Nahaufnahme eines braunen Pferdekopfes mit Fokus auf das Auge

Nervöses Pferd – Verblüffende Tipps für mehr Gelassenheit

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Der ganze Artikel für dich auf einen Blick

Kennst du das? Wenn Pferde scheinbar grundlos immer unter Strom stehen? Jede Veränderung, jedes Geräusch, jeder vorbeihuschende Radfahrer stresst dein Pferd? Beim Reiten oder der Bodenarbeit fällt es schnell aus dem Rahmen. Situationen, die viele Pferde ganz selbstverständlich mit Ruhe und Gelassenheit meistern, werden für dein nervöses Pferd manchmal fast zur unlösbaren Aufgabe.

Viele Faktoren beeinflussen das Wesen und den Charakter eines Pferdes: Zucht, Rasse, Haltung, der Umgang mit dem Tier und so weiter. Es gibt natürlich spannigere und ruhigere, extrovertiertere und introvertiertere, selbstbewusstere und ängstlichere Pferdepersönlichkeiten. Je besser das Vertrauen zum Menschen, je mehr Lebenserfahrung und Selbstwert die Pferde sammeln können, je besser beide Gehirnhälften vernetzt sind und sie gelernt haben ihren Fluchtreflexen nicht immer gleich zu folgen, sondern erst einmal kurz zu denken oder sich an ihrem Menschen zu orientieren – desto gelassener können auch die sensibleren Exemplare mit der Zeit werden.

ABER: Bei besonders nervösen Pferden, die scheinbar nie zur Ruhe kommen und unter ständiger Anspannung stehen, kann ein ganz besonderes Persönlichkeitsmerkmal eine Rolle spielen: Hochsensibilität bei Pferden.

Darüber wollen wir in diesem Artikel reden. 

Ideen für ein nervöses Pferd

Außerdem bekommst du natürlich praktische Tipps und Infos, wie du deinem Pferd aus dem Stress helfen und grundsätzlich an mehr Entspannung arbeiten kannst – egal, ob dir die gleich beschriebenen Symptome bekannt vorkommen, vielleicht sogar auf dein Pferd zutreffen oder auch nicht.

Denn auch bei nervösen Pferden helfen all die Ideen und Tipps, die bei hochsensiblen Pferden besonders greifen. Der Artikel ist also genau richtig für dich, wenn dir einige der anfangs beschriebenen Verhaltensweisen bekannt vorkommen, er ist aber auch etwas für dich, wenn dein Pferd vielleicht nicht "hochsensibel", aber trotzdem ein nervöser Charakter ist. 

Aber lass dir erst einmal erklären, was Hochsensibilität eigentlich ist, wie du erkennst, ob das ein Thema deines Pferdes ist und wie du deinem Pferd zu mehr Gelassenheit und Entspannung verhelfen kannst. Die Tipps und Gedanken können dir aber auch bei deinem „normalen“ leicht nervösen Pferdeexemplar helfen.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität beschreibt ein besonderes Temperament und ist ein Überbegriff für eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen.

Den Begriff hat die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron in den 90er Jahren geprägt.

Sie hat viele Fallbeispiele gesammelt von Menschen, die sich in bislang noch keine Kategorie einordnen ließen und dennoch alle sehr ähnliche Wesensmerkmale aufzeigten.

Kurz zusammen gefasst kann man von vier großen Bereichen sprechen:

  • Verarbeitungstiefe: Innere und äußere Reize werden von hochsensiblen Menschen besonders stark wahrgenommen
  • Sinnessensibilität: Durch die besondere Wahrnehmungsfähigkeit erfassen hochsensible Menschen jedes Detail
  • Übererregbarkeit: Das Nervensystem eines hochsensiblen Menschen ist wegen der Flut an Eindrücken schneller überreizt
  • Emotionale Intensität: Negative und positive Empfindungen werden sehr stark wahrgenommen. Ein hochsensibler Mensch kann extrem empfindlich sein, kann aber auch ganz intensiv genießen.
Nervöses Pferd - Verblüffende Tipps für mehr Gelassenheit 1

Okay, jetzt weißt du, was die Psychologie bei Menschen sagt. Aber wir können immer wieder Themen aus der menschlichen Psychologie auch auf die Pferde übertragen, wie beispielsweise bei der Technik des „Embodiment für Pferde“.

Auch da wurde ein Thema aus der menschlichen Psychologie erfolgreich auf die Welt der Pferde übertragen und hat schon vielen glücklichen Pferdebesitzern dabei geholfen ihr Pferd besser zu verstehen und erfolgreicheres Training zu erreichen.

