Artikel aktualisiert am 17.02.2017

Wie fühlen Pferde? Sind sie eifersüchtig? Haben sie Freundschaften? Ist die Körpersprache die gemeinsame Sprache von Pferd und Mensch? Wie können Pferd und Mensch besser miteinander kommunizieren und wie können wir lernen die Pferde besser zu verstehen? Es gibt Möglichkeiten der Kommunikation und du kannst sie lernen. Ein Interview über die großen Fehler, Missverständnisse und die Möglichkeiten.

Interview mit Pferdeexpertin Kostanze Krüger, über Mensch-Pferd-Kommunikation und große Missverständnisse, Futterlob und die Dominanz-Theorie:

Pferdeflüsterei: Im Grunde geht es immer wieder um die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Es sind zwei verschiedene Sprachen, die man gegenseitig lernen muss?

Konstanze Krüger: Ja es wird natürlich immer wieder gerne aus dem Bereich der Pferdeflüsterer propagiert, dass es die Pferdesprache gibt und dass es gilt die Pferdesprache zu lernen. Als Naturwissenschaftler habe ich einen anderen Ansatz dazu.

Ich habe ein bisschen Zweifel, dass man als Mensch die Pferdesprache überhaupt vollständig verstehen kann. Weil Pferde eine ganz andere Sinneswahrnehmung haben als wir. Beziehungsweise die Sinneswahrnehmung der Menschen ist im Vergleich zu der des Pferdes unglaublich beschränkt. So dass man meines Erachtens nur versuchen kann, sich so gut wie möglich aneinander anzupassen.

Und in vielen Dingen ist es nicht wirklich so, dass man Sprache identisch sprechen kann, sondern dass man einfach Signale versteht. Dass das Pferd versteht, welches Signal der Mensch gibt und was das bedeutet. Aber wir Menschen auf der anderen Seite auch die Reaktionen des Pferdes einschätzen können.

Hengstportrait

Pferdeflüsterei: Das ist so eine Universalsprache die zu funktionieren scheint? Die richtige Körpersprache…

Konstanze Krüger: Es ist viel Körpersprache dabei. Was faszinierend ist und meines Erachtens in der Forschung bis jetzt noch nie richtig angegangen wurde, ist, dass die Körpersprache interessanterweise über mehrere Spezies, also Mensch-Tier, aber auch zwischen verschiedenen Tierarten ganz ähnlich funktioniert.

Das, was Sie gerade angesprochen haben: Dieses Abwenden und die Schulter zuwenden. Das funktioniert mit dem Pferd. Das Pferd versteht sofort, okay, man übt keinen Druck mehr aus, er darf gerne kommen und mitgehen. Das funktioniert aber mit Hunden auch. Ich fände es sehr spannend, wenn man so etwas Speziesübergreifend angehen könnte.

Deshalb funktioniert die Mensch-Pferd-Kommunikation ganz gut. Menschen gehen untereinander ähnlich mit Körpersprache um, wie auch Pferde das tun. Nur in der Feinabstimmung, gibt es dann doch kleine Unterschiede.

Pferdeflüsterei: Ich habe das Gefühl , dass in der Reiterwelt vieles schiefläuft. Es gibt sehr viele “Problempferde”, auch von Menschen, die es gut meinen mit ihren Pferden. Gibt es da grundlegende Missverständnisse, die immer wieder auftauchen?

Konstanze Krüger: Natürlich kann das Training in den verschiedenen Bereichen fehl laufen. Das kann auch mit bestem Wissen und Gewissen passieren, dass man ein Tier leider überfordert. In vielen Bereichen ist es so, dass die Pferdebesitzer das Beste wollen für ihr Pferd.

Ihnen aber oft das Wissen fehlt das Pferd fachlich richtig zu behandeln und auf das Pferd gut genug einzugehen. Da ist einfach ein Horsemen, ein Mensch, der schon seit vielen vielen Jahren von Pferden umgeben ist und die Signale, die Pferde aussenden, viel schneller und korrekter lesen kann, als das Laien schaffen können.

Pferdeflüsterei: Wenn man ein kleines Einmaleins der Pferdesprachen aufsetzen will, welche Signale gibt es, die relativ Signifikant sind? Wie der schlagende Schweif zum Beispiel als Zeichen von Stress?

Konstanze Krüger: Auf jeden Fall! Wie Sie sagen, Schweif schlagen ist absolut ein Zeichen für Aggressivität und für Stress und wird ja auch von unserer deutschen reiterlichen Vereinigung auf Turnieren bewertet. Man möchte auch da einen ruhig getragenen locker pendelnden Schweif sehen und nicht einen Schweif der Propeller dreht und damit anzeigt, dass sich das Pferd gerade nicht wohl fühlt.

