Artikel aktualisiert am 02.06.2019 Sie sehen irgendwie immer ein bisschen schmuddelig aus. So, als ob sie dringend eine professionelle Zahnreinigung bräuchten. Sie sind aber auch unglaublich wichtig für die Pferdegesundheit, den Bewegungsapparat des Pferdes und im Grunde auch dafür, dass dein Pferd gesund geritten werden kann: die Pferdezähne!

Pferdezähne! Alles was du über die Pferdezähne wissen musst

Wenn die Zähne nicht gesund sind oder der Kiefer deines Pferdes Probleme macht, dann kann dein Pferd Schmerzen, Verspannungen, Schiefen und vieles mehr entwickeln. Deswegen ist es unglaublich wichtig zu wissen, wie die Pferdezähne aufgebaut sind und funktionieren.

Pferdezähne – das sagt die Expertin

Die Pferdedentistin und Zahn-Expertin Lena Greite von pferdezahn-greite.de hält Vorträge zum Thema Zahngesundheit, arbeitet als Dentistin und gleich erklärt sie dir in einem Interview alles, was du über die Pferdezähne wissen musst. Untersuchung Foto: Sarah Koutnik Aber vorher liefere ich dir noch ein paar Basis-Fakten zu den Pferdezähnen.

Zahnpflege bei Pferden – Sedierung: Ja oder nein?

Das sieht ja immer ein bisschen fies aus, wenn die ganzen Instrumente durch den Mund deines Pferdes fegen, während das arme Tier halb sediert in den Seilen hängt. Ich selbst habe mir die Frage nicht leicht gemacht, ob ich einen Dentisten an mein Pferd lasse, der es sediert für die Behandlung und hatte anfangs auch einen klassischen Zahnpfleger der alten Schule, der die Zähne meines Pferdes nur mit Raspel und ohne Sedierung behandelt hat. Bis dann meine Osteopathin ums Eck kam. Sie ist studierte Tierärztin und hat sich nach vielen Praxisjahren in einer Pferdeklinik als Osteopathin weitergebildet.  Du kennst sie vielleicht von dem Interview HIER über „Erste Hilfe bei Pferden“ „Was meinst du, wie viele Pferde ich schon in der Klinik hatte, die mit Raspel oder anderen Zahnpflegeinstrumenten in Rachen und Hals in die Klinik eingeliefert wurden, weil sie ohne Sedierung behandelt wurden und dabei diese schweren Verletzungen entstanden sind?“ Mit diesem Satz hatte sie mich überzeugt. Egal wie lieb ein Pferd ist, natürlich kann es erschrecken oder Stress bei der Behandlung empfinden und sich plötzlich dagegen wehren. Zumal der Dentist wenig Ruhe hat, wenn das Pferd seinen Kopf immer wieder bewegt. Das alles hat mich ins Nachdenken gebracht. Seitdem wird meine Stute alle zwei Jahre mit einer Sedierung von der Dentistin behandelt. Eigentlich werden Pferde ja in aller Regel einmal pro Jahr behandelt, da meine Stute aber so unauffällige Zähne hat, haben wir uns auf den zweijährigen Turnus geeinigt. 