Kommen wir zu den Pferden. Vielleicht fragst du dich jetzt, was das Ganze mit Pferden zu tun haben soll?

Hochsensibilität bei Pferden?

Man geht davon aus, dass ca. 20% der Menschen hochsensibel sind. Das sind gar nicht so wenige. Bei einem so hohen Vorkommen liegt es nahe darüber nachzudenken, warum die Natur sich diese „Sondervariante“ ausgedacht hat.

Drehen wir die Zeit einmal zurück und betrachten das Leben unserer Vorfahren, dann stellen wir fest, dass das Zusammenleben der Menschen ähnlich zu dem unserer Pferde war: Wir lebten im Clan, so wie die Pferde in der Herde leben.

Genau wie bei den Pferden hat im Clan jeder Mensch eine besondere Aufgabe. Jeder trug seinen Teil zur Stabilität und dem Überleben der Gruppe bei. Es gab die mutigen Krieger, die als erste neue Jagdgebiete erkundeten. Es gab Mitglieder, die für Harmonie und Frieden sorgten. Und es war überlebensnotwendig, dass es einen Teil von besonders feinfühligen und aufmerksamen Menschen gab, die Gefahren sprichwörtlich riechen konnten.

Wenn es nun so viele hochsensible Menschen mit besonders ausgeprägten Sinneswahrnehmungen gibt, dann ist es doch naheliegend davon auszugehen, dass dies auch für Tiere gilt?

Genau wie im Clan der Menschen nehmen auch Pferde in ihrer Herde verschiedene Rollen ein. Es gibt die Herdenchefs, die Beobachter und Späher oder die Integrationshelfer oder emphatischeren verspielten Pferde und und und. Gerade bei Pferden als Flucht- und Beutetieren ist es sinnvoll Exemplare in der Herde zu haben, die besonders schnell wahrnehmen, wenn Gefahr droht oder sich etwas in der Umgebung verändert.

Pferdeherde

Wie äußert sich Hochsensibilität bei Pferden?

Obwohl das Thema Hochsensibilität in den letzten Jahren deutlich bekannter wurde, steckt die Forschung in der menschlichen Psychologie dazu immer noch in den Kinderschuhen. Bei Tieren gibt es auf diesem Gebiet keine wissenschaftlichen Studien. Es gibt ein paar wenige Berichte über hochsensible Hunde, aber kaum öffentlich zugängliche Informationen über hochsensible Pferde.

Warum eigentlich? Weil unsere Pferde abends nicht mit uns auf der Couch liegen oder sie nicht in unserem Haus wohnen? Natürlich lassen sich die für Menschen definierten Persönlichkeitsmerkmale nicht 1:1 auf Pferde übertragen, aber es gibt dennoch einige Parallelen.

Merkmale, die auf ein hochsensibles Pferd zutreffen können

Starker Stress bei der Veränderung der Umgebung: Stallwechsel, Fahrt auf Turniere, Wanderritte etc.

Auffällige Unruhe/Unwohlsein bei Wetterumschwung: Wind, starker Regen, heißem oder sehr kaltem Wetter

Das Pferd reagiert besonders stark auf körperliche Reize und damit auch auf die reiterlichen Hilfen

Angst vor einer bestimmten Umgebung: Stallgasse, Reithalle, schmale Gänge

Das Pferd reagiert übermäßig stark auf die Gefühle seines Besitzers (geht es dem Mensch schlecht oder ist er verunsichert, lässt das Pferd sich sofort mitreißen)

ständiges Ausschau halten am Koppelzaun. Jeder Spaziergänger in 2 km Entfernung muss beobachtet werden

Das Pferd kommt seltener in eine Ruhephase, legt sich nur hin, wenn es sich absolut sicher fühlt

Das Pferd ist sehr nervös und scheint ständig unter Strom zu stehen

Zwei entspannte braune Pferde auf der Weideweißes Pferd auf der Koppel schaut aufmerksam geradeaus

Die Liste könnte man noch lange weiterführen, aber ich denke die Punkte reichen aus um zu verdeutlichen was ich meine.

Sicher gibt es einige Pferde, die sich anfangs vor der Stallgasse fürchten und bestimmt läuft nicht jedes Pferd sofort gelassen in eine neue Reithalle. Das hat nicht gleich zu bedeuten, dass das Pferd hochsensibel ist. Genauso gibt es Pferde die aufmerksamer sind oder für die die Beziehung zu ihrem Menschen wichtiger ist als für andere. Nicht jede Auffälligkeit macht ein Pferd zu einem hochsensiblen Pferd.

