Wir alle wollen ein gesundes Pferd. Wir wünschen uns ein zufriedenes Pferd, und wir hätten gerne ein motiviertes Pferd. Wenn wir Reiten wollen wir natürlich, dass das Pferd uns gesund und balanciert tragen kann. Es soll möglichst alt werden und dabei fit bleiben. Wäre das nicht schön, wenn wir unser Pferd Schritt für Schritt so trainieren könnten, dass es gesund und motiviert mit uns durchs Leben geht?

Genau da setzt die akademische Reitkunst an. Letztlich ist die akademische Reitkunst nichts komplett Neues, sondern eine Interpretation verschiedener Lehren alter Reitmeister aus früheren Jahrhunderten. Das Ganze wird mit neuen Erkenntnissen der Moderne, wissenschaftlichen Studien und dem Wissen aller kombiniert, die sich der akademischen Reitkunst verschrieben haben.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Das klingt erstmal wahnsinnig elitär und kompliziert. Ich kann dich aber beruhigen,. Das ist es ganz und gar nicht. Es ist einfach nur ein spannender und interessanter Weg zu einem gesunden und motivierten Pferd. Natürlich musst du dich mit Biomechanik und Pferdeverhalten auseinandersetzen, deinen Blick schulen und dein Training als Kommunikation aufbauen. Aber ist das nicht einfach nur spannend und sollte das nicht überall und in jeder Reitweise Standard sein?

Wie intensiv du dich reinfuchsen willst und wie sehr du die akademische Reitkunst in deinen Alltag lassen willst, liegt ja ganz allein bei dir. Aber ich finde, dass sie ein guter Weg zu mehr Balance und Gesundheit des Pferdes sein kann und deswegen erzähle ich dir jetzt ein bisschen mehr dazu. Ich erkläre die die Grundideen, berichte über einen Kurs, den ich bei Bent Branderup gemacht habe und beschriebe dir den Einstieg, so wie ich ihn aus dem Kurs für mich mitgenommen habe.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

 

Akademische Reitkunst nach Bent Branderup

„Akademische Reitkunst“ – der Titel kann von außen schon groß und bedeutsam und auch ein bisschen kompliziert wirken. Ich meine, da stecken ja alleine schon zwei Worte im Namen dieses Trainingsweges, die einen fetten und unerreichbaren Eindruck erwecken können: Akademisch und Kunst. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, merkt man schnell, dass es eigentlich zwei sehr motivierende Begriffe sind.

  • Akademisch sagt, dass es um reines und praktisches Fachwissen geht. Du findest also recherchiertes und geprüftes Wissen, das dir weiterhelfen kann zu einem gesunden und motivierten Pferd. Es ist nicht einfach Halbwissen irgendwelcher selbsternannter Superreitlehrer, sondern mit der Forscherbrille von Reitexperten geprüftes Wissen. Das hat etwas unglaublich Beruhigendes finde ich.
  • Das Wort Kunst sagt einfach nur, dass Zeit, Liebe, Hingabe und Geduld in dem stecken müssen, was da unterrichtet und angestrebt wird. Kunst ist Ästhetik. Kunst ist Schönheit und Kunst kommt von Können.

Genau deswegen habe ich mir einen Kurs mit Bent Branderup angeschaut, um mir ein eigenes Bild zu verschaffen von dieser Trainingsidee, die seit einiger Zeit immer stärker durch die Reiterwelt geistert und immer mehr Fans und Anhänger findet.

TIPP: Der Kurs wurde übrigens von der akademischen Trainerin Ulrike Hug organisiert – du findest sie unter: akademische-reitkunst-hug.de. Sie unterrichtet im Raum Ulm die akademische Reitkunst.

Gleich berichte ich dir vom Kurs und meinen ersten Eindrücken, aber erst einmal will ich dir kurz ein bisschen mehr zur akademischen Reitkunst erzählen.

Was ist die akademische Reitkunst

Kurz Zusammengefasst: Die akademische Reitkunst ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Lehren alter Meister von Xenophon bis Egon von Neindorff und Gustav Steinbrecht.

HIER findest du einen Artikel in dem diese Meister erwähnt und ihre wichtigsten Gedanken erklärt werden

Dazu kombiniert Bent Branderup neue Studien, neue Erkenntnisse der Biomechanik und moderne Theorien der feinen und sanften Kommunikation.