Warum Wildpferde keinen Pferdedentisten brauchen

Die Wildpferde sind ja im Grunde Steppentiere und futtern im Grunde den ganzen langen Tag trockenes, karges und ziemlich robustes Steppengras. Das beissen sie mit den Schneidezähnen ab und mahlen es dann einmal mit den Backenzähnen durch. Ab und an futtern die Wildpferde dann noch ein bisschen Steppensand mit. Da wird also schön viel gemahlen und kurz gehalten.  Grasen im Klassenzimmer Klar, dass die Art des Futters und Fressens sozusagen die Zahnpflege mit erledigt hat bei den Wildpferden. Zumindest in aller Regel. Natürlich muss man auch fairerweise sagen, dass die Natur bei den Pferden, deren Zähne sich nicht von alleine zurechtgeschmirgelt hatten, die natürliche Selektion hat walten lassen. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema, das alle Bereiche betrifft.  Die Zähne der Pferde sind also eigentlich darauf angelegt, dass sie sich gleichmäßig und dezent abnutzen und immer wieder von oben aus dem Kiefer nachgeschoben werden, solange bis der Zahn aufgebraucht ist.  Angrasen auf der Wiese Das Gras und Heu, das unsere Pferde vor allem fressen ist aber in aller Regel nicht besonders fest oder Rau oder hart, sondern im Gegenteil sogar relativ weich. Die Pferde müssen also nicht soviel mahlen und beissen und das wiederum sorgt dafür, dass sich die Zähne nicht so gleichmäßig abnutzen wie bei Wildpferden und da setzt dann eben der Dentist unter anderem an. Wenn die Pferde dann noch vor allem Kraftfutter bekommen und nicht genug raues und karges Heu, dann haben sie zusätzlich das Problem, das sie kaum beissen müssen, aber gleichzeitig mit ihren Backenzähnen die Körner zermahlen müssen. Bedeutet also, dass die Backenzähne deutlich kürzer sind irgendwann als die Schneidezähne. Das sorgt für verkrampftes und verspanntes Kauen und das wiederum kann Verspannungen und Muskelprobleme im ganzen Körper auslösen. Das wiederum kann zu Problemen beim Reiten führen, wie Kopf werfen, Schiefen oder sogar Abwehrreaktionen wie Bocken und Steigen.  Das ist nur ein Beispiel, aber es zeigt einfach, wie wichtig die Zähne deines Pferdes sind und wie wichtig dabei auch das richtige Futter, die richtige Haltung und die richtige regelmäßige Behandlung durch den Dentisten. 

Was du für die Zähne deines Pferdes tun kannst

Du kannst natürlich neben der Zahnpflege ein bisschen was für die Zahngesundheit deines Pferdes tun. 
  • Du kannst deinem Pferd zum Beispiel Baumstämme oder dicke Äste zum Abnagen auf die Koppel legen, damit es seine Schneidezähne abnutzen kann
  • Du kannst deinem Pferd viel viel Heu und Raufutter zur Verfügung stellen
  • Lass regelmäßig den Dentisten ran
  • Guck dir dein Pferd regelmäßig auf ein paar Punkte an, die auf Zahnprobleme hinweisen könnten
    • Fällt viel Futter aus dem Maul? Dann könnte es sein, dass die Backenzähne schon nicht mehr aufeinandertreffen können
    • Hat es schlechten Atem? Es kaut zu wenig und hat ziemlich sicher Zahnprobleme und Schmerzen
    • Nimmt es sehr ab oder hat es stumpfes Fell? Es hat vielleicht Schmerzen in den Zähnen oder im Kiefer und isst zu wenig 
    • Hat es ständig Blutungen aus dem Maul? 
    • Hat es Schwellungen im Kopf- oder Maulbereich – eine dicke Backe?
Ein gesundes Pferd kaut einfach ruhig und entspannt und gleichmäßig vor sich hin. Wenn es Zahnprobleme hat, schiebt es eher mal das Futter im Maul hin- und her oder es fällt beim Fressen einiges wieder heraus. Pferde mit Zahnproblemen trinken wohl auch nicht so gerne und die Pferdeäpfelchen haben eher lange Fasern, weil das Pferd ja das Heu nicht richtig zermahlen kann mit den Zahnproblemen.  Wenn Pferde beim Reiten viel mit dem Kopf schlagen oder lahmen oder apathisch sind, dann kann das auch auf Zahnprobleme hindeuten. 

