Artikel aktualisiert am 17.02.2017

Pferde sind duldsam, freundlich und kooperativ. Oft richten sie sich eher gegen sich selbst als gegen ihre Besitzer, wenn etwas schief läuft in der Haltung oder im Umgang miteinander. Das ist tragisch und es ist gut, dass es Pferdeexperten wie Susanne gibt, die uns zeigen, wie wir erkennen, wenn etwas schief läuft und vor allem, was wir besser machen können.

Susanne und Pepper verstehen sich.

Buchautorin, Verlegerin und Pferdeexpertin Susanne Kreuer und ihr Pferd Pepper haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Pferden in der Menschenwelt zur Seite zu stehen. Ihr erstes Buch* hat sie geschrieben, um uns das Pferdeverhalten verständlicher zu machen.

Ihr zweites Buch* geht noch einen Schritt weiter und widmet sich den Krisen zwischen Mensch und Pferd. Es zu lesen ist erschreckend, macht traurig und  gleichzeitig macht es aber auch Mut, dass du bei richtigem Umgang, guten Kenntnissen und Einfühlungsvermögen Krisen vermeiden oder meistern kannst.

Das Buch ist perfekt:

  • Für alle Pferde, die eine Krise mit ihrem Halter haben
  • Für alle Halter, die eine Krise mit ihrem Pferd vermeiden wollen

Hier geht es zu unserer Rezension von Susannes Buch!

 

Susanne Kreuer hat mit mir über die Krisen und Probleme gesprochen, die auftauchen können und was du dagegen tun kannst:

Susanne Kreuer Pferdeverhalten verstehen PferdPferdeflüsterei: Erst einmal wüsste ich ja gerne von Pepper, was er eigentlich zu der Mensch-Pferd-Thematik sagen hat. Vielleicht kannst du übersetzen? 

Pepper, bevor ich mit deiner Partnerin spreche, wollte ich einmal wissen, wie du die Pferd-Mensch-Beziehung eigentlich siehst? Was ist aus deiner Sicht in der Reiterwelt grundsätzlich zu verbessern?

Pepper: Viele meiner Artgenossen werden schlecht behandelt. Ich glaube, dass die Menschen das eigentlich gar nicht wollen, aber sie tun es dennoch – vermutlich, weil sie es nicht besser wissen. Obwohl wir Pferde unseren Menschen deutliche Signale übermitteln, werden wir oft nicht gehört.

Ich wünschte mir, dass der Mensch seinem Pferd besser zuhören würde und dass es mehr um Partnerschaft und weniger um Leibeigenschaft ginge. Wenn die Menschen sich klar machen würden, dass sie, wenn sie unsere Sprache lernten, auch viel einfacher mit uns kommunizieren könnten, dann wäre es doch für beide Seiten leichter. Ich wünsche mir mehr Freundschaft, Verständnis und Intuition von Seiten des Menschen – und mehr Wissen über Pferde. Auf diese Weise könnte viel stummes Leid vermieden werden.

Ich bin froh und dankbar, dass Susanne gelernt hat mir sehr genau zuzuhören. Das war am Anfang auch schwierig. Sie war eigensinnig, bockig und uneinsichtig. Aber ich habe ihr Potenzial immer gesehen und einfach lauter „gebrüllt“! Irgendwann hat sie mich verstanden.

Eine Frage der Ausdauer! Wir sind schon viele Jahre zusammen und verstehen uns meistens blind. Aber an manchen Tagen fällt auch sie wieder in alte Verhaltensmuster zurück! Ich spiegle sie dann sehr deutlich und schon hat sie verstanden, dass ihr Verhalten mir gegenüber nicht in Ordnung war. Das war ein langer Weg – aber für mich hat er sich allemal gelohnt!

PferdeflüstereiIch kann mir gut vorstellen, dass die Menschen nicht immer gut zuhören. Das schaffen sie ja nicht einmal untereinander richtig. Aber wir werden es hoffentlich lernen!

Jetzt zu Dir, Susanne. Ich habe dein Buch in einem Rutsch durchgelesen und habe viel Spannendes mitgenommen, gleichzeitig aber auch das bange Gefühl, dass wir Menschen wahnsinnig schnell wahnsinnig viel versauen können bei einem Pferd – ist dieses Gefühl berechtigt?

Susanne Kreuers BücherSusanne Kreuer: So leid es mir tut, aber ich muss deine Frage mit „ja“ beantworten. Wer seinen Blick für den seelischen Kummer, den viele Pferde erleben müssen öffnet, der dürfte erschrocken zurückweichen.

