Puschelfüße! Ramsnase! Shire Horses sind die größten Pferderasse der Welt. Der Rekordhalter in Sachen Stockmaß lebte im 19. Jahrhundert und wurde mit 2,19 Meter gemessen! Doch Shire Horses sind nicht nur die Größten unter den Pferden, sie sind “Gentle Giants” – “sanfte Riesen”. Ihr cooles Temperament macht sie zu einem gelassenen Partner für Freizeitreiter. Und durch ihre ausgewogenen Proportionen sehen sie auch nicht wirklich aus wie ein Kaltblut – eher wie ein zu groß gewachsenes Warmblut.

 

Shire Horses – die sanften Riesen aus England

Shire Horses sind eigentlich unverkennbar. Durch ihre beeindruckende Größe, ihren doch eleganten Körperbau und den charakteristischen Behang.

  • Shire Horses sind haben eine durchschnittliche Widerristhöhe von 178 Zentimetern. Das Mindeststockmaß von Hengsten und Wallachen liegt bei 168 cm, Stuten müssen mindestens 163 cm hoch sein.
  • Die Riesen unter den Pferden wiegen zwischen 800 und 1200 Kilogramm.
  • Shire Horses sind meistens Braune oder Dunkelbraune – es gibt sie aber auch als Rappen und Schimmel. Füchse und Stichelhaarige sind bei den Hengsten nicht erlaubt. Typisch für die Pferderasse aus England sind ihre auffälligen und großen Abzeichen: Viele Shire Horses haben eine lange, breite Blesse und weiß gestiefelte Beine. Auch weiße Flecken im Bauchbereich sind möglich.

Früher war der lange Kötenbehang an den Beinen, der ein bisschen wie eine Schlaghose schon bei den Kapal- beziehungsweise Sprunggelenken ansetzte, eines der wichtigen Zuchtmerkmale. Feathers – Federn – werden diese Haare genannt. In der modernen Zucht fällt der Behang etwas weniger aus. Seidig, fein, reinweiß und bitte nicht gelockt soll er sein. Auch Mähne und Schweif sind dick und voluminös.

Körperbau und Bewegungen

Shire Horses sind besondere Kaltblüter. Ihr Kopf hat meist eine Ramsnase, er ist lang, schlank und passt zum Körper. Die Kehle darf nicht zu wuchtig sein und der Hals ist nicht wie bei anderen Kaltblütern kurz, sondern lang, gut angesetzt und schön gewölbt.

Der Züchter wünscht sich große, auseinanderliegende Augen mit einem sanften, gelehrigen Ausdruck. Die Lippen sollen geschlossen aufeinander liegen und nicht schlabbern. Die Ohren sind lang und schlank.

Shire Horses haben tiefe und schräge Schultern, die breit genug sind, um einem Kummet Platz zu bieten. Der Widerrist ist flach, der Rücken kurz, kräftig und muskulös.

Die Vorderbeine sollen gut unter den Körper gesetzt, gerade und muskulös mit klaren Gelenken sein. Die Hinterhand darf rund, breit und lang ausfallen mit gut bemuskelten Oberschenkeln. Die Sprungelenke dürfen nicht zu rückständig ausfallen, sie sollen tief sein und richtig gewinkelt. Der Schweif ist hoch angesetzt. Die Hufe sind fest, rund und breit mit dicken Hufwänden und einem harten Kronrand.

Auch wenn bei der Größe gern mal nach oben zugegeben wird: Das größte Shire Horse war wohl der Wallach Sampson (auch Mammoth genannt), der in der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte. Er hatte ein Stoßmaß von 2,19 und soll 1524 Kilo gewogen haben. Das aktuell größte Shire Horse – der Hengst Noddy aus Australien – ist 2,05 Meter hoch und 1500 Kilogramm schwer.

Da ist Zug drauf!

Anders als viele Kaltblutrassen besitzt das Shire Horse keinen gedrungenen Körperbau und ist auch nicht übermäßig stark bemuskelt. In seinen Proportionen – langer Hals, lange Beine, quadratischer Körper – erinnert es sogar eher an ein Warmblut. Legendär waren und sind diese Großpferde für ihre immense Zugkraft. Sie ergibt sich aber nicht aus der Muskelmasse, sondern dem langgliedrigen Körperbau und den physikalischen Hebeln, die sie deswegen nutzen können. Eine Anekdote besagt, dass man einen Wagen mit knapp 20 Tonnen Gewicht mit zwei der Pferde in Bewegung setzen wollte. Doch schon das erste zog ihn beim Anspannen allein – auf nassem Kopfsteinpflaster.

Groß, aber im Verhältnis nicht so schwer wie ein vergleichbares Kaltblut: Ein Shire Horse bewegt sich mit viel Aufrichtung und Eleganz und deutlich mehr Schwung und Beinaktion als andere Kaltblüter. Trotz seiner Größe ist es durchaus sportlich und freut sich über Trab und Galopp in Maßen.

Immer langsam mit den jungen Pferden!

