Artikel aktualisiert am 27.07.2017

Herdis_Hiller

Ein Gastbeitrag von PFERDEPSYCHOLOGIN Herdis Hiller:

In meiner Arbeit als Pferde-Psychologin beobachte ich oft, dass sich viele Missverständnisse und Probleme zwischen Mensch und Pferd mit Newtons Wechselwirkungsgesetz erklären lassen:

Druck erzeugt Gegendruck

Wunderbarerweise zeigt uns dieses physikalische Gesetz aber auch gleichzeitig den Weg zur Lösung.

Pferde und Menschen unterscheiden sich vor allem in ihrer Art auf Unvorhergesehenes zu reagieren.
Wenn ein Pferd erschrickt, springt es zur Seite. Wenn wir uns erschrecken, weil das Pferd zur Seite springt, machen wir das Gegenteil: Wir stemmen die Hacken in die Erde und halten den Strick fest.

Wenn ein Pferd ein anderes bewegen will, berührt es kurz und impulsartig. Wenn viele von uns ein Pferd bewegen wollen, drücken, schieben und ziehen sie.

Kurz: Pferde reagieren mit Aktivität und kurzen Impulsen. Menschen reagieren oft mit Passivität und dauerhaftem Druck (es sei denn, sie haben es bereits anders gelernt).

Daraus resultieren viele Konflikte zwischen Mensch und Pferd. Denn Druck erzeugt immer Gegendruck. Wer sein Gewicht in den Strick hängt, wird ein Pferd bekommen, das sein Gewicht in den Strick hängt. Drei Mal dürfen wir raten, wer dieses Tauziehen gewinnt.

Sich nicht auf das Druck-Gegendruck-Spielchen einzulassen ist für fast alle Menschen, mit denen ich arbeite, eine der härtesten Lektionen. Und: Sie führt viel weiter als man auf den ersten Blick vermuten mag.

Pferdepsychologin
Fotos: Susanne Hauk und Heiko Fuhrmann

Ein Beispiel: Ranghohe Pferde haben einen kleinen Lieblingssport, der da heißt „Vorweggehen“. Diese Pferde sind die Gewinner bei Laufspielen auf der Weide. Sie sind die ersten beim Futter und wollen an der Spitze laufen, wenn eine Gruppe zusammen ausreitet. Und manche dieser Pferde möchten gern den Menschen überholen, wenn er sie am Halfter führt.

Pferd und Frau
Fotos: Susanne Hauk und Heiko Fuhrmann

Im Herdenleben gilt: Wer überholt wird, darf sich dahinter einreihen.

Menschen, die sich nun nicht überholen lassen wollen, tun meist folgendes: Sie setzen Druck gegen die Bewegung, indem Sie z.B. den Strick zurückziehen, den Krafteinsatz erhöhen und dadurch langsamer werden. Das Resultat: Das Pferd läuft meist noch schneller und gibt damit Gegendruck auf den Strick. Denn nun will es nicht mehr nur überholen, es will auch den Druck loswerden. Dies ist manchmal der Punkt, an dem der Mensch dann wütend wird – und das Pferd noch schneller. Ein Teufelskreis, den wir unbedingt auflösen müssen, bevor sich jemand verletzt.

Zusammengefasst zeigt dieses Beispiel wie Pferde vor allem mit Bewegung arbeiten und zwar meist Bewegung nach vorn. Und Menschen gern mit Passivität und Druck.

Da wir von Pferden kaum verlangen können, wie ein Mensch zu denken, müssen wir den Weg des Menschen verlassen, wenn wir mit Pferden erfolgreich arbeiten wollen.

Mit anderen Worten: Wir müssen unsere Passivität ablegen und aktiv werden. Bewegung nach vorne initiieren anstatt gegenzuhalten. Den Druck, den Zug, den Krafteinsatz loslassen und mit kurzen Impulsen reagieren – so wie Pferde es tun.

Pferd und Frau rennen
Fotos: Susanne Hauk und Heiko Fuhrmann

Das heißt: Unser Strick muss immer durchhängen. Und jeglicher permanente Krafteinsatz ist verboten. Kein Schieben, kein Drücken, kein Ziehen, kein Festhalten. Wer sich einmal selbst testen möchte, stellt sein Pferd ohne Halfter auf einen großen Paddock (keinen Round-Pen!) – und bewegt es mehrfach präzise von A nach B. Und zwar allein durch Körpersprache, Bewegung und Impulse, die nicht länger dauern als einen Wimpernschlag. Hilfsmittel wie Gerten, Halsringe etc. sind nicht erlaubt. Und das Ganze mindestens 15 Minuten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass unsere Pferde uns das Prinzip von Bewegung, Aktivität und Impulsen beibringen können – denn sie sind Meister darin. Wir müssen nur genau aufpassen und an uns arbeiten. Einfacher und vor allem schneller geht es natürlich mit einem Trainer, der schon weiß, wie es geht.

