Du willst Dein Pferd besser verstehen? Du willst wissen, was es braucht, damit es sich bei Dir aufgehoben fühlt? Von der Haltung über den Umgang bis zum Herdenverhalten. Susanne Kreuer ist Westernreiterin, bekennende Pferdeliebhaberin, studierte Psychologin und Pferdekennerin. Sie hat das vielbeachtete Buch „Pferde verstehen“ geschrieben*

Im Buch beschreibt sie, wie die Pferde fühlen, wie sie handeln und was man über ihre Anatomie und Körpersprache wissen sollte, um sie besser zu verstehen. Sie erklärt ihre Geschichte und was wir daraus für unseren täglichen Umgang lernen können, ihre Verhaltensweisen, die sich oft aus ihrer speziellen Anatomie erklären und wie wir als Menschen an uns arbeiten können, um im Alltag besser mit den Pferden arbeiten zu können.

Susanne Kreuer und Pepper

Es geht um Teamarbeit!

Das gilt für die englische Reitweise, Dressur und Westernreiten, vollkommen egal, welcher Stil. Hauptsache, wir finden einen guten Stil im Umgang mit den Pferden. Aber was ist guter Stil? Wie muss Du sein, um Deinem Pferd gerecht zu werden? Der eine sagt so, der andere sagt so. Jeder erzählt einem anfangs etwas anderes, bis sich nach und nach herauskristallisiert, das es eine kleine aber feine Gemeinde gibt, die sich der gerechten, fairen und liebevollen Kommunikation mit den Pferden verschrieben hat.

Dazu gehören Pferdeexperten, wie Bernd Hackl*, Buck Brannaman* oder der kürzlich verstorbene Jean-Claude Dysli*, wie auch seine Tochter Kenzie Dysli*.

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Und Susanne Kreuer. Deswegen habe ich sie für Dich interviewt. Ich wollte von ihr wissen, was wir tun können, um die Pferde besser zu verstehen.

Interview mit der Buchautorin Susanne Kreuer über das Pferdeflüstern:

Petra von der Pferdeflüsterei: In Deinem Buch dreht sich alles um die Frage, wie man eine echte Partnerschaft mit dem Pferd erreichen kann – hast Du da ein paar ultimative Tipps parat? Grundlegende Dinge, die Menschen gerne falsch machen?

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Susanne Kreuer: Ich bin der festen Überzeugung, dass nur Ehrlichkeit, Authentizität, Offenheit und das Wissen um die Natur des Pferdes zu einer „echten Partnerschaft“ führen können. Das zu erreichen setzt die Reflexion des eigenen Handelns, Denkens und Fühlens voraus. Viele Menschen sind nicht bereit dazu, weil es ihnen unnötig und zu schwer erscheint. Sie wären mit sich selbst und ihren unangenehmen Seiten konfrontiert – wer will das schon? Eine Aufzählung, was Halter im Umgang mit Pferden falsch machen, würde den Rahmen hier völlig sprengen, weil es häufig so unendlich viele Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd gibt. Aber mir erscheint der häufigste Fehler, dass Menschen weder hinschauen noch hinhören. Stupide wird völlig unüberlegt ein „Programm“ abgezogen. So hat man es eben von dem Reitlehrer gelernt! So war es immer schon! Was früher gut war, ist auch heute noch sinnvoll! Ich würde mir mehr „Seele“ und Kreativität im Umgang mit Pferden wünschen – und vor allem mehr Demut.

Petra von der Pferdeflüsterei: Pferdeflüstern kann man lernen, was muss man dazu mitbringen?

Susanne Kreuer: Lernwillen, Ausdauer, Gefühl und viel Geduld. Aber besonders wichtig ist die Bereitschaft sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und dem Pferd endlich zuzuhören. Pferde können sich sehr gewinnbringend in einen Dialog einbringen. Warum werden sie ständig ignoriert? Sie sind die besten Lehrer, die wir uns wünschen können! (Mit Flüstern hat das übrigens gar nichts zu tun – eine Hollywood Erfindung!)

