Artikel aktualisiert am 28.02.2017

Du stehst mit deinem Pferd auf dem Platz und es legt mufflig die Ohren nach hinten. Vielleicht dreht es dir in der Box auch den Hintern zu oder es ignoriert dich, wenn du auf die Weide kommst. Dein Pferd macht alles brav, was du willst, aber so richtig lebendig oder zufrieden oder happy sieht es dabei nicht aus? Du fragst dich, wie du dein Pferd motivieren kannst und möchtest, dass es zufrieden mitarbeitet, sich freut über eure gemeinsame Zeit?

Alfonso Aguilar, ist Pferdetrainer und hat in seinem Leben viele Jungpferde und auch erwachsene Pferde trainiert. Er weiß genau, wie du deinem Pferd Spaß an der Arbeit vermitteln kannst.

Das Pferdetraining fängt im Alltag an und geht mit der Balance zwischen Spaß-Faktor und Schularbeit auf dem Platz weiter. Wenn du ein motiviertes Pferd willst, kannst du einiges dafür tun. Alfonso Aguilar erklärt im Interview die ersten Schritte in der Jungpferdegrundschule, was wir tun können um unsere Pferde zu motivieren und welche Fehler immer wieder gemacht werden im Pferdetraining. Er hat das Buch “Wie Pferde lernen wollen” geschrieben, das ich verschlungen habe. Er ist ein harmonieversprühender Trainer, sympathischer Mensch und wissender Pferdemann*

Interview mit Alfonso Aguilar darüber warum und wie longieren Mist ist, wie Pferde lernen wollen und was du tun kannst, um dein Pferd zu motivieren:

Pferdeflüsterei: Wie reitest du deine Pferde an?

Alfonso Aguilar: Wenn ich ein Pferd für mich anreite, reite ich sie mit dem Bosal an. Ich mache das so lange mit dem Bosal, bis sie wirklich gut damit laufen. Ich persönlich reite meine Pferde niemals mit der Trense. Die Trense ist böse (lacht und zwinkert). Nein im Ernst, ich habe es so gelernt in Mexiko und fühle mich einfach wohler mit dem Bosal. Es ist wirklich lustig, weil meine Frau anfangs…

Ich starte die Pferde in einem Knotenhalfter, das habe ich nur als kleinen Sicherheitsaspekt. Dann nehme ich das Bosal. Aber für meine Frau war es wichtig, die Trense zu nutzen. Das war bei ihr eher eine mentale Sache. Ich denke, dass man sich einfach mit seinem Hilfsmittel wohlfühlen muss. Damit man daran glaubt, dass man mit dem Pferd auch kommunizieren oder es stoppen kann, wenn es nötig wäre. Wenn man sich damit wohlfühlt, wird man das Hilfsmittel nicht so viel nutzen. Ich persönlich glaube an das Bosal und denke, dass ich dem Pferd damit weniger schaden kann. Deswegen reite ich meine Pferde mit dem Bosal an und reite sie solange im Bosal, wie ich kann. Dann wechsle ich zum Bosalito.

Pferdeflüsterei: Wie lange dauert es bis ein Pferd im Bosal so gut ist, dass es zum Bosalito wechseln kann? Ich weiß, dass es schwer ist durchschnittliche Werte zu nennen, weil jedes Pferd anders ist…aber so ein Richtwert?

Alfonso Aguilar: Also ich denke, wenn du es wirklich wirklich korrekt machen willst, dauert es 6 bis 7 Jahre, bis es im Bosal so gut ist, dass du zum Bosalito wechseln kannst. Nehmen wir an, dass du sie mit etwa 3 Jahren anreitest, natürlich anfangs nicht wirklich in Form von richtiger Arbeit, sondern mit dem Gewöhnen ans Reitergewicht.

Wenn du dann mit 4 Jahren langsam anfängst mehr Training zu machen, ernsthafte Arbeit, dann dauert es einfach nochmal ein paar Jahre, bis das Pferd die laterale Biergung beherrscht. Wenn du wirklich dem Pferd beibringen willst, seinen Körper richtig einzusetzen und sich langsam nach und nach zu versammeln, dann bist du schon bei einem etwa 5-jährigen Pferde.

