Überlegst du dir vielleicht dir ein Jungpferd zu kaufen oder hast du schon ein junges Pferd an deiner Seite und weißt nicht genau, wann du mit dem Training loslegen willst? Fragst du dich, ob ein Jungpferd das Richtige für dich ist und wie man mit einem Jungpferd startet? Willst du dein Jungpferd sanft und liebevoll erziehen und suchst nach dem richtigen Weg? Fragst du dich, wie früh man Anreiten und Trainieren muss oder was richtig und falsch ist beim Umgang mit dem Jungpferd? 

Jungpferd richtig starten

Im Artikel will ich dir all diese Fragen und noch viele mehr beantworten. Vor allem aber will ich dir sagen, warum Jungpferde nicht mit 2 und 3 Jahren unter den Sattel gehören und warum wir ihnen einfach mehr Zeit lassen müssen, wenn wir gesunde und zufriedene Pferde an unserer Seite haben wollen. 

Wenn du dir also ein Jungpferd oder Fohlen gekauft hast und schnell mit dem Reiten anfangen willst, dann bist du hier falsch. Wenn du deinem Pferd aber Zeit zum Auswachsen geben willst und dein junges Pferd verantwortungsbewusst und liebevoll zu seinem Leben als Partner und Reitpferd an deiner Seite begleiten willst, dann bist du genau richtig. 

Carey - Quarterhorse

Warum wir unseren jungen Pferden mehr Zeit und Geduld schenken sollten

Ich habe für den Einstieg ein Bild für dich: Stell dir vor, dass du 3 Jahre alt bist. Du trennst dich das erste Mal von deinen Eltern und kommst in den Kindergarten. Alles ist neu und aufregend. Du bist getrennt von deinen Geschwistern und eine fremde Person wartet auf dich. Du kommst in Räume, die du noch nie vorher gesehen hast. Alles kommt dir unglaublich fremd und groß vor. Du bist aufgeregt und ein bisschen nervös. Aber statt zu spielen oder dich mit den neuen Räumen und Spielgefährten anzufreunden, drückt dir deine Betreuungsperson gleich mal einen Stift und ein Matheheft in die Hand und du sollst innerhalb weniger Stunden schon mathematische Gleichungen lösen. Wenn du das nicht gleich richtig machst, schimpft dein Betreuer sofort laut mit dir oder du bekommst sogar einen Schlag auf die Finger mit dem Stock. Wenn du ein bisschen laut wirst oder weinst oder dich beschwerst, wirst du angeraunzt. Wie findest du das?

Carey - Quarterhorse

Vermutlich findest du das ganz schrecklich und kannst dir auch nicht vorstellen, dass das irgendwie sinnvoll sein könnte. Wahrscheinlich denkst du dir auch, dass Kindergartenkinder erst einmal spielen sollten und ihr Leben als Kind genießen sollten. Vielleicht kommt dir das alles auch sehr altmodisch vor – aus früheren Zeiten im 18. Und 19. Jahrhundert, als in den Schulen noch geschlagen wurde und Kinder immer sofort gehorsam und brav sein mussten. Würdest du dir das für dein Kind wünschen? 

Vermutlich nicht! Aber genau das passiert mit einer Selbstverständlichkeit mit vielen Jungpferden. Viel zu viele Jungpferde werden im Kindergartenalter antrainiert und müssen dann sehr schnell lernen und funktionieren. Mal ganz abgesehen davon, dass Sehnen, Bänder, Knochen und Muskeln noch nicht „reif“ genug sind, um das menschliche Gewicht zu tragen, macht das auch etwas mit der Seele der Pferde. 

Grasen im Klassenzimmer

Der Vergleich mit dem Kindergarten macht – ohne Pferde vermenschlichen zu wollen – einfach ziemlich deutlich, was alles von zwei- und dreijährigen Pferden mit einer Selbstverständlichkeit gefordert wird, während sie eigentlich noch Pferdekinder sind.

Die Vorstellung, dass Kindergartenkinder schwere Rucksäcke mit sämtlichen Büchern tragen müssten, dass sie jeden Tag zum Kindergarten müssten und dort schon mathematische Gleichungen lösen und Grammatikbücher durchackern müssten und ihr Stundenplan aus Sport, Musikunterricht, Physik und körperlicher Arbeit bestehen würde und sie immer mit körperlichen Strafen rechnen müssen, wenn etwas nicht klappt, finden wir schrecklich. Für viele Jungpferde ist genau das Alltag. 

Für mich stellt sich also immer wieder die Frage: Warum finden wir vollkommen okay, dass „Kindergarten“-Pferde schon schwere Menschen auf ihren Rücken tragen, dass sie jeden Tag auf den Reitplatz müssen und dort schon Zügelvokabeln auswendig lernen und Reiterhilfen durchexerzieren müssen und ihr Tagesplan schon aus Gangartenwechseln und Ausdauersport besteht und sie immer mit körperlichen Strafen rechnen müssen, wenn etwas nicht klappt oder sie sich weigern. 

Der falsche Glaubenssatz vom wilden Jungpferd

Dahinter stecken schlicht und einfach falsche Glaubenssätze. Diese Sätze werden uns von allen Seiten eingeflüstert und sie beeinflussen unser Denken und unsere Entscheidungen. Ich will sie Satz für Satz mit dir durchgehen und entkräften, damit du nicht mehr zweifeln musst, wenn du dir Zeit mit deinem Jungpferd lassen willst. 

Denn es „macht“ etwas mit dem Körper des Pferdes, wenn wir es ausbilden – es macht aber auch etwas mit dem Herz und der Seele der Pferde, wenn wir sie zum Reitpferd ausbilden. Wir dürfen dabei nie vergessen, dass wir im Rahmen der Ausbildung immer wieder Sachen von unseren Pferden fordern, die neu und beängstigend für sie sind und die sie unglaublich viel Mut und Vertrauen kostet. Nahezu nichts ist selbstverständlich im Umgang mit Pferden. Wenn du ein Jungpferd hast, wirst du merken, dass auch Dinge wie Putzen oder Hufe geben nicht selbstverständlich sind. 

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Alles Handlungen die ich selbst, bis meine Jungstute in mein Leben kann, komplett normal fand und von Pferden ziemlich lässig erwartet habe.

