Baumsattel! Alles was du dazu wissen musst

Ein Sattel sollte wie ein perfektes paar Schuhe sein. Er darf nicht drücken oder zwicken, er muss superbequem am Pferderücken sitzen und er sollte für dein Pferd das Laufen mit dir zu einer wolkigweichen gut abgedämpften Angelegenheit machen. Ein guter Sattel ist also eine eierlegende Wollmilchsau. Er muss deinem Pferd passen, er sollte dir passen und er muss anpassbar sein. Denn dein Pferd ist kein Fahrrad, das immer exakt gleich bleibt. Damit deine Sattelsuche keine nervenaufreibende Angelegenheit wird, du dir nicht frustriert alle Haare ausreissen musst, weil kein Sattel passt und du besser einschätzen kannst, was dein Pferd braucht, bekommst du jetzt alle Facts zum Thema Sattel.

Damit du einen kurzen Überblick bekommst, stelle ich dir erst einmal die vier Basic-Satteltypen vor und dann geht es in die Tiefe mit den Facts zum Baumsattel vom Begründer der Sattlerei Signum – Working Equitation Profi Gernot Weber.

4 Basic Satteltypen von Baumlos bis Baum! Vor- und Nachteile

Falls du einfach nur schnelle Tipps möchtest, habe ich hier ein Video mit dem Sattelexperten Stefan Baumgartner für dich:

Bevor wir über Sättel mit Baum sprechen und warum ich letztlich bei meiner Sattelsuche auch bei einem Baumsattel gelandet bin, erkläre ich dir kurz die vier Basic-Satteltypen und die ganz groben Unterschiede. Ich habe sie alle getestet. Deswegen gibt es zu jedem Satteltyp einen Extra-Artikel, den ich dir jeweils dazu verlinke. So kannst du selbst nachlesen, was dich interessiert und überlegen, was das Beste für dich und dein Pferd ist. Ich fasse zu den Typen auch die Fellsättel und Filzsättel dazu. Wobei das nicht wirklich “richtige” Sättel sind. Aber weil das oft verwechselt wird, liefere ich dir für deinen Grobüberblick auch dazu ein paar Infos. 

Typ 1: Fell”sättel” und Filz”sättel”

  • Es gibt viele verschiedene Fell- oder Filzsättel auf dem Markt – von den unterschiedlichsten Herstellern
  • Sie alle sind im Grunde keine richtigen Sättel, sondern mehr oder weniger gut gepolsterte Reitpads
  • Deswegen ist es ganz wichtig: Man sollte sie nicht mit Steigbügeln reiten – denn die Steigbügelaufhängung verpasst dem Pferde einfach zu große Druckspitzen
  • Fellsättel und Filzsättel sind aber genial für kleine Runden zwischendurch oder deine individuelle Sitzschulung. Denn du sitzt viel freier und kannst so deinen balancierten Sitz ideal schulen
  • Am besten shoppst du dir – neben deinem richtigen Sattel – ein Modell mit Druckschutz oder sogar ein Modell mit individueller Polsterung
  • Wir lieben beispielsweise die Fellsättel von Christ und Engel – weil Qualität, Tierhaltung und Pferdefreundlichkeit zusammen kommen ODER den Filzsattel von Horsegear, der extradick gepolstert ist und so dem Rücken gut Schutz bietet
  1. Den Filzsattel von Horsegear kannst du dir HIER genauer ansehen
  2. Die Lammfellsättel von Christ und Engel kannst du dir HIER anschauen

Horsegear - Filz - Pferd Pad mit Reitring

Typ 2: Baumlose Sättel!