Die Anatomie im Maul: Wie viele Zähne hat das Pferd

Pferde haben zwischen 36 (Stuten) und 44 (Wallache und Hengste) Zähne. Davon sind 12 Schneidezähne, 4 Eckzähne und 24 Backenzähne. Dann gibts noch die Hengstzähne bei männlichen Pferden. Und die meisten Pferde haben auch Wolfszähne. Die werden ja gerne mal gezogen, bevor das Anreiten gestartet wird, weil das Gebiss sonst Schmerzen verursachen könnte. Die Wolfszähne sind kleine Reste aus der Evolution und unnötig fürs Pferd.  Pferde haben übrigens auch Milchzähne. Aber das sind weniger Zähne als sie dann später haben, wenn sie erwachsen sind. Die Milchzähne sind zum Teil schon bei der Geburt da, einige kommen auch erst in den Wochen nach der Geburt. 

Wie Pferdezähne “wachsen”

Die Pferdezähne sind ja unglaublich lang und werden sozusagen immer nur nachgeschoben – um alles, was abgemahlen wird, wieder auszugleichen. Das sind ein paar Millimeter im Jahr. Ansonsten sind sie einigermaßen klassisch mit einer Zahnwurzel, einer Zahnkrone, dem Zahnschmelz und eben der Reserve, die im Kieferknochen steckt.  Jetzt erklärt dir Lena Greite in unserem Interview alles, was du über die Pferdezähne wissen musst, damit du dein Pferd und seine Zähne ab jetzt ganz genau kennst und gut versorgen kannst. SZ Untersuchung - Foto: Sarah Koutnik

Interview über die Pferdezähne – wie sie aufgebaut sind, welche Bedeutung sie für dein Pferd haben und wie du sie perfekt versorgen kannst

Pferdeflüsterei.de: Pferdezähne sind ja selten Blendax-Weiß ;-) Warum ist das so und wieso ist das im Gegensatz zu uns Menschen unproblematisch?

Lena: Bei uns Menschen ist die Zahnkrone komplett mit Zahnschmelz überzogen. Das Pferd hat sogenannte „schmelzfaltige“ Zähne. Da finden sich alle drei Zahnsubstanzen (Zahnschmelz, Dentin und Zahnzement) an der Oberfläche. Die sind eben einfach etwas unterschiedlich gefärbt.

Dann ist die Oberflächenstruktur nicht immer ganz glatt, so dass sich kleinste Futterpartikel dort rein setzen können und den Zahn „dreckiger“ erscheinen lassen. Gut sieht man das zum Beispiel an den Schneidezähnen. Dort ist ganz außen eine dünne Schicht Zement.

Da wo die Pferde die Schneidezähne benutzen und Kontakt zu den Lippen besteht, ist der Zement abgenutzt und man sieht den helleren Schmelz. In Richtung Zahnfleisch ist meist noch mehr Zement auf der Oberfläche vorhanden  und da sind die Zähne dann meist dunkel, eher so bräunlich – gelblich.

SZ Untersuchung - Foto: Sarah Koutnik

Pferdeflüsterei.de: Das ist also normal – aber spielt denn sowas wie Zahnstein bei Pferden dann überhaupt auch eine Rolle?

Lena: Ja, bei einigen Erkrankungen der Zähne sehen wir eine vermehrte Zahnsteinbildung. Relativ häufig und weitestgehend normal ist ein vermehrter Zahnsteinbelag an den Hengstzähnen im Unterkiefer. Da endet in der Nähe ein Ausführungsgang der Speicheldrüsen und die Hengstzähne werden so ständig umspült. Weil die Hengstzähne nicht zum normalen Kauen benutzt werden, setzt sich da gern Zahnstein fest. Der sollte regelmäßig entfernt werden, damit sich keine Bakterien dort ansiedeln können.

Pferdeflüsterei.de: Wie oft sollte ich überhaupt die Zähne meines Pferdes behandeln lassen?

