Artikel aktualisiert am 25.02.2017

Herr Freyr und ich haben jetzt die ersten Wochen fröhlich miteinander verbracht. Wenn er mich auf dem Hof sieht, blubbert er mir mit vibrierenden Nüstern entgegen. Weil wir einfach nur viel Zeit zusammen verbracht, gemeinsam Monster besiegt und uns gegenseitig kennengelernt haben. Durch unsere Spielchen sind wir ein tolles Team geworden und nun ist er da, der Geist zum Lernen, sein Hinhören, Abwarten, Ausprobieren, Cool bleiben…

Sabine & Herr Freyr - Hallo

Sabine & Herr Freyr - Halfter an

Der richtige Spirit?

Ohne diesen Geist werde ich als Ausbilder früher oder später versagen. Wenn ein Schüler permanent aus dem Fenster schaut und sich nicht auf die Sache konzentrieren möchte, dann wird er den Inhalt des Lernstoffes auch nicht lernen (können).

Sabine & Herr Freyr -

Freyr hat am Anfang auch noch sehr oft skeptisch „aus dem Fenster geschaut“. Aber nicht weil er sich langweilte, sondern weil er sicherheitshalber schon mal den Fluchtweg gecheckt hat. Das war auch in Ordnung, er ist ein Pferd und Mutter Natur hat ihm dieses (überlebenswichtige) Verhalten mit in die Wiege gelegt.

Herr Freyr schaut aus dem Fenster

Jeder, der mit seinem Pferd zusammen ist, sollte sich im Klaren darüber sein, dass er in diesem Moment nicht nur sein Partner, sondern auch sein Lehrer, sein Ausbilder, sein „Pädagoge“ ist. Und so sollte jeder auch wissen, dass Konzentrationsfähigkeit und Lernfähigkeit des Pferdes begrenzt sind. Gut ist also auch ein Ausbilder, der erkennt, wann das Pferd mit dem „Geist“ anwesend ist und wann es nicht mehr sinnvoll ist, etwas Schwieriges und Neues zu üben.

Sabine & Herr Freyr - auf dem Platz

Zutatenliste fürs Pferd

Zur Vorbereitung eines Pferdes auf das Reiten gehören mehrere „Zutaten“.

  1. Ich brauche ein mentales „Ja – ich will!“ vom Pferd, das ich durch Bodenarbeit und Horsemanship bekommen kann. Aber alleine dadurch wird es noch nicht zu einem Reitpferd.
  2. Um aus einem Pferd ein Reitpferd zu machen, muss ich ihm die Hilfen vom Boden aus beibringen, die den Hilfen vom Rücken des Pferdes aus gleichen.
  3. Mein Ziel ist ein gelassenes Pferd, das ich zwischen meinen Zügeln und zwischen meinen Schenkeln dirigieren kann. Um ein Pferd zwischen den Zügeln zu lenken, brauche ich kein Gebiss. Sondern das Pferd muss verstehen, welche Bedeutung der angelegte Zügel hat.

Wie wird aus dem Pferd ein Reitpferd?

Ich kann mich für eine neue Übung vor dem Pferd platzieren. So kann ich das Pferd genau sehen und auch entsprechend schnell reagieren. Ich stehe also vor Herrn Freyr, nehme mein Stöckchen in die Position, in der mein Zügel verlaufen würde und lege ihn an seinem Hals an. Herr Freyr soll vom Stöckchen wegweichen, nicht viel – aber in die richtige Richtung. Auch ein „in die richtige Richtung lehnen“ wäre schon absolut o.k.

TIPP:TIPP: Wenn das Pferd nicht weicht – weil es noch nicht versteht – kann ich mit dem Stöckchen an den Hals tippen. Ganz wenig – tip tip tip – bis es weicht. Dann schnell loben, aufhören mit tippen und mit dem Stöckchen streicheln.

So lasse ich ihn nach rechts und nach links ausweichen. Das versteht er schnell. Als nächstes ändere ich meine Position und stehe neben dem Pferd. Wieder lege ich meinen „Zügel“ an, damit Freyr von mir weicht. Dann hebe ich das Stöckchen über den Hals auf die andere Seite und hole Freyrs Schulter (samt Vorderbeine) wieder zu mir zurück. Bei dieser Übung ist es nicht wichtig, dass das Pferd viele Schritte macht. Viel wichtiger ist, ob meine Vorbereitung gut war und das Pferd versteht, ob ich es von mir weg oder zu mir hin haben möchte.

