Pferde sind fein und sensibel. Je leiser wir sind, desto feiner können sie reagieren. Du kannst deine Signale beim Pferd ganz leicht übersteuern. Deswegen habe ich ein neues Mantra für dich: Weniger ist mehr! Das zu lernen, ist ein wichtiges Ziel. Timing ist wichtig bei Pferden, genau wie die richtige Balance und die richtigen Signale im richtigen Moment. Nur dann weiß das Pferd, dass es uns vertrauen kann, weil wir wissen, was wir tun.

Warum die feinen Signale am besten funktionieren

Das Pferd ist ein Herdentier und ein Fluchttier, in jeder Herde hat einer die Verantwortung. Die Leitstute. Alle Pferde achten auf sie und auf die jeweils Ranghöheren. Die restliche Herde ist relativ dankbar dafür, dass sie sich nicht kümmern muss.

  • Wer Leittier ist hat den Druck der Verantwortung.
  • Leittier ist nicht unbedingt das körperlich stärkste Tier, sondern das fairste, gelassenste, ruhigste und verantwortungsbewussteste.
  • Das Tier, dem man am ehesten zutrauen kann in einer Gefahrensituation die richtige Entscheidung zu treffen.
  • Wenn wir die Pferde aus der Herde in unsere Welt holen, dann müssen wir der klare verantwortungsbewusste Partner sein, damit das Pferd sich gerne anvertraut und uns vertrauensvoll folgt.

BALANCE Egal ob am Boden oder im Sattel. Dazu müssen wir Balance besitzen in unseren Ansagen und in unserer Körpersprache, damit wir das Pferd nicht aus der Balance bringen.

TIMING Wir müssen das richtige Timing besitzen, damit wir in dem anatomisch und emotional richtigen Momenten unseren Wunsch an das Pferd aussprechen oder unsere Hilfe geben.

GEFÜHL Das wichtigste ist aber das Gefühl. Wann und wie muss in welchem Umfang was passieren, damit das Pferd uns versteht und gerne folgt. Das ist das Schwerste finde ich und es braucht schlicht viel Erfahrung und Zeit, um das zu erlernen.

Das hat auch schon Altmeister Jean-Claude Dysli immer wieder gesagt: Balance, Feeling, Timing!

Es sind die drei wichtigsten Basics beim Reiten, die sich dann in vielen Kleinigkeiten zeigen und immer wieder überprüft werden müssen.

Übersteuert mit Sassou

Sassou_3

Die großen Basics beim Reiten

Ich weiß nicht, wie Du das machst, aber ich nehme mir für jede Reitstunde ein inneres Ziel vor. Zum Beispiel die Beine Richtung Boden wachsen zu lassen oder mit aufrechtem Rücken ruhig und gelassen zu reiten. Immerhin habe ich schon meine Unabhängigkeitserklärung an den Sitz proklamiert. Es hat nur noch nicht so viel genützt. Seitdem befinde ich mich nämlich in meinem persönlichen Unabhängigkeitskampf mit mir selbst.

Der Sitz will nicht so, wie ich will. Aber ich werde gewinnen, bestimmt! Ich weiß nur noch nicht, wie lange es dauern wird… Das gilt übrigens auch für all die anderen Baustellen, die du als Reiter zu beackern hast.

– Feine Hilfen

– Unabhängiger Sitz

– Gewichtshilfen

– Zügelunabhängig reiten

– Klare, ruhige und gelassene Signale

– Richtige Hilfen im richtigen Moment

…um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist wichtig, damit unsere Pferde uns ausbalanciert tragen können, nicht von uns gestört werden und verstehen können, was wir von ihnen wollen. Außerdem übertragen sich unsere Schieflagen oder unfeinen Hilfen auf die Pferdeanatomie. Es ist also immens wichtig, dass man als Reiter an seinem Sitz und seiner Haltung arbeitet.

Übersteuert mit Sassou

Übersteuert mit Sassou

Die innere To Do Liste

Der unabhängige Sitz stand auf meiner persönlichen inneren To-Do-Liste für die letzte Reitstunde. Meistens kommt es aber anders, als man denkt. Sassou, mein entzückendes Schulpony mit eigenem Kopf, hatte etwas ganz anderes auf ihrer To-Do-Liste.

Ich glaube da stand: „Petra an die feinen frühen punktgenauen Hilfen erinnern.“

Mein konsequentes Trainingspony Sassou erinnert mich immer wieder an wesentliche Dinge – Pferde sind die besten Lehrmeister. Hör ihnen zu, dann sagen sie dir, was du tun musst um ein guter Reiter zu sein:

  • Du musst gelassen bleiben.
  • Du musst fein bleiben.
  • Du musst klar bleiben.
  • Du musst konsequent sein.

Sassou erinnert mich ganz besonders daran, dass du den Pferden zuhören musst. Denn sie sagen dir ganz genau, was noch nicht stimmt. Sie spiegeln deine Unzulänglichkeiten und zeigen dir, was du noch verbessern musst. Aber nur dann, wenn sie einen eigenen Kopf haben dürfen und du ihnen wirklich zuhörst.