Lena: Als Faustregel gilt: Pferde im Zahnwechsel (also bis 5 Jahre) alle 6 Monate um den korrekten Verlauf zu kontrollieren. Danach reicht meist einmal jährlich. Bei älteren Pferden kann dann wieder eine häufigere Kontrolle notwendig sein. Das ist stark vom Zustand der Zähne und deren Abnutzung abhängig. Bei einer Zahnbehandlung wird auch meist eine Empfehlung ausgesprochen, wann das Pferd das nächste Mal behandelt werden sollte.

Untersuchung Foto: Sarah Koutnik

Pferdeflüsterei.de: Jetzt könnt man sagen: In der Natur gibts ja auch keine Zahnbehandlung und den Pferden gehts gut – was erwiderst du dann?

Lena: Die Lebensbedingungen der Pferde in freier Wildbahn unterscheiden sich selbst bei guter, naturnaher Haltung stark von dem, was wir den Pferden bieten können. Das Wildpferd ist circa 16-18 Stunden am Tag mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt, legt dabei viele Kilometer zurück und frisst stark silikatreiches Gras. Das führt zu einem viel regelmäßigerem Abrieb und einer gleichmäßigen Abnutzung der Zähne. Es gibt Funde von Wildpferdschädeln, da sehen die Zähne einfach perfekt aus. Außerdem muss man erwähnen, dass Pferde in der freien Wildbahn auch mal verhungern, wenn sie keine guten Zähne haben.

Und dann setzen wir Menschen uns ja auch auf die Pferde und legen oft ein Gebiss ins Maul oder wollen über ein Kopfstück kommunizieren. Damit haben wir meiner Meinung nach auch die Verantwortung den Pferden gegenüber, dass sie das bestmögliche Maulgefühl haben können.

Pferdeflüsterei.de: Das kommt über die Behandlung – stimmt. Da scheiden sich aber auch die Geister wegen der Sedierung. Es gibt ja auch immer wieder Kritiker der Sedierung und Aufhängung – wie siehst du das als behandelte Pferdedentistin?

Lena: Eine ordentliche Zahnbehandlung mit Maulgatter und Korrektur der Schneidezähne und der Backenzähne ist fast immer nur unter Sedation möglich. Das ist deutlich stressfreier und vermindert das Verletzungsrisiko aller Beteiligten deutlich. Das Maulgatter ist unerlässlich um die ganze Maulhöhle ordentlich auszuleuchten, zu begutachten und zu bearbeiten. Für das Pferd als Fluchttier ist es mehr Stress so ein starres Ding am Kopf zu haben, wenn es komplett wach ist und dann kommen auch noch die Geräusche der Raspel dazu. Da ist es viel entspannter, wenn es sediert ist. Vor der Sedierung führe ich immer eine ordentlich allgemeine Untersuchung durch und entscheide dann ob das Pferd sedierfähig ist.

Ein sediertes Pferd in der Aufhängung ermöglicht es mir als Dentistin die beste Arbeit abzuliefern und das idealste Ergebnis für das Pferd zu erzielen. Wenn das Pferd gut sediert ist, hängt es meist sehr entspannt in der Aufhängung drin.

Wichtig ist es, das Pferd nicht unnötig zu überstrecken. Ein guter Zahnbehandler wird darauf immer achten. Das Aufhängen in der Zahnbehandlung halte ich für weniger schädlich als Fehlstellungen, die durch falsche, unzureichende oder nicht durchgeführte Behandlungen entstehen. Und kein Mensch kann mir den Pferdekopf so lange in der Position halten, in der ich ihn für eine gute Behandlung brauche. Und es ist ja meist auch nur einmal im Jahr für maximal eine Stunde. Da finde ich es völlig vertretbar. Es sollte auch immer mal wieder das Maulgatter geschlossen werden und der Kopf aus der Kopfhalterung genommen werden, wenn die Behandlung länger dauert. Dann kann sich das Pferd wieder nach unten ausdehnen.

Schneidezähne Abrunden Foto Marlene Götz

Pferdeflüsterei.de: Was gehört denn noch zu einer guten Zahnbehandlung dazu?