You’ve got Back, Baby

Nun zur Hinterhand. Die Hinterhand ist der Motor beim Pferd. Es ist ganz praktisch auch ein bisschen über den Motor Bescheid zu wissen, wenn man Pferde reiten will. Wenn man beim Reiten spüren kann, was die beiden Hinterbeine unter einem gerade machen, hat man große Vorteile.

Man kann das aber auch gut üben und jemanden bitten zu schauen, ob man mit seiner Vermutung richtig liegt. Wenn man noch Schwierigkeiten hat, kann man ohne Sattel reiten oder das Pferd sogar über Stangen laufen lassen. Dann hebt es die Beine etwas höher an. Die Arbeit an der Hinterhand bedeutet für mich, die Hinterbeine unter den Schwerpunkt treten zu lassen.

Das ist nicht leicht für Pferde und gerade beim Körperbau eines Isländers eine noch größere Herausforderung. Viele sind von Haus aus mit jeder Menge Schubkraft, aber mit wenig Tragkraft ausgestattet. Natürlich setze ich mich schon ab und zu auf Freyrs Rücken und schaue, ob von oben geht, was schon von unten verstanden ist. Zum Reiten gehört jedoch noch eine wichtige Hilfe dazu, nämlich der Sitz, der vorrangig vor allen Hilfen (Beine, Zügel, Stöckchen…) zu betrachten ist. Dazu gibt es natürlich einen separaten Bericht! :)

Sabine reitet Islandpferd Freyr 5

Sabine reitet Islandpferd Freyr 4

How to Hinterhand

Um das entsprechende Bein ansprechen zu können, übe ich auch an der Hinterhand mit meinem Stöckchen. Erst von mir weg und dann zu mir hin. Diesmal gehe ich mit dem Stöckchen über den Rücken des Pferdes, um den äußeren Schenkel darstellen zu können.

Das ist nicht kompliziert. Es benötigt aber ein paar Übungseinheiten, Ruhe, Geduld und immer wieder eine Pause an der richtigen Stelle.

TIPP:TIPP: Pausen sind eine Belohnung für Pferde. Dann können sie über das nachdenken, was gerade passiert ist und sind zufrieden.

Dabei möchte ich das Pferd nicht viel seitwärts treten lassen. Mein Ziel ist das innere Hinterbein, das nach vorne unter die Masse des Pferdes (ungefähr da, wo der Reiter dann später darüber sitzt) treten soll. Es ist leichter, das im Schritt zu tun und nicht auf der Stelle.

TIPP:TIPP: Bei diesen Übungen lernt das Pferd noch etwas sehr Wichtiges: Druck auf einer Körperseite bedeutet nicht „schneller werden“!

Warum ohne die Biomechanik gar nichts geht

Grundsätzlich ist die Biomechanik ein sehr wichtiges Thema. Da ich ja „nur“ Grundschullehrerin bin, kann ich jedem, der in dieser Richtung Interesse hat, einen Kurs bei Bent Branderup empfehlen. Ich habe noch keinen anderen Menschen erlebt, der so guten Theorieunterricht geben kann. Ich finde dieses Wissen sehr wichtig und spannend.

Die Hausaufgaben? Man kann die Übungen immer sehr schön mit einfließen lassen. Und es hilft, wenn man weiß, was weshalb wie und warum beim Pferd funktioniert. Wir werden uns also weiter an der Bodenarbeit üben und Herrn Freyr auf den Kappzaum vorbereiten.

Das nächste Mal? Denn ich verwende auch gerne für manche Ausbildungsschritte einen Kappzaum, da man mit ihm viel präziser einwirken kann. Beim nächsten Mal stelle ich euch also Herrn Freyr im Kappzaum vor.

P.S.: Die Jungregisseurin hat gedreht

Bianca, meine Tochter, hat ein kurzes Video von mir und Herrn Freyr bei unserer Bodenarbeit für euch gedreht. Da kann man ganz gut sehen, wie wir arbeiten. Für ein paar Mal geübt sieht es doch schon ganz gut aus, finde ich J Natürlich ist noch nicht alles perfekt, aber es ist ein Anfang. Und wir können darauf aufbauen.