Für Pferde bedeutet jeder kleine Schritt mit uns Menschen etwas. Deswegen sollten wir unseren Pferden in der Ausbildung Geduld und kleine Schritte schenken. Gerade wenn du ein Jungpferd an deiner Seite hast, aber auch bei den alten Pferdehasen.

Lass dir da auch nicht von vermeintlichen Ausbildern ins Bockshorn jagen mit Glaubenssätzen vom wilden Jungpferd. Wir verbinden mit dem Thema „Anreiten“ ja so gerne dramatische Szenen von bockenden und steigenden Jungpferden, die unterm Sattel davonrasen. Das muss nicht so laufen, wenn du dein Pferd lange und geduldig auf das Anreiten vorbereitest und das Ganze spielerisch mit viel Lob und Liebe gestaltest. Egal wie alt dein Pferd dann ist. 

Wenn du ein Pferd willst: 

  • dass vertrauensvoll und motiviert an deiner Seite mit dir geht
  • dass gesund alt wird und lange reitbar bleibt
  • dass wache Augen hat und mit dir leuchtet
  • dass gerne zu dir ans Gatter kommt

…. dann solltest du deinem Jungpferd die Zeit geben, die es braucht, um gesund zu auszuwachsen und auch die geistige Reife zu entwickeln jemanden auf seinem Rücken zu tragen. 

Bodenarbeit pferd

Es gibt so unglaublich viele falsche Glaubenssätze zum Anreiten von Jungpferden und zur Ausbildung junger Pferde. Ich kenne sie alle und auch mir sind sie um die Ohren geschleudert worden von den verschiedensten Ausbildern. Ich habe mich letztlich dafür entschieden meinem Jungpferd Zeit zu geben und in unserem Rhythmus zu gehen.

Das bedeutet auch, dass die Ausbildung länger dauert als üblich und wir vieles immer noch nicht können, was andere Pferde im Alter meiner Stute beherrschen. Es bedeutet für mich aber auch, dass das Pferd lernt mir zu vertrauen und mir die Erlaubnis zu geben mit ihrem Rücken und ihrem Körper zu arbeiten. Dafür bekomme ich ein motiviertes und zufriedenes Pferd, das gerne ans Gatter kommt und mit mir arbeitet. Ein Pferd das mit mir und für mich viel weiter geht als mit anderen Menschen, weil es gelernt hat sich mir anzuvertrauen und dass wir einen gemeinsamen Weg gehen. 

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7 Tipps für eine schonende Ausbildung von Jungpferden

Wenn du also ein Jungpferd an deiner Seite hast und die Ausbildung in Teilen auch selbst machen möchtest, dann habe ich vor allem sieben Tipps an dich: 

  1. Suche dir gute und sanfte Trainer vor Ort, die euch begleiten und ab und an von außen auf euer Training schauen
  2. Bereite alles immer sehr gut am Boden vor  und fange früh und sehr verspielt damit an
  3. Fange frühestens mit 5 Jahren mit dem Reiten an – damit Rücken, Bänder und Knochen sich einigermaßen gut ausbilden und festigen können
  4. Lass dir und deinem Pferd alle Zeit der Welt und gehe vor allem im Tempo deines Pferdes
  5. Gehe alles spielerisch und ohne Erwartungsdruck an
  6. Der Weg ist das Ziel
  7. Achte auf gutsetzende Ausrüstung und kleinschnittiges Training

LISTE für die Jungpferde-Ausbildung

Wie oft wurde ich gefragt, wie das Anreiten mit meiner Stute abgelaufen ist. Bislang ist es sehr unspektakulär. Mein Pferd – das durchaus unwillig und dominant reagieren kann, wenn ihr etwas nicht passt, war neugierig und konzentriert. Viele finden das verblüffend, weil wir erst spät mit dem Reiten angefangen haben und weil sie charakterstarkes Pferd ist. Aber alles ist einfach nur eine Frage der richtigen Vorbereitung. 

Wenn unsere Pferde uns Menschen immer an als freundlichen, fairen und konsequenten Partner kennenlernen, arbeiten sie gerne mit uns – egal ob vom Boden oder vom Sattel aus. 

  • Ich wünsche mir, dass Pferde nicht zu früh angeritten werden und dann schonend, liebevoll und langsam gestartet werden – das wäre für mich bei Normalentwicklern je nach Pferd zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr
  • Ich wünsche mir, dass wir die Pferde vorher durch Tierarzt, Pferdephysiotherapeut oder Osteopath checken lassen
  • Ich wünsche mir, dass wir die Pferde sanft und kleinschnittig durch sinnvolle Bodenarbeit auf das Reitpferdeleben vorbereiten
  • Ich wünsche mir, dass es nicht als normal betrachtet wird, dass Pferde sich gegen das Anreiten wehren 
  • Ich wünsche mir, dass wir aufhören bei der Pferdeausbildung in Schemata und Durchschnittszahlen zu denken, sondern den Trainingsplan mit Gefühl für das Pferd gestalten
  • Ich wünsche mir, dass wir unseren Ehrgeiz und unsere Wünsche erst einmal beiseitelegen und die Ausbildung auf das Jungpferd, seine Talente und Bedürfnisse zuschneiden

Kommen wir jetzt zu den Glaubenssätzen, die ich anfangs erwähnt habe. Glaubenssätze sind ein unglaublich machtvolles Instrument. Wenn wir die falschen Glaubenssätze in uns tragen, können sie Althergebrachtes ganz fest in ins zementieren. Wenn wir die richtigen Glaubenssätze in unseren Kopf rufen, sind sie aber auch ein machtvolles Instrument für Veränderungen.

Kennst du deine Glaubenssätze? Nehmen wir mal das Beispiel „Jungpferde“ – welche Glaubenssätze hast du in deinem Kopf? Und wenn es die falschen sind – bist du bereit sie zu ändern? Schreib mir gerne einen Kommentar! Ich freue mich auf deine Gedanken und Meinungen. 