Lena: Ui, da kann ich jetzt einen mehrseitigen Aufsatz zu schreiben ;-) Vieles habe ich bereits erwähnt, wie die vollständige Allgemeinuntersuchung, die Sedation, gute Arbeitsposition durch Aufhängung, eine gründliche Maulhöhlenuntersuchung (Sehen, Hören, Fühlen, Riechen) und Verwendung eines Maulgatters, keines einseitigen Maulkeils!

Dann die Korrektur von Backen- und Schneidezähnen und Kontrolle ob das zusammenpasst. Ein guter Pferdedentist verschwindet mit dem Arm bis fast zum Ellenbogen im Maul, der letzte Zahn ist auf der Höhe vom vorderen Augenwinkel.

Ziel ist immer eine Funktionsverbesserung der Pferdezähne und eine ausbalancierte Maulhöhle, in der der Kaudruck gleichmäßig auf Schneidezähnen, Backenzähnen und Kiefergelenk verteilt ist. Das ist die sogenannte Drei-Punkt-Balance. Passen Schneidezähne und Backenzähne nicht korrekt zueinander, bekommt ein Anteil zu viel Druck, was sich sehr unangenehm für das Pferd auswirken kann.

Gut ist immer, wenn man viele Fragen an den Dentisten stellt und er alles gut erklären kann. Die IGFP ( Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne) nimmt zum Beispiel eine Prüfung zum Pferdedentalpraktiker. Diese Prüfung erstreckt sich über mehrere Tage in Theorie und Praxis und ist sehr anspruchsvoll. Ein geprüfter Pferdedentalpraktiker ist wirklich spezialisiert auf diesem Gebiet. Auf der Homepage der IGFP gibt es eine Umkreissuche bei der man geprüfte Pferdedentalpraktiker in seiner Nähe findet.

Pferdeflüsterei.de: Was passiert genau bei einer Behandlung – also worauf achtest du bei einer klassischen Kontrollrunde und was machst du?

Lena: Zuerst mache ich eine Maulhöhlenuntersuchung ohne Sedation und gucke ob eine Behandlung notwendig ist. Dazu gucke ich mir den gesamten Kopf an, die Zähne und frage viel zum Fress- und Reitverhalten. Dann wird eine Allgemeinuntersuchung durchgeführt und sediert.

Schläft das Pferd, wird sein Maul ausgespült, mit Maulgatter die Maulhöhle noch einmal genau untersucht und dann alle Zähne bearbeitet. Schneidezähne und Backenzähne werden aufeinander angepasst, Kanten berundet, Imbalancen beseitigt, Hengstzähne berundet, Zahnstein entfernt, eventuell Milchzahnkappen oder Wolfszähne entfernt,… und so weiter. Eben alles was so anfällt.

Nach der Behandlung sollte das Pferd dann circa eine Stunde seinen Rausch ausschlafen, bevor es wieder fressen darf und dann ist alles wieder beim alten!

Raspeln I Foto von Marlene Götz

Pferdeflüsterei.de: Kann man auch zuviel abraspeln oder durch falsches Abraspeln gesundheitliche Probleme erst hervorrufen?

Lena: Auf jeden Fall! Der Pferdezahn schiebt sich nicht endlos nach, er ist in der Länge begrenzt. Außerdem kann man zuviel von der Kaufläche entfernen. Oft werden leider auch die Schneidezähne nicht an die Backenzähne angepasst und das Pferd kann einfach seine Kauflächen hinten nicht benutzen, weil die zu langen Schneidezähne wie eine Sperre wirken. Bei einer regelmäßigen Zahnbehandlung wird nur das weggenommen, was quasi „zuviel“ da ist. Bei allem was man macht gilt: „So wenig wie möglich und soviel wie nötig“.