Sassou zum Beispiel spricht mit mir, weil sie auf feine korrekte Hilfen gut reagiert und bei verwirrenden Signalen schnell unwillig wird und weglaufen will.

Sassou_1

Übersteuert mit Sassou

Wie man Fehler beim Reiten vermeidet

Das Problem: Immer dann, wenn Sassou versucht über eine der Ecken den Trab (den sie nicht so gerne läuft) auszubremsen und in die Ecke zu laufen, damit sie langsamer werden kann, habe ich versucht mit dem inneren Bein und einem leichten äußeren Zügel gegenzulenken. Das wiederum hat Sassou aus meiner Sicht mit „sturem“ Umdrehen quittiert. Dachte ich…

Der Fehler: Ich habe versucht so lange gegenzulenken, bis Sassou wieder dort ist, wo ich sie haben will. Tatsächlich habe ich also zu lange „gegengelenkt“, sagte Frau Reitlehrerin. Sassou hat sich schlicht schon wieder zuviel gedreht. Ich habe also übersteuert.

Du musst dir das wie bei einem Auto vorstellen. Das Lenkrad muss einfach ein Viertelsekündchen vor dem Ende der Kurve wieder geradegerichtet werden.

Was passiert ist: Ich habe einen Hinweis gegeben und dem Pony mitgeteilt, was ich will. Das Pony braucht ein Viertelsekündchen, bis es verstanden hat, was ich will (also eine kleine Bedenkzeit), dann macht es das Gewünschte. Ich steuere aber parallel wie ein schlechter Schiffskapitän weiter, weil das Pony noch nicht exakt dort ist, wo ich es haben will. Das Pony steuert brav weiter mit. Und schon landen wir wieder zu weit.

Also lenke ich wieder gegen und denke: Wieso läufst du wieder rein?

Und Sassou denkt sich: Ich habe doch gemacht, was du willst – wieso steuerst du weiter?

Ich lenke weiter gegen, weil Sassou über den Punkt hinaus ist, an dem ich sie haben wollte.

Sassou ist verwirrt und denkt sich: Wieso soll ich denn verdammt noch jetzt wieder zurück? Was will sie denn?!?

Und so schaukeln wir uns hoch. Das alles, weil ich eine Milisekunde zu spät aufgehört habe zu steuern.

Die Lösung: Rechnet man die Denkarbeit des Pferdes mit ein, dann muss die Hilfe immer ein kleines bisschen früher enden oder anfangen. Damit Pferd und Reiter punktgenau dort landen, wo sie landen wollen. Eigentlich logisch!

Ich weiß das eigentlich, ich trabe zum Beispiel nicht erst am Startpunkt an, sondern gebe das Signal ein kleines bisschen früher. Damit das Pony genug Zeit hat zu merken, was ich will und die Bitte von mir in seine Füße fließen zu lassen und anzutraben. Diese kleine Zeitverzögerung hatte ich in der Stunde kurz aus den Augen verloren. Timing ist wichtig!

Ab diesem Zeitpunkt habe ich immer eine Millisekunde früher aufgehört mit der Hilfe, habe sie schneller, aber feiner gegeben und siehe da – Sassou läuft mit mir entspannt, exakt dorthin, wo ich möchte. Ab diesem Zeitpunkt habe ich nicht mehr übersteuert.

Weil ich innere Bilder so liebe, habe ich natürlich kurz für Dich recherchiert, um herauszufinden, was ein gutes Bild für das „Übersteuern“ sein könnte.

Wikipedia sagt:

„Mit dem Begriff Übersteuern wird das Verhalten eines Fahrzeuges bezeichnet, das in einer Kurve dazu tendiert mit dem Heck auszubrechen. Dieses Verhalten ist typisch für heckangetriebene Fahrzeuge. Man verwendet den Begriff auch, um das Eigenlenkverhalten von Fahrzeugen zu charakterisieren.“

Übersetzt für ein Pferdepedia könnte man also sagen:

„Wenn das Pferd übersteuert wurde, dann bricht es mit dem Heck aus. Wenn also der Reiter mit Bein und Zügel in der Kurve zu viel Druck ausübt, tendiert das Pferd dazu auszubrechen. Dieses Verhalten ist typisch bei schlechten Reitersignalen. Das Pferd entwickelt dann zu Recht ein Eigenlenkverhalten als Reaktion auf das reiterliche Übersteuern.“

Das Pony trainiert dich

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Pferde uns trainieren. Durch ihre Reaktion auf unsere Fehler. Sassou ist zufrieden und entspannt, wenn klare und eindeutige Signale kommen. Wenn nicht, dann übernimmt sie Sekundenweise das Kommando. Vermutlich weil sie in den Momenten, in den verwirrende Vorschläge von mir kommen, beschließt, dass sie dann lieber selbst entscheidet.