Rund um die akademische Reitkunst gibt es die Ritterschaft. Ritter kann man werden, muss man aber nicht. Um Ritter zu werden, musst du verschiedene Prüfungen ablegen, in denen du zeigst, dass du die Lehren der akademischen Reitkunst zusammen mit deinem Pferd umsetzen kannst.

Wenn dir das alles zu anstrengend ist, wie zum Beispiel mir, kannst du aber auch einfach den großen Wissenspool der Akademiker nutzen und nach den Grundsätzen und Lehren der akademischen Reitkunst trainieren.

  • Da geht es um den sinnvollen Aufbau der Ausbildungsschritte des Pferdes
  • Es geht um Bodenarbeit, um Gymnastizierung und korrekte Biomechanik für ein gesundes und gut ausbalanciertes Pferd
  • Es geht um die Pferdeseele und das individuelle Pferd
  • Es geht darum, wie du deinem Pferd dazu verhelfen kannst körperlich wie seelisch zu strahlen
  • Und da geht es um dich als Reiter: Also deine reiterlichen Hilfen, deine Ausbildung und deinen Reitersitz

HIER gibt es übrigens den ersten von mehreren Bänden über die akademische Reitkunst. Beim ersten Band dreht sich alles um die Beziehungspflege und feine Kommunikation mit dem Pferd

Bent Branderup Beziehungspflege Horsemanship Buch

Wie geht das akademische Training – Schritt für Schritt

„Beziehungspflege ist der Anfang von jedem Pferdetraining. Ein guter Lehrer, ist ein beliebter Lehrer.“ ….sagt Bent Branderup.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

 

Der Mann mit dem berühmten Schnauzer hat die akademische Reitkunst aus den Lehren der alten Meister entwickelt und setzt den Fokus erstaunlich stark auf das Thema Beziehungspflege. Damit überrascht er mich im Kurs.

Von all den Kursen, die ich bisher besucht habe, ist er der Trainer, der die Seele der Pferde am Meisten in den Mittelpunkt rückt. Immer wieder betont er wie wichtig es ist, dass wir die Pferde individuell trainieren. Er betont auch während der praktischen Kurseinheiten immer wieder wie wichtig die Entspannung des Pferdes ist. Lieber bricht er eine Aufgabe ab und wartet, bis das Pferd wieder ganz bei seinem Menschen ist, bevor die Aufgabe weitertrainiert wird.

INFO: Das ist überhaupt ein wichtiger Bestandteil des akademischen Gedankens: Training verläuft in Stufen. Wir erklimmen sie nach und nach zusammen mit dem Pferd. Wenn wir mit der nächsthohen Stufe unsicher sind oder das Pferd noch nicht versteht oder gerade aufgrund einer Stresssituation die Stufe nicht nehmen kann, gehen wir einfach wieder eine Stufe zurück und setzen dort neu an, wo wir uns zusammen sicher fühlen.

Und schon sind wir mitten im Kursbericht. Ich springe jetzt mit dir zusammen mal einfach mitten rein in den Kurs:

Es gibt mehrere Theorieeinheiten – anschließend gibt es sehr viel Praxiswissen. Bent Branderup sieht den Praxisteilnehmern im Grunde bei ihrem Training zu und gibt ihnen dabei Hinweise, was sie noch ändern und verbessern können. Wir sitzen als Zuschauer um ihn herum und kuscheln uns in unsere Decken ein.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Es ist nämlich Winter, hat 20 cm Neuschnee und Minusgrade.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

 

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Ich habe meine Bettdecke mitgenommen, eine Wärmflasche und sehr viel heißen Tee. Trotzdem friere ich fast auf meinem Stuhl fest. Das ist aber egal, weil es sich lohnt zum Eiszapfen zu werden.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Es ist unglaublich spannend zu beobachten, wie Bent Branderup mit den aktiven Teilnehmern an winzig kleinen Stellschrauben in Kopfposition, Stellung oder Reiterbein dreht und die Pferde immer lockerer und schwungvoller laufen, obwohl doch nur Millimeter verschoben wurden. Die großen Folgen dieser kleinen Veränderungen zeigen mir, wie viel die akademische Reitkunst für die Gesunderhaltung des Pferdes tun kann und ich bin fasziniert. Im Praxisteil habe ich vor allem beobachtet und versucht meinen Blick zu schulen.

