Stell dir vor, das Pferd vertraut dir irgendwann so, dass es ohne Halfter oder Strick von der Weide mitkommt oder im Roundpen und der Halle folgt und mitläuft, ohne irgendwelche Hilfsmittel. Freiarbeit. Mein Herzensthema. Der Pferdetrainer Alfonso Aguilar, den ich für seine Bücher zur Jungpferdeausbildung* liebe, hat in der Schweiz zusammen im Stall Flurweid zum Kurs gebeten. Bodenarbeit ist das große Überthema. Der Kurs geht insgesamt 3 Tage.

Heute am dritten Tag dreht sich alles um die Freiarbeit.

Freiarbeit – It’s all about Körpersprache

Bei der Freiheitsarbeit geht es sehr viel um Körpersprache. Damit die Pferde verstehen, was wir von ihnen wollen, müssen wir die richtigen Signale beherrschen. Zum Beispiel ein leichtes Rückwärtslehnen, wenn wir wollen dass das Pferd mit uns rückwärts geht oder ein Eindrehen der Schulter, um das Pferd dazu einzuladen dir zu folgen. Erstmal wird wieder mit dem Mensch geübt, dann mit den Pferden.

Alfonso Aguilar vor dem Hindernis

Nach der ersten Mensch-Mensch-Übungsrunde, geht es nochmal für alle Pferd-Mensch-Paare durch den Hindernisparcour.  Für die Pferde, die den Parcour gut meistern, gibt es verschärfte Bedingungen. Wir sollen sie zum Beispiel traben lassen oder mitten im raschelnden Hindernis stehen lassen und dann erst weitergehen. Eine Stufe mehr in Sachen Antischreck-Therapie und Vertrauensbildung.

Nayla und ich gehen den Parcour noch einmal ab, testen einzelne Hindernisse, bleiben mitten im Hindernis stehen. Sie trabt auch ein oder zweimal über die Cavaletti mit mir. Einmal springt sie in den Galopp, aber auch da lässt sie sich durch ein tiefes Ausschnaufen sofort wieder beruhigen. Sie ist ein mutiges und cooles Pferd. Und ich habe von Anfang an beschlossen Vertrauen in sie zu haben. Das dankt sie mir, in dem sie mir sehr vertrauensvoll folgt. Ich bin richtig gerührt, wie mutig die kleine Stute mit mir durch den Parcour stapft.

Tipp: Einfach mal schnaufen!

Alfonso beruhigt das Pferd

TIPP von Alfonso: “DER ATMER“

Jedes Mal, wenn der Trainer mit den Pferden arbeitet, bringt er Ruhe in die Situation indem er immer wieder tief ausatmet und sich entspannt hinstellt, wenn die Pferde zögern, Zeit brauchen oder sobald die Pferde eine Aufgabe gemeistert haben. Ich nehme an, dass er damit sich selbst und den Pferden eine Art Instant-Entspannung liefert.

Wenn Du beim Korrigieren Deines Pferdes negative Emotionen zeigst, wird es nur eskalieren. Sei bestimmt – aber entspannt. Alfonso Aguilar

Auf jeden Fall funktioniert es! Die Pferde kommen immer erleichtert und entspannt auf Alfonso zu. Man kann ihnen regelrecht ansehen, wie sie sich über die Aufforderung zu Entspannung und Nähe freuen.

Freiheitsarbeit im Round Pen 

Jetzt kommt der Part, der mich wahnsinnig interessiert. Die Freiheitsarbeit. Erstmal müssen wir Kursteilnehmer uns einen Stick schnappen und im Kreis aufstellen. Danach lernen wir das korrekte Schwingen des Sticks. Also im Grunde lernen wir, nicht uns alle gegenseitig zu erschlagen. Das ist die größte Herausforderung. Danach lernen wir, dass die „Uhrzeiten“ auch beim Stick gelten.

Alfonso-Petra-Stick

Das dazu passende innere Bild: Wenn vom Bauchnabel aus eine Linie geradeaus zeigt und wir annehmen, dass das 12 Uhr ist. Dann wäre links hinten 9 Uhr und rechts hinten 3 Uhr. Wir sollen also nach und nach alle Uhrzeiten bewusst „anschwingen“, machen Handwechsel und lernen, wie wir den Stick zu uns holen und ruhig aufstellen, wenn wir fertig sind und wollen, dass das Pferd zu uns kommt.