  • Baumlose Sättel gibt es in allen Variationen in Sachen Druckschutz. Von wenig Druckdämpfung bis viel Druckdämpfung.
  • Sie alle eint, dass sie keinen richtigen Sattelbaum haben.
  • Meist haben sie verschiedene „Plastik“-Schichten als eine Art Baumersatz.
  • Diese Schichten sollen vor allem den Druck deines Reitergewichts und die Druckspitzen von der Steigbügelaufhängung dämpfen.
  • Je nach Dicke der Schichten hast du mehr oder weniger Druckschutz
  • Großer Vorteil: Kein Baum bedeutet volle Bewegungsfreiheit für dein Pferd und seine Schultern
  • Großer Nachteil – Je nach Marke hast du entweder:
    • mehr Polsterschichten und dadurch mehr Druckschutz, aber gleichzeitig auch ein schwammigeres Reitgefühl
    • weniger Polsterschichten und dadurch aber auch weniger Druckschutz, dafür natürlich etwas mehr Bewegungsgefühl beim Reiten

Wenn du mehr über Baumlose Sättel erfahren willst, findest du HIER einen Erfahrungsbericht von mir

BArefoot Baumloser Sattel anpassen Lazy Mountain Fellsattel

Typ 3: Lederbaumsattel!

  • Lederbaumsättel gibt es in den verschiedensten Variationen. Dichter „gewebtes“ Leder und weniger dichtes Leder
  • Lederbaumsättel haben tatsächlich einen Baum, allerdings ist er eben aus Leder.
  • Meist ist das Leder in verschiedenen Schichten gelegt, damit der Baum schön fest und Druckdämpfend ist
  • Dazu haben Lederbaumsättel in aller Regel auch Lederkissen. Oft sind sie klettbar, damit du sie an den Rücken deines Pferdes anpassen kannst
  • Manche Lederbaumsättel haben auch verstellbare Kopfeisen, manche haben keine
  • Großer Vorteil: Er passt eist mehreren Pferden, du kannst die Klettkissen auch immer wieder anpassen, wenn er welche hat. Wenn dein Pferd sich also entwickelt, macht der Lederbaumsattel die Entwicklung ein gutes Stückweit immer mit
  • Großer Nachteil: Du musst sie in aller Regel gut einreiten und sitzt erstmal ziemlich thronig. Wenn du also ein junges Pferd hast, hat dein Jungpferd ein ziemlich schwammiges Reitgefühl und das ist nicht so ideal für die ersten Erfahrungen

Wenn du mehr über Lederbaumsättel erfahren willst, findest du HIER einen Artikel mit allen wichtigen Facts

Lederbaum Sattel Pferd

Typ 4: Baumsattel!

  • Baumsättel gibt es mit Holzbaum und Plastikbaum.
  • Es gibt auch flexible Baumsättel – dazu habe ich aber keine Erfahrungen – deswegen lasse ich sie hier aus und erwähne sie nur der Vollständigkeit halber
  • Der Baum verteilt das Reitergewicht über den Pferderücken
  • Dazu hat jeder Baumsattel auch Sattelkissen und ein Kopfeisen – das sind weitere Einstellmöglichkeiten für den Rücken deines Pferdes
  • Einen Baumsattel MUSST du regelmäßig anpassen lassen – im Idealfall hat er also ein verstellbares Kopfeisen und Sattelkissen die immer wieder aufgepolstert und umgepolstert werden können – denn dein Pferd verändert sich immer wieder und dann ist es wichtig, dass der Sattel die Veränderungen mitmachen kann
  • Großer Vorteil: Maximale Druckdämpfung für dein Pferd – perfekt für jede Form von Reiten vom Springen über Dressur bis zum Wanderritt
  • Großer Nachteil: Nur wenn der Baumsattel richtig gut sitzt – wenn nicht, kann dein Pferd schnell Probleme oder Druckstellen bekommen. Wobei das auch bei einem baumlosen oder mit einem Lederbaumsattel passieren kann – wenn auch deutlich weniger schnell und intensiv vermutlich. Außerdem musst du den Baumsattel sorgfältig und regelmäßig anpassen lassen. Das kostet natürlich auch ein bisschen.

So, das waren erstmal die wichtigsten Facts auf einen Blick. Wenn du jetzt mehr über Baumsättel erfahren willst, dann lies unbedingt weiter. Denn ab jetzt dreht sich alles nur noch um Sättel mit einem richtigen, echten und festen Baum.