Deswegen erzähle ich dir jetzt noch ein bisschen zu den Theorieteilen. Da hatte ich noch keine festgefrorenen Finger und konnte deswegen mitschreiben.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Alles konnte ich im Theorieteil trotzdem nicht mittippen, obwohl meine Finger in rasender Eile auf die Tastatur gehauen haben. Bent Branderup hat so unglaublich viel Wissen über die Pferdeanatomie und sprudelt das in so rasantem Tempo raus, dass ich kaum mitkomme.

Die akademische Reitkunst in der Theorie

Zuerst taucht Bent Branderup mit den Kursteilnehmern in die Anatomie der Pferde ein. Dazu zeichnet er auf einem Flipchart, während er alles erklärt.

Was mit 2 Strichen beginnt, wird am Ende ein buntes Kunstwerk. Während die Zeichnung entsteht, finde ich sie unglaublich logisch. Einen Tag später kann ich nur noch 10% davon wiedergeben. Es ist einfach unglaublich viel gebündeltes Wissen zu Biomechanik und Bewegungsapparat des Pferdes. Aber es ist auch unglaublich spannend und wichtig, um zu verstehen, wie wir das Pferd gesund trainieren können.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Ich werde dir die Biomechanik, die Bent im Kurs erklärt hat, nicht 1:1 wiedergeben. Dafür gibt es verschiedene Bücher und es macht Sinn einen seiner Kurse zu besuchen. Aber ich versuche dir ein kleines Bild von dem zu geben, was Bent Branderup uns vermittelt hat, damit du selbst sehen kannst, ob das Thema grundsätzlich etwas für dich ist. Letztlich kann so ein Kurs nur ein Einstieg sein und Lust auf mehr machen. Die Umsetzung muss dann im Stallalltag stattfinden und da braucht es für den Einstieg sicher einen guten Trainer. Denn das Wissen in der akademischen Reitkunst ist so komplex, dass man überhaupt erst einmal den richtigen Blick entwickeln muss für all die Feinheiten, die es zu sehen und zu beachten gilt.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Aber kommen wir jetzt zu den Inhalten. Wie gesagt, ich nehme dich einfach mit und schreibe die Informationen für dich in Artikelform, die bei mir hängengeblieben sind. Bent Branderup startet seinen Theorievortrag mit dem Blick auf die Seele der Pferde.

 

Beziehungspflege! Akademische Reitweise

Letztlich sind Kommunikation und Beziehungspflege für Bent Branderup der Anfang von Allem. Pferde haben aufgrund ihrer Natur ein großes Interesse daran ihr Überleben zu sichern. Das können sie, indem sie sich Sicherheit und Balance verschaffen.

Im Training können wir das nutzen, um ihnen mehr Balance und Sicherheit in ihrem Körper und mit uns zu schenken. Gleichzeitig sind sie genau deswegen unglaublich bereit uns abluchsen, was wir wollen könnten. Da wir Menschen ein großes Interesse daran haben unserem Pferd etwas beizubringen, fügt sich das ja eigentlich ganz gut zusammen.

Jetzt kommt aber der erste Knackpunkt an der ganzen Sache. Da wir Menschen oft zu wenig Ahnung von der Biomechanik und dem Pferdeverhalten haben, machen wir immer wieder Fehler im Umgang mit unseren Pferden.

Was wir schon beim Hufe geben biomechanisch falsch machen können

Bent Branderup nennt im Kurs das „Hufe Geben“ als Beispiel. Etwas, das wir alle glauben zu können und dann doch so oft falsch machen, wenn wir es einem Pferd beibringen wollen.

  • Wir ziehen beim Hufe geben ja die Hufe nach hinten, um sie bequem auskratzen zu können
  • Das Hinterbein ist aber biomechanisch eigentlich nicht dafür gemacht sich nach hinten zu bewegen
  • Der Hinterhuf hat ja die Beugerichtung nach vorne.

Wenn wir uns also sofort den Huf des Pferdes schnappen und nach hinten ziehen, vernachlässigen wir die Anatomie des Pferdes. Wenn wir dem Pferd aber erst einmal beibringen den Huf zu heben – nach vorne – und sobald das gut klappt den Weg nach hinten finden um bequem kratzen zu können, wird die Aufgabe dem Pferd verständlicher und logischer sein und es wird sie besser erfüllen können, also bereitwilliger seine Hufe geben.

