Willst du wirklich wissen wie Pferde denken und fühlen? Willst du mehr erfahren über Pferdeverhalten und wie du lernen kannst ein bisschen mehr in ihre Köpfe zu schauen? Dann ist diese Serie hier genau das Richtige für dich.

Pferdepsychologin und KräuterLogo Herdis Hillerexpertin Herdis Hiller schreibt über das „Eins werden mit dem Pferd“. Schritt für Schritt – inklusive praktischer Übungen. Sie ist studierte Pferdepsychologin und Pferdeverhaltenstherapeutin und hat sich dem sanften Weg der Pferd-Mensch-Kommunikation verschrieben.

TEIL 1 der Serie findest du HIEREins werden mit dem Pferd: Was ist der Schlüssel zum Erfolg?
TEIL 2 der Serie kannst du HIER nachlesen – Die Natur der Pferde: Was die Pferdeseele bewegt und wie Pferde wirklich ticken
Teil 3 der Serie kannst du HIER nachlesen – Was Pferde brauchen und welchen Menschen sie an ihrer Seite brauchen
Teil 4 der Serie kannst du HIER nachlesen – Führung ist wie ein Tanz: Was Pferde wirklich von uns brauchen

Herdis Hiller - Eins werden mit dem PFerd

Teil 5 der Serie „Eins werden mit dem Pferd“ von Herdis Hiller – Die Welt mit den Sinnen der Pferde „sehen“

Pferde erschrecken sich oft vor Dingen, die uns Menschen völlig kalt lassen. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Zum einen liegt es natürlich an der Fluchttier-Natur des Pferdes. Zum zweiten ist es aber auch so, dass wir unsere menschengemachte Umwelt einfach meist besser einschätzen können als es unsere Pferde können. Zum Dritten erschrecken wir Menschen uns oft einfach nur deswegen nicht, weil wir Dinge gar nicht oder zu spät mitbekommen. Der wesentliche Unterschied liegt also in unserer unterschiedlichen Wahrnehmung.

Die Sinne der Pferde kennen, um sie besser zu verstehen

Damit wir mit dem Pferd eine Einheit werden können, müssen wir es verstehen und passend reagieren können. Dafür ist es sinnvoll, sich mit der Wahrnehmung des Pferdes vertraut zu machen und uns klar zu machen, was wir lernen müssen, um ein besserer Pferdepartner zu werden.

Die Augen der Pferde

Pferde Auge

Folgende Dinge charakterisieren die visuelle Wahrnehmung des Pferdes:

  • Weitwinkelblick: nahezu Rundumsicht ohne den Kopf drehen zu müssen durch die großen Augen seitlich am Kopf
  • Tote Winkel: direkt vor den Vorderfüßen und direkt hinter dem Pferd
  • Räumliches Sehen: (binokulares Gesichtsfeld) schlechter als beim Menschen
  • Pferde sind nicht so gut darin, Entfernungen einzuschätzen
  • Die Möglichkeit gedrehte Gegenstände wiederzukennen sind schlechter als beim Menschen
  • Weitsichtig: Sehr gute Wahrnehmung von Bewegungen
  • Weniger Sehschärfe als bei uns Menschen
  • Sehr viel besseres Dämmerungssehen als wir, aber langsamere Anpassung
  • Farben: Das Farbsehen ist wissenschaftlich umstritten – das Blau-Gelb-Sehen scheint wahrscheinlich
  • Kontraste können Pferde sehr gut erkennen

Was bedeutet das für uns?

Zum Weitwinkelblick
Wir sollten deutlich öfter den Kopf drehen und uns eine gute Umsicht angewöhnen – auch und gerade weil unserer Raubtier-Natur eher der konzentrierte Tunnelblick entspricht. Nur dann bekommen wir mit, was auch unser Pferd wahrnimmt, und können mit gutem Timing reagieren.

Zu den Toten Winkeln
Es ist immer wichtig, dem Pferd weite Kopf- und Halsbewegungen zu ermöglichen. Das verhindert Stolpern und Stürze. Besonders wichtig ist das im Gelände und beim Springen. Oft beruhigen sich nervöse Pferde, sobald wir die Zügelfaust öffnen,  nachgeben und dem Pferd eine freie Kopfbewegung ermöglichen. Wenn wir uns im toten Winkel eines Pferdes bewegen, sollten wir uns dessen Aufmerksamkeit immer sicher sein oder sie erzeugen.