Auch hier gilt wieder, dass 12 Uhr als Stufe eigentlich nicht vorkommen sollte, denn dann würde der Druck exakt in Richtung des Pferdegesichtes gehen und das ist nicht förderlich für ein vertrauensvolles Verhältnis. Die zweite Regel ist, dass man immer in 4 Stufen agieren soll.

  1. Stufe: Stimmsignal und leichtes anzeigen mit der Hand, was wir wollen
  2. Stufe: Stick schwingen auf 9 Uhr
  3. Stufe Stick schwingen auf 10 Uhr
  4. Stufe: Stick schwingen auf 11 Uhr und eventuell die Hinterhand leicht antippen

Alfonso-treibt-Petra

Das alles üben wir wieder erst einmal mit einem menschlichen Partner. Ich bin für ein paar Runden Alfonso Aguilars Pferd. Das ist ein großer Bestandteil von Alfonso Aguilars Kurs, den ich grandios finde. Man erlebt erst am eigenen Leib, wie sich das Verhalten anfühlt und darf das Ganze mit einem Menschen üben. Außerdem sollen wir uns immer gegenseitig helfen und korrigieren und bekanntlich können Menschen (oft) besser miteinander kommunizieren als das Pferd mit uns.

Grundsätzlich gilt für die 4 Stufen:

Versteht uns das Pferd nicht und reagiert es nicht auf die gewünschte Art und Weise, dann lieber abwarten und nochmal das Gewünschte anfragen, als konstant Druck auszuüben. Überhaupt fordert Alfonso uns immer wieder dazu auf ruhig und gelassen zu sein, konsequent aber freundlich, immer zart und sanft anzufangen.

Er selbst strahlt so viel Liebe und Geduld mit jedem einzelnen Pferd aus, dass jedes sich ihm sofort vertrauensvoll zuwendet, sobald er mit ihm arbeitet.

Es gibt gute Techniken – und bessere Techniken. Und egal welchen Trainer Du fragst, sie haben immer die bessere Technik. Das Problem: Dein Pferd hat dessen Bücher nicht gelesen.
Alfonso Aguilar

Ich ertappe mich ganz oft bei dem Gedanken, dass ich gerne dieses Gefühl, dieses Wissen und diese Erfahrung hätte, die er im Umgang mit den Pferden hat. Es ist schön ihn zu beobachten im Umgang mit den Pferden. Es ist ihm vollkommen egal, was die Erwartungen der Besitzer sind oder ob die „Show“ spannend ist. Er fordert von jedem Pferd nur das, was es in dem Moment geben kann.

Ein Tanz mit Alfonso Aguilar

Nayla und ich betreten schließlich zusammen das Round Pen. Nayla steht das erste Mal im Round Pen und hat das Wort Freiheitsarbeit noch nie gehört. Deswegen lasse ich sie erstmal ein paar Runden mit mir im Schritt durch das Round Pen laufen und biete ihr immer wieder die Möglichkeit alles in Ruhe zu beschnuppern.

Nayla_schnuppert_1

Nayla_schnuppert_2

Wir fangen langsam an und ich schicke sie im Schritt auf die rechte Hand. Sie trottet brav mit entspanntem Kopf, Trab auch, Galopp auch. Manchmal habe ich währenddessen mich schon gefragt, ob Nayla wirklich erst 2,5 Jahre alt ist. Sie ist wirklich eine 1er Schülerin. Manchmal fragt sie mich kurz, ob sie wirklich tun soll, was ich von ihr fordere, aber sobald ich mit einem leisen Stickwedeln darauf bestehe, dass sie weitertrabt, macht sie das auch.

Petra-und-Nayla-im-RoundPen

Petra-und-Nayla-im-RoundPen_2

ACHTUNG: Nur dann mit dem Stick kreisen, wenn das Pferd schneller werden soll. Nicht dauerwedeln! Sobald es der Aufforderung folgt, den Stick entspannt absenken und nichts tun.

Das gelingt uns insgesamt sehr gut – auf der rechten Hand. Ich hole den Stick zu mir und sobald Nayla ihre Aufmerksamkeit mir zuwendet, laufe ich Rückwärts und schon läuft sie auf mich zu und stellt sich zufrieden neben mich. Sie ist eindeutig gerne mit Menschen zusammen und schätzt es, dass sie zu mir kommen darf.