Ich finde dieses Beispiel besonders eindringlich, weil es sich doch um so etwas Simples und Alltägliches wie das Auskratzen der Hufe eines Pferdes handelt und wir dem Pferd diese Aufgabe einfach oder schwer gestalten können – je nachdem ob wir das Richtige machen. Wenn wir also in Stufen denken in der Ausbildung unseres Pferdes und wissen wie es um die Biomechanik des Pferdes steht, dann macht Ausbildung für unsere Pferde viel mehr Sinn.

Deswegen muss ein guter Ausbilder in Stufen denken. Um bei dem Huf-Beispiel zu bleiben:

  1. Erst müssen wir dem Pferd beibringen den Huf des Hinterbeines in seiner Beugerichtung zu bewegen und heben
  2. Dann könne wir dem Pferd beibringen den Huf nach hinten zu nehmen

Ausbildung ist in der akademischen Reitkunst wie eine Leiter in der man Stufe für Stufe erklimmen muss.

Sie will das Individuum seiner physischen und geistigen Stufe entsprechend ausbilden. Deswegen ist es wichtig, dass wir das Individuum verstehen, um es individuell ausbilden und die Ausbildungsstufen an das einzelne Pferd anpassen können.

Es gibt in der akademischen Reitkunst keine einfachen Hebel oder Knöpfe oder simple Anleitungen. Es gibt nur den Wunsch Wissen anzusammeln um es dann individuell anwenden zu können um dem einzelnen Pferd am besten helfen zu können in der Ausbildung. Egal ob es um die Pferdeseele oder den Pferdekörper geht. Dieser Gedanke ist so unglaublich wahr.

  • Was bei dem einen Pferd funktioniert, wird bei dem anderen nicht funktionieren. Wo das eine Pferd auch bei größeren Reiterfehlern immer noch mit Schwung und aktiver Hinterhand läuft, wird das andere Pferd schon bei kleinsten Verschiebungen oder falschen reiterlichen Signalen aus der Form fallen.
  • Das eine Pferd wird vielleicht mit der Schulter Probleme haben und das andere mit der Hankenbeugung und das Dritte mit seinem Nackenband oder dem Genick. Es ist also folgerichtig und logisch, dass ein gutes Training genau darauf eingeht.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Die akademische Reitkunst will den Menschen das Handwerkszeug vermitteln, damit sie dann individuell auf das Pferd eingehen können, das vor ihnen steht. Das kostet ein bisschen Mühe und auch Leidenschaft und Interesse, aber ich glaube auch, dass es unglaublich viel bringen kann.

Ich sehe während des Kurses vor allem Pferde, die trotz Kandare und anspruchsvollen Lektionen entspannte Gesichtsausdrücke haben und ziemlich viel für ihren Menschen geben. Das liegt auch daran, dass das Pferd in der akademischen Reitkunst als Partner und Schüler betrachtet wird, dem Freude und Motivation bei der Ausbildung vermittelt werden sollen.

Spaß und Perfektion?

Es geht nicht nur um Training, sondern vielmehr um Kommunikation und Partnerschaft und Pferde die zum Strahlen gebracht werden sollen durch feines und fundiertes Training.

Bent Branderup erklärt in groben Zügen wie die Pferdeanatomie funktioniert, was genau Versammlung ist und warum Vorwärts-Abwärts wichtig ist. Ich werde das jetzt alles nicht wirklich wiedergeben. Auch wenn ich fleißig mitgetippt habe. Bent Branderup erklärt es ziemlich gut und logisch, aber gleichzeitig auch sehr gerafft und ich würde dem mit ein paar Zeilen im Artikel nicht gerecht werden.

Am Besten ist es, wenn du einfach selbst einen Kurs besuchst und dir ein paar Bücher dazu kaufst. Jetzt gibt es also eine kurze Zusammenfassung der anatomischen Theorie.

 

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Die Anatomie der Pferde und die akademische Reitkunst

  • Pferde haben ihren Motor hinten. Die Hinterbeine müssen sich nach vorne bewegen. Das ist aber noch lange nicht alles. Wenn sich die Hinterbeine korrekt nach vorne bewegen, bewegt sich das Becken, bewegt sich die Wirbelsäule – DAS ist Schwung! Nicht Energie oder die Schwebephase des Pferdes.
  • Schwung wiederum ist Voraussetzung für Takt. Und ein taktreines Pferd wollen wir ja gerne haben.
  • Im Idealfall reiten wir unsere Pferde vorwärts. Das bedeutet in der akademischen Reitkunst aber nicht, dass sie durchs Gelände rasen. Dabei geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um gesunde Bewegungen.