Zum Räumlichen Sehen und den Entfernungen
Enge Räume sind für Pferde deutlich schlechter einzuschätzen als für uns. Manche Pferde sind sich nicht sicher, ob sie hinein passen oder vielleicht sogar stecken bleiben würden, was für ein Fluchttier natürlich eine Katastrophe wäre. Einer der Gründe, warum manche Pferde Angst haben vor Waschboxen oder Hängern. Es ist darum sinnvoll, dem Pferd die Gelegenheit zu geben, ein Gefühl für die Abmessungen des Raums zu entwickeln. Zum Beispiel anhand seiner anderen Sinne wie Tastsinn, Gehör, Geruch. Wir Menschen können ihm auch aktiv dabei helfen, indem wir vorausgehen, die Raumgrenzen abschreiten und die Wände und den Boden abklopfen.

Zu dem Verständnis für gedrehte Gegenstände
Viele Pferde scheuen auf dem Rückweg vor einem Gegenstand, den sie bereits auf dem Hinweg gesehen haben. Hierbei handelt es sich meist nicht um „Austesten“ oder „Verarschen“, und hat entgegen weit verbreiterer Auffassung auch nichts mit einer schlechten Verbindung der beiden Gehirnhälften des Pferdes zu tun. Tatsächlich sieht dieser Gegenstand auf dem Rückweg für ein Pferd komplett anders aus. Das menschliche Gehirn dreht den Gegenstand, damit wir ihn auch aus anderen Perspektiven wieder erkennen können. Das ist dem Pferd nicht so einfach möglich. Es muss also erst einmal durch Untersuchung des Gegenstandes herausfinden, dass es derselbe ist.
Wer aber dem Pferd bereits auf dem Hinweg die Gelegenheit gibt, einen neuen Gegenstand von allen Seiten und mit allen Sinnen zu erforschen, der wird auf dem Rückweg weniger Überraschungen erleben.

Zur Weitsichtigkeit und dem Bewegungssehen
Das Pferd erstarrt und hebt den Kopf? Dann sucht nicht die nächste Umgebung ab, sondern eher die Ferne und achtet auf Dinge und Lebewesen, die sich bewegen. Wenn ihr das Ding von Interesse ebenfalls ausgemacht habt (ein Reh zum Beispiel) gebt eurem Pferd zu verstehen: „Ah alles klar. Da ist ein Reh. Kein Problem. Danke fürs Bescheid sagen. Jetzt können wir weitergehen.“ Noch besser ist natürlich, ihr habt das Reh zuerst bemerkt.

Zum Bewegungssehen und der Körpersprache
Ein Meister im Bewegungssehen wie das Pferd ist fähig, jede eurer kleinsten Bewegungen mitzubekommen. Ihr braucht also keine riesigen Gesten zu machen, damit euer Pferd euch versteht. Im Gegenteil: wenn Ihr eure Körpersprache auf Feinheiten reduziert, wird euer Pferd euch ernster nehmen und mehr vertrauen. Außerdem hat diese Verwendung feinster Signale den großen Vorteil, dass auch eure Kommunikation, die Bodenarbeit & das Reiten immer feiner werden können, was den Weg zur Einheit positiv beeinflusst.
Der Nachteil der pferdischen Meisterschaft im Bewegungssehen ist allerdings, dass wir uns keine unüberlegten, unkontrollierten Bewegungen leisten sollten. Denn unser Pferd wird auch die wahrnehmen, die unsere negativen Emotionen enttarnen.

Zur Sehschärfe
Unsere menschliche Sehschärfe ist eine der besten im Tierreich. Das verschafft uns einen großen Vorteil was die visuelle Wahrnehmung angeht. Wenn wir aufmerksam und umsichtig sind, können wir dadurch Dinge zuerst wahrnehmen und unser Pferd darauf aufmerksam machen. Denkt an das „Wer-überrascht-wen-Spiel“ und dann wisst ihr, warum es uns hilft, mehr wahrzunehmen als unser Pferd.