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Fünf falsche Glaubenssätze zum Anreiten von Jungpferden

Ich stolpere vor allem und immer wieder über fünf falsche Glaubenssätze, wenn es um Jungpferde geht. Ich will sie dir jetzt aufschlüsseln und dann kannst du tief in dich reinhören und überlegen, ob dir diese Glaubenssätze bekannt vorkommen. Anschließend will ich dir zu jedem einzelnen einen anderen positiven Glaubenssatz mitgeben, der den „falschen“ ersetzen kann. 

Nummer 1 „Pferde müssen früh angeritten werden für ihre körperliche Entwicklung.”

Der Hintergrund dieser Aussage: “Sehnen, Knochen und Muskeln müssten einfach von Anfang an immer wieder belastet werden, damit sie sich auch gut entwickeln und unser Gewicht später richtig tragen können.”

Ich bin natürlich keine Tierärztin, aber ich kann meinen gesunden Menschenverstand einschalten und der sagt mir, dass Zellen natürlich auf Belastung reagieren, aber auch überlastet werden und so langfristige Schäden davontragen können. Fohlen sollten also am besten 24 Stunden draussen in der Herde sein und sich viel bewegen, aber wir sollten junge Knochen, Sehnen und Bänder nicht mit unserem Gewicht überlasten. Zellen entwickeln sich auch im Erwachsenenalter – heißt also auch, dass Knochen, Sehnen, Bänder und Muskeln sich festigen und entwickeln, wenn wir das Pferd erst reiten, wenn es älter ist.

Deswegen mein neuer Glaubenssatz für dich: Mit sinnvoller Bodenarbeit sollte die Entwicklung des Pferdekörpers unterstützt werden und mit einem späteren Anreiten, wenn Knochen und Sehnen ausgewachsen und gefestigt sind, kannst du dafür sorgen, dass nichts überlastet und zu früh abgebraucht wird, so dass dein Pferd möglichst lange reitbar bleibt. 

Carey-beim-Training

Nummer 2: „Pferde sind mit 3-4 Jahren weit genug entwickelt um uns auf den Rücken setzen zu können.“

Um dir diesen Glaubenssatz zu entkräften, liefere ich dir gleich ein paar Fakten zur Körperlichen Entwicklung von Pferden. Das ist nämlich ein ganz ganz großer Blödsinn. Wenn du einmal ein bisschen zur körperlichen Entwicklung von Pferden recherchierst, dann wirst du ganz schnell merken, dass viel zu viele Jungpferde viel zu früh angeritten werden. 

Zur Untermauerung ein paar Facts zur körperlichen Entwicklung von Pferden: 

  • Pferde wachsen etwa bis sie sieben Jahre alt sind. Die Knochen wachsen, die Zähne sind im Wechsel, die Wirbelkörper verwachsen und die Sehnen werden nach und nach stabiler und fester. Die Rückenwirbel werden erst mit 5 bis 7 Jahren einigermaßen fertig – genau da setzen wir uns aber mit unserem ganzen Gewicht drauf…
  • Der Pferderücken ist wie eine Brücke! Bauen wir die Muskeln nicht auf und setzen uns zu früh drauf – bevor die Brücke fest ist – wird der Rücken durchhängen. Dein Pferd braucht also feste Knochen und Bänder und vor allem gute Bauchmuskeln, damit es den Rücken heben kann. 
  • Die Wachstumsfugen an den Knochen schließen meist erst zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr des Pferdes
  • Pferde wachsen in Schüben! Mal macht die Hinterhand einen Schib, mal die Vorhand – das kostet Balance und kann Wachtsumsschmerzen auslösen – und genau dann wollen sich viele Menschen auf den Rücken setzen…

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Reitpferden in Deutschland soll unter zehn Jahren liegen. Als Ursachen werden unter anderem  vorzeitig verschlissene Knochen und Sehnen genannt. Ist das nicht schrecklich? Das sollte uns sofort wachmachen und uns zeigen, dass beim Reiten und in der Ausbildung gerade einiges schief läuft. 

Genug körperliche Fakten – ich gebe dir jetzt den alternativen Glaubenssatz dazu: Pferde haben das Recht gesund zu wachsen und groß zu werden, bevor wir ihren Rücken mit unserem Gewicht belasten. 

Stallhalfter pferd

Nummer 3: „Pferde müssen früh auf die Reiterhilfen geprägt werden, sonst lernen sie sie nicht richtig“

Mal ganz ehrlich – wie logisch ist das denn bitte? Wie gehen also davon aus, dass Pferde dümmer werden, wenn sie älter werden? Nichts anderes steckt hinter diesem merkwürdigen Argument. Wir Menschen lernen ja auch im Kindergartenalter nicht besser und schneller als im Schulalter. Im Gegenteil: Wenn wir älter sind, können wir komplizierte Vorgänge besser begreifen. 

Pferden geht es nicht anders. Sie können sich besser konzentrieren und schneller lernen, wenn sie schon ein bisschen älter sind. Gerade Jungpferde sind oft schon nach 5 oder 10 Minuten Bodenarbeit müde und können sich nicht mehr konzentrieren. Es fällt ihnen schwerer ruhig zu stehen oder aufmerksam zuzuhören. Außerdem haben Jungpferde auch noch Hormon- und Teenagermomente, weil sich in ihrem Körper so viel tut in dieser Zeit. 

Dein neuer Glaubenssatz ist also: Es ist clever den Jungpferden ihre Kinderzeit zu lassen und erst ans Reiten zu gehen, wenn sie schon etwas älter und erwachsener sind, weil sie als gefestigtere Persönlichkeiten besser damit umgehen können, wenn wir uns auf ihren Rücken setzen und schneller lernen können. 

Nummer 4: “Der Wille der Pferde ist zu stark, wenn die Pferde beim Anreiten älter als zwei oder drei Jahre sind.“

Das ist für mich der allergrößte Quatsch! Entschuldige, wenn ich das so deutlich schreiben muss. Aber es ist schlicht und einfach Blödsinn. Die Gegenfrage ist doch an dieser Stelle: Wie muss das Training aussehen, dass junge und „willenlosere“ Pferde braucht? Ein Training zu dem ältere und selbstbewusstere Pferde Nein sagen wollen? 