Die Wahrheit ist ja selten angenehm. Aber ich kann dich auch beruhigen. Pferde merken sehr schnell, wenn ihr Mensch sich ehrlich interessiert. Und „kleine“ Fehler im Umgang aus Unwissenheit verzeihen sie uns – aber sie vergessen sie nicht! D. h. für uns: Setze dich mit der Natur und den spezifischen Bedürfnissen deines Pferdes auseinander und HANDLE entsprechend! Dann hast du den ersten Schritt in Richtung Partnerschaft gemacht.    

Pferdeflüsterei: War das ein Grund für dein Buch? Wolltest Du helfen oder warum war es dir ein so großes Bedürfnis, ein so deutliches Buch zu schreiben? 

Susanne Kreuer: Ich habe sehr lange im Vorfeld darüber nachgedacht. Ich wusste gleich, dass es sich nicht um ein angenehmes Thema handelt und auch, dass das Buch keine „leichte Kost“ sein wird. Wer will das schon lesen, so dachte ich zunächst? Ich sage dennoch: Viele! Denn es betrifft viele – auch wenn sie es (noch) nicht wissen. Ich meine auch, dass es genug Bücher gibt, die oberflächlich bleiben und Tabuthemen ausblenden.

Es ist mir ein riesengroßes Anliegen auf Missstände hinzuweisen und darüber aufzuklären, dass bestimmte Verhaltensweisen des Pferdes auf einer mitunter schwerwiegenden seelischen Erkrankung basieren. Leider wird das psychische Leid des Pferdes häufig nicht erkannt – ja sogar als „bekloppt“ oder „gestört“ abgetan. Sätze wie „Der ist eben so!“; „Das ist ein Araber – die sind immer so!“; „Der ist halt spät gelegt worden!“ oder „Die Zicke ist rossig!“ sind keine Seltenheit. Vielmehr sehen die meisten Pferdebesitzer den „Fehler“ bei ihren Pferden. Das ist ein krasses Fehlurteil!

Verhaltensauffälligkeiten, die ein Pferd zeigt, haben ihren Ursprung im Fehlverhalten des Menschen! IMMER! Damit einem Pferd aber eine gerechte Behandlung zuteil werden kann, muss der Halter Kenntnisse haben. Was hilft die Einsicht, wenn kein „Handwerkszeug“ da ist?

Wissen ist in diesem Sinne Tierschutz. Darum habe ich dieses Buch geschrieben! Es mag pathetisch klingen, aber: Wenn es nur einem Pferd hilft, das bislang unerkannt leiden musste, dann war es die Mühe wert. Besitzer deutlich mit ihrem Fehlverhalten zu konfrontieren, löst erfahrungsgemäß Widerstand aus. „Ich will nur das Beste für mein Baby!“ oder „Ich weiß am besten, was für meinen Schatz das Richtige ist!“ reichen für mich aus, um festzustellen, dass die Einsichtsfähigkeit meilenweit entfernt ist. Es ist also sehr viel Fingerspitzengefühl bei derartigen Themen gefragt – das kostet Zeit, die die Pferde manchmal nicht haben.

Problempferde und ihr Menschenproblem

Pferdeflüsterei: Es gibt eigentlich kaum Bücher, soweit ich weiß, die sich so deutlich mit Problemverhalten auseinandersetzen – warum glaubst du ist das so?

Susanne Kreuer: Das ist leicht erklärt: Es wird angestrebt, dass sich der Käufer eines Buches mit dem Inhalt identifiziert. Im besten Fall fühlt er sich in seinem Vorgehen im Umgang mit seinem Pferd bestätigt und hat noch den einen oder anderen Aha-Effekt.

Der Leser verbindet mit dem gekauften Buch positive Gefühle und trifft weitere Kaufentscheidungen zugunsten des Herstellers. Obwohl es hervorragende Literatur von ausgezeichneten Pferdemenschen gibt, wird auch viel Schund publiziert. Aus meiner Sicht gibt es sogar etliche Bücher, die eine psychische Erkrankung des Pferdes durch ihren unsachgemäßen und schlecht recherchierten Inhalt begünstigen.

Ich halte es beispielsweise für hochgradig gefährlich, wenn Menschen mit Pferden verglichen werden. Pferde sind KEINE Menschen und haben völlig andere Bedürfnisse. Genau hier liegt nämlich der entscheidende Punkt, der krank macht: Nicht selten wird das Pferd als Therapeut oder Sportgerät missbraucht. Der Vierbeiner soll ein Ungleichgewicht im Leben des Besitzers kompensieren (Minderwertigkeitsgefühle, Angst, Unsicherheit, Erfolglosigkeit usw.) und für Freude und Abwechslung sorgen.