So hat sie mir zum Beispiel schon einiges über Flaschen und Bojen gezeigt. Weil sie ein fleißiges Schulpferd ist, hat sie mir ergänzend zur Übersteuerung gezeigt, warum der unabhängige Sitz wirklich wichtig ist. Nicht nur, weil ein ausbalancierter Reiter mit unabhängigem Sitz feinere Gewichts- und Schenkelhilfen geben kann und das für das Pony angenehmer ist, weil es dann nicht durch den Reiter in seiner Balance gestört wird. Sie hat es mir auch gezeigt, weil der Reiter mit einem unabhängigeren Sitz auch im Sattel sitzen bleiben kann.

Wenn Sassou nicht versteht, was man von ihr will (was immer wieder passiert, weil ich mich nicht immer absolut korrekt ausdrücken kann) oder wenn sie etwas nicht will (wie auf der rechten Hand anzutraben, weil sie in ihrer Vergangenheit bei der Vorbesitzerin nicht auf der rechten Hand trainiert wurde. Da sie das nicht mochte, hat die Vorbesitzerin das einfach gelassen, sagt Frau Reitlehrerin. Die Sassou als schlecht ausgebildetes abgemagertes Pferd vor dem Schlachter gerettet hat) dann schüttelt sie ihren Ponykopf (wortwörtlich – sie schüttelt wirklich) und denkt sich vermutlich: „Wenn Du nicht weißt, was Du willst, dann mache ich eben, was ich will“.

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Frei übersetzt: Ich will also auf der rechten Hand antraben. Leichtes Schenkelsignal…Sassou will nicht! Sie wird dann entweder langsamer oder sie rennt in eine andere Richtung oder (so wie heute) sie macht kurz Ponyrodeo. Also ein zwei kleine Sprünge. Nicht böswillig und nicht übermütig, auch nicht unkontrolliert oder ständig. Sie hat manchmal Momente, da will sie nicht.

Ich verstehe das, denn in diesen Momenten habe ich vermutlich nicht unabhängig genug gesessen und sie deswegen aus der Balance gebracht oder ich war nicht klar genug und habe sie deswegen verwirrt. Das hat etwas damit zu tun, dass sie nicht die allerbeste Vergangenheit hatte und deswegen gelernt hat, selbst zu entscheiden, um sich immer in Sicherheit bringen zu können, wenn der Reiter auf ihrem Rücken nicht klare Signale gibt. Sie wird dann unwillig.

Was kannst du tun?

In solchen Momenten lasse ich sie kurz machen, gehe wieder in den Schritt, bringe Ruhe in die Situation und wage dann einen neuen Versuch, wenn sie wieder gelassen läuft. Denn wenn ich mich um einen ruhigen Sitz bemühe, nicht zuviel mache und immer sofort fein reagiere, bevor sie das Zepter übernimmt, dann läuft sie zufrieden, schnaubt und läuft vorwärts abwärts. Aber nur dann!

Übersteuert mit Sassou

Damit zeigt sie mir, wie zufrieden sie ist, wenn ich meinen Job gut mache. Das ist ein wunderschönes Gefühl, weil sie dann ganz weich und entspannt läuft, zufrieden schnaubt und wir für Sekunden eine ruhige Einheit sind. Sie zeigt mir auch, dass es nahezu immer an mir liegt, wenn es nicht klappt. Denn diese schönen geschenkten Momente tauchen immer dann auf, wenn ich gelassen, mittig und entspannt mit aufrechtem Rücken sitze, die Beine sind locker und die Hände ruhig. Die Signale sind fein und kommen aus der Körpermitte. Dann bekomme ich als Geschenk die zufriedene und feine Sassou. Aber nur dann.

An dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an Sassou für ihre Geduld mit mir und für ihre große Freundlichkeit meine Fehler anzunehmen und immer wieder zu verzeihen. Das ist für sie sicher nicht immer einfach, deswegen bin ich sehr dankbar, dass sie mich trägt und meine Fehler verzeit.

Übersteuert mit Sassou

INFO: Hast du auch Baustellen? Welche Baustellen beschäftigen dich? Oder hast du innere Bilder, die dir weiterhelfen? Ich freue mich auf deinen Kommentar 

TIPP Nr. 1: Der unabhängige Sitz und eine Balance sind absolut wichtig, damit Du die innere und äußere Balance des Pferdes nicht störst. Dazu gehört auch das richtige Timing bei der Hilfengebung. Das Pferd braucht eine kurze Denkzeit, bevor es die Hilfe umsetzen kann. Diese Denkzeit muss der Reiter in seine Hilfengebung mit einberechnen. So gibst Du dem Pferd die Zeit, die es braucht, um Deinem Wunsch folgen zu können.

TIPP Nr. 2: Immer wieder! Immer wieder ist es DIE Erkenntnis: Weniger ist oft mehr! Mach weniger, sei feiner, denke mit Deinem Pferd mit und gib ihm die Zeit, die es braucht, um zu begreifen, was Du willst. Aber mach das, was Du machst, konsequent und freundlich. Das ist schwer, weil man dazu neigt aus einer Situation wieder schnell rauszuwollen, die gerade nicht wie am Schnürchen läuft. Aber es hilft dem Pferd und einem selbst nicht weiter, wenn man sich unter Druck setzt. Manchmal ist es hilfreich wieder einen Schritt zurück zu treten und nochmal von vorne anzufangen, anstatt etwas zu erzwingen.

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