Vertrauen statt Kontrolle und Einladung statt Befehl. Klingt das nicht schön? Auf diese Gedanken baut Linda Tellington-Jones unter anderem ihr Trainingskonzept auf. Letztlich geht es immer wieder darum, wie wir unser Pferd motivieren und zum Mitdenken anregen können. Mit ganz einfachen Schritten kannst du mehr Vertrauen, Motivation und Einklang erreichen. 

HIER im ersten Teil der Serie gibt es auch Gedanke über die richtige Einstellung, die TTouches und was feines Pferdetraining ausmacht

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

In diesem Artikel werden wir uns jetzt mit der ganz praktischen Bodenarbeit und Reittraining nach Linda Tellington-Jones beschäftigen. Kennengelernt habe ich ihr Konzept bei einem Intensivkurs auf dem schicken Curly-Gestüt Wolf in Hessen.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Was ist so besonders am Training nach Linda Tellington-Jones

In einem Satz: Pferdeverständnis trifft auf wohlbedachtes und geordnetes “Chaos” trifft auf ganz viel Anregung für die Zellen und Hirnzellen.

Was genau das bedeutet, beschreibe ich dir gleich Schritt für Schritt. Es ist eigentlich ganz einfach.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

 

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Zum Schluss gibt es auch noch eine Anleitung für dich, wie du das Training mit deinem Pferd ganz einfach und von Anfang an angehen kannst.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Ein erstes AHA-Erlebnis hatte Linda Tellington-Jones in den 1980ern durch ihr Studium bei dem Entspannungsexperten und Pädagogen Moshe Feldenkrais.

  • In einer seiner Vorlesungen machte er Linda und seinen Studenten klar, dass wir Menschen nicht gut lernen können, wenn wir müde sind.
  • Und: dass es lediglich einer ungewöhnlicheren Bewegung bedarf, um das Gehirn mehr anzuregen. So dass wir Dinge sehr schnell und innerhalb weniger Wiederholungen lernen können.

Diese zwei Gedanken haben sie so beeindruckt, dass sie sie immer wieder in ihrem Kopf gewälzt und auf die Pferde übertragen hat. Ab diesem Zeitpunkt hat sie ihre Pferde nie mehr müde longiert oder im Roundpen getrieben vor dem Training, sondern angefangen ihr Training langsam aufzubauen, ungewöhnliche Trainingsgegenstände und praktische Ideen einzubauen und alles in sehr kleine Schritte zu zerlegen.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Außerdem hat sie spezielle Übungen für die Bodenarbeit entwickelt, um die Gehirntätigkeit anzuregen.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Alles dreht sich bei der Bodenarbeit von Linda Tellington-Jones also um das Anregen der Pferde zum Selberdenken. Sie sollen nicht einfach durch Wiederholungen und Druck Erlerntes abspulen, sondern mitdenken und lernen.

Die praktischen DOs beim Training nach Tellington

Hier kommen mal die wichtigsten Punkte zusammengefasst für dich:

  • Stangen liegen beispielsweise bei Linda Tellington-Jones nicht einfach gerade und parallel hintereinander am Boden, sondern werden quer und schief gelegt – damit das Pferd nicht abschaltet und stupide über die Stangen läuft, sondern denken und seine Hufe bewusst setzen muss
  • Verschiedene Ausrüstungsgegenstände werden in das Training eingebaut – wie Poolnudeln, ein Brett am Boden, Planen und ein Labyrinth zur Anregung des Denkens und der Sinne

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

 