Zeigt ein Pferd Auffälligkeiten, dann ist das seine Art mitzuteilen, dass etwas nicht stimmt. Verhaltensstörungen sind Hilferufe, die ständig überhört werden. Es ist nicht die Aufgabe des Pferdes uns zu unterstützen oder uns ein gutes Gefühl zu geben. Ich erlebe oft, dass Menschen ihre ungelösten Konflikte auf das Pferd übertragen. Häufig geschieht das unbewusst, aber es gibt Wege aus der Krise – Einsichtsfähigkeit vorausgesetzt!

Susanne Kreuer auf Pepper

Ein weiterer Grund, warum es so wenig Literatur über echtes Problemverhalten und Verhaltensauffälligkeiten gibt, ist der, dass besonders das Thema „Stereotypien“ ein unangenehmes ist. Die meisten Halter wissen noch nicht einmal, dass ihr Pferd bereits im Begriff ist eine Stereotypie zu entwickeln.

Hat sie sich erst einmal etabliert, dann wird es schwierig. Auch die Beratung lässt zu wünschen übrig. Literatur ist schwer zu bekommen und geforscht wird meist im veterinärmedizinischen, englisch-sprachigen Raum. Leider setzt die Behandlung viel Wissen, Geduld und vor allem eine Einsicht bezüglich des eigenen Fehlverhaltens voraus. Ein „fieses“ Thema, das nur allzu gerne verdrängt und verschwiegen wird – während etliche Pferde stumm leiden.

Pferdeflüsterei: Was wird oft falsch gemacht in Umgang und Haltung?

Susanne Kreuer: Die pferde-spezifischen Bedürfnisse rücken allzu leicht in Hintergrund, während die Ansprüche und Forderungen des Reiters/Halters an das Pferd im Vordergrund stehen. Oft scheint viel gewichtiger zu sein, was das Pferd für den Menschen tun kann und nicht andersherum. Für die artgerechte Haltung ist es extrem wichtig, dass Pferde durchgehend Kontakt zu Artgenossen haben.

Sie brauchen viel Bewegung und sollten das auch frei ausleben dürfen – die Bewegung unter dem Reiter reicht bei Weitem nicht aus! Auch das Nahrungsaufnahmeverhalten des Pferdes muss zwingend berücksichtigt werden. Pferde müssen sich, um gesund zu bleiben, häufig mit dem Fressen beschäftigen.

Die Kraftfutterrationen sollten zugunsten des Raufutteranteils reduziert werden. Ich erlebe in vielen Ställen, dass unfassbar schlechtes oder viel zu wenig (und manchmal gar kein) Heu gefüttert wird.

Zudem leben viele Pferde in menschlicher Obhut in ziemlicher Reizarmut. Das macht sie krank – sehr krank. Jeder Halter sollte sich bewusst machen, dass er die Verantwortung für die physische und psychische Gesundheit seines Pferdes hat – auch dann, wenn man noch sehr unerfahren ist oder vielleicht beruflich/privat oft eingespannt ist und wenig Zeit hat.

Für mich gibt es KEINE Ausrede, wenn es um das Wohlbefinden eines uns anvertrauten Lebewesens gibt –, das sich zudem nicht um sich selbst kümmern kann. Wer das nicht leisten kann, der sollte kein Pferd besitzen. In einem solchen Fall ist eine Reitbeteiligung oder Reitunterricht sinnvoller und fairer. Natürlich fallen dann Status und Prestige weg. Ein Pferd zu besitzen bedeutet nicht selten Anerkennung von außen zu bekommen.

Wer aber vor allem auf Bestätigung aus ist, der kann ja einen Sport lernen oder sich ein Hobby suchen, bei dem keine Lebewesen beteiligt sind und hat so die Chance zunächst an sich und seinem Selbstwert zu arbeiten, bevor sich einem Pferd genähert wird. Gruppensport (Fußball, Basketball oder Handball usw.) hat nachweislich eine positive Wirkung auf das Erlernen sozialer Kompetenzen, die im Umgang mit einem Pferd entscheidend sind.

Ergeben sich Probleme mit einem Pferd – egal wie sie geartet sind –, dann muss der Halter sich zwingend mit seinem eigenen Anteil auseinandersetzen. Ich erlebe häufig, dass Menschen beinahe vorlaut sind, wenn es um die Pferde anderer Leute geht. Bei ihren eigenen Vierbeiner sind sie regelrecht „erblindet“ und haben derart wahnwitzige Erklärungen parat, dass ich manchmal aus purer Verzweiflung nicht weiß, ob ich lachen oder heulen soll!

Pferdeflüsterei: Als Halter: Wie erkenne ich denn, dass ein Pferd „kurz davor ist“, eine Verhaltensstörung zu entwickeln? Gibt es da Merkmale oder erste Anzeichen?