Die Sache ist ziemlich einfach: Wenn dein Pferd beim Anreiten deutlich Nein sagt, dann hat es entweder schlechte Erfahrungen in seiner Vergangenheit gemacht oder es hat Schmerzen oder es versteht dich gerade nicht oder du hast dir nicht genug Zeit genommen es deinem Pferd so verständlich und fair zu erklären, dass es gerne mitarbeitet. 

Dabei ist es vollkommen egal ob dein Pferd 3 oder 6 Jahre alt ist. Pferde sind unglaublich kooperativ und Harmoniebedürftig. Sie folgen gerne unseren Vorschlägen, wenn sie entsprechend fair und freundlich vorgebracht werden.

FAKT: Woher kommt dieser merkwürdige Glaubenssatz

Ich denke, dass gerade dieser letzte Glaubenssatz einen wirtschaftlichen Hintergrund hat. Früher war die Ausbildung der Pferde etwas, das über Jahre ging. Heute haben viele Freizeitreiter ein Jungpferd und wollen es einigermaßen gut ausgebildet vom Züchter erwerben oder vom Bereiter zurückbekommen. Gleichzeitig soll das alles aber möglichst wenig Geld kosten. Dann leben wir auch in einem Kreislauf aus Altersvorgaben in Zuchtprüfungen, der dringend durchbrochen werden muss durch ein anderes Reglement.

Jungpferdeprüfungen sind in aller Regel viel zu früh angesetzt. Wenn Jungpferde mit drei Jahren schon alles zeigen müssen, um prämiert zu werden, um dann einen guten Preis erzielen zu können, bringt das Züchter und Verkaufsställe natürlich in einen gewissen Zugzwang. Auch Züchter müssen ihre Rechnungen bezahlen und von etwas leben. Wenn ein 3-Jähriges Pferd in einer Prüfung oder Körung Leistung zeigen muss, muss der Anreitprozess natürlich schon entsprechend vorher gestartet werden. Das ist in sich einfach komplett falsch. 

Es sind aber nicht nur die Zuchtvereinigungen, Züchter und Pferdeverkäufer schuld. Wenn die Menschen nicht viel Geld für ihr Jungpferd oder dessen Ausbildung bezahlen wollen, dann bleibt Züchtern und Berieten nicht viel andere Wahl als den Prozess entsprechend zackig zu gestalten. Oder sich einen neuen Beruf zu suchen. 

Der Markt bestimmt nun einmal auch ein Stückweit die Preise. Ein Jungpferd kostet den Züchter mehr Geld, wenn es länger auf der Weide herumsteht und Jahrelang am Boden ausgebildet werden soll, bevor es geritten wird. Das will aber meist keiner bezahlen. 

Wenn die Menschen es schon teuer finden, dass ein ausgebildetes Pferd mehr als 10.000 Euro kosten soll – ohne geniale Abstammung natürlich, dann wird’s noch teurer – müssen wir uns nicht wundern, wenn die Pferde mit zwei oder drei Jahren innerhalb kürzester Zeit mit Druck angeritten werden. 

Was kostet alles in der Ausbildung – je länger wir warten, desto mehr Geld kostet es: 

  • Eine Zuchtstute kostet Geld
  • Die Tierärztliche Betreuung kostet Geld
  • Das Aufwachsen des Fohlens kostet Geld
  • Eine langsame Ausbildung am Boden kostet Geld
  • Das schonende Anreiten kostet Geld

Das alles muss auch bezahlt werden, wenn wir wollen, dass sich etwas ändert. Dann dürfen wir Käufer nicht einfach nur mit dem Finger auf die bösen Züchter und Bereiter zeigen. Und wenn wir selbst ausbilden wollen, müssen wir mehrere Jahre auf das Reiten verzichten. Dein Pferd hat sich weder dich als Besitzer, noch sein Leben als Reitpferd ausgesucht. Deswegen ist es deine Pflicht dafür zu sorgen, dass es gesund ist, gut gehalten wird und schonend und liebevoll ausgebildet wird.

Dein neuer Glaubenssatz: Anreiten wird nicht schwerer, wenn Pferde älter sind. Im Gegenteil – es wird sogar leichter, weil die Pferde ruhiger und erwachsener sind. Egal in welchem Alter: Das Pferd muss einfach nur gut vom Boden aus vorbereitet werden und dann kleinschrittig, freundlich und geduldig angeritten werden.

Nummer 5: „Pferde werden an der Longe ausgebildet, weil sie so an den Sattel und den Reiter gewöhnt werden können.“

Ich finde diesen Glaubenssatz so unglaublich falsch, weil gerade junge Pferde wenig Balance haben und das Longieren im Kreis deswegen sehr auf die Bänder geht. Außerdem ist es für junge Pferde eine beängstigende Situation die Balance zu verlieren und genau das riskieren wir ein Stückweit an der Longe. Junge Pferde sollten ganz viel geradeaus laufen. Wir sollten sie auch an Equipment wie Sattel und Zaumzeug gewöhnen und ans Reitergewicht. Aber bitte nicht an der Longe und nicht durch sinnloses „Schleudern“ und „müde machen“ im Longenkreis. 

Dein neuer Glaubenssatz: Junge Pferde sollten schön vorwärts gehen und das am besten viel geradeaus. Zum Beispiel in Spaziergängen – später auch mit Reitpad oder Sattel und dann irgendwann später auch mit Reiter – geführt oder ohne je nach Pferdecharakter und Vertrauensverhältnis mit dem Reiter.

Vom Boden in den Sattel – die Ausbildungsschritte mit einem Jungpferd

Kommen wir jetzt mal zu einer praktischen Zusammenfassung der ersten Schritte mit einem Jungpferd. Ich habe viel ausprobiert und manches auch wieder abgeschafft. Jetzt habe ich ein Bild davon, wie ich ein Jungpferd Schritt für Schritt ausbilden würde. Dieses Bild – basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen und Learnings – beschreibe ich dir gleich kurz zusammengefasst in den wichtigsten Schritten. Mit Leben füllen, Seitenwege einfügen und um viele weitere Übungen und Ideen ergänzen sowie an dein Pferd anpassen, musst du diese Schritte dann natürlich selbst.