Wichtig: Shire Horses sind Spätentwickler. Sie wachsen zwar schnell und können in den ersten beiden Lebensjahren schon eine beachtliche Größe von 1,70 Metern erreichen. Nichtsdestotrotz braucht der große Körper, Muskeln, Sehnen und Knorpel, seine Zeit, um sich voll zu entwickeln. Shire Horses sollten deswegen auf keinen Fall geritten werden, bevor sie fünf Jahre alt sind. Einfahren ist mit vier Jahren möglich.

“Gentle Giants”: Shire Horses mögen Menschen

“Gentle Giants“ – „sanfte Riesen“ werden Shire Horses gern genannt. Kein Wunder. Sie besitzen ein sanftes, freundliches Wesen, sind nervenstark und lernen gern und willig. Ihr Temperament ist moderat, weswegen sie als zuverlässig und cool geschätzt werden.

Wegen ihrer Menschenbezogenheit schließen sie sich gern an und entwickeln eine enge Bindung. Ein Shire Horse sollte deswegen unbedingt eine Bezugsperson haben. Der Riese kann dann zu einem Freund fürs Leben werden.

Spektakuläre Show- und Freizeitpferde

Shire Horses kennst du vielleicht von Fotos oder Videos von Paraden oder Shows. Wegen ihrer beeindruckenden Größe und ihrer spektakulären Gänge werden sie gern zu Repräsentationszwecken eingesetzt und ziehen traditionell geschmückt Kutschen oder andere Wagen.

Wegen seines Körperbaus eignet sich ein Shire Horse aber durchaus zum Reiten – mehr als ein gedrungeneres Kaltblut, das rein aufs Ziehen hin gezüchtet wurde.

Ein Shire Horse kann deswegen ein perfekter Partner für Freizeitreiter sein, die es gern groß mögen. Es ist durchaus auch ein Gewichtsträger. Ein Shire, das gut im Training steht, liebt lange Schrittausritte, sagt aber auch zu einem flotten Galopp über die Felder nicht nein. Dennoch: Shire Horses sind aufgrund ihres Gewichts keine Sportpferde.

Haltung und Pflege: Die Großpferde brauchen Platz

Auch wenn Shire Horses nicht das feurige Temperament eines Arabers mitbringen: Sie brauchen dennoch Platz und Bewegung. Eine normal dimensionierte Box ist für die sanften Riesen viel zu klein. Die Faustformel für die Berechnung der Boxengröße lautet Stockmaß x 2 im Quadrat. Auch das ist zu klein. Die Pferde wollen raus, deswegen bietet sich eine Offenstallhaltung an.

Ein Irrglaube ist, dass Shire Horses aufgrund ihrer Dimensionen auf jeden Fall Hufeisen brauchen. Das muss nicht zwangsläufig sein. Bei guter und auf den Körper abgestimmter Barhufpflege kann auch ein Shire Horse zufrieden ohne Eisen unterwegs sein. Allerdings: Gerade, wenn die Riesen als Kutschpferde eingesetzt werden und viel auf Asphalt laufen, brauchen die Hufe einen Schutz. Du musst also den Abrieb kontrollieren, wenn du nicht beschlagen lassen willst. Außerdem brauchst du natürlich einen Profi, dem es nichts ausmacht, diese Riesenfüße auszuschneiden. Aber keine Sorge: Das macht ein Shire Horse mit seiner Geduld und Freundlichkeit allemal wieder wett.

Der Behang!

Durchaus pflegeintensiv ist der Kötenbehang. Zum einen solltest du die Beine regelmäßig abtasten und untersuchen, ob unter den Haaren Hautverletzungen liegen. Außerdem sollte der Behang so trocken wie möglich gehalten werden – gar nicht so leicht im Winter und bei Offenstallhaltung. Das Pferd sollte – eigentlich selbstverständlich – nicht im eigenen Mist stehen und der Auslauf oft abgeäppelt werden.

Die Haare haben durch ihr natürliches Fett zwar eine Schutzfunktion: Regen und Wasser perlt an ihnen ab und so bleibt die Fesselbeuge trocken. Hat es die Feuchtigkeit aber einmal an die Haut geschafft, kann Mauke entstehen.

Deswegen ist es wichtig, den Behang gut zu pflegen. Täglich bürsten oder nicht? Gründlich einshampoonieren oder einfach nur gut mit Wasser ausspülen? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.

Wenn du den Behang regelmäßig mit einer stumpfen Bürste durchkämmst, löst du kleine Knoten, ausgegangene Haare und entfernst Schmutz. Verfangen sich zum Beispiel Disteln oder andere Pflanzen im Behang und du entfernst sie nicht gleich, kannst du sie später nur noch herausschneiden, weil sie sich komplett in die Haare verwickelt haben.

Du kannst zum Beispiel ein mildes Mähnenspray verwenden, damit die Fellpflege fürs Pferd nicht so ziept. Wenn du den Behang tatsächlich waschen willst, benutze ein mildes Shampoo, das die Haut nicht angreift und achte darauf, dass du es komplett wieder ausspülst. Wenn du zu oft shampoonierst, verliert das Haar seine Schutzschicht und wird angreifbar für Umwelteinflüsse.