Pferdeflüsterei: Auch mit viel Bodenarbeit?

Alfonso Aguilar: Ich mache immer dann Bodenarbeit, wenn ich ihnen etwas Neues beibringe oder wenn sie nervös sind wegen irgendwas. Dann nutze ich die Bodenarbeit als Werkzeug, um dem Pferd wieder Vertrauen zu geben. Wenn sie jung sind, mache ich natürlich erstmal viel Bodenarbeit, um dem Pferd beizubringen, was ich von ihm möchte. Also Hinterhandwendungen, Vorhandwendungen, Seitengänge und all das. Wenn sie das am Boden verstanden haben und ich anfangen kann zu reiten, dann mache ich die Bodenarbeit nur noch ab und an. Um ihnen den Trainingsalltag spannend zu gestalten oder wenn ich ihnen etwas Neues beibringen will. Oder wenn sie etwas noch nicht ganz verstanden haben. Dann wechsle ich wieder zum Boden und zeige ihnen das nochmal ausführlicher.

HIER* bekommst sein Buch zur Jungpferde-Ausbildung. Ich LIEBE es wirklich sehr. Es ist auch für Menschen mit einem fertigen Pferde eine echte Empfehlung, weil die Trainingsschritte so schön mit Bildern und Einzelschritten erklärt sind*

 

Pferdeflüsterei: In Deutschland ist es ja auch sehr üblich junge Pferde immer wieder zu longieren, als großen Ausbildungsschritt. Erst das Pferd, dann mit Sattel, dann mit Reiter usw. Was denkst du darüber?

Alfonso Aguilar: Ich denke, dass das wirklich eine schlechte Sache ist, weil gerade bei jungen Pferden die Wachstumsphase noch nicht abgeschlossen ist. Selbst wenn man sie auf einem 20m Zirkel longiert. Außerdem macht es aus Sicht des Pferdes nicht wirklich Sinn. Ich denke, dass viele Probleme, die man heute sieht bei 5 oder 6 jährigen Pferden, davon kommen, dass man sie immer wieder longiert hat. Wenn dann auch nicht korrekt longiert wird, ist das wirklich übel für die Pferde. Wenn der Kopf zum Beispiel nach außen zeigt und die Schulter wegdriftet, ist das ganz schlecht. Ich longiere Pferde nie. Und mag noch weniger, wenn sie longiert werden, um sie müde zu machen.

Pferdeflüsterei: Dann bauen sie ja auch noch Kondition auf…

Alfonso Aguilar: Genau, sie werden dann immer besser und du musst immer länger longieren. Dann siehst du viele Pferde, die Probleme beim Reiten bekommen, weil sie nichts anderes kennen als im Kreis longiert zu werden.

Pferdeflüsterei: Gibt es noch mehr Fehler, die Menschen immer wieder machen, die dir immer wieder auffallen?

Alfonso Aguilar: Zum Beispiel Menschen, die bei der Bodenarbeit immer wieder und wieder dieselben Übungen machen. Die Pferde machen das alles brav, aber mehr wie ein Roboter. Sie machen es gut, aber der Ausdruck des Pferdes ist weg. Fast ein bisschen wie bei dem Ehemann, der mit der Frau zum Shopping mit muß (lacht).

HIER kannst du noch mehr zu Alfonso Aguilar und seinem Training erfahren. Ich habe den Trainer schon einmal bei einem dreitägigen Intensivkurs getroffen und war begeistert von seinen Trainingstipps

Alfonso-Petra-Stick

Alfonso-treibt-Petra

Pferdeflüsterei: Wie kann ich mein Pferd denn motivieren, damit es wirklich auch Spaß hat an der Arbeit mit mir?

Alfonso Aguilar: Es hat einmal ein Pferdemann gesagt: Die Konsistenz ist das Werkzeug für die Lehre, aber der Wechsel ist die Würze im Leben. Zu viel Gleichklang ist langweilig und bei zu viel Wechsel fehlt die Konsistenz.