Baumsattel – Die Basic-Facts in Sachen Sattelkunde

Wir haben ein Interview mit einer Sattelexpertin vom Signum Sattelservice für dich. Diese Sattlerei wurde von einem Profi-Reiter gegründet, der den perfekten Sattel wollte und deswegen beschlossen hat einfach selbst Sättel herzustellen. Wenn du mehr über Signum erfahren willst, kannst du dir die Sättel HIER anschauen.

„Getragen von der Vision Pferderücken-schonender Sättel, begannen wir vor 15 Jahren mit der Entwicklung und Produktion eigener Sättel. Diese sollten eine für den Pferderücken schonende Gewichtsverteilung und maximale Schulterfreiheit ermöglichen. Darüber hinaus wollten wir die Anpassbarkeit des Sattels über das gesamte Pferdeleben hinweg ermöglichen.“ (Zitat Signum Sattelservice)

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Interview mit Signum Sattelservice und dem Working Equitation-Profi Gernot Weber über den Aufbau von Sätteln, typische Probleme bei Baumsätteln, wie man sie lösen kann und Tipps und Hinweise, wie du den richtigen Sattel für dich finden kannst.

Pic von Ricarda Piotrowski
Pic von Ricarda Piotrowski

Baumsattel – das sind die Bauteile

Pferdeflüsterei: Dröseln wir den Sattel erstmal auf. Aus welchen Teilen besteht ein klassischer Sattel und wie ist er typischerweise Schicht für Schicht aufgebaut?

Gernot Weber: Es gibt verschiedene Satteltypen – für Dressur, Springen oder Vielseitigkeit beispielsweise. Aber grundsätzlich besteht ein klassischer Sattel in der Regel aus folgenden Teilen:

  • Der Sitzfläche, dem Bereich zwischen Vorderzwiesel und Hinterzwiesel, die zur Sitzgröße des Reiters passen sollte. Sie ist entsprechend des Einsatzschwerpunktes geformt – beispielsweise bei einem Springsattel flacher als bei einem klassischen Dressursattel.
  • Das Herzstück eines Sattels besteht in der Regel aus einem traditionell aus Holz gefertigten Sattelbaum, an dem die Steigbügelschlösser und Gurtstrippen befestigt sind.
  • Die Sattelblätter eventuell mit aufgesetzten Kniepauschen und das darunter liegende Schweißblatt bilden die seitlichen Teile des Sattels.
  • Die Sattelkissen sind mit Wolle gefüllt und bilden die Polsterung auf dem Pferderücken. Die Passform wird in der Regel anhand des passenden Satteltyps, der Kammerweite und der Füllung der Polsterung bemessen.

Auch da richten sich die Sattelblattform und Kniepauschen nach dem Einsatzschwerpunkt. Das Sattelblatt eines Springsattels ist beispielsweise weiter vorgeschnitten und kürzer als das lange, geradere Sattelblatt eines Dressursattels. Und dann sind natürlich auch die Größe, Form und Position auf die gewünschte Sitzposition und Beinführung des Reiters beim Springen oder für die Dressur abgestimmt.

Baumsattel – der richtige Sitz

Pferdeflüsterei: Wie muss denn ein guter Sattel sitzen? 

Gernot Weber: Ein gut sitzender Sattel ist unglaublich wichtig und die Grundvoraussetzung, damit sich das Pferd über lange Zeit gesund und ohne Einschränkungen unter dem Reiter bewegen kann. Und: Ein gut sitzender Sattel soll dem Reiter eine feine Hilfengebung ermöglichen und ihm helfen einen entspannten, balancierten und sicheren Sitz einzunehmen. Nur so bleiben die Motivation und der Spaß erhalten. Pferd und Reiter können gemeinsam Höchstleistungen bringen und unbeschwerte Stunden im Sattel erleben.