Matschige Beine kannst du einfach mit klarem Wasser abspülen. Ein weiterer Tipp: Den Behang so kürzen, dass er nicht auf dem Boden schleift und sich dort mit Schmutz und Wasser vollsaugt. Ein gut gepflegter Behang ist hält Haarmilben und andere Schädlinge leichter fern.

Fütterung: Gaaaanz viel Heu

Raufutter, Raufutter, Raufutter! Eigentlich ist die Fütterung von Shire Horses ganz einfach. Allerdings: die Formel ein Kilogramm Heu pro 100 Gramm Körpergewicht ist für Shire Horses nicht ausreichend. Sie brauchen mehr Heu.

Bei Kraftfutter ist Vorsicht geboten: Auf viel Eiweiß, wie es in Getreide oder Luzerne enthalten ist, reagieren die Riesen empfindlich. Hier gilt es also, die Ration an das Arbeitspensum des Pferdes anzupassen.

Mauke: Ein unvermeidliches Schicksal?

Shire Horses neigen zu Mauke unter ihrem dichten Fesselbehang, kommen aber natürlich nicht mit Mauke auf die Welt. Sie entwickelt sich, weil Fütterung, Haltung und Pflege des Behangs nicht optimal sind. Das macht das Pferd anfällig für Parasiten wie Milben, die Mauke oft auslösen können.

Hier scheiden sich übrigens die Geister: Manche sagen, dass regelmäßige Pflege des Behangs die Haut eher reizt und Mauke begünstigt. Andere sehen in ihr die Voraussetzung, um Mauke und Hauterkrankungen zu verhindern. Auch bei einem Maukebefall herrscht Uneinigkeit. Wer den Behang schert, kann die Wunden leichter versorgen und Sauerstoff kommt besser durch. Andererseits kann dadurch eine mechanische Reizung entstehen und die kurzen Haare die Symptome eher noch verschlechtern. Hier weiß der Tierarzt sicher Rat.

Ein Shire Horse kaufen

Das Kernzuchtgebiet des Shire Horses liegt in den englischen Midlands – den Grafschaften Staffordshire, Lincolnshire, Derbyshire, Leicestershire, und Lancashire. Du ahnst es vermutlich schon: Daher auch der Name des Kaltbluts. Wer ein solches kaufen möchte, sollte deswegen über eine Reise nach England nachdenken, da das Angebot dort schlicht größer ist als in Deutschland.

Ein Shire Horse ist kein Schnäppchen. Absetzer und Jährlinge können bis zu 4500 Pfund kosten, für ausgebildete Tiere sind 6000 Pfund und mehr keine Seltenheit. Dazu kommen noch die Kosten für den Import.

Das mächtige Schlachtross: Seine Ursprünge liegen in England

Das Shire Horse blickt auf eine lange, ereignisreiche Geschichte zurück. Die Ursprünge findet die Rasse bei König Wilhelm I, dem Eroberer, im 11. Jahrhundert. Er importierte Kaltblüter und führte die sogenannten „Great Horses“ in England ein, die deutlich größer waren als die bekannten Pferde. Ziel war es, ein beeindruckendes Schlachtross und Ritterpferd zu züchten.

Mit der Einkreuzung von Friesen und flämischen Pferden entstanden die „English Blacks“ oder „Black Horses“.

Die Monarchen förderten die Reinzucht der Pferde, da sie eine strenge Selektion betrieben. Im 18. Jahrhundert ging das Improved Black Cart horse, auch Bakewell Black, aus dieser Zucht hervor. Daraus entstand das Shire Horse. Als Shire-Stammväter gelten die Hengste Balze und Packington Blind Horse.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Aufgabe der sanften Riesen. Sie wurden statt im Krieg nun stärker in der Landwirtschaft oder als Kutschpferd der englischen Brauereien eingesetzt. Weswegen sie auch heute noch in den Emblemen oder Logos zu finden sind. Auch die industrielle Revolution sorgte für eine große Nachfrage an den Pferden. Shire Horses zogen zum Beispiel die Straßenbahnen in London. Sie waren vor allem wegen ihrer gewaltigen Zugkraft bekannt und berühmt.

Im 19. Jahrhundert läutete die Entwicklung der Dampfmaschine den allmählichen Niedergang der Rasse ein. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Shire Horse Society (SHS) gegründet, die das damals noch das Old English Breed of Cart Horse schützen sollte und heute die weltweite Zucht verwaltet.

Zuvor hatten sich die Clydesdales als eigene Zucht abgespaltet. Nach dem zweiten Weltkrieg stand die Rasse kurz vor dem Aussterben. Nur noch 11 eingetragene Stuten lebten in den 1960er Jahren. Heute geht man von einem weltweiten Bestand von rund 5000 Shire Horses aus: Die Liebe zur Tradition von Züchtern, Vereinen und Brauereien belebte die Rasse wieder. Heute sieht man die mächtigen Shire Horses bei Shows und Vorführungen, aber auch als Rückepferde im Wald oder treue Freizeitpferde kommen sie zum Einsatz.

 

 

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