Alfonso Aguilar mit Bosal

Alfonso beruhigt das Pferd

Pferdeflüsterei: Heißt praktisch?

Alfonso Aguilar: Du musst wirklich mischen. Menschen, die zu konsistent sind und immer wieder das Gleiche machen sind langweilig für das Pferd. Menschen, die ständig etwas anderes machen, verwirren das Pferd, weil die Konsistenz fehlt. Mal will er das, mal will er dies. Das Pferd weiß dann gar nicht mehr, was es soll und warum es dem Menschen noch folgen soll. Es ist wirklich großartig in Europa, dass ihr so viele verschiedene Trainer habt, zu denen ihr gehen könnt.

Aber manche missbrauchen das schon wieder. Sie gehen überall hin und wissen aber nicht, wie sie sich das Beste für sich herausholen können. Sie versuchen dann von allem ein bisschen zu machen. Es sollte aber darum gehen, sich das Beste für sich selbst von dem Trainer oder der Trainingstechnik zu nehmen und es für sich und das eigene Pferde so zu nutzen, dass es zu beiden passt. Wenn man immer von allem ein bisschen macht und ständig wechselt, wird das Pferd aufhören zuzuhören.

Pferdeflüsterei: Dein Rat also einmal zusammengefasst?

Alfonso Aguilar: Macht nicht das Gleiche immer und immer wieder, sondern bringt immer wieder neue Sachen ins Training mit, hört aber auch den Pferden zu und schaut, wie sie reagieren. Nicht alle Pferde mögen Bodenarbeit, nicht alle Pferden mögen das Reiten. Mischt es also und sorgt dafür, dass ihr auch immer wieder Dinge tut, die auch dem Pferd Spaß machen. Wenn es zum Beispiel Liberty mag, dann macht es 2 oder 3 mal pro Woche zwischendurch. Oder wenn es gerne Spazieren geht, dann macht das 2 oder 3 mal die Woche. Macht einfach auch zwischendurch das, was eurem Pferd Spaß macht, um ihm das Training zu versüßen.

HIER* bekommst sein Buch zur Jungpferde-Ausbildung. Es ist ein richtig tolles Buch und auch für Menschen mit einem fertigen Pferde eine echte Empfehlung, weil die Trainingsschritte so schön mit Bildern und Einzelschritten erklärt sind*

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6 Kommentare zu “Pferdetraining a la Alfonso Aguilar: Wie kann ich mein Pferd motivieren?

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    ergänzend kann ich für mich sagen, ein großer Motivator ist Lob und Entscheidungsfreiheit. Wenn die Pferde wirklich verstehen was man von ihnen will und sie merken, dass sie durch die Übungen an Körperbeherrschung und Selbstvertrauen gewinnen.

    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, das Lob ist sowieso mein Lieblingsmotivator – ich liebe es sehr. Es rutscht mir automatisch immer raus, wenn meine Madame etwas schön macht. Die Entschiedungsfreiheit lebst du ja noch viel mehr als ich. Bei Schreckensgegenständen und anderen Situationen darf sie frei entscheiden, wann sie sich traut. Sie wird nicht drüber gezwungen, sondern soll den Weg selbst finden. Bei gymnastizierenden ÜBungen bestehen ich darauf, dass sie sie macht, sonst würden wir immer noch mit nach außen gedrehtem Kopf laufen. Allerdings bestehe ich da auch nicht mit viel Druck und erst recht nicht mit großen Schritten. Das wird so klein zerlegt, dass sie sehr schnelle Fortschritte machen kann und das ist auch ein großer Motivator – der Stolz und das Selbstbewusstsein etwas geschafft zu haben :-) Ganz liebe Grüße, Petra

  2. Andreas Werft sagt:

    Wieder einmal ein super tolles Interview mit einem ganz besonderen Pferdemenschen!

    Ich kann jeden Satz unterstreichen und bestätigen, aber leider sehen viele Reiter das immer wieder anders!

    Besonders klasse finde ich das Alfonso die Eintönigkeit hervorhebt und den Unsinn des Longieren.

    Ich versuche das immer wieder zu erklären, aber es ist schwer zu vermitteln wenn sogar Tierärzte es empfehlen.