Ankommen im neuen Zuhause

Zwei wichtige Facts in Sachen Jungpferdeausbildung vorab

Seelenfact: Alles, was wir mit jungen Pferden machen ist eine Herausforderung und kann auch schnell zur Überforderung werden. Du darfst nie vergessen, dass du dein Pferd mit dem Training und dem Anreiten in eine ganz neue und aufregende Welt wirfst. Es ist also ganz wichtig, dass du dein Pferd immer beobachtest, alles so kleinschnittig wie möglich aufbaust und liebevoll, klar, konsequent und verständlich trainierst. 

Carey und Petra

Körperfact: Pferde wachsen bis sie 7 Jahre und älter sind. Das habe ich dir ja schon beschrieben. Im Kopf müssen sie auch erst erwachsen werden – du solltest also nicht zu früh mit dem Reiten anfangen und dein Pferd vorher unbedingt von einem Pferdepyshio oder Pferdeosteo durchchecken lassen. 

SO NICHT: 

  • Wenn dir jemand erzählen will, dass du dein Pferd auf dem Logierzirkel erst so, dann mit Sattel, dann mit Reiter longieren sollst, dann feuere diesen Trainer. 
  • Wenn dir jemand sagt, dass du Ausbilder und Hilfszügel für die Ausbildung brauchst, dann feuere diesen Trainer. 
  • Wenn dir jemand sagt, dass du dein Pferd mit 2 oder 3 Jahren anreiten sollst, weil es sonst „blöd“ wird, dann feuere diesen Trainer. 

Sinnvoll könnte es zum Beispiel sein mit 5 oder 6 Jahren schonend und langsam mit dem Reiten zu starten – je nach Rasse, deren Entwicklungsstand und der individuellen körperlichen Entwicklung des Pferdes. Die Bodenarbeit kannst du schon mit 1,5 bis 2 Jahren starten. Dann aber entsprechend kurze Einheiten und spielerisch gestaltet. 

DER TIPP: Es ist unglaublich wichtig, denn dein Jungpferd lernt so von Anfang an mit dem Menschen zu agieren und Freude dabei zu haben. Wenn du dein Pferd erst mit 5 oder 6 Anreiten willst, dann hilft es sehr viel am Boden miteinander zu arbeiten. Wir können die Pferde nicht fünf oder sechs Jahre wie Wildpferde auf der Weide stehen lassen und sie dann in kurzer Zeit freundlich und stressfrei zu Reitpferden ausbilden wollen. Du musst dein Pferd einfach ausführlich und entspannt am Boden vorbereiten, so dass Teamarbeit mit dem Menschen für dein Pferd etwas ganz normales ist.

(M)ein Weg zum Anreiten 

Jedes Jungpferd ist eine andere Persönlichkeit, deswegen gibt es nicht den einen Weg. Sondern du musst individuell gestalten und auf dein Pferd eingehen. Ich werde dir also jetzt in einer Liste exemplarisch die Schritte beschreiben, wie ich mein Pferd ausgebildet habe und wie ich ein junges Pferd vom Fohlenalter an ausbilden würde – dann kannst du dir diese Liste für dich anpassen. Ich stecke noch mitten in der Ausbildung – da wir verletzungsbedingt eine Pause einlegen mussten. 

Zwischen all den Trainingsschritten kannst du natürlich immer wieder Pausen und Wellnesseinheiten einlegen, wie Balance Pad, Massageeinheiten, Kraulenden und Sachen wie Freiarbeit und kleine Tricks, die deinem Pferd sicher auch Spaß machen.

Ichs selbst arbeite sehr viel mit Leckerli – HIER kannst du mehr dazu lesen 

Das Anreiten Schritt für Schritt

  1. Der Start der Ausbildung: Ein Fohlen sollte sich anfassen lassen, aufhalten lassen und seine Hufe geben können. Das kannst du spielerisch mit dem Fohlen üben. Erst auf der Weide, später auch auf dem Hof. Es kann immer sein, dass der Tierarzt kommen muss oder ein Huf bearbeitet werden muss. Deswegen sollten Fohlen das schon können. Aber gerade Fohlen sollten das alles spielerisch mit Lob, Liebe, Freude und Neugierde lernen dürfen – nicht mit Zwang oder körperlichem Druck. 
  2. Die erste Bodenarbeit mit 1,5 bis 2 Jahre: Jetzt kannst du langsam mit der Bodenarbeit starten. Also erste Führtrainings und Gelassenheitstraining, geführte Spaziergänge, anbinden lassen, putzen lassen, Decke auflegen und all die anderen Dinge des Alltags.
    1. Start und Stop
    2. Rechts und links
    3. Vorwärts und Rückwärts
    4. Vorhand weicht (Schulterkontrolle)
    5. Hinterhand weicht
Training im Gelände mit dem Pferd

3. Bodenarbeit mit Muskelaufbau mit ca. 3 Jahren: Jetzt kann langsam die Bodenarbeit zum Muskelaufbau starten. Natürlich immer erst sehr kurze Einheiten. Gerade junge Pferde können ich noch nicht so lange konzentrieren. Da können 10 Minuten schon richtig lange sein.

  1. Äußerer Schenkel und innerer Schenkel vom Boden aus
  2. Gangartenwechsel
  3. Tempiwechsel in den Gangarten

4. Ab jetzt der Kappzaum: Mit etwa 3,5 Jahren kamen dann erste Gymnastizierung und Muskelaufbau am Kappzaum dazu. 

kappzaum pferd
Lieblingskappzaum von Hillbury – so in LOVE! Du auch? Gibts HIER!
  1. Erste Gymnastizierungsrunden: Kruppe herein und Schulter herein
  2. Anschließend Travers und Renvers – auf dem Platz und im Gelände beim Spaziergang
  3. Die Bodenarbeit immer wieder mit Reitpad und Zäumung machen, damit dein Pferd lernt gegurtet zu werden und etwas auf dem Rücken zu tragen

6. Mit etwa 4 Jahren: Jetzt kannst du die Zügelhilfen vom Boden aus trainieren. Du kannst zum Beispiel neben deinem Pferd laufen und die Signale auf Höhe des Halses geben und üben. Außerdem kannst du das Einparken mit viel Lob und Leckerli üben.
HIER gibt es einen Artikel dazu, wie du das Thema Leckerli Schritt für Schritt angehen kannst

7. Mit 5 Jahren: Du kannst das Aufsteigen üben. Du kannst dein Pferd immer wieder an die Einparkhilfe führen. Dich immer mal über den Rücken lehnen und von beiden Seiten abklopfen. Irgendwann auch für ein oder zwei Minuten aufsteigen und dann wieder absteigen. Das kannst du über Monate immer wieder zwischendurch üben, bis du dein Pferd auch mal ein paar Schritte laufen lassen kannst.