Alfonso Aguilar* nennt das „Fragen“. Sobald also das Pferd „fragt“ ob es zu dir kommen darf, sollst du rückwärts laufen, weil du es so einlädst zu dir zu kommen. Sobald das Pferd einen Schritt auf dich zumacht und du einige Schritte Rückwärts gegangen bist, einfach stehen bleiben und warten bis das Pferd bei dir angekommen ist. Dann loben.

Nayla-hat-gefragt_2

Nayla-hat-gefragt

Jetzt kommt die Linke Hand an die Reihe, da man die Pferde immer von beiden Seiten trainieren soll. Zum einen sollen sie körperlich auf beiden Seiten gleich gut trainiert sein, zum anderen sind ihre beiden Gehirnhälften nicht so perfekt verbunden, wie bei uns Menschen. Auch deshalb sollten sie auf beiden Seiten gleich trainiert werden, um Vertrauen in sich und ihre Balance zu fassen, egal ob sie gerade nach rechts oder links laufen.

Ich schicke also fröhlich wedle an der Hinterhand mit dem Stick herum und Nayla bleibt stehen. Tja! Dann tippe ich ihre Schulter an und sie trottet langsam los.

Die erste Erkenntnis, angesichts der etwas größeren Unwilligkeit: Naylas Schokoladenseite ist die rechte Seite. Das bestätigt sich dann spätestens beim Galopp. Da weigert sie sich und ich mache den Fehler auf einer konstanten Stufe 3 zu bleiben. Ich schnalze und kreise und rufe „Galopp“ und Nayla trabt immer schneller und schneller und schneller.

Alfonso Aguilar kann sich das Drama nicht mehr mit ansehen und hilft mir. Er fordert mich dazu auf Nayla wieder zu mir zu holen, was sie sofort macht. Dann soll ich ein bisschen herumlaufen und Nayla soll mir folgen, was sie auch sehr aufmerksam macht. Kurz verliere ich sie und sie will in die andere Richtung abdriften. Alfonso Aguilar schickt mich sofort in einem Kreis um sie herum und schwupps, ich habe ihre Aufmerksamkeit wieder und sie folgt mir.

Dann bittet Alfonso mich um einen Tanz!

(… nachdem er, ganz Gentleman & mit einem Augenzwinkern, Tom gefragt hat, ob er darf…)

Das sieht im Round Pen folgendermaßen aus:

Alfonso kommt zu mir in die Mitte, hakt sich bei mir ein und zeigt mir mit dem Stick in der Hand, wie ich mit der Situation umgehen soll.

Tanz-mit-Alfonso_NEU

  1. Wir lassen Nayla antraben
  2. Alfonso sagt: Nayla, Gaaalopp! -> Nayla trabt weiter
  3. Stick kreist einmal auf 9 Uhr -> Nayla trabt schneller weiter
  4. Stick kreist auf 10 Uhr und Alfonso schnalzt -> Nayla trabt weiter
  5. Stick kreist auf 11 Uhr, Alfonso schnalzt nochmal und tippt Nayla leicht an der Hinterhand an ->
    Nayla galoppiert quiekend los

Dann darf sie wieder traben und wir lassen sie zu uns kommen. Alfonso erklärt mir nochmal wie wichtig es ist, in 4 Stufen vorzugehen und nicht konstant auf einer Stufe Druck zu machen. Das stresst mich und das Pferd und wir werden beide dadurch frustriert.

Jetzt darf ich nochmal mit Nayla alleine im Round Pen loslegen. Sie geht brav im Schritt, sie geht brav im Trab und dann soll sie wieder angaloppieren. Alfonso zählt für mich die 4 Stufen mit während ich mache. Das ist hilfreich, weil ich so gar keine Chance habe in eine konstante „Stufe 3“ zu verfallen. Und tatsächlich: Bei Stufe 2 galoppiert Nayla schon an. Nur kurz, aber sie tut es.

Jetzt-klapp's

Kaum packe ich den Stick zu mir und mache einen Schritt rückwärts, kommt sie auch schon auf mich zu.

Nayla hat definitiv kein Problem damit zu dem Menschen in die Mitte zu kommen und zu folgen.

Tipp Nr. 1: Wenn du willst, dass ein Pferd dir folgt, musst du klar und einfach in der Körpersprache sein.