Zum Dämmerungssehen
Ich komme oft abends in den Stall, wenn es schon dunkel ist. Für mich ist der Stall pechschwarz. Ich sehe wirklich gar nichts – auch nicht meine Pferde. Ich weiß allerdings, dass meine liebsten Vierbeiner mich sehr wohl sehen können. Da ich aber niemanden stören will, lasse ich das Licht aus und taste mich  – wie ein Schlafwandler –  mit ausgestreckten Armen vorwärts. Ich muss dabei immer lachen, weil ich mir vorstelle, wie die Pferde mich mit großen Augen ansehen und denken: „Was macht sie denn da? Jetzt ist es passiert! Sie ist verrückt geworden!“ 😀

Dieses gute Dämmerungssehen des Pferdes hat aber auch einen Nachteil: Ihr Auge braucht wesentlich länger als unseres, sich auf Lichtunterschiede einzustellen. Das ist der Grund, warum Pferde zum Beispiel vor einem Schatten oder einem Lichtfleck scheuen, oder stolpern, wenn sie plötzlich vom Hellen ins Dunkle kommen oder umgekehrt. Das müssen wir unbedingt wissen, um Unfälle vermeiden zu können und uns beide nicht in schwierige Situationen zu bringen. Denn dann können wir einen Moment stehen bleiben und warten, bis sich die Augen des Pferdes an die neuen Lichtverhältnisse angepasst haben.

Die Ohren der Pferde

Pferdeohren zugewandt

Pferde hören in einem dem unseren ähnlichen Frequenzbereich. Aber statt den tiefsten Frequenzen, die wir wahrnehmen können (und sie nicht), nehmen sie noch höhere Frequenzen wahr als wir (bis in den Ultraschallbereich). Zusätzlich sind die drehbaren trichterförmigen Ohren natürlich besser geeignet Schall aufzufangen als unsere.

Wenn wir uns die Reaktion eines Pferdes nicht erklären können, ist es also wahrscheinlicher, dass es etwas gehört hat, das uns entgangen ist, anstatt dass es uns ärgern möchte.

Die Nase der Pferde

Pferd schaut

Bisher konnten unsere Sinne ja noch einigermaßen mithalten, aber nun ist damit Schluss! Denn in Sachen Geruchssinn sind wir Menschen wirklich ein wenig unterbemittelt 😀 Das Pferd nimmt wesentlich mehr Gerüche war und besitzt darüber hinaus auch noch ein zusätzliches Organ, das wir nicht haben: das vomeronasale Organ. Das kann Pheromone durchs Flehmen wahrnehmen.

Auch diese Sinnesunterschiede erklären oft scheinbar unerklärliche Reaktionen des Pferdes. Oft sind bedrohliche Gerüche wie zum Beispiel der eines toten oder verwesenden Tieres im Dickicht Auslöser einer Angstreaktion.

Weiterhin verbinden Pferde Gerüche zum Beispiel mit positiven aber auch negativen Erlebnissen – lange nachdem diese Erfahrung schon vorbei ist. Manchmal, wenn man in der Verhaltenstherapie nicht weiterkommt und alle Maßnahmen keine Besserung bewirken, kann eine Veränderung von Gerüchen plötzlich den Durchbruch bringen.

Gerüche sind übrigens der einzige Stoff, der bei uns Säugetieren direkt und ungefiltert ins Gehirn gelangt. Die Informationen der Gerüche sind darum unmittelbarer und unbewusster als alle anderen Informationen, die wir durch die übrigen Sinne aufnehmen. Darum sind Gerüche unheimlich tiefgreifend auf die Psyche und können die aktive Gehirnregion schlagartig ändern.

Gerüche haben Macht auf Pferde

Da Gerüche für Pferde so wichtig sind, haben sie eine große Macht. Da wir Menschen aber so schlecht in Sachen Geruch sind, vergessen wir diese Macht gerne oder messen ihr keine Bedeutung bei. Dennoch sollten wir versuchen, diesen Sinn immer mit einzubeziehen. Und nicht nur das! Wenn wir an ihn denken, können wir die große Macht des Geruchssinns sogar positiv nutzen:

Wenn ein Pferd Angst hat, können wir die geruchliche Information von Beruhigung durch einen Duft übermitteln – selbst bei Tieren, welche vor Panik nicht mehr „ansprechbar“ sind.

TIPP: Wenn Pferde einen Hänger nicht betreten wollen, indem es noch den Angstschweiß des zuletzt transportierten Pferdes riecht, ist es effektiver, den Duft zu verändern als ein zeitaufwendiges „Hängertraining“ zu veranstalten. Hänger putzen, anschließend Mist und Streu aus der Box oder dem Offenstall des Pferdes hinein tun, einen Tropfen Lavendelöl dazu – Verladen.