Ganz wichtig auch, was die Pferde mit ihren Ohren machen. Auf wen sie die Ohren richten. Dann aber auch die Mimik. Das Pferd sollte einen ruhigen gelassenen Gesichtsausdruck haben und nicht die Lippen hochziehen und kräuseln oder Zähne knirschen.

Da denke ich fängt man als Laie mit diesen groben Dingen an, dass man die erste grobe Körpersprache versteht. Zum Beispiel auch ein Pferd, das den Hinterhuf anhebt, das ist eine Schlagdrohung. Da sollte man möglichst schauen, dass man dem ausweicht. Als Laie kann man mit diesen groben Aspekten anfangen und sich dann immer feiner vorarbeiten, bis man dann eben ganz leichte Änderungen, manchmal auch nur Körperhaltungsänderungen deuten kann.

Pferdeflüsterei: Ich habe gelesen, dass Sie herausgefunden haben, dass Pferde untereinander auch zu Eifersucht neigen?

Konstanze Krüger: Wir hatten eine Studie gemacht, da ging es eigentlich darum, ob Pferde in die sozialen Interaktionen von anderen einschreiten und das mit der Eifersucht wurde dann natürlich gerne von der Presse aufgegriffen und gedeutet. Wobei man sagen muss, wenn man das Verhalten als reine Beschreibung fast schon Lexikonartig sieht, kann man das daraus deuten.

Ein Biologe ist dann natürlich sehr sehr vorsichtig, weil Eifersucht für den Menschen etwas ganz anderes bedeutet als in der Biologie. Auf diesen komplexen Level des Menschen kommt das Pferd natürlich nie. Aber was wir gefunden haben, ist dass Pferde durchaus ihre sozialen Bindungen zu anderen Pferden schützen.

Wenn sie eine soziale Bindung aufgebaut haben zu einem anderen Pferd und es kommt ein drittes dazu und möchte sich beknabbern und freundlich Kontakt aufnehmen, dass diese dann häufig weggejagt werden. In der Biologie sieht man das als Ressourcenschutz, also auch die soziale Bindung ist eine Ressource, die ich erhalten möchte. Stuten zum Beispiel ziehen zusammen ihre Fohlen auf, aber nur mit den Stuten, mit denen sie befreundet sind.

Pferdeflüsterei: Der Gedanke dahinter ist: Ich schütze was mir gehört?

Konstanze Krüger: Klar, natürlich. Das Thema Arterhaltung ist eigentlich ein bisschen vom Tisch. Die meisten Biologen gehen davon aus, dass man seine eigenen Pfründe schützen möchte und damit seine eigenen Gene besser weitergeben kann und so weiter….So dass man wirklich sagen, es ist eine Portion Egoismus, warum die Pferde diese Bindung zu anderen Pferden schützen.

Pferdeflüsterei: Ist es dann auch der Erhaltungstrieb, wenn Pferde mit uns Menschen zusammenarbeiten?

Konstanze Krüger: Ich denke mal Pferde sehen das ganz unverkopft (lacht). Natürlich, klar! Sie machen das auch um einen Nutzen davon zu haben. Und wenn der Mensch sich in die soziale Gruppe einfügt und ihnen gegenüber dann auch die Führung übernehmen kann, dann bietet er ja einfach Sicherheit und warum sollte man dann nicht auch gerne mit dem mitgehen und mit ihm dann arbeiten?

Das versuchen wir immer wieder zu vermitteln. Man tut seinem Pferd nichts Gutes, wenn man ihm die Führung überlässt, weil das Unsicherheit schürt und das Pferd sich selbst nicht positionieren kann. Viele Pferde machen einen richtig zufriedenen und glücklichen Eindruck, wenn der Mensch sich als Boss etabliert und ansagt, was zu tun ist.

Pferdeflüsterei: Eine Erkenntnis, die ich auch schon gemacht habe. Immer wieder höre ich das von Pferdemenschen, die Leckerei komplett ablehnen. Aus Pferdesicht gäbe ich mein Futter ab, heißt es als Begründung. Ein Chef in der Herde würde das nicht tun, das machen nur rangniedrige Pferde. Wie sehen Sie das?

Konstanze Krüger: Das haben wir uns auch schon oft gefragt, ob Futter teilen etwas Natürliches ist. Es ist schon so, dass das Fohlen auch von der Mutter Milch bekommt. Also ist das eine Grundbindung und trotzdem steht die Mutter höher über dem Fohlen. Das ist der erste Punkt wo man sagen könnte: Ja, ich weiß nicht ob man das so eng sehen kann und man sieht immer wieder bei Pferden, die eine sehr enge Bindung haben, dass sie ihr Futter teilen. Durchaus dicht nebeneinander Heu fressen oder sogar ihr Kraftfutter teilen.