  • Zwischen den einzelnen Übungen und TTouches werden die Pferde immer wieder in Schritt und Trab bewegt um sich lösen zu können und Zeit zum Nachdenken zu haben
  • Sie geht auch mal ungewöhnliche Wege und hat immer die Entspannung des Pferdes im Sinn. Denn – wir erinnern uns – wenn wir Stress haben, können wir nicht richtig lernen. Wenn ein Pferd also zum Beispiel sehr viel Angst hat: Gibt sie auch mal Heu zu fressen an der Angststelle, damit das Pferd erst einmal entspannen kann, bevor dann weitertrainiert wird
  • Sie nutzt die Gerte nicht zum Abstrafen oder für die Erhöhung von Druck, sondern als Verlängerung des Armes und um dem Pferd Sicherheit und einen Rahmen zu geben.
    Linda Tellington Jones Bodenarbeit
  • Gertensignal heißt bei Linda Tellington-Jones ein leises Tippen – kein Schlag, keine Druck. Denn wichtiger als das Signal mit der Gerte ist der Fokus, den wir haben und die Energie, die wir mitschicken
  • Das Abstreichen des Körpers, aber auch speziell von der Nase sollte für das Pferd okay sein – in der Nase sitzen laut Linda die Emotionen. Das sollte dein Pferd also entspannt akzeptieren können
  • Wenn dein Pferd beispielsweise mit der Schulter drängelt, kannst du mit der Gerte Signale setzen – an der Kruppe und an der Schulter abwechselnd. So treibst du es einerseits, andererseits signalisierst du ihm, dass du an der Schulter Abstand möchtest
  • Linda Tellington-Jones achtet auf eine klare Umsetzung beim Training. Wenn sie „Halt“ sagt, dann soll das Pferd auch halten
    • Es soll dabei gerade stehen bleiben
    • Das erreicht sie indem sie das „Halt“ beispielsweise mit einem Stimmsignal vorbereitet
    • Dann das Gertensignal durch ein Tippen an der Brust folgen lässt und gleichzeitig Energie über den Führstrick sendet. Nicht in Form von „ziehen“, sondern durch impulsgebende kleine halbe Paraden
  • Wenn das Pferd etwas gut gemacht hat, wird es immer sofort gelobt.

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Weiterer Schlüsselpunkt für Linda Tellington-Jones ist ein lockerer Unterhals!

Ist der Kopf zu hoch, hat das Pferd Stress und kann nicht lernen. Es ist aber auch körperlich nicht dazu in der Lage alles mitzumachen, weil die Bänder und Sehnen dadurch unter Spannung sein können – deswegen arbeitet Linda Tellington-Jones immer wieder an der Entspannungshaltung und einer losgelassenen Kopfhaltung zur Entspannung und Lösung des Unterhalses. Zum Beispiel mit entspannenden TTouches oder mit der Einladung an das Pferd den Kopf abzusenken.

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Letztlich hat alles bei Linda Tellington-Jones sprechende und schöne Namen. So bekommt das Training eine schöne Leichtigkeit und es lässt sich besser merken.

Beim Führen hat Linda unter anderem drei verschiedene Gertenpositionen beim Pferd. So war es zumindest im Kurs. Wie alles in der Tellingtonmethode haben auch die Gertenpositionen lustige Namen.

  • Dingo = Gerte an der Kruppe
  • Delfin = Gerte an der Schulter
  • Elefant = Gerte an der Nase

Typische Methode: Zwei Menschen führen bei Tellington ein Pferd – warum?

Wenn ein Pferd beispielsweise unsicher ist, greift Linda Tellington-Jones oft auch zu einem zweiten Trainingspartner und schnallt jeweils rechts und links einen Strick ein – dann wird das Pferd von beiden Seiten durch die Bodenarbeitsübung geführt.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Eine Person ist der Ansprechpartner und Signalgeber für das Pferd, die zweite Person läuft einfach nur mit. Diese Form des Führens soll dem Pferd einen Rahmen und damit Sicherheit geben.

Linda glaubt aber auch, dass es beide Gehirnhälften aktiviert, wenn wir von beiden Seiten führen. Das wiederum soll die Lernfähigkeit steigern.

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Was sollen die Bänder bei Tellington?

Bei Tellington wird auch mit Körperbändern gearbeitet. Das sind keine festen Bandagen-Bänder, sondern einfach nur leicht anliegende und nicht festgebundene Bänder.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Sie dienen nur dazu, dem Tier Grenzen und Sicherheit zu geben oder sollen ihm dabei helfen seine Körperwahrnehmung zu verbessern und beispielsweise die Hinterhand mehr zu spüren beim Laufen oder die Nase und das Genick – je nachdem, wo das Pferd gerade Defizite in seiner Wahrnehmung hat.

Sie sollen gut anliegen, aber nicht fest sitzen wie eine Bandage oder gar einschnüren.