Genau so kann und sollte man auch bei einem Umzug vorgehen. Die geruchliche Umgebung des Pferdes mitzunehmen und auszutauschen wird dem Pferd sehr helfen, diese schwere Zeit der Umgewöhnung unbeschadet zu überstehen. Einfach vor dem Umzug eine Satteldecke und etwas Mist aus der alten Heimat in die neue tun.

Macht eure Pferde auf diese Art und Weise auch mit dem Geruch eines neuen Herdenmitglieds vertraut, bevor es da ist, und zeigt auch dem neuen Pferd bereits vor Ankunft die Gerüche seiner zukünftigen Genossen. Die Zusammenführung wird dann deutlich einfacher.

Auch die Gewöhnung an unbekanntes Futter findet am besten über eine geruchliche Annäherung statt: Das Futter einfach auf den Boden neben den Schlafplatz legen, ab und zu erneuern und dann vorsichtig anfüttern.

Und hier noch ein paar komprimierte Geruchs-Tipps:

  • Stuten erkennen ihre Fohlen vor allem am Geruch. Also bitte nicht das Fohlen waschen.
  • Ein in Insektenspray gehülltes Pferd kann in einer Herde Unruhe auslösen.
  • Ein kleiner Stoffstreifen mit beruhigenden ätherischen Ölen am Futterplatz kann gestresste und ängstliche Pferde, die dazu tendieren, zu schnell zu fressen, beruhigen.
  • Jeden dritten Tag neue Düfte in der Box oder im Auslauf zu verteilen, trainiert das Gehirn des Pferdes, trägt zu einer verbesserten Verbindung der Gehirnhälften bei und bietet Beschäftigung.

Der Tastsinn der Pferde

Pferd schaut in die Kamera

Berührungen und Körperbewusstsein: Der pferdische Tastsinn ist sehr fein – vor allem rund um das Maul und die Augen. Die Tasthaare spielen da eine wichtige Rolle. Sie abzuschneiden kommt einer Sinnesamputation des Pferdes gleich. Denken wir an das Beispiel mit der Waschbox, in die sich das Pferd nicht traut: mit Hilfe seiner Tasthaare kann es die Abmessungen erkunden und so ein Bild von der tatsächlichen Größe des Raumes erhalten.

Die Haut des Pferdes kann kleinste Berührungen wahrnehmen. Denkt zum Beispiel an die Reaktionen eines Pferdes auf eine Fliege. Das sollten wir uns auch in der Kommunikation mit dem Pferd immer vor Augen halten: Hilfen und haptische Kommunikation können so fein werden, wie die Beine eine Fliege auf der Pferdehaut.

Die Empfindungen von Berührung auf der Haut kann dem Pferd auch sehr gut behilflich dabei sein, verschiedene Gehirnregionen besser zu verknüpfen und den eigenen Körper besser wahrzunehmen.

TIPP: Das Pferd zu kraulen und zu massieren ist darum eine der besten Maßnahmen, um zwei so unterschiedliche Wesen wie Mensch und Pferd miteinander zu verbinden. Die Berührungen schaffen Vertrauen und Nähe, sie schenken dem Pferd ein besseres Körperbewusstsein, schulen sein Gefühl ebenso wie das des Menschen, eröffnen Wege zu nonverbaler Kommunikation und regen die Durchblutung, den Lymphfluss und den Stoffwechsel des Pferdes an. Es gibt kaum etwas, das so unendlich viele positive Effekte hat wie das Kraulen.

Die Intuition und das Gespür der Pferde

Dülmener Wildpferde

Schwarmbewusstsein: Über die gute Intuition des Pferdes haben wir ja bereits gesprochen. In die gleiche „für uns schwer greifbare“ Kategorie, gehört das Schwarmbewusstsein des Pferdes beziehungsweise die kollektive Intelligenz des Pferdes.

Habt Ihr schon einmal einen Fischschwarm gesehen, der sich zu einem riesigen Gesamtwesen formt? Oder eine Masse Vögel bewundert, die nahezu gleichzeitig die Richtung wechseln und dabei tolle Formen bilden können? Auch bei Pferden lässt sich dies beobachten. Und wer es zulässt, der kann von diesem Bewusstsein ebenfalls erfasst werden:

Ich bewegte mich einmal inmitten einer Gruppe männlicher Jährlinge. Plötzlich zuckte ich heftig zusammen, ohne dass ich wusste warum. Wie vom Blitz gerührt stand ich da. Ich sah, wie alle Pferde um mich herum zum gleichen Zeitpunkt zusammenzuckten und stehen blieben. Doch bis auf einen wussten wir alle nicht, warum wir zusammengezuckt waren. Denn nur der Herdenchef hatte im Wald eine Bewegung bemerkt und sich erschrocken. Diese Emotion war wie eine Welle durch uns alle durch gelaufen – sie hatte uns alle zeitgleich erfasst.