Das Knaller Knoti-Sidepull und Baumwollzügel gibts übrigens HIER

Du kannst die Doppellonge einbauen, um die Zügelhilfen und die Kommunikation zu verfeinern und dein Pferd zu gymnastizieren. HIER findest du mehr zum Thema und HIER findest du einen Doppelongengurt.

8. Ab dem 6. Lebensjahr: Das Reiten ist ein- oder zweimal pro Woche in kurzen Einheiten ein kleiner Teil unseres gemeinsamen Lebens.

Ich habe bislang alles Reiterliche mit einem Reitpad trainiert, da Muskeln und Körper sich noch stark entwickelten und die Reiteinheiten sehr kurz waren. Verletzungsbedingt mussten wir auch nochmal eine Pause einlegen. Jetzt ist mein Pferd 7 Jahre alt und sobald aus den kurzen Reiteinheiten längere Runden werden, wird auch ein richtiger und angepasster Sattel dazukommen.

Welche Ausrüstung du für dein Jungpferd brauchst

Weniger ist mehr! Du brauchst wirklich nicht viel. Junge Pferde wachsen auch noch stark, so dass du ohnehin ab und an neue Größen kaufen musst. Du machst ja auch noch nicht viel und das alles sehr spielerisch. 

  1. Es braucht Anfangs nur ein Halfter und ein Führstrick für dein Fohlen – zum Beispiel eines in Shettygröße wie unser Tauwerkhalfter HIER
  2. Später kannst du dir dann ein Knoti und Arbeitsseil für die ersten Bodenarbeitsrunden kaufen – gute Knotis und Ropes haben wir HIER
  3. Sobald es an die gymnastizierende Bodenarbeit geht, brauchst du einen Kappzaum und ein feines Handarbeitsseilchen oder eine leichte dünne Longe – Alles zum Longieren gibt es übrigens HIER
  4. Eine Gerte für die Hilfengebung – als verlängerter Arm
  5. Zum Anreiten selbst brauchst du schließlich entweder einen gut sitzenden Sattel oder für die ersten Runden sogar nur ein gut gepolstertes hochwertiges Reitpad – eine kleine aber feine Auswahl anatomisch durchdachter Reitpads gibt es HIER für dich

Das ist nur ein ganz grober und schneller Basis-Rahmen, den du nicht sklavisch erfüllen solltest.

Im Gegenteil: Du kannst noch viel mehr drumherum im Training gestalten und individuell an dein Pferd anpassen. Es ist viel mehr ein grobes Gerüst, aus dem du dann noch ein ganzes „Haus“ bauen kannst. Passend für dich und dein Pferd. 

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11 Kommentare zu “Jungpferde! Wie du dein junges Pferd richtig „starten“ kannst

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    ich kann dir nur zustimmen. Pferden sollte man allgemein mehr Zeit geben. Auch erwachsene Pferde sollen neue Bewegungsabläufe bitte ganz schnell lernen und können. Wenn ich da aber an mich selber denke. Wenn wir beim Tanzen eine neue Figur lernen, brauche ich durchaus einige Male Wiederholungen und ich muss die Figur auch ein paar Mal sehen und einzeln trainieren bevor ich sie wirklich kann. Warum soll es unseren Pferden anders gehen? Aber das ist ein weiteres Thema.
    Ich bin sogar mittlerweile soweit, dass ich sage, ich gehe mit einem 2jährigen Pferd noch nicht spazieren. Das ist zu früh für mich. Mein Ponymann und auch unser kleines Wildpferd zeigen mir hier sehr stark wie sehr sie die Sicherheit der Herde brauchen und dass ein Spaziergang ins Gelände für sie in diesem Alter noch viel zu früh war/ist.
    Ein Hinweis zum Fohlenhalfter vielleicht, weil du es in deiner Auflistung drin hast. Mir war und ist bei einem Fohlenhalfter wichtig, dass es sich über das Öffnen des Genickriemens an- und ausziehen lässt. Ich würde für mein Fohlen nie ein Halfter benutzen welches durch einen Karabiner zu öffnen und der Genickriemen über die Ohren zu ziehen ist. Das Halfter ist für die meisten Pferde schon ein riesen großer Schritt. Wenn dieses über die Ohren gezogen wird, ist das beim ersten Halfter noch viel zu viel meiner Erfahrung nach. Gerade sehr junge Pferde, die noch nicht dieses Vertrauen in den Menschen haben, wollen sich meistens nicht an den Ohren anfassen lassen. Natürlich sollte ich das üben, aber das Halftern und das Ohren anfassen gleich zu kombinieren wäre mir ein zu großer Schritt. Unser kleines Wildpferd zum Beispiel lässt sich noch überhaupt nicht halftern. Sie hat große Angst vor dem Halfter, weil sie schon schlechte Erfahrungen gemacht hat leider. Auch hier wähle ich ein Halfter welches ich nicht über die Ohren ziehen muss.
    Sorry ist jetzt etwas Off-Topic, aber ich sehe leider oft, dass hier nicht mit viel Bedacht vorgegangen wird und die Pferde dann Schwierigkeiten haben.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Miriam, ein guter Hinweis mit dem Halfter. Tatsächlich habe ich das bei meiner Stute anfangs auch so gehandhabt und mache es mit dem Kappzaum bis heute so. Einfach auch um die empfindlichen Ohren zu schonen. Ich finde das gar nicht offtopic, sondern einen ziemlich guten Hinweis – genau wie dein Bild mit der Tanzfigur. Das trifft es sehr gut auf den Punkt. Alles Liebe, Petra

