Wir alle sind Individuen. Wir haben verschiedene Eigenschaften und Charaktermerkmale. Vielleicht bist du eher schüchtern oder selbstbewusst. Vielleicht lernst du eher schnell oder brauchst einfach etwas länger, bis du dir neue Dinge merken kannst. Vielleicht bist du sanft und zurückhaltend oder du bist aufbrausend und temperamentvoll. Deine beste Freundin, dein Onkel, dein Ehemann oder deine Kinder sind auch wieder ganz andere Persönlichkeiten. Und jetzt stell dir vor, dass ihr alle ständig über einen Kamm geschoren werdet. Ihr sollt das Gleiche können, das Gleiche arbeiten, immer gleich reagieren und natürlich immer brav und folgsam alles machen, was euch gesagt wird. Genauso geht es nämlich den meisten Pferden. Sie alle sollen irgendwie immer gleich funktinieren und jeden Tag gleich brav und folgsam reagieren. 

Macht das irgendwie Sinn für dich? Für mich nicht! Deswegen wünschte ich mir, dass viel mehr Pferdeexperten wie Linda Tellington-Jones denken würden.

Gutes Pferdetraining nach Linda Tellington-Jones

Tellington-Jones sieht Pferde als Individuen, die einen persönlichen und individuellen Umgang verdient haben. Sie geht auf jedes Pferd anders ein und nutzt eine andere Trainingsidee für die unterschiedlichen Pferdepersönlichkeiten und ihre individuellen Probleme.

Das Schöne ist, dass sie dafür weder Dominanz noch totale Kontrolle braucht, sondern sie setzt auf Vertrauen und Balance um Sicherheit mit den Pferden zu bekommen. Wie das funktioniert und wie für Linda Tellington-Jones gutes Pferdetraining aussieht, erklärt sie dir jetzt im Interview.

Inspiration pur! Pferdeexpertin Linda Tellington-Jones im Video über gutes Pferdetraining, die Macht der Gedanken und individuelle Lösungen für die verschiedenen Pferdepersönlichkeiten

Das Interview mit Linda Tellington-Jones zum Lesen

Pferdeflüsterei: Hast du bestimmte Grundregeln mit Pferden, die dir wichtig sind – die du vielleicht auch über die Jahre für dich gefunden hast?

Linda Tellington-Jones: Mein Interesse ist, dass wir jedes Pferd als Individuum sehen. Meine Hoffnung ist, dass Menschen die mit Pferden zu tun haben, die Möglichkeit der Kooperation sehen. Diese Idee, dass wir die Pferde dominieren oder dass sie rennen sollen, bis sie nachgeben – das ist nicht sehr… da fehlt das das Verständnis dafür, wie Tiere lernen und fühlen. Nicht aus Müdigkeit…

Pferdeflüsterei: Letztlich geht es bei deiner Arbeit darum das Denken anzuregen, oder? Das Denken der Zellen, die Intelligenz der Zellen durch die TTouches und bei der Bodenarbeit durch die speziellen Übungen, richtig?

Linda Tellington-Jones: Ja genau, ein Teil davon ist Bodenarbeit, ein Teil ist Reiten, ein Teil ist Bodenarbeit und ein Teil ist die Körperarbeit.

Pferde zum Mitdenken anregen statt sie dominieren

Pferdeflüsterei: Und da geht es auch letztlich darum das Tier zum Mitdenken zu motivieren und nicht um das Abrufen von Erlerntem?

Linda Tellington-Jones: Ja, oh mein Gott, ja! Wir müssen weg von der Idee, dass wir unser Pferd kontrollieren müssen oder das Pferd würde uns kontrollieren. Ich finde das schade! Wenn wir eine vertrauensvolle Verbindung aufbauen, machen die Pferde gerne mit. Meistens ist einfach nicht klar, was wir von ihnen wollen oder nicht fair. Zum Beispiel:

Wie viele Jungpferde einfach gesattelt werden ohne Vorbereitung. Einfach Sattel drauf und lass die tun, was sie wollen? Das ist nicht richtig! Wir gehen über jeden Flecken des Pferdes mit den TTouches und dadurch ist es nicht fremd, wenn der Sattel oder der Gurt kommt. Wenn wir wollen, dass ein Pferd vorwärts geht nicht jagen oder Treiben, sondern helfen mit der Stimme oder der Bewegungen oder der Gerte – aber zeigen und nicht jagen mit feinmotorischen Signalen. Plus: Wir müssen geerdet sein und in Herzkohärenz sein. Denn wenn ich verspannt bin und kein Vertrauen habe, dann hat das eine große Wirkung auf das Pferd.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Warum Vertrauen die Basis von allem ist

Pferdeflüsterei: Viele vertrauen ihrem Pferd wahrscheinlich nicht wirklich, daher kontrollieren sie lieber ihr Pferd aus Angst vor dem was passieren könnte, wenn sie lockerlassen.