Diese Form der Übertragung ist wirklich sehr faszinierend. Sie bedeutet aber auch Verantwortung. Denn ebenso übertragen sich auch unsere negativen Emotionen auf unser Pferd. Darüber hinaus bietet diese Form der Wahrnehmung eine tolle Chance: denn wenn wir gelernt haben, unsere Emotionen zu transformieren, werden wir unser Pferd emotional und positiv beeinflussen können.

Übungen um die Welt mit den gleichen Augen zu sehen

Übung 1: „Siehst Du was, was ich nicht sehe?“

Wenn ihr mit eurem Pferd unterwegs seid, spielt ab und zu das „Siehst du was, was ich nicht seh“-Spiel. Das macht nicht nur Spaß, es wird auch eure Bindung erheblich stärken, eure Aufmerksamkeit schulen und eure Reaktionsstärke verbessern und euch die Anerkennung eures Pferdes einbringen – zumindest, wenn Ihr das Spiel öfter gewinnt als euer Pferd 😉

Das Spiel könnt ihr eigentlich immer spielen, wenn ihr mit eurem Pferd zusammen seid, egal, ob ihr putzt, reitet, Bodenarbeit macht oder spazieren geht.

Und das Spiel geht so:

  • Schaltet all Eure Sinne ein und achtet auf alles, was neu und anders ist als gestern.
  • Versucht mit den Augen des Pferdes zu sehen – nehmt aber auch alle anderen Sinne mit dazu.
  • Steigt euch ein neuer Geruch in die Nase? Was ist das für ein komisches Geräusch? Welche Vögel haben sich gerade weit hinten auf der Weide nieder gelassen? Fühlt sich der Boden heute anders an? Sind die Farben der Umgebung heute andere als gestern? Steht da ein Reh zwischen den Bäumen?
  • Was es auch ist, bemerkt es, bevor es euer Pferd bemerkt. Und dann macht euer Pferd darauf aufmerksam.
  • Jedes Mal, wenn euch das gelungen ist, bekommt ihr einen Punkt.
  • Jedes Mal, wenn euer Pferd stehen bleibt, zur Seite springt oder einfach nur seine Aufmerksamkeit auf etwas fixiert, bevor ihr es bemerkt habt, bekommt das Pferd einen Punkt.

Beim ersten Mal kann euch dieses Spiel sehr gut zeigen, wo ihr steht auf dem Weg zur Einheit mit eurem Pferd. Wenn ihr ehrlich zu euch seid und wirklich realistisch zählt. Gewinnt euer Pferd haushoch, gibt es noch Luft nach oben. Seid ihr relativ gleich auf, seid ihr schon auf einem sehr guten Weg. Gewinnt ihr das Spiel deutlich, kann sich euer Pferd keinen besseren Partner wünschen.

Das Schöne ist: Egal wo ihr zu Beginn steht, je öfter ihr dieses Spiel spielt, desto mehr wird das Ergebnis zu euren Gunsten ausfallen. Denn ihr werdet lernen, was es bedeutet wie ein Pferd wahrzunehmen. Und dann werdet ihr automatisch lernen euer Pferd abzusichern und vorausschauend zu denken und zu handeln. Und ganz nebenbei wird das Vertrauen eures Pferdes in euch und die Nähe zwischen euch steigen.

VORSICHT: Wenn Ihr mitten drin seid in diesem Spiel und Euch voll auf die Pferdesinne einstellt, kann es den sehr sensiblen unter Euch passieren, dass Ihr die Aufregung und Anspannung eines Fluchttieres entwickelt. Solltet Ihr diese innere Unruhe feststellen, fokussiert Euch auf Eure tiefe Atmung und unterbrecht das Spiel immer wieder, um Eure Anspannung herunter zu fahren. Ihr solltet auch bei diesem Spiel immer innerlich ruhig, gelassen und bestimmt bleiben.