Mit Pferden kommunizieren

Petra von der Pferdeflüsterei: Da hast Du Recht, es ist das gut klingende Überwort für eine gute Kommunikation, würde ich sagen. Das aber jeder sofort versteht, deswegen auch der Name für unsere Webseite. Das meiste ist Körpersprache in der Kommunikation, habe ich in Deinem Buch gelesen – wie sieht die richtige Körpersprache aus, damit die Pferde uns verstehen?

Susanne Kreuer: Die Sprache der Pferde ist vorwiegend eine lautlose. Sie sind Beutetiere, die natürlich nicht lautschreiend durch die Gegend laufen können. Ansonsten würden sie in der Steppe auf sich und ihre Herde aufmerksam machen. Also ist die Körpersprache ihre Art der Verständigung untereinander. Wir können nicht von einem Pferd verlangen, dass es dieses Naturgesetzt, das sich seit Millionen Jahren bewährt hat, ablegt. WIR müssen uns anpassen und lernen! Ich finde eine gute Übung ist es, wenn der Mensch sein Pferd weniger als Nutz- und Reittier betrachtet und sich einfach mal selbst eine „Auszeit auf der Weide“ verordnet. Zu diesem Zweck ist es sinnig, Zeit mit seinem Pferd in der Herde zu verbringen und die Gruppe zu beobachten. Es ist unglaublich, was man da von den Tieren lernen kann. Wer partnerschaftlich und harmonisch mit Pferden umgehen möchte, der kann das nur über einen Beziehungsaufbau erreichen. Ich empfehle die Tiere so viel wie möglich zu beobachten und ihre Körpersprache selbst zu studieren – der Lerneffekt (auch über uns selbst) ist erstaunlich. Die Pferde danken es uns!

Petra von der Pferdeflüsterei: Ein nervöser Mensch, macht auch das Pferd nervös, richtig? Wie kann man es schaffen, dem Pferd trotzdem so zu begegnen, dass es einen respektiert?

Susanne Kreuer: Pferde wissen sofort was der Mensch, der vor ihnen steht, fühlt. Eine Täuschung ist nicht möglich! Der einzige Schlüssel ist also die Arbeit an sich selbst. Nervosität ist ein völlig normales Gefühl – und auch Pferde sind manchmal nervös. Aber es gibt sehr gute Möglichkeiten sich selbst und seine Adrenalinproduktion zu kontrollieren und runterzufahren. Häufig hilft schon die Überlegung, ob das „negative“ Gefühl, das ich gerade habe, auch tatsächlich angebracht ist?! Gemessen an den äußeren Umständen und der Realität übertreiben es Menschen nämlich sehr gerne mit ihrer nervösen und ängstlichen Herangehensweise. Das hat unterschiedliche Gründe, die jeder für sich selbst ergründen muss. Ständige Anspannung ist weder für Menschen noch für Pferde gesund. Es gibt Wege aus der Krise, die es zu erarbeiten gilt, bevor man sich einem Pferd nähert, dass durch nervöses Getue nur verunsichert wird. Angst ist für Pferde das Zeichen zur Flucht. Das sichert ihr Überleben. Wir können also nicht hysterisch auf ein Pferd zulaufen und gleichzeitig erwarten, dass es uns willig folgt! Das widerspricht sich eklatant.

Du sprichst in Deiner Fragestellung weiter von „Respekt“ – dazu sage ich Folgendes: Zunächst einmal sollte der Mensch das Pferd respektieren; dann kann er auch von Seiten des Pferdes Respekt erwarten und diesen einfordern.

Petra von der Pferdeflüsterei: Das finde ich einleuchtend, aber dazu muss ich natürlich erst einmal wissen, wie die Pferde denken und fühlen und woran sich die Emotionen erkennen lassen?