Wo stehst du?

Diese Übung auf dem Paddock ist nicht nur ein guter Test, um zu sehen, wo wir Menschen stehen in Sachen Pferdesprache, Führungsqualität und Vertrauenswürdigkeit. Sie ist eine großartige Übung, um wirklich gut zu werden, darin, sich auf Pferdeart verständlich zu machen.

Und während wir üben, besser zu werden, geschieht etwas Wunderbares: Ganz nebenbei und wie von selbst wächst das Band zwischen uns und unserem Pferd. Nach ein paar Tagen reagiert es wacher und interessierter auf uns. Es sieht uns anders an. Und wir fühlen eine stärkere Verbundenheit.

Fohlen schnuppert
Fotos: Susanne Hauk und Heiko Fuhrmann

Auch wir Menschen verändern uns. Wir werden selbstbewusster, klarer und authentischer. Wir müssen uns nicht mehr durch Druck absichern. Stattdessen können wir unserem Pferd die Freiheit geben, die es braucht. Wir müssen keine Angst mehr davor haben, dass es uns davon laufen könnte.

Und was besonders faszinierend ist: Ohne jemals Probleme des Miteinanders (wie z.B. beim Führen) direkt bearbeitet zu haben, lösen sich viele nach einiger Zeit einfach in Luft auf.

Denn weil Druck Gegendruck erzeugt… bekommen wir durch Loslassen die Nähe & Leichtigkeit, die wir uns wünschen.

Text: Herdis Hiller
Fotos: Susanne Hauk und Heiko Fuhrmann

Herdis_Hiller

Wer ist der Zitategeber – Isaac Newton:

Sir Isaac Newton lebte circa von 1642 bis 1727 n.Chr. und war einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit – vor allem in Physik und Mathematik. Er hat mit der Principia Mathematica eines der wichtigsten wissenschaftlichen Werke verfasst. Da beschreibt er Themen wie die universelle Gravitation. Außerdem hat er die Welt mit Erkenntnisse aus der Optik und der Astronomie versorgt.

Buchtipp – wie immer zum Schluss. Herdis Hiller arbeitet unter anderem mit der amerikanischen Biologin Mary Ann Simonds zusammen, die ihre Studien auf Wildpferdebeobachtungen stützt*

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6 Kommentare zu “Isaac Newton: Druck erzeugt Gegendruck

  1. Leonarde Fellinger sagt:

    Ich interessiere mich sehr ,ohne Druck , mit meinen Ponys , Bodenarbeit zu machen . Mit Stick und Seil das habe ich schon durch , das geht mit Druck , das will ich nicht mehr. Liebe Grüße Leonarde

    • Petra sagt:

      Liebe Leonarde, das klingt schön – ich fand das Zitat von Herdis auch sehr inspirierend. Da waren ja schon schöne Übungen dabei – ich werde sie auf jeden Fall ausprobieren. Du auch? Ich bin gespannt, falls ja. Dann würde ich mich freuen, wenn du hier berichten würdest, wie die Übung bei dir gelaufen ist :-) Liebe Grüße, Petra

  2. Deni+Loki sagt:

    Hallo

    danke wieder ein toller Artikel muss ich sagen, wir werden heuer im Oktober mit der Jungpferdeausbildung starten und ich weiß schon das hier jede Menge Arbeit auf uns wartet. Da ich weiß das Sabine hier ab und zu auch ganz gerne mal mit liest hätte ich eine Frage an sie: Findest du es eigentlich besser ohne Trense also Gebisslos zu beginnen? Bin selbst noch nie Gebisslos geritten.

    lg denise

    • Petra sagt:

      Hallo Denise, das freut mich – ich fand den Artikel von Herdis auch sehr inspirierend. Ich bin gespannt ob Sabine mitliest und hier antwortet. Ich kann nur antworten, wie wir das mit meiner Jungstute handhaben und aktuell sind wir die ganze Zeit gebisslos. Nur mit Knotenhafter in der Grundschule. Später werden wir auch Gebisslos weitermachen. Aber ich will Sabine ihre Meinung nicht vorweg nehmen. Ich kann nur sagen, wie wir das mit meiner Jungstute handhaben :-) Gebisslos. Liebe Grüße, Petra

    • Petra sagt:

      Darüber wird Herdis sich sehr freuen, liebe Nicole. Danke dir für deinen Kommentar und liebe Grüße, Petra

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