Die Gelenke sollen sich beugen und das Pferd soll den Hinterfuß nach vorne unter den Bauch setzen. Dann geht das Pferd weich an die Hand und schwingt. Wenn das alles so nicht klappt, nützt es nichts hinten zu treiben und vorne zu halten – wie es ja immer gerne gepredigt wird in vielen Reitschulen. Dann „bestraft“ der Reiter nur das Maul für etwas, für das es nichts kann. 

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INFO: Warum die Kandare mit Kappzaum? Bent Branderup erklärt auch warum die Kandare in der akademischen Reitkunst verwendet wird und vor allem wie sie genutzt wird. Die akademische Reitkunst nutzt die Kandare im Sinne der alten Meister, um das Kiefergelenk beeinflussen zu können und damit die Kopfhaltung für ein feineres Abstimmen der Kopfstellung und damit des Halses.

Die alten Meister sagten zur Nutzung der Kandare, dass der Reiter leicht bleiben solle und mit leicht durchhängendem Zügel reiten solle. Ich persönlich mag die Kandare ja nicht. Aber ich muss zugestehen, dass nahezu alle gerittenen Pferde im Kurs sehr fein und entspannt mit der Kandare laufen.

Die Reise zum Schwung fängt beim Hinterhuf an. Dafür muss das Pferd richtig ausgebildet werden. Erst am Boden, dann im Sattel. Das ist zumindest der Weg der akademischen Reitkunst. Es geht darum zu verstehen, wie die Wirbelsäule des individuellen Pferdes beschaffen ist, um es dann so zu trainieren, dass es mit freier Schulter und aktiver Hinterhand laufen kann.

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Die wichtigsten Schritte zur mehr Schwung und Versammlung

Ich versuche dir jetzt mal die ersten Schritte so knapp wie möglich zusammenzufassen. Natürlich ist es in der Realität nicht ganz so einfach und jedes Pferd ist auch ein bisschen anders. Was das eine kann, kann das andere nicht so gut und wo das Eine mehr körperlichen Spielraum hat, bis es sich verwirft oder Schiefen beim Training entwickelt, wird es das Andere leichter haben und weniger Rahmen brauchen. Training ist also etwas zutiefst Individuelles.

In der akademischen Reitkunst startet alles am Boden. Dem Pferd sollen die Hilfen und die richtigen Bewegungen am Boden auf Augenhöhe vermittelt werden, um sie dann vom Sattel aus abrufen zu können. Im Theorieteil und auch im Praxisteil geht es anschließend auch sehr intensiv um das korrekte Reiten. Damit es aber nicht zu kompliziert wird bleibe ich im Artikel jetzt bei der Bodenarbeit.

Schwung und Versammlung vom Boden aus entwickeln

Es gibt durchaus verschiedene Schritte oder auch Stufen in der akademischen Leiter, die du der Reihe nach erklimmen kannst. Das ist ein bisschen wie ein roter Faden für mich, an dem man sich festhalten kann. Trotzdem muss man jede einzelne Stufe individuell betrachten. Hier beschreibe ich dir jetzt die ersten Stufen für den Einstieg, damit du dir ein erstes Bild machen kannst. Die akademische Leiter endet dann irgendwo bei Piaffe und Passage und andere komplizierteren Lektionen. Das hier ist nur der Einstieg:

  • Vorwärts-Abwärts im Stehen: Du trainierst das Vorwärts-Abwärts mit deinem Pferd, damit dem Pferd die Bewegung nach Vorne und die Dehnung des Halses plausibel wird. Das Ganze sollte freiwillig passieren – das Pferd sollte sich in deine Hände begeben. Wenn du den Kappzaum nimmst und das Pferd nach unten zerrst, wird es Gegenziehen und die falschen Muskeln anspannen. Dann hast du kein Vorwärts abwärts sondern verkrampfte Muskeln und nur bei einem entspannten Pferd kann der Schwung sich irgendwann durch en ganzen Körper durchbewegen:
    • PHYSIOLOGISCH: Das Pferd soll sich ja entspannen und dadurch den Rücken entspannen, damit die restliche Muskulatur richtig einsetzen kann
    • PSYCHOLOGISCH: Ein gestresstes Pferd ist nicht dazu bereit loszulassen. Ein Pferd, das sich fürchtet hat die Augen gerne weit oben für den Überblick. Dein Pferd soll sich aber entspannen und Verantwortung abgeben.

