte mit dem linken Auge zu verfolgen statt den Transfer zu machen und irgendwann das rechte Auge zu nutzen. Da stellte sich mir die Frage – wieso schaut das Pferd nicht einfach mit dem rechten Auge weiter, sondern will die Tüte mit dem linken Auge verfolgen?

Dann kam der Gedanke zu dem Konzept der zwei Gehirnhälften auf und dann haben wir eine Literatur-Recherche bei der Universität München in Auftrag gegeben und die Farbschema-Studie entdeckt. So kamen die Farben ins Spiel und dann haben wir angefangen mit den Farben und den Plastiktüten und Gassen zu experimentieren. Die Übungen selbst musste ich nicht erfinden, weil es Klassiker sind. Ich musste sie nur an die Gassen anpassen.

Schaumstoff statt Holz

Pferdeflüsterei: Die Gassen sind nicht aus Holz – sondern aus Schaumstoff und Pylonen. Warum?

Michael Geitner: Da geht es einfach um die Verletzungsgefahr. Viele Pferde haben nicht so viel Respekt oder sind tollpatschig und treten auch mal auf etwas am Boden liegendes drauf. Die Holzbalken sind deswegen deutlich gefährlicher als der Schaumstoff, was das Verletzungsrisiko betrifft. Die Gassen haben diesen großen Erfolg, weil viele Leute es schätzen, dass sich die Pferde nicht wehtun. Gerade wenn die Pferde durch Gassen laufen müssen, dann steigen sie erstmal auch drauf und da sind die Holzstangen absolut unpassend.

Pferdeflüsterei: Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Pferde sich erschrecken oder nicht gerne in die Gassen laufen würden, wenn sie unangenehme Gefühle damit verbinden. Da sie sich in den Gassen selbst tragen sollen, müssen sie auch gerne durchgehen wollen – nehme ich an?

Michael Geitner: Genau! Das sind die Dinge, die wir einfach nicht wollen.

Weiter geht’s mit Teil 3: Vom Boden bis zum Sattel! Mit Equikinetic ins Fitnessstudio mit dem Pferd und warum wir anders trainieren müssen. Kurz: Über die Dinge, die wir haben WOLLEN.

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