Übung 2: Duftspuren

Diese Übung dient in erster Linie dazu, den Geruchssinn mehr in euren Fokus zu holen, da wir Menschen so wenig auf Gerüche achten. Gleichzeitig ist sie aber auch ein schönes Gehirnjogging für euer Pferd.

  • Besorgt Euch mindestens drei unterschiedliche ätherische Öle. Wichtig: sie sollten Bio und 100 % rein sein. Ideal für den Start sind: Lavendel, Salbei & Pfefferminze.
  • Haltet das Fläschchen unter eine Nüster eures Pferdes und beobachtet, wie euer Pferd zu „denken“ beginnt.
  • Wenn die erste Seite der Nüster genug hatte, haltet die Flasche unter die andere Nüster.
  • Stellt fest, ob euer Pferd eine Lieblingsseite hat und schenkt der anderen Seite in Zukunft mehr Beachtung.
  • Schaut, auf welche Düfte euer Pferd wie reagiert. Testet euch selbst ebenso. Riecht ihr auf einer Seite besser? Was bewirken die Düfte bei euch?
  • Wenn euer Pferd versucht, einen der Düfte zu fressen, dann benötigt es mehr davon. Wiederholt diese Übung mit diesem Duft so lange bis euer Pferd das Interesse verliert. Dann nehmt einen neuen Duft und beginnt von vorn.

Seid euch immer mehr darüber bewusst, welche geruchtlichen Signale ihr und eure Umgebung aussenden und gestaltet diese aktiv – besonders in schwierigen Situationen, bei Konflikten oder vor lebensverändernden Terminen wie zum Beispiel einem Umzug, einem Klinikaufenthalt oder der Ankunft eines neuen Herdenmitglieds.

Autor: Herdis

12 Kommentare zu “Die Sinne der Pferde: Die Welt mit Auge, Ohre und Nase der Pferde „sehen“

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    das ist ein sehr interessanter Beitrag, in dem ich auch noch was gelernt habe.
    Meinem Pony steht mit zwei seiner Mädels ein Stallwechsel bevor. Das dauert zwar noch etwas, aber bald werden die drei bei uns am Haus leben :). Die Idee etwas Mist mitzunehmen um ihnen die Eingewöhnung einfacher zu machen, werde ich mir auf jeden Fall merken. Mal schauen ob wir das nicht sogar nutzen und die neu angeschafften Dinge für den Stall dann erst Mal in den alten Stall stellen, damit es nach Heimat riecht.
    Zum Thema Bewegungssehen und Körpersprache hatte ich letztens ein interessantes Erlebnis. Ich habe mit einem Pony traniert, was mich bis dahin nicht kannte. Nach anfänglichem Kennenlernen und so weiter, wollte ich dem Pony gerne beibringen, dass es bitte auf mein Signal hin antritt. Es hat und hat nicht funktioniert. Bei einer Trainingseinheit hat uns jemand fotografiert und als ich mir daheim die Bilder angeschaut habe, war mir das Problem klar. Ich habe durch verschiedene Unfälle eine Fehlstellung im Fuß. Ich dreh meine Füße seither immer nach außen. Nun steh ich also neben dem Pony und alles bis auf meine Füße zeigt in Bewegungsrichtung. Das Pony hat mich so genau beobachtet, dass es sich daran gestört hat und mich nicht verstanden hat. Beim nächsten Mal habe ich mich anders hingestellt und so hat es auch funktioniert mit dem antreten.
    Das Spiel "Siehst du was, was ich nicht sehe", spiele ich ab und an mit meinem Ponymann. Wobei es bei uns nicht um Punkte zählen geht. Ich versuche dabei einfach die Welt so wahrzunehmen wie er und wir zeigen uns gegenseitig Dinge, die uns gerade auffallen. Das macht Spaß und stärkt unsere Bindung.

    Liebe Grüße
    Miriam

    • Herdis Hiller sagt:

      Liebe Miriam,
      Was für großartige Beispiele, die du mit uns teilst! Vielen Dank dafür! Das wird den anderen Lesern bestimmt anschaulicher machen, was ich meine! Chapeau! 🙂 <3
      Liebe Grüße
      Herdis Hiller

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, wow – das sind ja mal Nachrichten – du hast deinen Ponymann in Zukunft direkt hinter der Haustüre? Ich bin ganz neidisch und freue mich wahnsinnig für euch. Das ist sicher so toll für die Bindung. Ich wünsche mir das auch irgendwann. Du kannst ihn morgens begrüßen, füttern, zwischendurch Hallo sagen. das wird sicher sehr schön. Ich finde deine Idee mit den neuen Sachen auch super – Geruch spielt ja wirklich eine große Rolle bei den Pferden.