Grundlegend musst du dir natürlich immer die Frage stellen, ob dein Pferd wirklich hochsensibel ist oder einfach nur einen nervösen Charakter hat.

Letztlich spielt das für den Umgang keine so große Rolle, denn auch deinem nervösen Pferd helfen Empathie, Kleinschrittigkeit, Ruhe und Gelassenheit sowie Futtertipps und all die anderen Tipps, die du gleich noch für den Umgang bekommst.

Wenn man das Pferd aber mal im Ganzen betrachtet, macht es die Summe der Auffälligkeiten aus und die Charakterzüge, die besonders hervorstechen und an denen du vielleicht erkennen kannst, ob dein Pferd hochsensibel sein könnte.

  • Habe ich ein Pferd, dass sich nach dem hundertsten mal immer noch nicht in der Stallgasse anbinden lassen will?
  • Hat mein Pferd nach über einem Jahr Training immer noch Angst in die Halle zu gehen?
  • Hat mein Pferd eine scheinbar sichere Umgebung, ist gut in die Herde eingebunden und steht trotzdem häufiger als alle anderen am Koppelzaun und ist immer das erste Pferd, das merkt wenn sich etwas tut?

Nicht alle Merkmale müssen zutreffen, denn wie auch beim Menschen ist die besondere Wahrnehmungsfähigkeit sicher ganz unterschiedlich ausgeprägt. Das eine Pferd ist vielleicht nicht besonders Hitze – oder kälteempfindlich, dafür hasst es jede Art von Druck am Bauch oder am Kopf.

Nervöses Pferd - Wie gehe ich damit am besten um?

Vielleicht hast du in den bisherigen Beschreibungen dein eigenes oder dein Pflegepferd wieder erkannt? Angesichts der Liste von Auffälligkeiten stellt sich die Frage: Was mache ich jetzt mit dieser Information und wie gehe ich nun mit einem hochsensiblen Pferd um?

Ich denke der wichtigste Schritt ist das Annehmen der Besonderheiten des Pferdes. Aber die Hochsensibilität soll und darf nicht als Ausrede oder Entschuldigung für alles dienen. Auch ein hochsensibles Pferd muss bestimmte Regeln einfach kennen und achten.

Ich möchte als Besitzer nicht angerempelt oder umgerannt werden, weil mein Pferd mit seiner Aufmerksamkeit überall, nur nicht bei mir ist.

Aber das Wissen um diese besondere Ausprägung der Sinneswahrnehmungen kann uns als Besitzern helfen unsere Pferde besser zu verstehen und uns den Frust darüber nehmen, dass manche Dinge, die andere Pferde spielend schaffen, für unser Pferd eine große Herausforderung darstellen.

Du solltest dich frei machen von Sätzen wie „der Gaul ist schlecht erzogen, der muss das doch können“ oder „der soll sich nicht so anstellen“. Wenn du dir etwas vorgenommen hast, eine Übung oder eine Lektion und ihr steckt immer wieder fest, weil dein Pferd sich nicht darauf einlassen kann, dann können dir vielleicht folgende Fragen helfen:

  • Hat sich in den letzten Tagen etwas verändert? Ein neues Pferd ist in die Herde gekommen, auf dem Hof parken die Autos anders als sonst, der Misthaufen wurde abgetragen und so weiter.
  • Sitzt die Ausrüstung richtig und kann dein Pferd sie gut annehmen? Ein Bauchgurt der scheuert oder eine Trense die zwickt können ein hochsensibles Pferd in den Wahnsinn treiben und es wird ihm nicht möglich sein sich auf dich und die Übung zu konzentrieren
  • Hat dein Pferd Probleme mit dem Gebiss? Hier lohnt es sich zeitweise auf gebisslose Alternativen umzusteigen um zu sehen, ob dein Pferd damit besser klar kommt. Eine wunderschöne Auswahl an feinen gebisslosen Zäumungen findest du HIER
  • Bist du selbst gerade angespannt oder aufgeregt, nicht ganz bei der Sache und hängst noch irgend welchen Gedanken hinterher. Pferde spüren sofort, wenn wir mental nicht bei ihnen sind, ein hochsensibles Pferd umso mehr

Es kann wirklich anstrengend sein zu erleben wie scheinbar einfache Dinge dein Pferd ständig überfordern. Lass dich nicht entmutigen. Ich verrate dir einige Tipps und Übungen, die dir dabei helfen dein Pferd zu mehr Gelassenheit zu verhelfen – egal ob es hochsensibel ist oder einfach nur ein grundlegend nervöseres Exemplar.