  2. Juli sagt:

    Liebe Petra,
    danke für den guten Artikel! Ich musste den Umgang mit einem Jungpferd selbst auch erst lernen. Vor anderthalb Jahren habe ich mir eine junge Stute gekauft, die vom Charakter Deiner sehr ähnlich ist =) sie ist sehr introviertiert und dominat, aber auch sehr liebevoll und auf "ihren" Menschen bezogen!
    Sie war 4 1/2 als ich sie zu mir holte. Natürlich war ich bisher ohne Jungpferde-Erfahrung und bin davon ausgegangen, dass mit einer guten Trainerin an meiner Seite alles schon gut gehen würde und ich innerhalb eines halben Jahres ein ausgebildetes Freizeitpferdchen haben werde.
    Meine Kleine wurde von der Vorbesitzerin schon viel am Boden gearbeitet und hat dann das Anreiten bei mir sehr gut mitgemacht. Trotzdem bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass ich sie ganz bestimmt in vielen Bereichen überfordert habe und viel viel langsamer hätte vorgehen sollen. Ich bin mir sicher, dass ich viele ihrer Hinweise auf Überforderung übersehen oder als falsch als Unwilligkeit oder Unmotiviertheit gedeutet habe.
    Deswegen hat sie seit einiger Zeit eine Art "Schonprogramm" =) ich reite sie nicht mehr wie vorher fast jeden Tag, sondern mache wieder viel Bodenarbeit und so mit ihr. Geritten wird sie einmal maximal zweimal in der Woche. Außerdem bekommt sie vielen Pausentage, an denen sie einfach auf der Koppel herumtoben oder entspannen kann. Seitdem ich das so mache, habe ich den Eindruck, dass sie dankbar dafür und auch motivierter ist.
    Die "alten" Glaubenssätze waren auch in mir stark verhaftet – und ich muss zugeben, dass sie das teilweise immer noch sind und es gar nicht so leicht ist, diese Einstellung zu ersetzen. Das dauert seine Zeit und ich ertappe mich selbst immer wieder, wie ich das Verhalten meiner Kleinen falsch nach den "alten" Glaubenssätzen interpretiere. Dann muss ich mir immer wieder bewusst machen, was mein Ziel ist und dass sie ja eigentlich noch immer ein Pferdemädchen ist. Zum Glück werden diese Moment aber seltener ;-)
    Danke, dass Du Deine Einstellung immer wieder in diesem Blog teilst!
    Liebe Grüße,
    Juli

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Juli, es ist gar nicht so leicht zu fordern und nicht zu überfordern. Ich denke, dass ich meine Jungstute sicher auch ab und an überfordert oder unterfordert habe. Letztlich hängen diese Glaubenssätze wirklich immens fest in uns. das erlebe ich auch immer wieder in mir. Es ist gleichzeitig so schön für mich zu lesen, dass es nicht nur mir so geht und dass immer mehr Menschen dem Pferd Mitspracherechte und Zeit geben wollen. Ganz lieben Dank also für deinen Kommentar – ich freue mich, dass du hier mitliest und schicke dir viele liebe Grüße, Petra

    • Tina sagt:

      Vielen Dank für den schönen Beitrag. Meine fünfjährige Stute und ich beginnen jetzt langsam mit dem reiten. Spaziergänge und Bodenarbeit haben wir natürlich vorher schon gemacht. Allerdings wurde ich immer wieder dafür kritisiert, warum ich sie so spät einreite möchte, warum ich keine Ausbinder verwende, warum ich immer nur mit dem Pferd durch die Gegend renne oder warum ich denn kein Gebiss verwenden möchte (z.B ein Kappzaum ohne Gebiss anstatt mit). Auch mein Sattel wird häufig belächelt, denn ich hab mir erstmal einen Baumlosen Sattel für sie geholt, der ihr auch super passt. Da sie sich noch weiterentwickelt ist der Sattel als Übergangslösung gedacht.
      Dein Beitrag hat mich darin bestätigt, dass ich mir nicht so viele Sorgen machen sollte und wohl eigentlich auf dem richtigen Weg bin, was ich eigentlich auch an meiner Stute merke, die beim ersten ("richtigen") Aufsteigen nur kurz nach hinten geschaut hat und total entspannt war.
      Also nochmal vielen Dank :)

  3. Anna sagt:

    Liebe Petra
    Merci viel mal für den tollen Artikel! Die Themen "Umgang und Zusammensein mit Jungpferd/Ausbildung/Erziehung" interessieren mich sehr – mein Jungpferd ist gerade 2 Jahre alt geworden.
    Obwohl ich das grosse Glück habe von ganz tollen Pferdemenschen umgeben zu sein, die mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen und ganz geduldig auch zum x-ten Mal die gleichen Fragen mit mir diskutieren, stellt mich vor allem ein Thema vor eine grosse Herausforderung und das ist der Umgang mit Fehlern, respektive zu akzeptieren, dass sich (kleine) Fehler in der Ausbildung/im Umgang mit dem Jungpferd leider nicht vermeiden lassen (zumindest wenn man nicht Superwoman ist) und dass nicht jeder "Fehler" bedeutet, dass mein Pferd dann komplett das Vertrauen in mich verliert und ein lebenslanges Trauma davon trägt. (Bisher habe ich das grosse Glück, ein ganz wunderbares und tolerantes Jungpferd zu haben, das mir grosszügig die bisherigen kleinen Verfehlungen verziehen hat und zufrieden und glücklich wirkt.)
    Mich würde sehr interessieren wie Du mit Fehlern umgehst und ob auch Du in der Ausbildung deiner Stute Dinge gemacht hast, von denen Du dann später gedacht hast, dass Du das besser unterlassen hättest…
    Herzliche Grüsse,
    Anna