      Und auch spannend wie wichtig Details bei der Körpersprache sind. Carey fällt immer auf einer Seite des Zirkels leicht "rein" mit der Schulter, manchmal werden regelrechte Eier aus unseren Kreisen und ich glaube, dass es etwas mit mir zu tun hat. Bin aber noch nicht dahintergekommen was es ist. Neulich hat mich sogar mein Mann gefilmt, aber uns ist beiden nichts aufgefallen. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendeine Schiefe habe, weil es immer die gleiche Seite ist. Ich werde noch darauf kommen. Aber es zeigt mir, wie fein die Nuancen sein können bei Pferden. Das ist faszinierend und spannend. Ganz liebe Grüße an deinen Ponymann und dich, Petra

  2. Sabine Hübner sagt:

    Sehr toll geschrieben und ich bin jetzt schlauer. Manche Sachen weiß ich andere sind sehr interessant und werde ich ausprobieren. Vorallem das mit den Duftproben. Nehme jedoch nie Parfüm in den Stall oder beim Ausritt. Möchte meinen Eigengeruch nicht verändern. Was auch interessant ist dass mit dem Hänger und dem räumlichen Wahrnehmungsgefühl. Habe ich auch so schon erlebt. Eine schwarze Straße plötzlich vom Schnee und Sonnenlicht war furchtbar für mein Pferd ging dann doch nach kurzem Zögern.

    • Herdis Hiller sagt:

      Liebe Sabine,
      Vielen Dank für das liebe Lob! 🙂
      Ich finde es toll, dass Du Deinen Eigengeruch nicht verändern möchtest. Die synthetischen Zusätze in Parfums dürften in empfindlichen Pferdenasen auch mehr als unangenehm sein. Und so bist du auch viel freier, um natürliche Duftstoffe bewusst einsetzen zu können.
      Weiter so! 🙂
      Liebe Grüße
      Herdis Hiller

  3. Julia sagt:

    Hallöchen,

    ich habe ein sehr schreckhaftes und ungeheim aufmerksames Pferd. Es gelingt mir wirklich selten Dinge vor ihr wahrzunehmen.
    Sie hört defintiv um einiges besser als ich – leider ?
    Wie kann ich überhaupt mein Pferd aufmerksam machen? Wie mache ich das richtig?
    Bis jetzt bringt alles zeigen und reden etc nicht viel.
    Wäre dankbar für einen Tipp ?

    P.s. interessanter und wirklich lesenswerter Beitrag!

    Liebe Grüße
    Julia

  4. Herdis Hiller sagt:

    Liebe Julia,

    ja, gerade ursprüngliche und/oder nervöse Pferde sind absolute Meister auf dem Gebiet der Wahrnehmung. Denen machen wir so schnell nichts vor 😀
    Du musst also Deine Stärken als Mensch nutzen: z.B. um die Ecke denken und vorausplanen. Warum legst Du auf Eurer Strecke nicht zuvor einfach selbst ein paar Dinge an den Wegesrand? Dann weißt Du vorher, was auf Euch zukommt, kannst Dein Pferd darauf aufmerksam machen, und bist nicht auf Deine Sinne allein angewiesen. (Deine Stute wird baff erstaunt sein 😉 😀 )

    Meist ist es deutlich leichter, unser Pferd auf uns aufmerksamer zu machen, wenn wir tiefe, innere Ruhe entwickeln. Das wird auch unser Pferd beruhigen und beeindrucken und es wird sich mehr an uns orientieren. Auch gute Führung und Zielstrebigkeit machen diese Pferde ruhiger. (Fokussiere dich nicht auf sie, sondern auf den Weg, die Umgebung, dein Ziel.)
    Und dann kannst Du sie überraschen: Spring doch plötzlich mal zur Seite wie ein Pferd, das vor etwas scheut. Oder bleib wie angewurzelt stehen, als wäre Dir ein fieser Duft in die Nase gekommen. Laufe mal schneller, mal langsamer. Halte mal an einer Blume an und betrachte sie. Kurz: Werde aktiv, so als wäre Dein Pferd gar nicht dabei. (Wichtig ist nur, dabei innerlich ganz ruhig zu bleiben und nicht selbst „Fluchttier-Unruhe“ zu entwickeln.)