Was noch anders ist bei der Bodenarbeit von Tellington?

Linda Tellington-Jones verwendet eine spezielle Verschnallung am Halfter bei der Bodenarbeit. Du wirst immer wieder Fotos sehen auf denen der Führstrick durch die Ringe am Nasenteil durchgezogen oder an der Seite entlanggezogen ist. Ähnlich wie bei einer Führkette, die man von Hengsten kennt.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Verschnallungsvarianten a la Linda:

  1. Führstrick an der Seite verschallt: Für mehr Sicherheit und Gewicht am Kopf. Aus der Sicht von Linda Tellington-Jones wird dem Pferd das nachgeben im Genick und des Kopfes dadurch erleichtertLinda Tellington Jones Bodenarbeit
  2. Über die Nase: Wie ein Hengststrick für mehr Rahmen und damit Klarheit und Sicherheit beim Pferd
    Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Mich hat es anfangs irritiert, weil ich diese Form der Verschnallung mit Hengstketten und vor allem mit Druck verbinde. Natürlich kann eine Zugwirkung entstehen, wenn man nicht fein damit umgeht. Ich habe sie deswegen gefragt, warum sie diese Verschnallung einsetzt.

Linda nutzt sie aber nicht um Druck zu machen. Sie sieht es als Möglichkeit dem Pferd einen Rahmen und mehr Körpergefühl zu geben und gleichzeitig feinere und klarere Signale senden zu können. Das wiederum fördert nach ihrer Erfahrung die Entspannung des Pferdes, weil Pferde Klarheit lieben.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Diese Form der Verschnallung ist für mich trotzdem nichts. Ich sehe da eine Zugwirkung, die ich persönlich nicht für mich möchte und denke, dass sie auch in sichere und feine Hände gehört. Aber ich konnte auch sehen, dass die anwesenden Pferde tatsächlich sehr entspannt haben – sicher auch weil Linda Tellington-Jones den Führstrick und ihre Signale sehr fein umsetzt.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Was wir noch von Linda Tellington-Jones lernen können:

  • Die Pferdetrainerin macht viel intuitiv und sucht immer nach neuen Lösungen und Ideen für die Pferd mit denen sie arbeitet.
  • Wenn etwas nicht funktioniert, probiert sie so lange verschiedene Varianten aus – bis etwas Wirkung zeigt. Dann baut sie es unter Umständen in ihr Training ein. Genauso war es auch mit dieser Form des Verschnallens. Sie selbst hat einfach immer wieder gute Erfahrungen damit gemacht.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Vieles davon ist schon Teil meines Trainingsalltags oder wird noch darin landen: Zum Beispiel die TTouches, die ich dir gleich noch erklären werde. Oder der Fokus auf unsere innere Einstellung, der eine große Rolle bei Linda Tellington-Jones spielt. Mit diesem Punkt trifft sie zu 100% auf meine innere Überzeugung.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Alles im Training von Linda Tellington-Jones ist von ihr dafür konzipiert worden, den Pferden und Menschen das gemeinsame Leben klarer, schöner, sanfter und feiner zu gestalten.

Die einzelnen Schritte! Wie du mit deinem Pferd in das Training a la Linda Tellington-Jones starten kannst

  1. Vertrauenscheck: Du streichst als erstes mit der Gerte dein Pferd sanft ab und prüfst so, ob dein Pferd sich überall anfassen lässt und dabei ruhig und entspannt stehen bleibt. Die Gerte ist einfach sicherer für den Menschen und du kommst mit der Gerte als verlängertem Arm überall hin. Außerdem lernt dein Pferd dadurch die Gerte als etwas freundliches kennen und kann sie anders wahrnehmen.
    1. Du startest bei der Schulter, gehst dann über den Bauch zur Hinterhand
    2. Anschließend streichst du die Beine ab
    3. Dann prüfst du ob das Pferd im Hals und am Kopf nachgiebig ist 