Raspeln II Foto von Marlene Götz

Die Anatomie im Pferdemaul – alle Fakten über die Zähne

Pferdeflüsterei.de: Gehen wir mal die Anatomie durch – wie unterscheidet sich ein Pferdegebiss so ganz grundsätzlich vom Menschengebiss?

Lena: Aufbau, Abrieb und Funktion… vieles :-) Pferde haben hypsodonte Zähne. Das heißt sie wachsen nicht ein ganzes Leben lang, sondern es gibt eine Reservekrone die im Kiefer sitzt und von dort schiebt sich der Zahn in die Maulhöhle vor. Menschen haben komplett von Schmelz überzogene Zähne, deren lange Wurzel im Zahnfach sitzt und die Krone in den Mund ragt. Hier findet keine Abnutzung und kein Nachschub statt.

Pferdefüsterei.de: Und wie viele Zähne hat ein Pferd?

Lena: 36 – 44 etwa. Davon sind 12 Schneidezähne, bei männlichen Pferde eben 4 Hengstzähne und je nach Pferd eventuell 0 – 4 Wolfszähne. Dazu kommen 24 Backenzähne.

Backenzähne alt - Foto: Sarah Koutnik

Pferdeflüsterei.de: Und wie ist so ein Pferdezahn aufgebaut?

Lena: Schmelzfaltig! Das bedeutet, dass Schmelz, Dentin und Zement auf der Kaufläche zu finden sind. Ein Pferdezahn reibt sich ca. 2 – 4 mm pro Jahr ab. Das wird durch Nachschub der sogenannten „Reservekrone“ ausgeglichen. Kommt es zu mangelhafter Abnutzung, entstehen scharfe Kanten, Haken oder lange Schneidezähne und das kann schmerzhaft werden für das Pferd. Ein voll ausgebildeter Pferdezahn hat eine bestimmte Länge und schiebt sich dann nur noch aus dem Kiefer. Irgendwann ist diese Reservekrone aufgebraucht.

Pferdeflüsterei.de: Was genau sind die Wolfszähne und warum gibt es sie?

Lena: Früher hatten die Pferde mal mehr Backenzähne. Als rudimentäres Überbleibsel findet man zum Teil immer noch die Wolfszähne. Sie liegen vor dem ersten Backenzahn, sind relativ klein und stören ziemlich am Gebiss. Da sollten sie unbedingt entfernt werden!

Pferdeflüsterei.de: Und was sind die Hengstzähne und warum gibt es sie?

Lena: Die sind für die männlichen Pferde um sich gegenseitig zu bekämpfen. Es gibt auch Stuten mit Hengstzähnen, aber da sind sie häufig kleiner.

Pferdeflüsterei.de: Was sind Milchzahnkappen und müssen die weg?

Lena: „Kappen“ heißen sie, weil der Milchzahn wie eine Kappe auf dem darunter bleibenden Zahn sitzt, bis der bleibende Zahn soweit aus dem Kiefer schiebt, dass die Kappe ausfällt. Ist das nicht der Fall, müssen wir eingreifen. Denn eine verkeilte Kappe kann zu Fehlstellungen führen.

Milchzahnkappen - Foto: Sarah Koutnik

Pferdeflüsterei.de: In welchem Alter fallen die denn aus?

Lena: Die fallen aus, wenn der bleibende Zahn darunter sich in die Maulhöhle schiebt. Das passiert alles zwischen 2,5 und 5 Jahren. Daran kann man unter anderem das Zahnalter bestimmen. Das Fohlen kommt mit ein paar Milchzähnen auf die Welt und bekommt in der nächsten Zeit noch mehr Milchzähne dazu. Nach dem ersten Lebensjahr ist das Milchgebiss vollständig vorhanden.

Pferdeflüsterei.de: Stichwort Zahnwechsel und Anreiten – hast du da Tipps als Dentistin?