Susanne Kreuer: Die Auffälligkeiten, die ein Pferd grundsätzlich zeigen kann, sind leider sehr vielfältig. Entsprechend sind Kenntnisse natürlich die Voraussetzung, um überhaupt erkennen zu können, dass das Pferd eine seelische Erkrankung entwickelt. Da Themen wie „Stereotypien“ oder „Erlernte Hilflosigkeit“, die einer Depression beim Menschen recht ähnlich sind, häufig ausgeblendet werden, haben leider die wenigsten Halter ausreichend Wissen darüber.

Oft werden erste Anzeichen als „blöde Marotten“ oder „Charaktermängel“ ausgelegt. Verurteilungen oder gar Bagatellisierungen helfen aber dem Pferd nicht, sondern sorgen nur dafür, dass der Halter sich nicht kümmern muss. Auch die Idee, dass sich Probleme von alleine lösen, ist ein Versuch keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Es geht darum, sein Pferd genau zu beobachten. Pferde zeigen ihre Emotionen ungefiltert und sehr deutlich. Kleine Verhaltensänderungen (z. B. das Pferd beginnt häufiger Dinge abzulecken oder rennt in der Box bei der Fütterung häufig hin und her) können Anzeichen für Stress sein. JETZT sollte man schon Veränderungen einleiten im Leben des Pferdes. Wir sollten uns zeitnah fragen, warum das Pferd sich ein bisschen auffälliger zeigt als gewöhnlich.

Susanne und Pepper im Stroh

Pferdeflüsterei: Also, was kann ich als Besitzer beachten am Verhalten meines Pferdes, um Schlimmeres zu verhindern …immerhin könnte man so vielleicht manches verhindern, bevor das Kind wirklich in den Brunnen gefallen ist…

Susanne Kreuer: Auch Besitzer, die der festen Überzeugung sind (und das sind beinahe alle), dass ihre Pferde kerngesund und glücklich sind (ich muss unweigerlich an die drei Affen denken, die sich Ohren, Augen und Mund zuhalten), sollten sich dennoch Kenntnisse aneignen.

Gerade in der Reiterwelt glauben viele Menschen, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und können bei genauen Nachfragen aber keine qualifizierten Antworten geben. Mich macht das häufig ziemlich sauer, weil es die Borniertheit der Besitzer ist, unter denen Pferde leiden müssen. Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich tatsächlich sehr deutlich, wenn man sein Auge und seine Wahrnehmung schult und insgesamt mehr darüber berichtet werden würde.

Petra von Pferdeflüsterei: Wie schwer ist es, Verhaltensstörungen wieder abzugewöhnen und wie kann ich Störungen von vorneherein am besten vermeiden?

Susanne Kreuer: Dafür müssen wir zunächst eine Unterscheidung treffen, die sehr, sehr wichtig ist: Eine echte Verhaltensstörung (Stereotypie) muss zwingend von einem unerwünschten Verhalten (Unerzogenheit, Problemverhalten) abgegrenzt werden. Viele Halter schmeißen mit Begriffen um sich und wissen weder deren konkrete Bedeutung noch kennen sie sinnvolle Therapiemaßnahmen – Hauptsache man hat sich geäußert!

Unerwünschtes Verhalten ist ein Verhalten des Pferdes, das dem Menschen nicht passt. Dennoch ist es ein „normales“ Verhalten und gehört zum natürlichen Repertoire des Pferdes. Wenn ein Pferd seinem Halter nicht folgt, sich nicht führen lässt oder sich weigert in den Hänger zu gehen, dann ist das nicht „gestört“. Hier bietet sich ein geduldiges Gewöhnungs- und Konditionierungstraining an.

Eine Verhaltensstörung ist dagegen klinisch definiert. Das Pferd zeigt ein Verhalten, das NICHT zu seinem normalen Verhaltensrepertoire zählt (z. B. Koppen, Weben usw.). Die Therapien unterscheiden sich eklatant. Es können bei beiden Varianten viele Fehler gemacht werden, die dem Pferd und dessen seelischem Zustand erheblichen Schaden zufügen. Beispielsweise existieren etliche symptomatische Behandlungsansätze, die helfen sollen. Das tun sie nicht!!!!!

Nur ein Symptom zu behandeln ist Blödsinn und erzeugt sogar eine Verschlimmerung der Problematik. So wird z. B. Koppern ein Kopperriemen umgeschnallt oder Weber werden einfach angebunden, um das Weben zu verhindern. Tierschutzrelevante Grenzen sind bei einer solchen Einstellung dem Pferd gegenüber ganz schnell überschritten!