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5 Kommentare zu “Zutatenliste für die Bodenarbeit! Oder: Wie aus dem Pferd ein Reitpferd wird

  1. Miriam sagt:

    Liebe Sabine, liebe Petra,

    dieses "Ja" vom Pferd zu den Übungen finde ich total wichtig. Ich versuche mit meinem Pony nur Dinge zu machen, zu denen er auch "Ja" sagt und sein "Nein" ernst zu nehmen.
    Er hat volles Mitspracherecht. Wenn ich z.B. eine neue Übung mache und mein Pony sagt erstmal "Nein" höre ich mit der Übung auf und überlege mir, warum er jetzt "Nein" sagt. Ist es vielleicht eine eher statische Übung und er möchte mehr laufen, dann versuche ich erst ihm mit Bewegung entgegen zu kommen und wenn er dann ruhiger ist, versuche ich die Übung nochmal. Oder er versteht er gerade nicht, was ich von ihm will und sagt deshalb "Nein", dann überlege ich mir, wie ich es ihm anders zeigen kann.
    Dadurch vertraut mir mein Pony und weiß genau, dass wir nichts machen ohne sein Einverständnis. Ich habe auch gelernt, dass Pferde in der Regel so kooperartiv sind und wenn sie nichts schlechtes erwarten in der Regel sehr oft "Ja" sagen und sehr viel weniger "Nein".
    Ich denke durch diese Mitsprache ist mein Pony in der Regel freudig dabei. Kommt meistens an den Zaun galoppiert, streckt den Kopf ins Halfter und freut sich auf unsere gemeinsamen Unternehmungen.
    Leider wird das so oft vergessen. So oft wird über das "Nein" der Pferde hinweggegangen mit dem Satz "Der/die muss das jetzt…, da muss man sich durchsetzen, sonst nutzt er/sie das nur aus". Und ein "Ja" wird so oft als selbstverständlich genommen.
    Ich finde es so toll, dass ihr bei Herrn Freyr drauf achtet, dass er auch "Ja" sagt.

    Liebe Grüße
    Miriam

    • Sabine sagt:

      Liebe Miriam,

      schön, daß du wieder dabei bist! :)
      Ja, die Lernbereitschaft bei einer positiven Aufmerksamkeit (Interesse, Spaß..) ist deutlich höher als bei einer negativen Aufmerksamkeit (Druck, Angst..)
      Genau wie bei den Menschen in der Schule!

      Trotzdem muß man von Fall zu Fall neu entscheiden und auch ich setze mich je nach Situation mal durch, da es sonst gefährlich werden würde.

      Viele Grüße

      Sabine

    • Miriam sagt:

      Liebe Sabine,

      natürlich versuche ich auch mein Pony und mich nicht in gefährliche Situationen zu bringen. Ich versuche im Vorraus das natürlich zu vermeiden, sollte es aber doch passieren, dass wir uns in einer Situation befinden in der ich reagieren muss, weil sonst Gefahr für mich und/oder mein Pony besteht, dann handle ich auch mal gegen seinen Willen. Das sind bei uns aber absolute Ausnahmesituationen und natürlich geht die Sicherheit vor. Ich habe aber auch schon bemerkt, dass mein Pony mir das gar nicht krumm nimmt.
      Unser Vertrauen zueinander ist so stark, dass er meist auch einfach reagiert wie ich das möchte, wenn er merkt, dass mir das jetzt wirklich wichtig ist und so gab es in den letzten 2 1/2 Jahren nur eine einzige Situation in der ich mich wirklich durchsetzen musste und absolut gegen den Willen von meinem Pony gehandelt habe.

      Liebe Grüße
      Miriam

  2. Nina sagt:

    Super gemacht..Bianca!!!Weiter so, deine Videos werden immer total schön! Ich wüsste gar nicht wie das geht :-)
    Achja und Herr Feyr und Sabine sind zusammen auch ein tolles Paar, aber das wissen wir ja ;-)

    Seid lieb gegrüßt
    Nina

    • Sabine sagt:

      Liebe Nina!

      Danke für die Blumen!! :)
      Ich bin auch sehr stolz auf Bianca. Ich glaube, sie ist schon "dreh-süchtig" geworden, es macht auf jeden Fall sehr viel Freude zu sehen, mit welchem Eifer sie da dabei ist.

      Liebe Grüße

      Sabine

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