Lena: Regelmäßige Zahnkontrolle in jungen Jahren! Wolfszähne sollten gerne ein paar Monate vor dem ersten Gebisskontakt entfernt werden, damit sie gar nicht erst stören können. Im Alter von 3,5 Jahren wechseln 8 Zähne, da ist es sicher sinnvoll eine Zeitlang auch eine gebisslose Zäumung zu benutzen. Bis circa 5 Jahre kann man das Zahnalter anhand des Zahnwechsels bestimmen. Danach schätzt man das Alter anhand der Form und der Oberfläche der Schneidezähne.

Thema: Reiten und Zähne

Pferdeflüsterei.de: Können „kranke“ Zähne auch Rittigkeitsprobleme auslösen und wenn ja welche?

Lena: Auf jeden Fall! Rittigkeitsprobleme können aber auch vielerlei andere Ursachen haben. Ein gutes Beispiel ist ein störender Wolfszahn, der dem Pferd am Gebiss Schmerzen bereitet und es sich dem entziehen will, manchmal auch sehr dramatisch mit Steigen und Buckeln. Ist nur auf einer Seite ein Wolfszahn vorhanden, wehrt sich das Pferd nur auf der Seite gegen den Zügel. Es ist immer gut, bei seinem Pferdedentalpraktiker zu erwähnen, was man reiterlich gerade für Schwierigkeiten hat.

Pferdeflüsterei.de: Viele Reiten ja mit Gebiss. Du schaust in viele Pferdemäuler…Passen die Gebisse ins Pferdemaul? Es gibt ja eine Studie, die besagt, dass die meisten Pferdemäuler fast zu klein für die Gebisse sind…

Lena: Puh, das kann man pauschal nicht so beantworten. Ich persönlich finde die meisten Gebisse deutlich zu dick für die Mäuler. Aber ein zu enges Reithalfter kann dem Pferd auch zu echten Schwierigkeiten mit der Trense verhelfen (vom Sperrriemen rede ich jetzt gar nicht erst…).

Pferdeflüsterei.de: Wie siehst du als Pferdedentalpraktiker grundsätzlich das Reiten mit Gebiss? Sollte ich zum Beispiel den Pferdezahnarzt auch immer auf das Gebiss schauen lassen – um zu checken, dass da nichts drückt und reibt?

Lena: Ziel ist doch ein Pferd fein an den Hilfen reiten zu können, ob mit oder ohne Gebiss spielt da für mich keine Rolle. Ich möchte, dass mein Pferd beides kann. Sensible Hilfen an einem Gebiss sind aber eventuell präziser als permanente starke Einwirkungen mit einer gebisslosen Zäumung. Das hängt einfach vom individuellen Fall ab. Aber ich schaue mir gern die Gebisse der Reiter auf Nachfrage an und gucke, ob diese meiner Meinung nach ins Maul passen.

Zähne und Futter

Pferdeflüsterei.de: Wie genau funktioniert der Kauapparat des Pferdes?

Lena: Er ist wunderbar abgestimmt auf die Aufnahme von Raufutter und härtere silikatreiche Gräser. Der Unterkiefer bewegt sich in einem seitlichen Kauausschlag und mahlt das im Maul befindliche Futter bis es klein genug am Kehlkopf ankommt um abgeschluckt zu werden. Das Futter muss im Maul schon gut zerkleinert werden, damit die Mikrorganismen im Dickdarm aus der Zellulose Energie für das Pferd gewinnen können. Die Verdauung beginnt also im Maul und ist unter anderem deswegen so wichtig für die Gesundheit unserer Pferde.

Pferdeflüsterei.de: Was kann ich da bei der Fütterung beachten, um dem entgegenzukommen?