In den meisten Fällen ist es schon so, dass das ranghöhere Pferd sein Futter beanspruchen würde. Deswegen ist es eine sinnvolle Forderung von vielen “Pferdeflüsterern” prinzipiell lieber ohne Futter zu arbeiten. Ich habe das selbst schon erlebt. Wir hatten eine sehr ranghohe Stute, der hat man zweimal Leckerei gegeben und beim dritten Mal meinte sie, sie sagte, wann sie das Futter bekommt.

Frauchen oder wie auch immer man das bezeichnen will, hat halt dann das Futter rauszurücken und das ist natürlich eine Machtdemonstration und dann schürt man eine Konfliktsituation, die man nicht gehabt hätte, wenn man kein Futter gegeben hätte.

Pferdeflüsterei: Andererseits, wir geben ihnen doch auch Hafer, da geben wir ja auch Futter ab…

Konstanze Krüger: Das ist eben dieser andere Aspekt. Futter ist mit positiven Emotionen verbunden, wie auch Milch saufen bei der Mutter und es wird seit vielen vielen Jahren mit Futter belohnt. Ich habe selbst auch schon, besonders bei nervösen und hysterischen Pferden, die Erfahrung gemacht, dass Futter eine positive Grundsituation aufbaut. Die Pferde entspannen sich, weil es nicht mehr so schlimm ist.

Zum Beispiel bei einer Stute mit einem extremen Gurtzwang, wenn man ihr vorher ein oder zwei Leckerlies gegeben hat, war das Aufsatteln nicht mehr so schrecklich und sie hat sich nicht so reingesteigert in den Gurtzwang.

 Pferdeflüsterei: Gibt es denn noch weitere Ergebnisse in Sachen Intelligenz und Sozialverhalten, die Sie gemacht haben?

Konstanze Krüger: Eine sehr interessante Studie hat ergeben, dass Pferde immer wieder als Streitschlichter zwischen aggressive Auseinandersetzungen anderer Pferde gehen. Das hat uns am Anfang extrem erstaunt, weil das in der Biologie ein Rätsel ist. Jeder der als Streitschlichter dazwischen geht, riskiert, dass er selbst eine Abreibung bekommt.

Bis heute ist nicht klar, warum Tiere das immer wieder machen. Dazu haben wir schon zwei Studien laufen lassen und so wie es aussieht hat auch das wieder etwas mit sozialen Bindungen zu tun. Es ist der wichtigste Faktor daran, soziale Bindungen zu schützen, so dass man also dazwischen geht wenn ein Sozialpartner im Streit mit dabei ist oder man macht es eben um zu einem neuen Partner soziale Bindungen aufzubauen.

Das ist der eine Aspekt der im Vordergrund steht und der andere Aspekt scheint zu sein, den Aggressionslevel in der Gruppe niedrig zu halten. Das ist nicht immer nur der Boss der da eingreift, durchaus auch mittelrangige Pferde, die gar nichts davon haben. Also gar keine Bindung zu diesen Tieren haben und da geht die Argumentation momentan dahin, dass sie ja dann befürchten müssten, wenn die Aggression eskaliert, sie auch Opfer dieser Aggression werden würden und etwas davon haben, zu schlichten. Das Witzigste ist, dass es nur wenige Tiere machen und die sich tatsächlich abwechseln.

Man hat wirklich in Gruppen so eine Art Streitschlichterrolle und das können wir uns heute noch nicht so richtig erklären, warum das nur wenige machen. Es ist vielleicht einfach eine Form der Persönlichkeit, dass wir mehr oder weniger soziale Pferde haben, wie es beim Menschen der Fall ist.

Pferdeflüsterei: Ein Ergebnis ihrer Studien ist, dass Pferde sensibler, charakterstärker und klüger sind, als man ihnen seit vielen Jahren zutraut?

Konstanze Krüger: Dass haben wir ganz gut bewiesen in den letzten Jahren, dass die soziale Intelligenz von Pferden höher ist, als man ihnen in den letzten Jahren zugetraut hat. In den letzten 5 bis 6 Jahren hat das Themengebiet so richtig geboomt.

Pferdeflüsterei: Was glauben Sie, wie weit geht die soziale Intelligenz der Pferde? Gibt es Tiere mit denen man die Pferde vergleichen kann?