Susanne Kreuer: Im Vergleich zum Menschen legen Pferde ihr Innenleben, d.h. ihre Gefühle, Motivationen und ihre Stimmungen immer offen dar. Sie täuschen nicht, betrügen nicht, und halten auch nicht bewusst Informationen zurück! Das können sie gar nicht! Pferde sind nicht imstande zu lügen. Wenn der Mensch bereit ist, das zu sehen und selbst auch entsprechend zu handeln, dann eröffnet es ihm Wege mit seinem Pferd auf eine ganz freie und natürliche Weise zu kommunizieren. Alles, was das Pferd tut, soll seinen aktuellen Zustand verbessern. Pferde sind immer ehrlich. Ich sage also: Lernt von Euren Pferden und werdet durch sie zu besseren Menschen!

Petra von der Pferdeflüsterei: Feine Kommunikation mit dem Pferd sollte der Traum aller Reiter sein – wie sprechen die Pferde mit uns?

Pferde-Blick

Susanne Kreuer: Wenn das der Traum aller Reiter ist, warum sehe ich dann so viele Menschen, die ungerecht sind, ihren Pferden Schreckliches antun und ständig mit Zwang und Gewalt auf sie einwirken? Und warum wird das in so vielen Reitställen (und auch auf Turnieren) gebilligt – ja scheinbar sogar gefordert?

Ich wünschte Du hättest Recht und alle Reiter würden an ihrer Kommunikation arbeiten, damit sie fein, punktuell und fair bleibt. Und natürlich sprechen die Pferde mit uns – das tun sie unentwegt! Stell Dich mal in einem beliebigen Reitstall an die Hallenbande und schau den Pferden zu.

Achte auf Mimik, Gestik und Körperanspannung des Pferdes. Frag Dich: Sieht dieses Pferd glücklich aus? Was macht es mit dem Schweif? Schlägt dieser aufgeregt hin und her? Wie sehen die Augen aus? Sind sie offen und freudig – oder kannst Du Angst darin erkennen? Wie sieht die Körperhaltung des Pferdes aus? Läuft es gesund über den Rücken und fällt es ihm leicht seinen Reiter zu tragen? Oder versucht es verzweifelt sein Gleichgewicht wiederzufinden, weil es mit harter Hand geritten wird und sich nicht ausbalancieren darf?

Hat es sein Gewicht natürlich verteilt auf Vor- und Hinterhand oder muss es stark auf der Vorhand laufen, weil der Reiter nicht in der Balance sitzt und es dazu zwingt. Wie viele „Hilfsmittel“ werden eingesetzt, damit das Pferd „funktioniert“? Kannst Du Anzeichen für Schmerzen entdecken? Atmet es gleichmäßig? Diese Liste ist beinahe endlos fortzuführen. Schau, die Pferde sprechen ständig mit uns und würden sie das genau wie Raubtiere tun, indem sie auf sich und ihr Unglück lautstark aufmerksam machen, dann wäre der Lärm in einer Reithalle überhaupt nicht zu ertragen.

Petra von der Pferdeflüsterei: Traurig, aber wahrscheinlich hast Du Recht. Das deckt sich mit meiner ersten Erfahrung als Kind, als ich aufhörte zu Reiten, weil ich das Gefühl hatte, das Reiten nicht gut für die Pferde ist. Im Nachhinein ist mir klar, dass das einfach am schlechten Umgang mit den Pferden dort lag. Aber wie kann ich als Mensch, der feine Kommunikation möchte, lernen das Pferd zu verstehen und mit dem Pferd zu sprechen?

Susanne Kreuer: Indem viel mehr auf die eigene Körpersprache geachtet wird. Unsere verbale Sprache spielt keine so große Rolle. Vielmehr geht es darum, die Natur des Pferdes und dessen Kommunikation zu verstehen und zu respektieren. Dafür brauchen wir viel Einfühlungsvermögen. Das kann man lernen, wenn man wirklich den innigen Wunsch hat sich mit seinem Pferd zu verständigen. Leider ist die Gabe der Empathie vielen Menschen verloren gegangen. Kinder dagegen können häufig viel besser mit einem Pferd sprechen. Sie scheinen sich häufig „blind“ zu verstehen.