Pic von Ricarda Piotrowski

Deswegen solltet ihr unbedingt darauf achten, dass der Sattel eine gleichmäßige Druckverteilung auf dem Pferderücken ermöglicht und keine unangenehmen Druckspitzen, vor allem in den Randbereichen der Polsterung, entstehen können. Die Polsterung sollte gleichmäßig aufliegen und keine Knötchen oder Verhärtungen aufweisen. Die Kammerweite sollte genau an das Pferd angepasst sein. Über dem Widerrist und der Wirbelsäule sollte er ausreichend Platz bieten und keinesfalls direkt in diesem Bereich aufliegen können. Der Wirbelsäulenkanal des Sattels sollte breit genug sein, um das Pferd bei keiner Bewegung einzuengen. Dasselbe gilt für die Schulterfreiheit des Sattels. Der Schwerpunkt des Sattels sollte je nach Satteltyp ausglichen sein und die Auflagefläche in der Regel so aufliegen, dass der Sattel nicht nach vorne oder hinten kippt, übermäßig wippt oder rutscht.

Es gibt natürlich noch viele weitere Details, die wichtig sind. Wie der richtige Schwerpunkt, die Länge des Sattels, die Position der Gurtstrippen. Diese ganzen Details müssen immer genau abgestimmt werden auf das individuelle Pferde-Reiter-Paar, die Reitweise, den aktuellen Ausbildungsstand, den Einsatzschwerpunkt und den anatomischen Besonderheiten des Pferdes. Dafür braucht ihr einen Sattelexperten eures Vertrauens.

Wie erkenne ich ob der Sattel passt

Pferdeflüsterei: Ein Sattelexperte ist immer eine gute Idee, da hast du Recht. Aber im Alltag – wie erkenne ich ob mein Sattel dem Pferd passt und nicht drückt? 

Gernot Weber: Sobald wir den Sattel auf den Pferderücken legen, ihn angurten und uns als Reiter auf das Pferd setzen, bringen wir Druck auf den Pferderücken. Ein Sattel drückt also immer – es gilt jedoch diesen Druck möglichst gleichmäßig und rückenschonend zu verteilen. Um empfindliche Stellen des Pferderückens aufzuspüren, die eventuell auch mit der Sattelpassform zusammenhängen, kann man im ersten Schritt sanft mit der Hand an der Wirbelsäule entlangstreichen.

  1. Die erste Voraussetzung für eine gleichmäßige Druckverteilung ist, dass das Verhältnis von Sitzgröße und damit dem Reitergewicht zu der Größe der Auflagefläche des Sattels passen.
  2. Die Auflagefläche des Sattels sollte von vorne nach hinten gleichmäßig aufliegen und keine Brücke oder Druckspitzen bilden, die für das Pferd unangenehm sind.
  3. Die Winkelung der Polsterung an der Schulter sollte parallel zur Schulterlinie verlaufen und auch hier von oben nach unten gleichmäßig aufliegen.
  4. Die Winkelung der Kissen über dem Rippenbogen sollte parallel zur Rückenform liegen und ein Aufwölben des Rückens erlauben.

Pferdeflüsterei: Okay, das waren die allgemeinen Facts. Und wie kann ich jetzt speziell die Passform am Rücken meines Pferdes checken?

Gernot Weber: Das geht auch ganz einfach. Du sattelst dein Pferd und kannst dann prüfen, während es steht. Du prüfst dann als erstes am gesattelten, stehenden Pferd mit der flachen Hand den Druck zwischen Pferderücken und Polsterung der Sattelkissen.