      Linda Tellington Jones Bodenarbeit

  2. Wenn das mit der Gerte klappt, kannst du es auch mit der flachen Hand wiederholen. Dabei prüfst du immer den Gesichtsausdruck deines Pferdes um zu sehen, wie es ihm dabei geht.
  3. TTouches und der Zellcheck mit den Fingerkuppen: Du nutzt die TTouches um die Zellen deines Pferdes anzuregen. So könntest du starten:
    1. Du toucht den Hals
    2. Dann das Genick
    3. Dann die Schulter und den Rücken
    4. Dann die Hinterhand und die Beine
    5. Dabei prüfst du immer die Reaktionen des Pferdes: Du schaust, wo es Stress hat, wo es entspannt ist und welche Triggerpunkte es hatLinda Tellington Jones Bodenarbeit
  4. Dann startest du mit dem Führen. Folgt dein Pferd dir? Läuft es mit? Oder stoppt es oder läuft voraus?
    1. Wichtig ist Linda, dass das Pferd erst losläuft wenn du es dazu aufforderst und du nach deinem Pferd losläufst
    2. Dein Pferd sollte stoppen, wenn du „Halt“ sagst – gerade gerichtet
    3. Dein Pferd sollte Antraben und wieder in den Schritt gehen, auf Signal
  5. Wenn das alles gut klappt, kannst du mit der Bodenarbeit starten
    1. Das Labyrinth
    2. Unter Poolnudeln durch
    3. Über die Planen
    4. In Schlangenlinien an Pylonen vorbei
    5. Über verschiedene Bodenbeläge, wie Holz oder Decken und andere
  6. Das Ganze kannst du auch Reitend machen

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

 

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8 Kommentare zu “Vertrauen statt Kontrolle! Sanftes Pferdetraining a la Tellington-Jones

  1. Sophia sagt:

    "Wenn dein Pferd beispielsweise mit der Schulter drängelt, kannst du mit der Gerte Signale setzen – an der Kruppe und an der Schulter abwechselnd. So treibst du es einerseits, andererseits signalisierst du ihm, dass du an der Schulter Abstand möchtest"

    -> Vertrauen statt Kontrolle?!?!

    "Linda Tellington-Jones achtet auf eine klare Umsetzung beim Training. Wenn sie „Halt“ sagt, dann soll das Pferd auch halten"

    -> Vertrauen statt Kontrolle?!?!

    Also ja, ich sehe es auch so, dass Linda Tellington Jones sehr sanft mit den Pferden arbeitet, aber auch sie wendet Druck an, nennt ihn nur anders und nutzt ihn vll sanfter als z.B. ein Clint Anderson oder Bernd Hackl.
    Aber doch ist es Druck (Druck und Nachlassen genauergesagt, ergo Negative Verstärkung).
    Ich gehe also mit dir konform, dass sie sehr sanft ist und die Pferde versteht und ihnen deutlich mehr Zeit lässt als manch anderer Trainer, aber "Vertrauen statt Kontrolle"…hm…das ist es leider in meinen Augen nicht.

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Sophia, da hast du natürlich schon ein Stückweit Recht – aber ich würde nicht sagen, dass Linda die Pferde kontrolliert. Sie arbeitet mit negativer Verstärkung, ja. Aber anders als Bernd und andere Horsemanshippler nicht mit Druckstufen und deren Erhöhung, sondern setzt dann neu und anders an oder wiederholt und bleibt aber sanft und klar. Da ist für mich schon ein Unterschied. Die Frage ist ja auch, wie man sein "Halt" umsetzt. Und ich persönlich finde das "Halt" ein sehr gutes Beispiel – da bin ich dann auch sehr kontrollierend, weil ich finde, dass das immer gelten sollte, denn es ist eine Frage der Sicherheit. Da wünsche ich mir von meinem Pferd, dass es mir das Halt IMMER glaubt. Wie ich meinem Pferd das beibringe ist dann die Frage und nicht ob ich es beibringe. Ansonsten tippt sie zum Beispiel fein mit der Gerte und titscht nicht oder erhöht die Druckstufen im Parelli-Style. Aber natürlich kann ich dir nicht widersprechen: Sie arbeitet mit negativer Verstärkung – unter anderem. Wobei das aus meiner Sicht nichts mit Kontrolle zu tun haben muss, wenn man es sanft und klar und mit der Möglichkeit eines "Neins" des Pferdes anwendet 🙂 Auf jeden Fall vielen lieben Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße, Petra