Lena: Viel Raufutter geben, also gutes stängeliges Heu mit wenig Blattanteil. Das Füttern vom Boden aus ist auch wichtig, denn das ist die natürliche Fressposition. Und: Auf klebrige und zuckerhaltige Futtermittel verzichten! Auch Pferde können Karies bekommen! In vielen Müslis, Pellets und Co findet sich leider ganz schön viel Melasse…

Typische Zahnprobleme beim Pferd

Pferdeflüsterei.de: Welche Probleme können sich denn ergeben, wenn ich das Pferd nicht regelmäßig zum „Zahnarzt“ schicke?

Lena: Zahnprobleme schleifen sich im wahrsten Sinne des Wortes ein. Der Nachschub beträgt 2 – 4 mm pro Jahr, wenn die nicht abgenutzt werden, wird das Problem immer größer. Scharfe Kanten können Backenschleimhaut und die Zunge verletzen. Irgendwann mag und kann das Pferd nicht mehr fressen. Und dann ist meist schon einiges im Argen. Pferde hören meist sehr spät auf zu fressen, die zeigen ihre Schmerzen leider oft nicht wirklich deutlich!

Lieber regelmäßig kontrollieren und behandeln lassen, damit die Zähne bis ins hohe Alter gesund erhalten werden. Es kann durchaus sein, dass man ein schon etwas älteres Pferd vorgestellt bekommt, an dem man die Zähne nur noch versuchen kann zu verbessern, eine ideale Kausituation aber nicht mehr herstellen kann.

Pferdeflüsterei.de: Was sind denn noch typische Zahnkrankheiten oder Zahnprobleme bei Pferden?

Lena: Typisch sind vor allem durch den Nachschub bedingte scharfe Kanten, Haken, unterschiedliche Kauflächen in Winkel und Höhe sowie schiefe oder zu lange Schneidezähne. Dann kann es immer noch von Geburt an oder im Zahnwechsel erworbene Fehlstellungen geben, wie gedrehte oder verkippte Zähne, es kann zu Taschenbildungen kommen oder zu alten, lockeren Zähne, verklemmten Kappen, blinden Wolfszähnen und noch viel mehr…

Pferdeflüsterei.de: Woran kann ich erkennen, dass mein Pferd vielleicht Zahnprobleme hat?

Lena: Im Idealfall wird regelmäßig einmal im Jahr routinemäßig kontrolliert und das Nötige gemacht. Ansonsten sollte man einen Spezialisten um Rat fragen, wenn das Pferd Wickel kaut, sich das Fressverhalten deutlich ändert, sehr viel daneben fällt oder das Pferd plötzlich deutlich weniger oder langsamer frisst. Ein komischer Geruch aus dem Maul oder einseitiger eitriger Nasenausfluss deuten on top dann häufig auf ein sehr ernstes Problem hin!

Pferdeflüsterei.de: Wie können sich Zahnprobleme noch gesundheitlich äußern?

Lena: Durch Zahnprobleme wird das Futter nicht ausreichend zerkleinert, es kann also zu Schlundverstopfungen, Koliken oder Abmagerung kommen. Außerdem wirken sich Zahnfehlstellungen auf den gesamten Bewegungsapparat aus. Sind zum Beispiel die Schneidezähne zu lang, haben die Backenzähne nicht ausreichend Kontakt. Das Pferd will aber trotzdem kauen und der starke Kaumuskel übt viel Druck aus. Dieser Druck lastet dann sehr auf dem Kiefergelenk und führt dort und in der gesamten Genick-Region zu Schmerzen.

Pferdeflüsterei.de: Können Pferde eigentlich auch Karies bekommen?

Lena: Ja, können sie. Karies beim Pferd ist nicht so weit verbreitet wie bei uns Menschen, aber wir sehen leider immer mehr kariöse Zähne auch beim Pferd. Leichte oberflächliche Defekt sind meist tolerierbar, aber wenn das Karies immer mehr vom Zahn zerstört und auch in die Wurzelhöhle einbricht, kann sich der Zahn infizieren und muss dann häufig gezogen werden.

Pferdeflüsterei.de: Vielen Dank für das Interview und die vielen spannenden Fakten!

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