Pferdeflüsterei: Was für eine schlimme Vorstellung, das man die Tiere dann festzurrt. Das stresst sie ja nur noch mehr…

Susanne Kreuer: Häufig höre ich Halter mit der Bezeichnung „Untugend“ um sich schmeißen. Was soll das denn bedeuten? Seit wann haben Pferde Tugenden bzw. Moralvorstellungen? Mit dieser unglücklichen Bezeichnung (leider auch in der freiverkäuflichen Literatur häufig so benannt) werden dem Pferd ethische Mängel unterstellt.

Auch bewirkt eine Verbreitung des Begriffs, dass die Leute einfach mal alles „komische“ Verhalten des Pferdes so bezeichnen. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund finden sich Halter damit dann auch schnell ab: „Ah, ok, der Gaul ist untugendhaft. Na, dann haben wir ja eine Diagnose. Zurück zum Alltagsgeschäft!“ Eine Verhaltensstörung hat aber nichts mit Ethik oder Sittlichkeit zu tun, sondern ist eine verzweifelte Reaktion des Pferdes auf eine inadäquate Umwelt.

Pferdeflüsterei: Mal kurz zusammengefasst?

Susanne Kreuer: Verhaltensstörungen (Stereotypien) sind ein sich beinahe identisch wiederholendes Verhaltensmuster. An folgenden Merkmalen sind sie zu erkennen:

  • Das Verhaltensmuster ist in Form und Zeitablauf nahezu konstant.
  • Das Verhalten wird wiederholend und ritualisierend gezeigt.
  • Ziel und Funktion des Verhaltens sind nicht erkennbar.[/list]

Verhaltensstörungen sind Mangelerscheinungen. Die Anpassungsfähigkeit des Pferdes wird überfordert (Reizmangel, Raufuttermangel, Bewegungsmangel, Platzmangel).

Verhaltensstörungen entstehen aus folgenden Gründen (Schockerlebnis, extreme Stresssituation):

  • zu frühes/schnelles Absetzen,
  • Stallwechsel,
  • Wechsel der Haltungsbedingungen,
  • längere Transporte,
  • abrupter Trainingsbeginn,
  • Isolation
  • Überforderung usw.

Pferdeflüsterei: Und wie erkenne ich die Grenzen? Beispiel Barrenwetzen. Neulich habe ich ein Pferd im Stall gesehen, dass ein oder zweimal kurz am Holz geknabbert hat. Im ersten Moment, als ich dein Buch gelesen habe, dachte ich geschockt: Oh je, das Pferd, das ich neulich sah, hat ja auch mal kurz am Boxenholz geknabbert – wird das gleich zum Barrenwetzer?

Susanne Kreuer: Knabbern ist normales Verhalten des Pferdes. Artgenossen beknabbern sich ja auch gegenseitig zur Fell- und Beziehungspflege. ABER: Knabbert das Pferd exzessiv und vor allem in bestimmten Situationen, dann liegt eine Verhaltensstörung nahe. Ständiges und sich wiederholendes Beknabbern eines Gegenstandes ist ein Zeichen für Stress.

Da zu beinahe 100% Pferde in Einzelboxen (oder gar Ständerhaltung) von Barrenwetzen (und Gitterbeißen) betroffen sind, liegt natürlich eine Veränderung der Haltungsbedingungen nahe. Betroffene Pferde schaffen sich eine Stimulation in einer ansonsten reizarmen Umwelt.

Das ist wirklich schrecklich, wenn man sich klarmacht, wie sehr diese Pferde unter starker Überspannung leiden und verzweifelt versuchen diese abzubauen und auf ihr Leid aufmerksam machen. Meist zeigen betroffene Pferde das Barrenwetzen bei der Fütterung – ein aufregendes Ereignis. Durch die Futterverabreichung kommt es dann auch noch zu einer ungewollten Belohnung. Diese Pferde brauchen dringend mehr Sozialkontakt, viel freie Bewegung und viele kleine Portionen Futter über den Tag verteilt. Die Heilungschancen sind dann sehr gut*

 

Pferdeflüsterei. Nehmen wir mal ein praktisches Beispiel aus Deinem Buch. Belohnung, als ganz praktisches Alltagsthema. Karröttchenfüttern, was läuft da schief und warum?

Susanne Kreuer: Mir erklärt sich nicht, warum so viele Menschen Pferde unbedingt aus der Hand füttern wollen. Karotten füttern ist super – aber bitte in den Futtertrog legen. Was soll dieses ewige aus der Hand füttern? Pferde sind Pflanzenfresser und KEINE Raubtiere. Futter ist für das Pferd keine Trophäe – Lob dagegen schon. Die Menschen tun sich sehr schwer das zu begreifen! Deswegen habe ich viel beobachtet und mir viele Gedanken über dieses Thema gemacht. Ich glaube, dass Menschen Futter mit Zuneigung verwechseln.