  2. Anja Atzert sagt:

    Hallo, bin gerade auf diese Seite gestoßen und habe den Kommentar über Linda gelesen. Ich treffe immer wieder auf PferdeMenschen, die die verschiedensten Methoden kennengelernt haben. Vielfalt bereichert das Leben. Viele Wege führen nach Rom. :o) Doch stelle ich auch immer wieder fest, dass sehr viele von der Tellington-Methode gehört haben, auch schon mal einen Kurs bei Linda oder anderen Tellington-Ausbildern mitgemacht (super freut mich sehr über diesen 1. Schritt und lohnt sich tiefer einzusteigen, weiterzumachen), Bücher gelesen haben etc. doch die Tellington-Methode nicht wirklich verstanden haben. Die meisten wollen nach Schema-F arbeiten. Oftmals nach meiner Erfahrung sofort oder sogar am Besten gestern beim Pferd das Umsetzen, was SIE sich in den Kopf gesetzt haben. Nach deren Tempo und oft das benötigte Veränderungstempo des Pferdes außer Acht gelassen. Teils sind nach meiner Erfahrung viele Pferde nach 5 – 10 Min. Tellington-TTouch-Körperarbeit geistig total durch und brauchen eine Pause. Das ist super wichtig zu erkennen und beachten. Linda arbeitet mit "positiver" Verstärkung. Ein Pferd, das z. B. aus welchen Gründen auch immer nicht länger als ein paar Sekunden stehen bleiben kann, wird immer wieder abgefragt, ob es nicht doch etwas länger geht. Zwischendurch immer wieder andere Arbeiten Körper-/Bodenarbeit etc. Dann wieder Abfrage. Zudem ist die Bezeichnung negativ und positiv eine Bewertung. Negativer Druck – wie ich bei anderen Methoden schon kennengelernt habe – sind hier außen vor. Die Methode ist verstandestechnisch nicht leicht zu erklären. Es geht um fühlen, spüren und erfahren. Selbst erfahren. Praxis, Praxis, Praxis. Es ist logo auch ein Prozess des Menschen "Druck" zu erkennen und herauszunehmen bzw. erst gar nicht anzuwenden. Gelingt nicht immer. Wir sind alle Menschen :O) Bei der Ausbildung lernt ein jeder Practitioner bewertungsfrei zu schauen und agieren. Jedes Verhalten z. B. "Nicht-Rückwärts-Gehen-Können" hat IMMER einen Grund. Dieser ist zu erforschen. Kann eine körperliche Sache sein – dann ist ein Rückwärtsgehen nur unter Schmerzen also Stress durch das Pferd zu bewerkstelligen und völlig gegen das Pferd gearbeitet – oder traumatische Ereignisse, der Ort, etc. Es gibt so viele Gründe für das Verhalten, doch an erster Stelle sollte das BEDÜRFNIS des Pferdes für den Moment stehen. Schmerz-/Bewegungsfreiheit. Dann klappt es auch mit dem Rückwärtsgehen. :o) Diesen Stress abzustellen und für Entspannung im und des Pferdes sorgen. Denn nur im entspannten Zustand kann Pferd und Mensch lernen. Das kann bedeuten evtl. erst einmal 100 Schritte zurückzugehen. Alles bisher erlernte zu überdenken. Ist der Knoten geplatzt (geht manchmal schneller als erträumt), reichen oftmals Meilenstiefel in der Entwicklung im Ganzen nicht aus. Die Tellington-Methode zu verstehen braucht es Jahre. Ich praktiziere die Methode intensiv schon seit über 7 Jahren inkl. Ausbildung und stelle immer wieder fest, wie wenig ich eigentlich weiß. Tag täglich ein aha-Effekt. Vor allem hochsensible und sehr feine Pferde können durch Druck (körperlich und/oder psychisch = negativer Druck) ganz schnell zerstört werden. Willenbrechen ist immer noch Gang und Gebe. Grauenvoll! !Das Pferd hat zu funktionieren und zu machen was ich will." Dann gelten sie als gefährlich, unhandlebar oder kommen gleich zum Schlachter. Es geht um Entspannung. Stress vermeiden und/oder so schnell als möglich abzustellen. Gerade die sehr feinen und (schwerst)traumatisierten Pferde erhalten bei der Tellington-Methode oft eine aller letzte Chance. So lange es läuft, ändert niemand sein Verhalten. Aus diesem Grund habe ich zzt. eine "Achtsame Pause" in meiner Arbeit eingelegt. Überprüfe sehr genau, mit wem ich arbeite. Denn der 1. Schritt ist immer der Mensch. Wenn dieser nicht bereit ist sein Handeln zu hinterfragen, ist es aussichtslos. Dann lasse ich sie gehen. Stehe natürlich, dann wenn sie bereit sind gerne zur Verfügung. Das ist allerdings deren Entscheidung. Die wenigsten sind in der Lage eine eigene Entscheidung zu treffen. Brauchen jemand der sagt "nun mach mal". Nein, das mache ich nicht. Freiwillig und aus eigenen Stücken. Endlos Thema. Füllt Bücher. Bei Fragen und Anregungen dürft ihr mich gerne kontaktieren.
    Liebe Grüße und weiterhin viel Freude in der Arbeit mit den Pferden, Anja Atzert aus Ebersburg (Zertifizierte Pract. I der Tellington-TTouch-Methode für Pferde)