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Anna, hachje, wenn du wüsstest..Ich denke, dass ich einige Fehler gemacht habe und auch heute noch viele Fehler mache. Beziehungsweise Entscheidungen und Meinungen heute wieder anders formulieren würde als noch vor zwei oder drei Jahren: Von der Sattelfrage (welches Modell es als Einstieg sein soll) bis zu Entscheidungen in der Ausbildung meines Pferdes. Ein ganz großer "Fehler" – wenn du es so sehen willst – war auch bei mir die BEfürchtung etwas falsch zu machen und meinem Pferd nicht gerecht zu werden. Diese Gedanken und Zweifel und Gefühle haben mich immer wieder Gelassenheit gekostet und das wiederum hat die Losgelassenheit zwischen meinem Pferd und mir immer mal wieder minimiert. Dann denke ich rein technisch – habe ich zu früh mit Gymnastizierung und Arbeit auf der Kreislinie angefangen. Ich hätte als ersten Schritt besser viel mehr geradeaus trainiert. und ich habe immer mal wieder in der Anfangspahse auf Tipps von Außenstehenden gehört, die mir weißmachen wollten, dass ich mich mehr durchsetzen müsse, weil gerade das Jungpferd dann richtig aufdrehen würde. Letztlich habe ich immer wieder auf mein Bauchgefühl gehört, das mir andere Weisheiten eingeflüstert und ein anderes Gefühl gegeben hat – aber ich denke trotzdem, dass ich heute nochmal weniger "Druck" machen und mich durchsetzen würde als noch vor 2 oder 3 Jahren. Trotz allem sehe ich das alles nicht als Fehler – denn nur aus Erfahrung wird man klug und lernt dazu. Das Pferd ist den Weg mit mir gegangen und wir sind noch enger zusammengeschweißt als früher. Vermutlich auch, weil ich bereit dazu bin mir Fehler einzugestehen und zu lernen. Also – lass dir nichts einreden, gehe deinen Weg und hör auf dein Pferd, dann kannst du gar nicht zuviele Fehler machen. Alles Liebe, Petra

  4. Andrea sagt:

    Liebe Petra, Du schreibst mir aus der Seele. Ich habe eine inzwischen 26 Jahre alte Stute, die komplett durch die Mühlen des klassischen Jungpferdetrainings gegangen ist. Einreiten mit 3 (oder früher), erste Springen mit 4, 6-jährig L- und M-Springen gewonnen, 7-jährig S-Springen platziert. 8-jährig, nachdem sie mit ihrem Reiter in vollem Galopp ungebremst in eine Betonmauer gelaufen ist (was mit einem Pferd passieren muss, dass es "Selbstmord" an einer Betonmauer versucht? Für mich ein klarer Beweis, dass Pferde das zwar manchmal körperlich in der Lage sind zu leisten, was wir von ihnen verlangen, aber psychisch dabei große Schäden angerichtet werden), stand sie dann mit Halswirbelverletzung 1 Jahr auf der Koppel und ist 9-jährig als Zuchtstute/unreitbar verkauft worden, da sie leider nicht mehr kooperativ war Reitern gegenüber. Ach – welch Wunder! Ich bin ihr dann trächtig begegnet – auf Empfehlung einer Freundin (selbst Bereiterin, Grand-Prix-Reiterin), die meinte, die Stute bräuchte eine sehr sensible Hand und jemanden mit vieeeeeel Geduld, der nichts von ihr will und ihr wieder Vertrauen in den Menschen geben kann. Tja, und so landete sie bei mir. Mit Geduld und Geduld, aber auch Geduld ;-) haben wir vieles geschafft. Mit Bodenarbeit (ohne Hilfsmittel), langen Spaziergängen, Arbeiten nur auf Stimme und Körpersprache konnte ich ihr Vertrauen so weit wiederherstellen, dass ich sie irgendwann wieder reiten konnte. Sie ist über die Jahre zu einem 100%-igen Verlasspferd geworden – einer sogenannten "Lebensversicherung", auf die ich mich schwanger und später mitsamt Kind(ern) gesetzt habe. Inzwischen reitet mein Sohn sie frei (sie hört ja auf meine Stimme und Körpersprache und er ist stolz wie Oskar, weil sie "ihm" folgt). ABER: auch nach 17 Jahren brauche ich keine Gerte in die Hand nehmen, weil sie mich dann anprustet und flüchtet; wenn ich drauf sitze und jemand reicht mir eine Gerte, geht sie durch – und das, nachdem ihr 17 Jahre lang bei mir überhaupt nichts passiert ist! Warum ich das erzähle? Weil für mich durch meine Stute schon immer klar war: ich will unbedingt noch einmal ein Jungpferd und das so trainieren, wie ich es für richtig erachte – mit meinen Vorstellungen und sehr viel Zeit, damit das Pferd in Ruhe alles lernen kann (und auch mal eine Nacht (oder gar einen Winter?) über das neu Erlernte schlafen kann). Und so ergänzt seit letztem September eine damals 2 1/2-jährige Stute unsere Familie. Mit ihr mache ich Bodenarbeit, Gelassenheitstraining, kurze Spaziergänge und fange langsam an, sie als Handpferd mit meiner alten Dame mitzunehmen (aktuell sind wir noch auf dem Platz unterwegs, wollen aber bald mal in die große, weite Welt starten). Inzwischen ist sie 3, ein kleiner Flegel, voll im Wachstum und Zahnwechsel und wenn ich nur dran denke, dass ihre Altersgenossen gerade schon die ersten Reitpferdeprüfungen gehen und wahrscheinlich schon seit Jahresanfang unterm Sattel sind, gruselt es mich. Wir "spielen" dagegen nur: spielen verladen, spielen Flattertor, spielen Planengänge, spielen Bodenarbeit, … :-) nur, wie es uns Spaß macht. Und ich sehe den rieeeeesigen Unterschied, wenn ein Pferd noch nichts schlechtes erlebt hat und sich neuen Herausforderungen neugierig stellt. Plane? Aha, kann man die essen? Nein, aber knistern tut sie lustig, wenn man drüber geht – und damit war das Thema "Plane" erledigt. Völlig unspektakulär. Es ist so schön zu sehen, wie Pferde eigentlich von Natur aus sind, wenn nicht der Mensch ihnen das Vertrauen und die Neugier durch Prügel, Gewalt und Zwang genommen hat.
    Wie schön, dass es doch immer mehr Menschen gibt, die auf den Partner Pferd setzen und nicht ein Sportgerät Pferd haben.

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Andrea, das berührt mich immer sehr, wenn ich solche Pferdeschicksale lese – es ist einfach traurig, was die Menschen alles machen. Schön, dass du ihr einen anderen weg gezeigt hast ❤️ alles alles Liebe an dich und ein großes Danke, Petra

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