Was machen Kinder anders als Erwachsene? Sie leben im Hier und Jetzt und verlassen sich noch auf ihre Intuition. Viele Menschen können das nicht mehr, weil sie gelernt habe sich zu verstellen und etwas vorzugeben, was sie überhaupt nicht sind. Pferde sind unbeeindruckt von allen Statussymbolen, die wir ihnen unter die Nase halten. Es ist ihnen völlig gleichgültig, welche berufliche Rolle jemand verkörpert. Sie sehen immer den Menschen hinter dessen Fassade. Aus diesem Grund werden Pferde auch sehr erfolgreich in Führungskräftetrainings oder Coachings eingesetzt.

Kleiner Einschub: Gefällt Dir, was Susanne sagt? Dann erzähl Deinen Freunden davon – je mehr Leute lernen, richtig mit Pferden umzugehen, umso besser:

Petra von der Pferdeflüsterei: Was macht einen guten Reiter / Pferdemenschen aus?

Susanne Kreuer: Gefühl – Intuition – Sachverstand – Authentizität – Timing – Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Klischees und Rollenbildern!

Petra von der Pferdeflüsterei: Und was kann ich grundsätzlich so richtig falsch machen? Womit quälen wir sie im Alltag ohne es zu merken?

Susanne Kreuer: Ich meine das fängt schon an, wenn wir in den Reitstall fahren. Wer gestresst und aggressiv zu seinem Pferd fährt, weil er sich nach einem langen Tag einen Ausgleich „verdient“ hat, der muss sich nicht wundern, wenn das Pferd diesen unangenehmen Zustand spiegelt. Oft sind die Menschen dann völlig entsetzt und beginnen zu argumentieren: „Der Gaul ist gemein zu mir! Der ärgert mich extra! Der kostet so viel Geld und gibt nichts zurück! Der ist undankbar, wenn man mal bedenkt, was ich alles für ihn tue! Der ist dümmer als andere Pferde, weil er mich nicht versteht … usw.“

Wenn es schon an einer fairen Einstellung mangelt, dann ist ein harmonisches Miteinander natürlich meilenweit entfernt. Jetzt wird dem Pferd ein Halfter übergezogen, weil die Zeit ja knapp ist. Wie es dem Pferd heute geht, ob es was zu erzählen hat oder welchen Eindruck es macht, wird nicht selten völlig ignoriert. Schnell wird geputzt, damit noch eine Stunde geritten werden kann. Dass dieses Putzen Sozialpflege ist, ist den wenigsten Menschen klar. Natürlich wehrt sich das Pferd gegen schnelle und grobe Herangehensweisen: Noch ein Beweis dafür, dass mit dem Vierbeiner etwas nicht in Ordnung ist! Jetzt wird sich schnell in den Sattel geschwungen, denn der Gaul braucht ja Bewegung. Da er aber ewig Zicken macht, sind Hilfszügel, Sporen und Gerte Pflicht, denn ansonsten läuft „der Faulpelz“ nicht und ist auch nicht kontrollierbar. Zeit zum Trockenreiten bleibt keine; Also Abschwitzdecke drauf und schnell drei Möhren ins Maul geschoben. So, schlechtes Gewissen wäre beruhigt. Mehr oder weniger zufrieden kann jetzt nach Hause gefahren werden.

Aus meiner Sicht sind folgende Fehler sehr häufig und sollten dringend vermieden werden:

  • Unruhe/Stress/Aggression im Umgang und beim Training
  • Mangelndes Einfühlungsvermögen
  • Fehlerhaftes Timing
  • Falsche Haltungsbedingungen
  • Zu wenig Kenntnisse über die Bedürfnisse des Pferdes
  • Egoismus und Selbstdarstellung
  • Zu schlechte reiterliche Kenntnisse

All diese (und noch mehr) Punkte schaden dem Pferd erheblich und erzeugen psychische und physische Krankheiten oder Auffälligkeiten. Besitzer sind also gefordert sich auseinanderzusetzen und pferdegerechter zu handeln.