Deswegen: Nimm am Besten ein Leckerli und zeige deinem Pferd so den Weg nach unten. Bent Branderups Frau hat einem Pferd das Vorwärts-Abwärts zum Beispiel beigebracht, indem sie es auf Gras longiert hat. Es durfte Fressen und wurde dann 1-2 Schritte vorwärts geschickt, dann durfte es wieder Fressen. So hat es gelernt über den Rücken zu gehen und sich vorwärts abwärts zu dehnen.

  • Die Stellung: Wenn dein Pferd gelernt hat sich nach vorne zu strecken und dehnen, kannst du mit der Stellung anfangen. Du brauchst für die Stellung ja ein bisschen Ganaschenfreiheit und die hast du je nach Pferd nur, wenn es sich auch nach vorne dehnen kann.
  • Die Parade: Wenn du das Vorwärts-Abwärts und die Stellung mit deinem Pferd hinbekommst, kommt der nächste Schritt. Gewichtsverlagerung und Bewegung durch den Pferdekörper durch (Durchlässigkeit) mit der Parade und dann in der Bewegung:
    • Die Parade: Dein Pferd hat einen eigenen Schwerpunkt. Aber im Idealfall ist er irgendwann dort, wo du auf dem Rücken deines Pferdes sitzt. Und genau darunter sollte dein Pferd mit seinem Hinterbein auffußen. HIER kannst du bei Anna Eichinger in ihrem Blog mehr zur Parade lesen
    • In Bewegung: Prüfen ob dein Pferd korrekt läuft kannst du übrigens in etwa, in dem du dir die Nase deines Pferdes und sein Vorderbein ansiehst. Das Vorderbein deines Pferdes muss dort auffußen, wo die Nase hinzeigt. Parallel zur Wirbelsäule und parallel zum Hals.

Die Parade: Das kannst du am Boden schonmal üben, in dem du deinem Pferd zeigst, wie es seinen Schwerpunkt nach hinten verlagern kann. Egal wo der Balancepunkt des Pferdes sitzt, können wir dem Pferd sagen, dass es seinen Schwerpunkt etwas verlagern soll – solange bis wir sehen, dass die Wirbelsäule mitarbeitet.

So kann das Pferd dann später auch vom Sattel aus lernen seinen Schwerpunkt auf Gewichtsverlagerung nach hinten zu verschieben. Die Parade sollte durch den ganzen Körper gehen. Das Gefühl der Parade ist ein Gefühl der Abwesenheit jeden Widerstandes, erklärt Bent Branderup im Kurs. Ist dieses Gefühl nicht da, müssen wir analysieren, wo das Problem liegt.

  • Das Ganze in Bewegung bringen: Ab jetzt wird es richtig kompliziert. Jetzt startest du in die Bewegung und übst mit deinem Pferd die Grundgangarten. Dein Pferd sollte natürlich keine Schiefen entwickeln in der Bewegung und muss an den richtigen Stellen korrigiert und mit Energie in die richtige Richtung bestätigt werden, damit es lernt auch in der Bewegung gerade gerichtet, mit freier Schulter und aktiver Hinterhand zu laufen.
    • Das Ideal: Wenn der Hinterhuf sauber auffußt, geht die ganze Bewegung gerade durch das Pferd durch. Der Hinterhuf muss korrekt unter den Schwerpunkt des Pferdes treten. Das geht aber nur wenn der ganze Körper mitspielt und die Bewegung von hinten nach vorne durch die ganze Wirbelsäule durchschwingen kann.
    • Das erreichst du durch gymnastizierende Übungen wie Schulterherein und Kruppeherein, dann Travers und Renvers.
  • Das Ganze machst du der Reihe nach in verschiedenen Führpositionen und dann in den verschiedenen Gangarten:
    • Erst rückwärts vor dem Pferd herlaufend
    • Dann neben dem Pferd laufend
    • Dann Seitwärts in einer Longenposition
    • Dann leicht versetzt hinter dem Pferd mit dem Langzügel

So, das war jetzt mal die Basis. Aber letztlich musst du dann je nach Pferd entscheiden in welcher Reihenfolge du vorgehst und wie du vorgehst.