Konstanze Krüger: Wenn man es wirklich ganz realistisch vergleicht, denke ich, dass die soziale Struktur und auch die soziale Intelligenz der Pferde ähnlich ist, wie bei vielen Primaten. Das können wir wirklich 1:1 vergleichen. Nur darf man nicht vergessen, dass andere kognitive Fähigkeiten weniger ausgeprägt sind bei Pferden. Zum Beispiel ist das Kurzzeitgedächtnis des Pferdes ganz miserabel und auch in den ganz abstrakten Kognitionstests. Wie irgendwelche Sachen numerisch benennen, also sagen, wie viele Objekte sind das? Bei solchen Tests schneiden Pferde eher schlecht ab in Vergleich zu anderen Tieren.

Pferdeflüsterei: Bei welchen Intelligenztests schneiden sie gut ab?

Konstanze Krüger: Meines Erachtens in allem, was ihnen in ihrem sozialen Umfeld nützt. Das was ihrem natürlichen Umfeld entsprechen würde. Interessant zum Beispiel auch, dass Pferde extrem gut generalisieren können. Also sie können ein Prinzip, das sie in einem Zusammenhang verstanden haben, auf andere Situationen ausdehnen. Man kann ihnen sehr gut beibringen: Wähle immer das kleinere Objekt und dann kann das Pferd eben generalisieren. Das ist eine relativ große kognitive Leistung. Das ist meines Erachtens, dass was wir beim Reiten der Pferde schon immer benutzt haben.

Nur dadurch ist es möglich, das ein Trainer ein Pferd antrainiert und das Pferd irgendwann kapiert: Aha, das was der Trainer mir beigebracht hat, das wollen alle Menschen von mir. Das ist der übliche Trainingsschritt, den man schon seit Jahrhunderten gemacht hat.

Eine Person trainiert ein junges Pferd an und dann fängt man langsam an auszuwechseln. Man setzt immer mal wieder einen anderen Reiter darauf, so dass das Pferd dann erlebt: Aha, der Reiter will das auch so, scheinbar wollen alle Menschen das so. Das Pferd generalisiert die Signale, die der Reiter gibt auf alle Menschen.

Pferdeflüsterei: Wie ticken die Pferde, wenn man ihnen in den Kopf schauen wollte, haben Sie da ein oder zwei Eckpunkte, von denen Sie sagen, das ist typisch Pferd und daraus kann ich etwas lernen im Umgang?

Konstanze Krüger: Dann muss man sich überlegen, wie denken sie ohne Sprache? Sie denken wahrscheinlich mehr in Bildern, in Gerüchen, in Eindrücken, in Situationen. Was faszinierend am Pferd ist und was man gerne für therapeutisches Reiten nutzt, ist das Pferde in ihrer Reaktion immer ehrlich sind. Es ist für Pferde völlig untypisch, dass sie nachtragend sind oder im Vorhinein etwas vermuten, was jemand machen könnte.

Ein Pferd lässt die Situation immer auf sich zukommen, schaut, wie verhält sich das andere Pferd, der andere Mensch und reagiert spontan darauf. So dass man eins zu eins immer die Reaktion auf das bekommt, was man gerade gemacht hat. Das ist meines Erachtens die große Gefahr in der Interaktion mit vielen Tieren egal ob das Hund, Pferd, Katze oder Maus ist, dass man als Mensch gerne dazu neigt, das zu vermenschlichen und den Tieren irgendwelche Absichten zu unterstellen. “Das hat er mit Absicht gemacht, der will mich ärgern…”. Davon muss man sich befreien, das machen Tiere nicht.

Pferdeflüsterei: Wenn Sie für einen Tag ein Pferd sein dürften, was würden sie dann gerne tun?

Konstanze Krüger: Wir haben uns ganz viel schon mit der Sinneswahrnehmung der Pferde beschäftigt. Da ist ja immer der Faktor, dass wir in der Messung der Sinneswahrnehmung so irre beschränkt sind, weil wir nur das messen können, was wir selbst wahrnehmen. Mich würde es irre interessieren, wie das Pferd die Welt wirklich wahrnimmt. Wie viele Farben sieht er jetzt wirklich? Man geht davon aus, dass sie nur zwei Farben sehen können, aber wie mischen sie das?

Man denkt, dass sie mehr Geräusche… Also das Spektrum viel größer ist als das des Menschen. Was hören die denn dann mehr als wir? Solche Dinge.. Oder was noch völlig ungeklärt ist, wie orientieren sich Pferde im Raum. Wir haben Beispiele von blinden Pferden, die Wege finden. Da denken wir, am Sehen kann es nicht gelegen haben, da müssen noch andere Dinge bei der Raumwahrnehmung geholfen haben. Einfach mal, wie sieht das Pferd die Welt, sieht fühlt riecht und so weiter.

Petra von der Pferdeflüsterei: Vielen Dank für das Interview. 

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