  1. Dafür drückt man mit der freien Hand leicht von oben auf die Sitzfläche des Sattels, um etwas Druck zu simulieren.
  2. Mit der zweiten, flach gestreckten Hand streicht man vom Widerrist beginnend nach hinten zwischen Pferderücken und Sattelkissen entlang – der Druck sollte sich hier überall gleichmäßig stark anfühlen. Dasselbe gilt für die Ränder der Auflagefläche im hinteren Bereich. Hier sollte der Druck zu den Rändern der Polsterung sanft auslaufen.
  3. Je nachdem wie sich das Pferd typischerweise unter dem Sattel bewegt kann man ein leichtes Aufwölben des Pferderückens durch sanften Druck unter dem Pferdebauch simulieren. Auch jetzt sollte der Sattel nirgends Druckspitzen erzeugen. Ein weiteres Merkmal ist der Schwerpunkt des Sattels, der (je nach Satteltyp) ausgeglichen sein sollte.
  4. Die Passform des Sattels im Bereich der Schulter kann man an der Polsterung im Schulterbereich überprüfen. Hierzu drückt man wieder mit der freien Hand leicht von oben auf die Sitzfläche des Sattels, um etwas Druck zu simulieren. Mit der zweiten, flach gestreckten Hand streicht man zwischen dem Pferderumpf und dem Sattelkissen entlang vom Widerrist über die Schulter bis zum unteren Ende der Polsterung. Der Druck sollte sich auch hier von oben bis unten gleichmäßig stark anfühlen. Nur so kann der Sattel dem Pferd ausreichend Schulterfreiheit bieten und eine uneingeschränkte Bewegung des Pferdes unter dem Sattel ermöglichen.
  5. Der Sattel darf natürlich niemals direkt auf dem Widerrist oder der Wirbelsäule aufliegen. Hier sollten 2-3 Finger Platz zwischen Widerrist und Sattel bleiben.
  6. Der Wirbelsäulenkanal sollte breit genug sein – das lässt sich durch einen Blick von vorne und hinten in den Wirbelsäulenkanal leicht erkennen. Wenn das Tageslicht nicht ausreicht, empfiehlt sich mit einer Taschenlampe in den Wirbelsäulenkanal zu leuchten.

Pferdeflüsterei: Das klingt eigentlich gar nicht soooo kompliziert. Aber warum gibt es dann so viele Menschen mit Sattelproblemen – ich persönlich kenne niemanden, der nicht mindestens 2-3 Sättel durch hat….?

Gernot Weber: Die Vielfalt der Pferderassen und Reitweisen hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen. Neben den Sportpferderassen gibt es heute viele iberische und barocke Rassen, Gangpferderassen, Kaltblüter, Ponyrassen und Kreuzungen aus verschiedenen Rassen. Die Rassenvielfalt und damit verbundene Vielfalt der Gebäudetypen und Rückenformen bringt viele herkömmliche Sattelkonzepte an ihre Grenzen. Ein Standardsattel allein kann diesen vielfältigen Ansprüchen so unterschiedlicher Pferde, Reitweisen und Philosophien natürlich nur schwer gerecht werden. Erfreulicherweise haben sich auch die Sattelsysteme weiterentwickelt.

Wir haben aber wirklich auch häufig Kunden, die bereits eine ganze Sattel-Odyssee hinter sich haben. Als Maßsattelhersteller treffen wir da auf unterschiedlichste Sattel-Biografien. Aber einige Fälle treffen wir jedoch häufiger an:

Das sind dann zum Beispiel Kunden, die unglücklich mit einem Sattel sind, weil er schlichtweg nicht zu ihren Bedürfnissen passt. Man kann einen tollen und handwerklich wunderbar gearbeiteten, einwandfrei angepassten Dressursattel haben – wenn man ihn aber zum Wanderreiten einsetzen will ist das weder für das Pferd noch für den Reiter die richtige Wahl. Bei der Suche nach dem richtigen Sattel sollte man sich also im Vorwegs Gedanken darüber machen, was man mit seinem Pferd vor allem machen möchte. Dann kann im Anschluss direkt nach dem richten Sattel-Typ und einem Sattler mit dem entsprechenden Angebot und Erfahrungsschatz gesucht werden.

Der andere häufige Fall sind Kunden, die als Reiter gut mit ihrem Sattel zurechtkommen, der Sattel ihrem Pferd aber nicht optimal passt. Diese Erfahrungen machen wir häufig mit Kunden deren Pferde „ganz besonders einzigartig“ sind. Das  kann beispielsweise ein besonders ausgeprägter Widerrist, ein stark geschwungener Rücken, ein überbautes Pferd, ein extrem breiter oder schmaler Rumpf, eine stark ausgeprägte Schulter, ein runder Rücken oder vielleicht sogar eine Kombination aus mehreren Merkmalen sein. Häufig kommen da klassische Sättel an ihre Grenzen der Anpassbarkeit, da sie sich meist nur über ihre Kammerweite und Polsterung verändern lassen.