Ein Beispiel: Bei einem ungeduldigen Pferd musst du das Vorwärts-Abwärts vielleicht auch gleich in der Bewegung schulen, weil sich dein Pferd im Stehen nicht entspannen kann.

Ganz wichtig: Eine Hilfe kann man erst Hilfe nennen, wenn sie geholfen hat – sonst ist sie eine Dauerkrücke, sagt Bent Branderup. Eine Hilfe musst du also so einsetzen, dass sie dem individuellen Pferd helfen kann und dann wieder ausgesetzt werden kann. Sie sollte nicht dauerhaft stattfinden.

Training ist Kommunikation

Die akademische Reitkunst begreift Training als Kommunikation. Die Übungen werden gemeinsam mit dem Pferd entwickelt. Nur wenn dein Pferd versteht, was du willst und wie es ihm hilft sich selbst besser zu tragen wird es wirklich lernen und mitarbeiten wollen.

Erfolgreich ist das Training erst dann in den Augen der akademischen Reitkunst, wenn das Pferd schön über den Rücken läuft, eine freie Schulter hat und eine aktive Hinterhand. Die Kunst ist, so zu trainieren, dass das Pferd nacheinander alles beherrscht und motiviert mitarbeitet.

“Der Pferdekörper muss es umsetzen – der Geist muss wollen. Wir haben nur Mitteilungen von einem Intelligenzwesen zu einem anderen Intelligenzwesen und müssen schauen, wie das Pferd unsere Mitteilungen interpretiert. Es gibt keine Hebel!”
(Bent Branderup)

Der Mensch kann nur bitten und das Pferd kann nur antworten. Gutes Training muss dort starten, wo wir die Fähigkeiten eines Individuums fördern können und das Pferd im Grunde „da abholen“ wo es steht. Dieser Gedanke ist so einfach und so wahr.

„Wir schicken dem Pferd eine Frage und das Pferd interpretiert unsere Frage, gibt uns anschließend eine Antwort. Wir müssen lesen, was das Pferd interpretiert hat.“ (Bent Branderup)

Bent Branderup Kurs akademische Reitkunst

Die Seele des Pferdes ist Teil des Trainings: Bent Branderup betont immer wieder wie wichtig Zeit und Geduld sind. Das Pferd muss erst Entspannung finden, bevor die Übungen durchgeführt werden können.

Deswegen ist die Beziehungspflege auch der Anfang von allem. Nur wenn eine Beziehung besteht, kann Vertrauen wachsen und nur dann können die Übungen wirklich gelehrt und nicht nur dressiert werden.

All diese Gedanken haben mir unglaubliche Freude vermittelt und ich kann sie komplett unterschreiben. Ich mag auch die akribische Auseinandersetzung mit der Biomechanik. Kann aber zum Beispiel mit dem Gedanken einer Ritterschaft und des Wappenträgerdaseins nicht so viel anfangen. Ich bin aber vermutlich einfach kein Mensch, der sich einer Theorie oder Trainingsidee komplett verschreiben will. Ich begreife die verschiedenen Ansätze als mehr oder weniger spannende Werkzeuge für mich. Einige landen in meinem Werkzeugkoffer, andere nicht.

Manchmal geht mir bei all der Liebe und Leidenschaft zum anatomisch perfekten Detail im Kurs der Hinweis auf den Spaß und die Freude verloren, die man miteinander haben kann, wenn man einfach nur spielt, lockerlässt und mal im Schlurfschritt durch die Gegend läuft. Schwung, Versammlung und Anatomie sind sicher unglaublich wichtig und richtig, aber der Spaß darf dabei nicht zu kurz kommen, finde ich. Letztlich kommt es am Ende natürlich darauf an, was man selbst daraus macht. Für mich klingt die akademische Reitkunst hochspannend und wie etwas, das Teil meines persönlichen Werkzeugkoffers werden könnte und ich will mich jetzt mehr damit beschäftigen.