    • Sophia sagt:

      Ich glaube, du hast nicht verstanden, was positive und negative Verstärkung ist?! Am besten einfach mal die Lerntheorie über operante Konditionierung nachschlagen.

      Positiv und negativ ist hier im mathematischen Sinne gemeint, während Verstärkung und Bestrafung meinen, ob das Verhalten mehr oder weniger auftreten soll.
      – Positive Verstärkung bedeutet also: es wird etwas hinzugefügt (Lob, Leckerli), sodass ein Verhalten mehr/öfter/länger auftritt
      (- Negative Verstärkung: es wird etwas weggenommen (Druck, Gerte), sodass ein Verhalten mehr/öfter/länger auftritt -> Linda "fragt", ob das Pferd länger stehen will, bleibt es länger stehen, hört die Frage auf
      – Positive Strafe: es wird etwas hinzugefügt (Klapps), sodass ein Verhalten weniger auftritt
      – Negative Strafe: es wird etwas entfernt (beruhigende Stimme/Kraulen), damit ein Verhalten weniger auftritt)

      Und nein, Druck ist nicht immer schlecht, Leckerli ist nicht immer gut, da stimme ich dir zu! Aber um diskutieren zu können, muss man allgemein definierte Begrifflichkeit verwenden können.

      (Und nur damit ich das gesagt habe, ich arbeite weder nach Tellington noch nach Schema F 😉 )

    • Rebekka sagt:

      Hallo Anja 🙂
      Da du eine Trainerin bist, solltest du dich wirklich noch einmal mit den Begrifflichkeiten auseinander setzen.
      Negative Verstärkung ist "wertungsfrei".
      NEGATIV bedeuted (wie in der Mathematik), dass etwas (unangenehmes) entfernt wird…
      …. um ein Verhalten öfter zu bekommen (VERSTÄRKUNG).

      Positive Verstärkung bedeuted, dass etwas (angenehmes) hinzugefügt wird (Mathe, Positiv, plus = hinzufügen)…
      … um ein Verhalten öfter zu bekommen (VERSTÄRKUNG)

      Wenn du dein Pferd mit der Gerte antippst, dann möchtest du, dass es reagiert. Als folge dieser Reaktion, nimmst du die Gerte weg. Egal wie sanft das war, manchmal musst du ja nicht einmal tippen sondern nur die Gerte hinhalten. So lange der LERNMOMENT der ist, in dem du die Gerte wieder WEG nimmst, ist es negative Verstärkung. Aus diesem Grund kann eine Pause ja auch kein Verstärker / keine Positive Verstärkung sein: Das hieße ja, dass du vorher keine Art von Druck anwendest und du deinem Pferd sozusagen sagst "wenn du jetzt über diesen Sprung springst bekommst du danach eine Pause". Warum sollte das Pferd, ohne das du es treibst, mit Schenkel, Gerte, Peitsche oder Stick darüber gehen? Für eine Pause? Dafür würde es höchstwahrscheinlich einfach stehen bleiben. Als primärer Verstärker funktionieren in der Regel nur Futter und – selten – kraulen. Wenn das Pferd zb weiß, dass es durch das Berühren von etwas Bestimmtem Futter bekommt, wird es diesem Ding folgen um es zu berühren, um Futter zu bekommen.