    Sicher kann es in Ausnahmefällen mal gut sein aber halt nur in Ausnahmefällen.

    Danke Petra, danke Alfonso

    Euer Andreas

    • Petra sagt:

      Hey Andreas, wie schön von dir zu lesen. Alfonso ist wirklich ein toller Pferdemensch. Ich bin begeisterter Fan von ihm und seiner gelassenen Grundhaltung. Kurse bei ihm machen nicht nur Spaß, man kann sowohl menschlich als auch inhaltlich viel lernen und mitnehmen. Das Longieren zum Selbstzweck ist wirklich Quatsch, der sich nicht so Recht aus der Reiterwelt verabschieden will. Ich weiß auch nicht warum. Ich persönlich liebäugle ja mit der Equikinetic und dem Longenkurs von "Wege zum Pferd" – aber das ist ja longieren mit Sinn und Zweck und vor allem nach Zeituhr zur Gymnastizierung. Aber diese "Ablongieren" ist so gar nicht meins und speziell bei Jungpferden überhaupt nicht. Liebe Grüße und danke dir für deinen Kommentar, Petra

  3. Rolf Schönswetter sagt:

    Liebe Petra, mir geht’s mit Lob genauso. Es ist ja auch für Pferd und Reiter ein Genuss, mal innezuhalten, passiv zu werden und die Entspannung für eine tolle Leistung zu genießen. Ich glaube, dass mein Pferd es spürt, dass mein Lob ehrlich gemeint ist und von Herzen kommt. Gleichermaßen empfinde auch ich es als Lob, wenn mein Pferd auf feine Hilfen reagiert und z. B. sich leicht und nachgiebig ins Travers stellen lässt. Ich weiß dann, dass mein Pferd mich als Partner ansieht und mit mir zusammenarbeiten will. Das gibt mir eine tiefe innere Zufriedenheit, die wiederum mein Pferd aufnimmt. So beeinflussen wir uns gegenseitig positiv. Meiner Meinung nach entsteht beim Training leider viel zu oft noch ein Ungleichgewicht zwischen Korrektur und Lob. Würde man die Zeit stoppen, käme so auf eine Trainingstunde vielleicht 20 Min. Korrektur und grade mal 5 Min. Lob zusammen (und das eher noch beiläufig, mit ein bisschen Halsklopfen). Ich fände es schön, wenn sich Lob und Korrektur die Wage halten würden – und das nicht nur zwischen Tier und Mensch, sondern auch bei Menschen untereinander. Für mich ist das die größte Motivation. Liebe Grüße, Rolf ?

    • Petra sagt:

      Lieber Rolf, vielen Dank für deinen Kommentar – ich bin ganz begeistert von deiner Webseite – ich habe sie mir gerade angeschaut. Du klingst so als ob ich sehr gerne Reitunterricht bei dir nehmen würde. Ich finde die altcalifornische Reitweise hochspannend und mag die schöne Aufrichtung, die eure Pferde auf euren Bildern haben. Das hat Stolz – toll! So stelle ich mir meine kleine Quarterstute auch irgendwann vor – wobei sie das vermutlich deutlich schneller beherrschen würde, als ich als Reiterin ;-) Ich weiß genau, was du mit dem Lob meinst, das dein Pferd dir macht. Wenn sie zuhören und fein reagieren, ist das höchstes Glück für mich. Ich habe das für mich bislang immer als "Geschenk" bezeichnet, aber du hast Recht – eigentlich ist es das Lob des Pferdes an uns, unsere Haltung und unsere Hilfen. Ein sehr schöner Gedanke. Deine Petition für mehr Lob unterschreibe ich sofort – ich lobe viel und tue das Gerne. Aber ich mag es auch im echten Leben, den Menschen zu sagen, wenn etwas schön ist. Ich verstehe gar nicht, warum nicht viel mehr Menschen oder Chefs das Lob nutzen. Es ist so eine einfache und trotzdem schöne Sache. Auf jeden Fall betrachte ich deinen Kommentar jetzt als Lob und freue mich darüber und schicke dir liebe Grüße, Petra

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