Petra von der Pferdeflüsterei: Wie wichtig sind Gefühl und Timing?

Susanne Kreuer: Gefühl und Timing sind alles! Wir müssen immer weiter an beidem arbeiten und unsere Empathie schulen. Timing ist deswegen so entscheidend, damit das Pferd uns versteht. Viele Menschen loben ein bestimmtes Verhalten ihres Pferdes viel zu spät. Für das Pferd ist es dann unmöglich zu bergreifen, was es richtig gemacht haben soll. Im Zweifel eben genau das Verhalten, das es gerade zeigt. Sollte dies zufällig Scharren an der Boxenwand sein, weil es Futter will, haben wir durch fehlerhaftes Loben unerwünschtes Verhalten verstärkt.

Lob sollte innerhalb von 3 Sekunden erfolgen. Strafe bewirkt grundsätzlich viel weniger. Zu häufiges Bestrafen kann in einer erlernten Hilflosigkeit münden, die einer ausgemachten Depression beim Menschen sehr ähnelt. Unser Verhalten dem Pferd gegenüber sollte also sehr reflektiert, widerspruchsfrei und sinnig sein – zu jedem Zeitpunkt!

Petra von der Pferdeflüsterei: Was können wir tun, um unseren Pferden ein so natürlich und angenehmes Pferdeleben wie möglich zu machen?

Susanne Kreuer: Den Haltungsbedingungen kommt hier die wesentlichste Funktion zu. Pferde brauchen viel Bewegung und viel Kontakt zu Artgenossen. Darum kommt die Gruppen- und Weidehaltung der Natur des Pferdes am nächsten. Die Möglichkeit zur freien Bewegung unter Artgenossen ist die wichtigste Voraussetzung, damit der Vierbeiner glücklich und gesund bleibt.

Petra von der Pferdeflüsterei: Ich habe mich mit dem Thema Gebisslos reiten beschäftigt und das Gefühl, das auch dieses Thema, wie so viele andere beim Reiten mit einem „Das haben wir schon immer so gemacht Gedanken“ verknüpft ist. Wie stehst Du zu dem Thema?

Susanne Kreuer: Ich sehe viele Pferde, die erhebliche Probleme mit den Gebissen haben und sich zu Recht stark widersetzen. Die Anpassung eines Gebisses ist ein sensibles Thema und eine professionelle Beratung von Fachleuten ist in vielen Fällen notwendig. Wir sollten uns klar machen, dass das Maul des Pferdes ein sehr sensitiver Bereich ist. Durch fehlerhaften Einsatz des Gebisses und/oder eine harte Reiterhand erfahren viele Pferde starke Schmerzen im Maulbereich die sich auf den ganzen Organismus des Pferdes ausbreiten können. Die Verantwortung des Reiters dem Pferd gegenüber ist also ganz entscheidend.

Pferd mit Trense

Ich selber reite seit einiger Zeit gebisslos und trainiere die Pferde, die ich reite auch nach entsprechenden Grundsätzen. Mein Hengst Pepper hat durch einen Weideunfall einen schweren Kiefer- und Nasenbruch erlitten. Nachdem der erste Schock überwunden war und wir ihn haben fachmännisch versorgen lassen, wollte er nach ein paar Wochen unbedingt mehr Bewegung haben. Der Tierarzt sagte damals zu mir: „Sie sollten ihn unbedingt reiten, aber es darf derzeit nichts an den Kopf dran – auch kein Reithalfter!“ Kurzerhand habe ich mir einen Halsring gekauft und musste mich ausschließlich auf meine Gewichtshilfen verlassen. Er arbeitete extrem willig mit und ich freute mich sehr über die enge Beziehung, die wir zueinander aufgebaut hatten. Auch heute reite ich ihn noch häufig nur mit Halsring, und dass, obwohl nicht selten rossige Stuten anwesend sind.