Mehr zum Thema Pädagogik und wie du ein guter Lehrer für dein Pferd und seine Seele sein kannst – erfährst du dann im zweiten Teil des Kursberichtes nächsten Donnerstag

HIER gibt es übrigens den ersten von mehreren Bänden über die akademische Reitkunst. Beim ersten Band dreht sich alles um die Beziehungspflege und feine Kommunikation mit dem Pferd

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10 Kommentare zu “Gesund und Motiviert? Was die akademische Reitkunst für dein Pferd tun kann

  1. Miriam sagt:

    Liebe Petra,
    ich mag die Ansichten von Bent Branderup sehr gerne. Das Theme mit den kleinen Schritten und Stufen habe ich mit dem Clickertraining sowieso. Darauf basiert dieses Trainingskonzept ja.
    Aber mir ist es ehrlich gesagt auch manchmal zu verkopft und zu wenig spontan und freudig. Ich sehe das Zusammensein mit meinen Minis immer eher als Spielstunde und der Spaß und die Freude stehen bei mir ehrlich gesagt auch über der Biomechanik. Nicht, dass ich Übungen mache, die ihnen schaden würden, aber ich mache keine Übungen, die keinen Spaß machen und nur der Gesunderhaltung dienen. Keine Ahnung ob man jetzt versteht was ich meine.
    Spannend fand ich deinen Kursbericht trotzdem und freu mich schon auf den zweiten Teil.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Miriam, tatsächlich hat Bent Branderup mich auch sehr positiv überrascht. Ich weiß genau, was du meinst. Die Minis werden ja auch nie geritten, da ist das nochmal was anderes finde ich. Wobei ich ganz bei dir bin, dass der Spaß immer an erster Stelle stehen sollte 🙂 Ganz liebe Grüße, Petra

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Simone, wie lieb – ich werde noch rot. Danke dir vielmals und liebe Grüße, Petra

  2. Nina sagt:

    Hi Petra!
    Nachdem ich mich nun jahrelang in die Akademische Reitkunst rein gearbeitet habe, tut es gut, so etwas wie deinen Bericht zu lesen-der ja auch mit etwas Abstand dazu geschrieben ist. Mir hat der Artikel Freude gemacht, weil genau das heraus gearbeitet wurde, was mir auch so gut gefällt an dem Thema. Und ja: gut, dass du sagst, dass man noch viel tiefer sich reinarbeiten kann. Und auch sehr positiv, dass du überlegt hast, wie es zu dir passt und was du davon gebrauchen kannst..
    irgendwie sollte es doch für jeden erfahrenen Pferdemenschen selbstverständlich sein, dass er sich nicht übertünchen lässt von Methode xy. Immer sich selber bleiben, immer wieder den Blick individuell aufs Pferd und die jeweilige Situation richten..
    Bin auch gespannt auf weitere Artikel von dir dazu. 😊

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Nina, danke dir für deinen wunderschönen Kommentar. Da triffst du etwas auf den Punkt: Bei aller Faszination zu verschiedenen Trainern oder Idee, muss man doch immer man selbst bleiben. Das ist so wahr. Ganz liebe Grüße, Petra

  3. Vanessa sagt:

    Hallo liebe Petra,

    danke für diesen tollen Bericht!
    Erst vor wenigen Tagen war ich zur Öffentlichen Morgenarbeit meiner Reitlehrerin, die sich selbstständig machte und jetzt nach diesem akademischen Ansatz arbeitet und mehrmal bei Bent zum Kurs war. Ich fand ihre Arbeit und das Training mit ihren drei Islandpferden so unheimlich toll und inspirierend! Dieser Ansatz des gesunden Trainings ohne Zwang und mit Spaß ist genau das, was für mich in der gesamten Arbeit mit den Pferden wichtig ist.
    Und da kam mir in den Sinn, dass ich hier doch schon mal den Namen Bent Branderup gelesen hatte 😉

    Nächste Woche habe ich dann die erste Unterrichtsstunde in Sachen akademische Bodenarbeit mit ihr und freue mich schon unheimlich auf das Training.

    Liebe Grüße
    Vanessa

    • Petra sagt:

      Hallo liebe Vanessa, dann bin ich mal gespannt, wie du deine eigene Bodenarbeitsstunde findest. Ich glaube, dass die akademische Reitkunst viel Gutes für das Pferd machen kann, wenn man ihr nicht zu sklavisch und ernst folgt 🙂 Ich wünsche euch also ganz viel Spaß und schicke liebe Grüße, Petra

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