    Viel Erfolg und vor allem: Habt Spaß! 🙂 <3

    Liebe Grüße
    Herdis

    • Julia sagt:

      Danke für deine Antwort Herdis ?
      Jetzt muss ich aber wirklich noch wissen wie ich richtig meinem Pferd zeige oder aufmerksam auf etwas mache. Also ich hab das Gefühl das das nämlich nicht wirklich klappt ??
      Wenn ich mit ihr rede um sie aufmerksam zu machen erschrickt sie trotzdem wenn sie es dann selber "checkt".
      Ist das trotzdem richtig..?

    • Herdis Hiller sagt:

      Liebe Julia,

      in der nächsten Folge dieser Serie erfährst Du mehr darüber, wie man auf pferdische Art kommuniziert. Das wird Dir mehr Antworten auf die Frage geben, wie Du Deine Stute aufmerksam machen kannst und welche Art der Kommunikation bei ihr effektiver sein kann.

      Wenn Sie sich dennoch erschreckt (was ich Deinen Erzählungen nach vermute), ist es hilfreich, das "Problem" ganzheitlicher anzugehen. Dann wirst Du mehr erreichen, wenn du intensiv an den Grundlagen arbeitest: Deiner inneren Balance, Deiner Achtsamkeit und Deiner Führungskompetenz.

      Möglicherweise würde Dir dabei ein Einzeltraining mit einem Profi helfen. Denn manchmal sind schriftliche Beschreibungen einfach nicht genug und wir benötigen Jemanden, der uns leitet.

      Ich wünsche Euch viel Erfolg und Freude! 🙂 <3

      Liebe Grüße

      Herdis

  5. Lena sagt:

    Liebe Herdis,
    Dein Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt. Eine Frage drängt sich mir aber förmlich auf:
    Mein Pony ist sehr intelligent und sehr ursprünglich. Dadurch sieht und hört er viele Sachen, die mir so gar nicht auffallen. Was ja alles nicht weiter schlimm wäre, wenn wir nicht das eine hartnäckige Problem hätten: Er schlägt Haken. Und zwar nicht, weil er sich erschreckt, er ist so ziemlich das nervenstärkste Pferd, das ich kenne. Ich habe das Gefühl, er macht das "mit Absicht". Ich weiß, dass Pferde nicht berechnend agieren können, eigentlich. Aber er macht das nur, wenn etwas von ihm verlangt wird, was ihm in diesem Moment partout nicht passt. Meistens gehe ich dann einen Schritt zurück, frage etwas ab, dass er gerne mag, und dann nochmal die "doofe Sache". Aber auch das hilft nur zeitweise. Besonders schlimm ist es, wenn wir alleine im Gelände sind, also wenn ich ihn reite. Spazieren gehen ist kein Thema, da folgt er mir brav. Aber sobald es mit mir auf dem Rücken ins Gelände geht, springt er vor einem Blatt weg, das am Boden liegt, in das er normalerweise eher reinbeißen würde. Jetzt war meine Überlegung, dass er mir zwar vertraut, wenn ich "vorgehe", also neben ihm bin, auf dem Rücken aber ist er unsicher, weil ich "hinter ihm" bin und er die Nase "in die Gefahr strecken" muss. Ok, soweit für mich alles logisch. Aber warum macht er dann diese Eskapaden nicht, wenn ich nichts von ihm verlange? Wenn ich nur draufsitze und mich tragen lasse? Dann hat er allerdings einen Schritt, als wenn er ein Faultier gefrühstückt hätte… Wenn ich ihn aber zum fleißiger gehen motivieren möchte (stelle mir vor, er läuft fleißig vorwärts, und gebe dazu leichte Schenkelhilfen), geht er auch fleißiger – und schmeißt sich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit auf der Hinterhand rum. Lasse ich ihn komplett in Ruhe, sprich sein Tempo und seine Richtung, ist er das coolste und gemütlichste Pony auf dem Planeten! Habe auch schon ausprobiert, ihn im Gelände erstmal sein Tempo gehen zu lassen, auf dem Platz aber "gescheit" zu reiten, sprich, zu fordern. Aber sobald er im Gelände "schlurfen" darf, ists auch mit dem Fleiß auf dem Platz Essig, weil inkonsequent.
    Hast Du vielleicht noch eine Idee oder einen Tipp?
    Danke 😉
    Liebe Grüße,
    Lena

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