Steigendes Pferd auf dem Reitplatz

4 geniale Tipps und Übungen für nervöse Pferde

TIPP 1: Entspannung finden

Wenn du spürst, dann du selbst angespannt und nervös bist, versuche deine eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen. Die beste und schnellste Möglichkeit ist ganz bewusst langsam ein und auszuatmen. Es hilft auch sich für einen Moment ganz bewusst auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Deine wiedergewonnene Ruhe wird es deinem Pferd leichter machen zur Ruhe zu kommen. Einen ganz tollen Beitrag mit vielen wertvollen Tipps für mehr Gelassenheit für Pferd und Reiter findest du HIER

 

TIPP 2: Kleinschrittig trainieren

Arbeite in kleinen Schritten und freue dich über jeden Erfolg. Dein Pferd hat Angst vor der Halle? Dann kann dein Ziel sein, dein Pferd jeden Tag in die Halle zu führen und einfach eine Runde zu laufen. Hat es das geschafft und wird langsam ruhiger ist das schon viel wert. Es muss nicht eine Stunde konzentriert Bodenarbeit oder eine besondere Dressurleistung vollbringen bevor du zufrieden sein kannst. Vielleicht schafft ihr es anfangs gar nicht in die Halle sondern nur an den Eingang. Das ist okay und jedes Pferd kommt in seinem eigenen Tempo voran.

TIPP 3: FÜTTERUNG

Spezielle Kräutermischungen mit beruhigenden Pflanzen können deinem Pferd auch helfen mehr innere Balance und Ausgeglichenheit zu finden. Eine schöne Mischung findest du HIER

TIPP 4: Selbstvertrauen 

Stärke das Körpergefühl und Selbstvertrauen deines Pferdes. Die Pferdetrainerin Hero Merkel hat hierfür eine absolut geniale Methode entwickelt die dir hilft die Gefühlswelt deines Pferdes besser zu verstehen und die Gefühle deines Pferdes durch das Training positiv zu beeinflussen. Hier kannst du mehr dazu erfahren:

 

Hochsensibilität als Fluch oder Segen?

Jeder der schon einmal mit einem besonders sensiblen Pferd zu tun hatte weiß, wie anstrengend das sein kann. Obwohl die Liste der „Handicaps“ lang zu sein scheint, bringt diese Charaktereigenschaft auch viele Vorteile mit sich:

  • Hochsensible Pferde verbinden sich oft sehr intensiv mit „ihrem“ Menschen. Sie möchten gefallen, mitarbeiten und freuen sich auf die Zusammenarbeit mit dem Mensch.
  • Sie sind unglaublich fein in ihrer Wahrnehmung, auch was die Signale des Reiters angeht. Jede noch so feine Hilfe wird von ihnen wahrgenommen und es scheint, als könne man diese Pferde einfach mithilfe von Gedanken lenken
  • Sie sind oft sehr neugierig, lern- und arbeitswillig
  • Sie formen unsere Persönlichkeit als Mensch besonders intensiv, weil sie uns abverlangen, dass wir an uns arbeiten
  • Sie sind wichtiger Bestandteil ihrer Herde. Durch ihre Aufmerksamkeit können sich die anderen Pferde sicher fühlen, damit leisten sie einen wichtigen Beitrag innerhalb der Herde

Noch ein Wort zur Forschung

Das Thema Hochsensibilität hat in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen. Leider gibt es nach wie vor recht wenige Studien und nur wenige Psychologen forschen auf diesem Gebiet. Speziell zum Thema Hochsensibilität bei Tieren oder gezielt Pferden gibt es nahezu keine wissenschaftliche Untersuchungen.

Darum möchte ich an dieser Stelle darauf verweisen, dass meine Ausführungen auf Erfahrungswerten beruhen. Natürlich hoffe ich trotzdem, dass der ein oder andere Hinweis deinem Pferd und dir weiterhelfen kann und vielleicht die Frage beantworten kann, warum dein Pferd so viel feinfühliger und sensibler ist als andere.

Sarah und Winni

Mit Pferden Zeit zu verbringen bedeutet für mich hautpsächlich, einfühlsame wunderbare Wesen um mich zu haben, die mich immer wieder ins Hier und Jetzt holen.

Sie lehren mich mehr als jeder Yoga Kurs oder Personal Coach achtsam und dankbar zu sein. Durch sie bin ich zu der wunderbaren Tätigkeit der Hufbearbeitung gekommen.

Die Hufe unserer Pferde verdienen unsere allergrößte Anerkennung, denn sie tragen unsere Pferde durchs Leben. Hufe wollen geliebt werden.

Sarah und Winni

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Kommentare (1)

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