Ist ein Baumsattel nicht zu starr für den flexiblen Pferderücken?

Pferdeflüsterei: Ich war lange gegen einen Sattel mit Baum – muss ich gestehen. Warum? Weil es mir unlogisch schien auf ein bewegliches System namens Pferd ein starres System namens Sattel zu setzen und dann zu glauben, dass es 360 Tage lang – Jahr um Jahr, gut geht.

Gernot Weber: Der Grundgedanke ist absolut nachzuvollziehen. Wir selbst haben lange Jahre flexible Sattelbäume (Sättel mit flexiblen Kunststoffsattelbäumen und Ledersattelbäumen) gebaut und haben noch heute ein Sattelmodell ohne festen Sattelbaum im Sortiment. Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, dass vor allem die Pferde in den allermeisten Fällen von den Vorteilen eines Konzeptes mit festem Sattelbaum profitieren.

Das Thema Flexibilität kann wie eine Medaille mit zwei Seiten betrachtet werden. Einerseits heißt Flexibilität, dass etwas biegsam oder elastisch ist. Intuitiv kommt man zu dem Schluss, dass das besser mit dem beweglichen System Pferd zusammenpasst. Andererseits bedingt Flexibilität auch, dass wir einen Zustand nicht steuern, einstellen oder fixieren können. Flexibilität wird häufig dann zum Problem, wenn das flexible System nicht das bewirkt, was das Pferd braucht oder komfortabel findet.

Pferdeflüsterei: Was heißt das genau?

Gernot Weber: Grundsätzlich wird bei einem flexiblen Sattel der Druck des Reitergewichtes nur auf einen Teil der Auflagefläche verteilt. Wenn der Sattelbaum mittig beziehungsweise in seinem Schwung nachgeben kann, wird er durch das Reitergewicht über die Steigbügelaufhängungen und auch durch die Gurtstrippenbefestigungen mittig stärker auf den Pferderücken gedrückt oder gezogen als in den Randbereichen. Es besteht damit nicht die Möglichkeit zu steuern, wo die Polsterung den Druck genau verteilen soll und es gehen große Bereiche der Auflagefläche zur rückenschonenden Druckverteilung verloren.

Ein weiterer häufiger Fall ist die Problematik durch eine Schiefe des Pferdes oder des Reiters. Diese Schiefe wird durch das flexible System des Sattels direkt auf das Gegenüber weitergeleitet. Auf einem schiefen Pferd würde sich der flexible Sattel dieser Schiefe automatisch anpassen und den Reiter in eine ebenfalls schiefe Sitzposition drängen. Der Reiter hat es umso schwerer dieser Schiefe im Training entgegenzuwirken. Er muss sich in einem schief sitzenden Sattel erst selbst geraderichten und das Pferd unter sich trainieren sich ebenfalls geradezurichten. Hier bietet ein stabiles System häufig eine gute Hilfestellung, um Pferd und Reiter dabei zu unterstützen, leichter ihre Mitte zu finden.

Neben der verkleinerten Auflagefläche kann ein flexibler Sattel dann zum Nachteil für das Pferd werden, wenn das System automatisch an einer Stelle nachgibt, an der wir es zum Wohl des Pferdes eigentlich verhindern möchten. Die Möglichkeit die Passform des Sattels an jeder Stelle zu steuern und anzupassen grenzt damit automatisch die Flexibilität des Sattels und die Bauelemente des Sattels ein. Wir widmen uns besonders häufig den Spezialrassen und herausfordernden Fällen der Sattelanpassung und sind darauf angewiesen die Passform an jeder denkbaren Stelle des Sattels auf das Pferd abzustimmen – das wäre mit einem komplett flexiblen System schlichtweg nicht möglich.

Pferdeflüsterei: Vielen Dank für das Interview

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