      Und wie gesagt: Das ist völlig Wertungsfrei. Das heißt, Linda arbeitet mit negativer Verstärkung. Nicht mit positiver. Aber das heißt nicht, dass es schlecht ist. Schließlich sieht man ja schöne Ergebnisse, oder? 😉 Trotzdem sollte man als Trainer schon über die Hintergründe Bescheid wissen.

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Anja, danke für deinen langen und ausführlichen Kommentar. Du hast ja schon ein paar Antworten bekommen, deswegen fasse ich mich kurz 😉 Ich denke auch, dass Methoden gerne falsch verstanden und dann zu eifrig oder nicht korrekt ausgeführt werden. Aber das ist vielleicht auch ein Teil des Lernprozesses. Ich fand Linda und ihre Gedanken sehr beeindruckend und freue mich, dass sie die Pferdewelt mit ihren Ideen so sehr bereichert und ein bisschen mehr Achtsamkeit und Geduld in die Pferdewelt bringt. Da sind wir uns einig. Das einzige, wo ich dir widerspreche – und da haben meine Vorkommentatorinnen Recht – Linda arbeitet nicht mit positiver Verstärkung im methodischen Wortsinne. Denn das ist eine ganz andere Trainingsmethode. Das haben die anderen ja schon erklärt – deswegen führe ich das nicht weiter aus. Aber sie ist ein sehr positiver Mensch, der mit viel Lob und Liebe arbeitet. Auf jeden Fall ganz liebe Grüße, Petra

  3. Rebekka sagt:

    Ich muss sagen, dass ich meiner Vorrednerin (Sophia) absolut zustimme.

    Negative Verstärkung funktioniert nicht, wenn das Pferd den Druck nicht als unangenehm emfindet. Nutzt Linda nun also die Gerte als "Verlängerung" und erwartet eine Reaktion auf den Druck – was passiert, wenn keine erfolgt?
    Ich denke auch, dass Sie vergleichsweise sehr sanft arbeitet und einige sehr schöne Ansätze hat. Insbesondere TTouch und die Körperbandagen, mit denen ich mich demnächst einmal beschäftigen möchte.

    Zu dem Titel passt es jedoch überhaupt nicht. Auch hier wird Kontrolle angestrebt. Natürlich ist das bis zu einem gewissen Maß "gewünscht" und ich finde es auch völlig legitim das offen zu sagen. 99% der Turnierreiter WOLLEN absolute Kontrolle wenn Sie mit ihrem Pferd in das Dressurviereck gehen. Ich denke tatsächlich dass das Pferd beim Springreiten mehr "selbst" machen darf/muss um in höheren Klassen erfolgreich zu sein. Also stimme ich Sophie zu… mit Vertrauen anstatt Kontrolle hat das wenig zu tun. Allerdings schließt Kontrolle Vertrauen ja nicht völlig aus. 😉

    • Petra sagt:

      Liebe Rebekka, da hast du wohl Recht. Letztlich ist vermutlich immer ein bisschen Kontrolle dabei – ich selbst möchte auch ein sicheres Pferd und muss mich ja immer fragen, wie ich das erreiche. Für mich erreiche ich das viel mehr über Vertrauen als über die Kontrolle – vielleicht muss man da auch in Prozentualen Anteilen denken. Oder in verschiedenen Rollen. Ich persönlich möchte schon auch ein Partner und ein Freund für mein Pferd sein, will dass das Pferd mitdenken und selbst denken und auch mal Nein sagen darf. Gleichzeitig sehe ich mich aber schon auch ein bisschen mit mehr Chefanteil in dem Team. Ich denke, dass Linda das ähnlich sieht. Und deswegen müsste der Titel vielleicht: "Vertrauen über Kontrolle" heißen oder so ähnlich. Aber letztlich ist das ein Zitat aus dem INterview – deswegen wollte und will ich es so stehen lassen. Auf jeden Fall ganz lieben Dank für deine Gedanken und den schönen Kommentar. Liebe Grüße, Petra

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