Pferde sind Individuen. Sie sind freie und sehr feinfühlige Wesen. Jeder Reiter sollte sich bewusst machen, dass er durch Zwangsmethoden (dazu gehört auch ein schmerzhaftes oder nicht-passendes Gebiss) seinem Pferd Leid zufügt. Diese Vorgehensweise verhindert jeden Beziehungsaufbau.

Petra von der Pferdeflüsterei: Wie stehst Du zu Hilfsmitteln, wie der Gerte? Einerseits kommt sie mir vor wie eine Verlängerung zur Hilfengebung, andererseits kenne ich so viele Pferde, die, sobald sie die Gerte sehen, viel schneller laufen und fast schon Angst davor zu haben scheinen, das kann doch nicht gut sein?

Susanne Kreuer: Die Gerte ist eine Verlängerung des Armes und sollte – genau wie Sporen – nur zur feinen Hilfengebung eingesetzt werden. Ein Reitanfänger ist beispielsweise überhaupt nicht in der Lage dazu, auseinanderzuhalten, wann eine Gerte sinnvoll aus Kommunikationszwecken eingesetzt werden kann, und wann definitiv nicht. Entsprechend gehören solche Hilfsmittel – wenn denn unbedingt nötig – ausschließlich in die Hände von Profis bzw. erfahrenen Reitern, die hohe Lektionen reiten möchten und können.

Tatsächlich haben Studien ergeben, dass Pferde, die ständig mit der Gerte malträtiert werden, im Durchschnitt langsamer laufen. Ihre Leistungsfähigkeit und Schnelligkeit sinkt mit jedem Gertenhieb. Es mag dem Reiter anders erscheinen, da das Pferd kurzfristig schneller wird und vor der Gerte wegzulaufen scheint, aber dem ist nicht so. Mit einer Gerte wird touchiert und nicht geprügelt. Auch ein ständiges Klatschen mit der Gerte erzeugt bei Pferden Hilflosigkeit, denn auch, wenn sie schneller laufen, lässt der nächste Gertenhieb eines unfähigen und schlechten Reiters nicht lange auf sich warten. Welchen Sinn macht es dann für das Pferd?

Ich selber habe für mich den Anspruch, ohne Gerte zu reiten. Ich möchte meine Pferde an der richtigen Stelle motivieren und zur Mitarbeit ermutigen. Lob ist hier das „Zauberwort“. Pferde wollen gefallen und sind sehr lernbereit. Wer sein Pferd ständig und langfristig mit der Gerte ärgern muss, der macht was falsch!

Pferd mit Trense

 

Petra von der Pferdeflüsterei: Vertrauen und Respekt sind wichtig, soviel ist logisch, aber ich lese immer wieder, dass man als Mensch das Leittier „ersetzen“ soll, sich durchsetzen, damit es einen respektiert – was hältst Du von der Leittiertheorie?

Susanne Kreuer: Das ist ein wirklich leidiges Thema, das auch häufig völlig missverstanden wird. Die meisten Menschen verwechseln Status mit Macht. Für Pferde ist die Leitungsposition nicht unbedingt immer erstrebenswert. Menschen glauben, dass „Chefsein“ auch automatisch einhergeht mit Aufmerksamkeit, Geld, Erfolg usw.

Bei Pferden ist das völlig anders: Eine Autorität zu verkörpern bedeutet vor allem authentisch, erfahren, verantwortungsbewusst und weise zu sein. Besonders die Bereitschaft Entscheidungen zu treffen ist eine wichtige Voraussetzung. Auch die Klarheit der Körpersprache spielt dabei eine übergeordnete Rolle. Wer also möchte, dass sein Pferd ihm vertraut und ihm folgt, sollte nicht den schreienden Herrscher raushängen lassen. Im Vergleich zu vielen Menschen werten Pferde ein diktatorisches Verhalten als Schwäche – was es auch ist. Macht bedeutet nicht andere zu unterdrücken. In der Natur zwingt die Leitstute den Gruppenmitgliedern ihrer Herde keine Verhaltensweisen auf. Sie zeichnet sich vielmehr als verantwortungsbewusste Autorität aus. Die anderen folgen ihr, weil sie sich bei ihr sicher fühlen.