Mir ist aufgefallen, dass besonders Halter, die sich viel „Liebe“ von ihrem Pferd versprechen dazu neigen, es aus der Hand zu füttern. Das ist Körperkontakt und sie glauben, wenn sie ihrem Pferd „was Gutes tun“, dann mag es sie mehr. Ein Irrglaube. Häufig sind es auch gerade die Menschen, die sich selbst ständig mit „was Süßem“ belohnen. Sie haben grundsätzlich die Idee, dass „etwas zu geben“ auch bedeutet „ etwas zu bekommen“. Das Pferd durchschaut aber diese nicht ganz uneigennützige Vorgehensweise.

Pferde lassen sich nicht bestechen – Menschen dagegen schon! Ich wünsche mir, dass diese Übertragungen endlich aufhören! Warum bei einer Fütterung aus der Hand (ohne, dass das Pferd etwas geleistet hat) der Vierbeiner dann den Individualabstand des Menschen nicht mehr respektiert, ist den Leuten völlig schleierhaft! Seltsam!!!

Pferdeflüsterei: Weil das ja jeder macht und man schon als Kind gelernt hat, auf dem Bauernhof, das man dem Pferd eine Karotte über den Zaun reicht. Da denken viele nicht mehr nach. Hast Du noch mehr praktische Übungen oder Tipps, Ideen für den Alltag, die man in das Training einbauen kann, in den Umgang, um das Vertrauen zu stärken oder aufzubauen?

Susanne Kreuer: Hört auf Eure Pferde! Bildet Euch weiter! Seit Euch immer bewusst, dass Euer Pferd mehr weiß als Ihr. Es hat ein Wissen, dass Ihr kaum erahnen könnt. Lernt von Euren Pferden und versetzt Euch in sie hinein. Verbringt viel Zeit mit ihnen – ohne überzogene Ansprüche an sie zu stellen.

Lebt im Hier und Jetzt und erfreut Euch an dem Privileg Eure Zeit mit derart faszinierenden Tieren verbringen zu dürfen. Macht das Pferd zu Eurem Lehrer und Ihr seht die Welt mit anderen Augen. Lasst das Pferd zu Euch sprechen und Ihr werdet zu besseren Menschen! Amen.

Pferdeflüsterei: Das ist das perfekte Schlusswort. Danke für deine Zeit und viel Erfolg für dein Buch! Rezension von Susannes Buch „Pferdeverhalten verstehen: Wege aus der Krise*

 

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13 Kommentare zu “Achtung Verhaltensstörung! Wie du sie erkennst und was du tun kannst

  1. Susanne sagt:

    Mal wieder ein Dankeschön an dich, Petra :-)!
    Sehr spannend, und einfach so hätte ich sicher nie einen Blick in dieses Buch geworfen und die mir sehr sympathischen Aussagen von Susanne kennengelernt :-).
    Eine bizarre Welt für mich, muss ich ehrlich sagen. Ich bin nicht frei von Fehlern – by a long shot – aber Boxenhaltung ist für mich ehrlich so gruselig inzwischen, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man die so hinkriegen soll, dass die Grundbedürfnisse eines Pferdes auch nur ansatzweise gedeckt werden – geschweige den der persönlicher Ausdruck des Pferdes Platz hat…
    Aber eigentlich fasziniert mich grad was ganz anderes: in dem Post wird Pferdehaltung mit fast gar keinem bzw. ohne Heu erwähnt. Und jetzt meine wirklich ernsthafte Frage: geht das? Ich versteh das jetzt so, dass die Pferde von Kraftfutter leben (müssen). Ist das möglich?

    • Petra sagt:

      Das freut mich sehr. Das Buch ist wirklich toll und Susanne eine engagierte Pferdefrau. Mir geht es mit der Boxenhaltung genau wie dir. Pferde müssen raus, ab auf die Weide und brauchen Sozialkontakt. Was das Futter betrifft. Meinst du diesen Satz "Die Kraftfutterrationen sollten zugunsten des Raufutteranteils reduziert werden. Ich erlebe in vielen Ställen, dass unfassbar schlechtes oder viel zu wenig (und manchmal gar kein) Heu gefüttert wird." ? Weil da meint Susanne, dass Pferde viel Heu brauchen und weniger Kraftfutter. Einen anderen habe ich auf die schnelle nicht gefunden :-) Weil ich nicht glaube, dass Susanne gegen Heu ist :-) Also ich würde sagen, dass das nicht möglich ist. Ganz liebe Grüße, Petra

    • Susanne sagt:

      Mhh, ich kann nicht auf deine Antwort antworten, also antworte ich so ;-). Ich hatte das schon so verstanden, dass Susanne das gar nicht toll findet. Ich fand die Aussage an sich nur so bizarr, dass sie das erlebt. Viel zu wenig Heu oder schlechtes kenne ich auch – aber gar keins? Da hab ich mich beim Lesen gefragt, wie lange ein Pferd so überleben kann, bevor es wegen fehlender Kauschläge und wuchernder Magengeschwüre durchdreht oder ernsthaft krank wird…

    • Petra sagt:

      Dann hatte ich dich falsch verstanden, Sorry! Doch, Susanne meinte das genauso wenn es da steht bzw. ganz wenig Heu und fast nur Kraftfutter. Und der Punkt ist dann ja, dass die Pferde krank werden. All die Verhaltensstörungen und Pferdekrankheiten werden durch gravierende Unwissenheit ausgelöst und Susanne will mit dem Buch die Unwissenheit verkleinern. Das ist ja das schreckliche an der Pferdewelt. Aber ich frage sie nochmal explizit wenn du magst?

  2. Miriam sagt:

    Liebe Petra,

    dieses Interview ist mir bisher irgenwie gar nicht aufgefallen.
    Ich möchte vielleicht einfach mal meine Erfahrung mit Futterlob schreiben, denn ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht wie Frau Kreuer.
    Ich arbeite gerne mit Futterlob. Ich denke nicht, dass mein Pony mich deshalb gern hat, denn ich weiß genau, dass er nicht bestechlich ist. Wir haben eine gute Beziehung zueinander. Wir vertrauen einander und wir respektieren uns. Das habe ich nicht mit Futter erreicht, sondern mit zuhören und arbeit an mir selber, mit viel Zeit und Geduld. Allerdings möchte ich mich gerne bei meinem Pony bedanken, wenn er etwas tut, was ich mir von ihm wünsche. Er macht die Übungen nicht für die Karotte. Er macht die Übungen, weil sie ihm Spaß machen, er sich dadurch besser fühlt und z.B. bei seinem Ball (der leider kaputt ist :( ) verzichtet er sogar oft auf die Karotte um weiter Ball spielen zu können. Er wird von mir nicht bestochen, sondern es ist meine Art ihm zu sagen, dass ich es toll finde, was er alles tut, weil ich es mir wünsche.
    Da wir an seinen Futtermanieren gearbeitet haben, ist das auch überhaupt kein Problem. Er bettelt nicht und ich kann den offenen Futterbeutel dran haben und er geht nicht dran.
    Ich könnte ihm natürlich auch anders danke sagen, aber ehrlich gesagt ist es mit Futter für mich am einfachsten. Er frisst einfach gerne. Streicheln findet er nicht immer toll, Pausen empfindet er ebenfalls überhaupt nicht als Lob, da er meistens so motiviert ist, dass er lieber weiter machen möchte und ich ihm öfter mal Pausen "verordnen" muss. Seinen Ball würde er wohl auch immer als Dankeschön anerkennen, aber das ist irgendwie unpraktisch, immer mit einem großen Gymnastikball rumzulaufen ;).
    Zum Thema Raubtier kann ich übrigens sagen, dass im Gegensatz zu meinem Pony mein Hund das Futterlob oft sogar ablehnt.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Liebe Miriam, da geht es mir ein bisschen wie dir und ein bisschen wie Susanne Kreuer. Sie ist sehr strikt mit dem Futterlob, das bin ich zum Beispiel nicht. Weil ich denke, dass man mit dem korrekten Timing das Futterlob als perfekten Motivator nutzen kann. So wie du mit deinem Pony :-) Aber ich glaube auch, dass man es wirklich punktgenau und richtig machen muss, damit man keine Taschenknabberer erzieht. Ich freue mich aber sehr über deine Ergänzung, weil ich das Futterlob auch für etwas halte, das eine tolle Wirkung haben kann :-) Ganz liebe Grüße, Petra

  3. Sylvia sagt:

    Das Interview find ich sehr gut. Ich bin (ganz wichtig "noch ") in einem stall wo echt alles gegen meine Überzeugungen läuft. Leider.
    Aber es müssen Einfach noch mehr Menschen umdenken zum wohl des Pferdes. Dann sind die anderen bald in der unterzahl. Auch der tierschutz muss umdenken und viel mehr handeln. Grüssi Sylvia

    • Petra sagt:

      Hallo Sylvia, das freut mich – weil es ja doch ein schwieriges Thema ist. Aber ich finde auch wichtig auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Es ist ja im Grunde auch Tierquälerei Pferde so zu halten, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln. Ich würde mir auch so etwas wie einen "Pferdeführerschein" wünschen, den alle erst einmal machen müssen, bevor sie Reiten dürfen oder ein Pferd kaufen dürfen. Einfach ein Zwei-Tageskurs über Pferdeverhalten, artgerechte Haltung und Pferdeanatomie. Das wäre zwar nur ein Anfang, aber zumindest ein kleiner. Wer weiß, vielleicht kommt irgendwann so etwas. Auf jeden Fall wünsche ich Dir, dass du bald einen Stall findest, der zu deinen Überzeugungen passt. Es tut gut unter Gleichgesinnten zu sein. Ich habe so einen Stall und gehe jedes Mal gerne hin, freue mich über die Menschen, die ich treffe und habe Themen über die ich mich austauschen kann. Es ist wirklich erschreckend, wie viel Intoleranz in der Pferdewelt herrscht, wenn ich so höre wie es in anderen Ställen zum Teil zugeht. Deswegen wünsche ich dir auch einen tollen Stall, der zu deinen Überzeugungen passt. Alles Liebe und bis bald, Petra

    • Petra sagt:

      Das wird sie bestimmt freuen, wenn sie das liest – ich bin auch ein Fan der neutralen aber klaren Worte, die sie wählt. Sie ist eine echt gute! Liebe Grüße, Petra

  4. Almut Burmeister-Betz sagt:

    Hallo ich habe das Interview von Susanne Kreuer gelesen. Ich bin der Meinung andere zu verurteilen ist nicht der richtige Weg um in dieser Welt Frieden zu stiften sei es beim Umgang mit den Pferden oder bei den Kriegen der Welt. Und wenn mich etwas am anderen stört hat das auch immer etwas mit mir selber zu tun. Wir müssen Frieden mit uns selber machen im Innern. Auch nicht uns selber verurteilen. "Ich habe es zu jeder Zeit so gut gemacht wie ich konnte." Vergebung uns selbst und denen die so handeln. Viele Grüße Almut

    • Petra sagt:

      Hallo Almut, ich denke, dass Susanne das Buch genauso meint, wie du es dir auch wünschst. Sie will nicht verurteilen, sondern auf die Auslöser von Problemen hinweisen, damit die Menschen wissen, was sie ändern müssen. Ich mag deine Gedanken sehr und auch deinen Ansatz erst den inneren Frieden zu finden. Aber nicht immer, wenn mich etwas am anderen stört, hat es etwas mit mir selbst zu tun, da würde ich dir widersprechen – gerade wenn es um Tiere geht. Denn wenn ich sehe wie Dressurprofis wie Thomas Rath die Rollkur reiten stört mich das immens und ich werde wütend und würde ihn gerne vom Pferd schubsen und mal die Meinung sagen – das hat nichts damit zu tun, dass ich meinen inneren Frieden nicht gefunden habe, sondern damit dass ich nicht sehen kann, wie das Pferd leidet. Genau wie bei den Verhaltensstörungen, die Pferde im Grunde nur entwickeln aufgrund falscher Haltung und falschen Umgangs. Das ist nicht immer böse gemeint und hat oft auch viel mit Unwissen zu tun, deswegen sollte man andere auch nicht verurteilen – aber man sollte trotzdem etwas sagen oder Wissen vermitteln – wie Susanne das tut. An deinem Satz "Ich habe es zu jeder Zeit gemacht, so gut wie ich es konnte" ist wunderschön – den braucht man auch und sollte ihn sich einrahmen – wichtig ist dabei aber nur, dass man nicht stehen bleibt, sondern offen und neugierig bereit ist dazuzulernen und zu verstehen, wenn man etwas falsch macht, auch wenn es unbequem ist. Frei von Vorwürfen, aber doch bewusst für die Tiere. Ganz liebe Grüße und danke für deinen Kommentar, Petra

  5. christoph sagt:

    ja almut da hast du sicher recht. aber ich glaube nicht, dass es susanne kreuer um eine verurteilung geht sondern dazu auffordert sich zu reflektieren und tief in das eigene zu sehen, um genau diesen krieg zwischen mensch und pferd/tier zu vermeiden und das pferd als das lebewesen pferd zu sehen. ich glaube keiner wird verurteilt, wenn er nach seinem besten wissen und gewissen etwas tu, was sich ev. im nachhinein als nicht so toll erwiesen hat. geht es nicht im leben auch um ein immer wieder zu reflektieren. was ist falsch dran, leute auf etwas aufmerksam zu machen. es muss nicht richtig sein, aber nur dadurch wird man immer wieder aufgewecht und kann sein tun von neuem beurteilen, was das zusammenleben interessant macht..
    eines will ich doch noch loswerden. ja, wenn mich etwas stört, dann hat es richtigerweise mit mir zu tun – und zum glück hat es mit mir zu tu. einen schönen abend, christoph

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