Tipp Nr. 2: Es bringt gar nichts konstant „Druck“ zu machen. Egal in welcher Form. Das versetzt sowohl das Pferd, als auch den Menschen in eine Hektik, die sich nur hochschaukelt. Druck muss sich langsam aufbauen und darf NIE mit Emotionen verbunden sein. Sondern muss mit Geduld und Freundlichkeit erfolgen. „Druck“ ist vielleicht auch gar nicht das perfekte Wort dafür. Nennen wir es lieber die Aufforderung etwas zu tun oder nicht zu tun.

Tipp Nr. 3: Ich bin im echten Leben jemand, der nicht gerne deutlich „Nein“ sagt und genau das ist auch meine große Baustelle bei den Pferden. Sie spiegeln uns und sie sind durch ihre klare und sensible Haltung allen Lebewesen gegenüber die besten Lehrmeister auf dem Weg zu dir selbst.

Alfonso_Aguilar-und-Petra_NEU

Mein Fazit zum Kurs mit Alfonso Aguilar

Ich habe selten einen Pferdemenschen erlebt, der so liebevoll, verständnisvoll und geduldig mit den Pferden umgeht, wie Alonso Aguilar. Es ging ihm in den drei Tagen nie um die Show, sondern immer um die Pferde. Er hat sich auf jedes einzelne Pferd eingestellt, es beobachtet und dann mit ihm gearbeitet. Das hat er übrigens auch mit den Kursteilnehmern gemacht. Er hat jeden dort abgeholt wo er steht und individuell gecoacht. Das alles mit viel Ruhe, Gelassenheit und einem humorvollen Blick auf die kleinen Eigenheiten der Pferde und Menschen.

Negative Emotionen spielen bei ihm keine Rolle, er lässt sie gar nicht erst zu. Das sorgt dafür, dass die Pferde sich sofort wohlfühlen bei ihm und die Menschen auch. Die Atmosphäre war immer locker, entspannt und lustig. Wir haben viel gelacht, vor allem über uns selbst, haben viel gelernt, auch über uns selbst und ich nehme für mich einige innere To-Do’s und Aufgaben mit. Vor allem habe ich wieder einmal gelernt, dass die Arbeit mit Pferden Arbeit an uns selbst ist. Alfonso Aguilar bringt den Menschen Geduld, klare Signale und eine gute Portion Bescheidenheit dem Pferd gegenüber bei und das macht er immer mit einem Augenwinkern. Ein toller Lehrer, ein schwer sympathischer Mensch und ein wundervoller bewundernswerter Pferdetrainer.

Buchtipp:*

Vielen Dank auch nochmal an die wahnsinnig nette Organisation von dem wunderschönen Stall und Zuchtbetrieb Flurweid. Heidi und ihr Mann K.M. haben alle Kursteilnehmer und ihre Pferde herzlich willkommen geheißen und hatten einen großen Anteil an der lockeren und schönen Atmosphäre.

3 Kommentare zu “Freiheitsarbeit! Warum Alfonso Aguilar zum Tanz bittet

  1. Chevalie sagt:

    Liebe Petra,

    das klingt wirklich fantastisch. Ich habe seine Bücher auch mit Freude gelesen und schon von vielen gehört, dass seine Kurse großartig sein sollen. Er steht auf meiner Liste der Wunschtrainer, die ich live erleben möchte ziemlich weit oben. Ich hoffe sehr, dass es nächstes Jahr soweit ist!
    Aber auch an Dich vielen Dank für den großartigen und detaillierten Nachbericht. So bekommt man einen wirklich guten Eindruck von seiner Arbeitsweise und Du filterst immer so schön die wichtigsten Punkte für uns raus. Klasse!
    Liebe Grüße,
    Sophie

  2. Sophia sagt:

    Ich kenne Alfonso Aguilar weder persönlich noch habe ich seine Bücher gelesen.
    Irgendwann in meiner Laufbahn bin ich auf Monty Roberts gestoßen und habe mein Pferd mit Join Ups gequält bis ich plötzlich merkte, was ich da tat und welchen psychischen Druck ich auf mein armes Pferd ausübte. Seitdem mache ich einen Bogen um "Gurus".
    Dein Bericht liest sich aber in der Tat interessant und es tut gut zu lesen, dass es auch Männer in der Pferdeszene gibt, denen es mehr um den liebevollen Umgang mit dem Pferd als um eine Show geht.

    Liebe Grüße
    Sophia

  3. Nadja sagt:

    Immer wieder toll, direkt von den Großen lernen zu können. Mal schauen, wann er wieder im Lande (oder der Schweiz ist). Da würde ich wie Sophie voll gern hinfahren. VG! Nadja

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