Linda Tellington-Jones: Ja, das ist einfach nur Angst. Das passiert alles aus Angst.

Pferdeflüsterei: Die ist ja auch mehr in einem selbst, als in dem Pferd, das dem Gefühl folgt, das es vermittelt bekommt.

Linda Tellington-Jones: Genau! (lächelt)

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Gutes Pferdetraining – so ist der Weg

Pferdeflüsterei: Aber wie sieht denn dann gutes Pferdetraining für dich aus. Also wie ist ein guter Umgang mit dem Pferd um Vertrauen zu erreichen? Wir bewegen uns ja oft zwischen den Polen „positive Verstärkung“ und „negative Verstärkung“ in allen Graustufen und Zwischenstufen. Dazwischen stehen viele und wissen gar nicht genau, was richtig und was falsch ist. Wie ist dein Weg?

Linda Tellington-Jones: Für mich ist die Tellington-Methode ein Weg. Ich möchte zuerst, dass das Pferd sicher bleibt, weil es so viele Unfälle in der Pferdeszene gibt. Ich möchte zuerst, dass mir das Pferd erlaubt den ganzen Körper zu berühren und, dass es mit mir kommt. Pferde lernen das so schnell, wenn wir stabil und beruhigend und geerdet sind.

Und auch wenn ich einen Plan habe.

Wir starten damit, dass wir das Pferd überall mit der Gerte berühren. Wir nennen sie Zauberstab, weil die Gerte oft ein schlechtes Image hat. Dadurch kann ich das Körpergefühl des Pferdes stärken. Wenn ein Pferd zum Beispiel Angst dabei hat, singe ich ein bisschen oder bewege ich es sanft zwischendurch. Sie lernen das so schnell ruhig zu stehen.

Alle diese Führpositionen, die wir haben, haben den Vorteil, dass das Pferd stoppen kann, still bleiben kann, ruhig mitlaufen kann und gerade läuft und steht. Ich bin kein Fan von der Idee, dass Pferde stoppen dürfen, wenn sie wollen. Aus Sicherheitsgründen möchte ich kein solches Pferd. Wenn ich sage „entschuldige, stopp“, muss das Pferd stoppen.

Aber nicht, weil ich es strafe. Ich muss einfach klug sein und die richtige Balance haben und mir überlegen, wie ich es dem Pferd so beibringen kann, dass es mich versteht. Wenn ich meine Stimme, meine Bewegung, meine Körpersprache, meine Energie und mein Herz einsetze, ist es ganz einfach. Energie meint damit meinen Plan und das, was ich denke. Ohne einen Plan, kann für das Pferd nicht klar sein, was wir wollen.

Warum wir bei unseren Pferden einen Plan brauchen

Pferdeflüsterei: Es liest ja die Mikrosignale …

Linda Tellington-Jones: Ja, aber nicht nur die Mikrosignale. Es ist auch einfach so, dass wir einen Plan haben müssen. Die klassische Ausbildung war immer Longieren in beiden Richtungen bis sie müde sind oder im Roundpen rennen bis das Pferd nicht mehr rennt. Das ist nicht sehr klug, weil wir müde nicht lernen können.

Pferdeflüsterei: Und das Pferd bekommt immer nur mehr Kondition und Frust – es kann dann länger rennen …

Linda Tellington-Jones: Genau (lacht) – das ist dann ein Problem … auch wenn wir longieren. Aber nicht aus einem guten Gefühl heraus, sondern weil es nicht stoppen kann.

Linda Tellington Jones Bodenarbeit

Pferdeflüsterei: Also müssen wir im Grunde nur dem Pferd ein gutes Gefühl geben durch unsere eigene Sicherheit und unseren Plan und den Blick mit dem wir auf die Pferde schauen.

Linda Tellington-Jones: Und auf mich selbst. Diese Idee, dass bevor wir an den Stall kommen, dass wir mit Atmung, einem Lächeln und inneren Bildern versuchen in Herzkohärenz zu kommen.

Dass wir mit dem Gedanken hingehen: „Aaah, lass uns sehen, was wir heute machen können.“ Statt mit dem Gedanken „Ohje, was heute wohl kommt.“ Das ist etwas total anderes.

Letzteres gibt unserem Körper auch diese Fluchtidee und das sorgt für Stress. Vertrauen ist erdend für uns selbst. Das fängt an mit TTouches oder damit, dass wir die Ohrenarbeit mit uns selbst machen oder den „Maultouch“ an uns selbst. Schmeißt einfach die Idee weg vom Fluchttier und der Dominanz, sondern fragt euch, wie wir in Kooperation kommen können und klar sein können, was wir zusammen machen können.

Pferdeflüsterei: Vielen Dank für das schöne Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.