Pferde brauchen klare Anweisungen, die sie verstehen können. Aber mit Unterdrückung, Gewalt und Zwang hat dies nichts gemeinsam.

Petra von der Pferdeflüsterei: Zum Thema durchsetzen, höre ich dann immer wieder, von Reitlehrern – „jetzt setz Dich durch, der verarscht Dich doch, der macht doch was er will..“ usw., ich denke dann immer, dass Pferde gar nicht die Intention haben jemanden zu verarschen – wie siehst Du das? Muss ich mich „Durchsetzen“ oder habe ich dem Pferd einfach schlicht etwas Falsches gesagt?

Susanne Kreuer: Von „verarschen“ kann auch keine Rede sein. Pferde kennen so etwas überhaupt nicht. Das würde ja voraussetzen, dass sie niedere Beweggründe haben und durch ihr Verhalten andere täuschen wollen. Das liegt nicht in ihrer Natur. Ich halte solche Aussagen für Übertragungen. Viele Menschen unterstellen ihren Pferden Hinterlistigkeit und arglistige Täuschungsmanöver. Das ist ein Fehlurteil! Die Idee, dass das unerwünschte Verhalten ihres Pferdes an ihren mangelnden (reiterlichen) Fähigkeiten liegen könnte, scheint so abwegig, dass sie nicht in Betracht gezogen wird.

Sicherlich überprüfen Pferde ihren Menschen im Hinblick auf dessen Führungskompetenz. Wie kleine Kinder versuchen sie immer mal wieder herauszufinden, wie weit sie gehen können und wo eigentlich die Grenzen liegen. Auch das liegt in ihrer Natur, denn als Herdentiere sind sie gewillt ihren Status zu optimieren; d. h. sie versuchen manchmal auch in der Rangfolge zu steigen. Ich denke allerdings dennoch, dass viele Pferde, die „immer wieder reinlaufen“, Hilfen nicht richtig verstanden haben. Der Reiter muss sich selbst und seinen Sitz in einem solchen Fall zunächst einmal überprüfen, bevor er dem Pferd „Schlechtes“ unterstellt.

Petra von der Pferdeflüsterei: Also: Sitz überprüfen, Hilfen überprüfen. Vielen Dank für den Hinweis. Und vielen Dank für das gesamte spannende Interview, es hat mir viele Erkenntnisse gebracht und einiges bestätigt, was ich schon dachte, aber nicht sicher wusste, neue Infos und ganz viel so wunderbar klar zusammengefasst.

INFO: Hier findest Du eine Rezension zu dem Buch „Pferde Verstehen: Mit Achtung und Respekt Vertrauen herstellen“ von Susanne Kreuer und auf ihrer Webseite www.pferde-verstehen.info findest Du noch mehr Infos zu Susanne Kreuer und ihrem empfehlenswerten Buch. 

Autor: Petra

Pferde machen glücklich. Sie sind unsere Lehrmeister, auf dem Weg zu dem besten "Ich", das wir werden können. Daran glaube ich fest. Es ist wichtig, dass wir ihnen zuhören und lernen sie zu verstehen. Dann schenken sie uns besondere Momente. Diese Momente machen süchtig. Im echten Leben bin ich professionelle Journalistin. Das versuche ich hier in die Welt der Pferde zu übertragen. Ich schreibe die Artikel, führe die Interviews und besuche die Kurse für mehr Pferdewissen. Mein Mantra: Sei ein sicherer Ort für das Pferd.

Ein Kommentar zu “Achtung und Respekt! So lernt Dein Pferd Dir zu vertrauen

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