Artikel aktualisiert am 27.02.2017

Pfridolin Pferd und Baucher

Ein Gastbeitrag von Pfridolin Pferd:

Das sagt Frau Reitlehrerin immer zur Frau, wenn die gleichzeitig am Zügel zieht und treibt. Das sagte aber auch schon François Baucher. Den Herrn Baucher kennt vielleicht nicht jeder, die Frau aber schon. Oder etwa nicht? Die Frau ist meine Besitzerin, die eigentlich Piaffe und Passage reiten will, aber mit schöner Regelmäßigkeit schon an den Basics scheitert. Im Moment versucht Frau Reitlehrerin ihr zu erklären, dass es nicht funktioniert, wenn man gleichzeitig Gas gibt und bremst.

Die Frau meint, das hätte sie immer schon so gemacht. Man müsste doch das Pferd durch das Gebiss hindurchtreiben. Gegenhalten wäre dabei wichtig, aber das wüsste Frau Reitlehrerin ja schließlich selbst.

Ich bin ja hier nur das Pferd…

Ich bin ja hier nur das Pferd, aber ich finde, das hört sich komisch an. Oder? Es macht eigentlich auch keinen Spaß, wenn man dauernd vorwärts gescheucht wird und einem die Frau gleichzeitig mit ihrer kleinen Eisenfaust im Gebiss hängt. Außerdem finde ich es sehr mutig, sich gleich zu Beginn der Reitstunde mit Frau Reitlehrerin anzulegen. Aber umso besser für mich, denn wenn Frau Reitlehrerin was erklärt, darf ich rumstehen und Pause machen.

Pfridolin Pferd schaut hübsch aus

Die Frau kann nämlich nicht gleichzeitig reiten und zuhören.

Wir stehen also in der Bahnmitte. Frau Reitlehrerin spricht und die Frau hat schlechte Laune, weil sie eigentlich keinen Reitunterricht nimmt, um auf Fehler hingewiesen zu werden und womöglich was zu lernen, sondern weil sie jemanden sucht, der sie darin bestätigt, dass sie alles richtig macht und es allein meine Schuld ist, wenn irgendwas nicht klappt. Da ist sie aber bei Frau Reitlehrerin an der falschen Adresse. Die macht die Frau gerade mit dem Ausdruck „Timing“ bekannt.

Ja, man müsste mit dem Schenkel einwirken und auch mit der Hand, aber doch nicht gleichzeitig!

Auch bei einer Parade würde erst das Bein einwirken und einen Sekundenbruchteil später die Hand.

Die wichtigste Hilfe wäre eh der Sitz, der die Parade einleitet. Ein gut gerittenes Pferd könnte man allein durch das Abkippen des Beckens und gleichzeitiges Ausatmen durchparieren.

Aha, sagt die Frau ehrlich überrascht.

Und die Schenkel, sagt Frau Reitlehrerin jetzt, wären ohnehin nicht zum Erhalt der Gangart da, dafür wäre nämlich das Pferd zuständig. Also kein permanent treibender Schenkel, bitteschön. Die Frau fühlt sich ertappt und guckt garstig.

Frau Reitlehrerin hat aber keine Angst vor ihr, sondern spricht weiter. Die Reaktion des Pferdes auf den Schenkel wäre ankonditioniert, das heißt, das Pferd müsste erst einmal lernen, dass der vermehrte Kontakt mit der flachen Wade „vorwärts“ bedeutet. Das wäre aber bei einem halbwegs disziplinierten Reiter kein Problem. Ich spitze die Ohren. Die Frau auch. Bei mir sieht das aber gut aus.

Pfridolin Pferd ist toll

Jetzt das Gebiss, fährt Frau Reitlehrerin fort. Jegliches Rückwärtseinwirken der Hand über das Gebiss wirke bremsend. Wie das denn funktionieren solle – einerseits mühsam antrainierte treibende Hilfen und zugleich die bremsende Hand. Was das denn dem Pferd sagen solle? Das weiß die Frau auch nicht. Sie murmelt, die Rübe müsste schließlich runter.

Die Kopf-Hals –Position des Pferdes wäre doch total nachrangig, ereifert sich Frau Reitlehrerin. Zuerst einmal käme es nur auf die Hinterhandaktivität und das abgekippte Becken an. Die Beizäumung  wäre lediglich eine Folge davon. Das wäre auch damit gemeint, wenn man sagt, ein Pferd müsste „von hinten nach vorn“ geritten werden. Der Fokus läge immer auf der Hinterhand.

Ach, sagt die Frau, das hätte sie aber anders gelernt. Andererseits…

Kurze Pause, in der man ihr Gehirn arbeiten hört. Frau Reitlehrerin und ich warten gespannt.

Andererseits wäre Frau Reitlehrerin schon sehr überzeugend, sagt die Frau, immer noch nachdenklich. Und das mit Gas und Bremse würde sich logisch anhören. Sie würde diese neuartige Art des Reitens gern mal ausprobieren. Frau Reitlehrerin und ich zwinkern uns zu.

Pfridolin Pferd mit Power

Die Frau hat nämlich keine Ahnung, dass diese „neuartige Art des Reitens“ gar nicht so neu ist. Sie wurde bestimmt schon lange vor François Baucher praktiziert, aber er hat den Grundsatz „Hand ohne Beine, Beine ohne Hand“ als erster aufgeschrieben, und zwar 1864 .

Text: Pfridolin Pferd – Bloggendes Pferd und Fernverlobter meiner Jungstute
Bilder: Pfridolin Pferd und die Frau

Pfridolin Pferd und Baucher

Wer ist der Zitategeber – François Baucher**:

Baucher war ein französischer Reitmeister, der von 1796 bis 1873 lebte und über den es äußerst widersprüchliche Ansichten gibt. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er seine Reitweise nach einem schweren Unfall im Jahr 1855 komplett umgestellt hat, aber sowohl über seine Reiterei vor dem Unfall wie auch nach dem Unfall geschrieben hat und die entsprechenden Übersetzungen ins Deutsche aus den Jahren 1843 („erste Manier“) und 2009 („zweite Manier“) stammen, was anscheinend in Deutschland zu einer gewissen Verwirrung geführt hat. Unter anderem orientieren sich der französische Cadre Noir und auch Philippe Karl an seiner Reitlehre.

Übrigens – Pfridolin Pferd hat selbst auch schon ein Buch getippt – das war mit seinen Hufen sicher nicht ganz leicht. Aber es ist grandios geworden – HIER könnt ihr es bestellen*. Und Hier könnt ihr noch mehr darüber lesen, in der Rezension von Pfridolins Krimi auf der Pferdeflüsterei

Noch mehr Lesetipps zu Baucher gibt es hier*

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2 Kommentare zu “François Baucher: Hand ohne Beine, Beine ohne Hand

  1. Uta von tiergezwitscher sagt:

    Ach, der gute Pfridolin bringt es mal wieder sehr amüsant auf den Punkt! Wie gut, dass er eine so kompetente Frau Reitlehrerin an seiner Seite hat – so wird auch DIE FRAU irgendwann verstehen, worauf es beim Reiten ankommt! Und ich auch!!!
    Liebe Grüße
    Uta

    • Petra sagt:

      Ja wirklich, gell? Ich bin dem Pfridolin auch immer sehr dankbar, dass er uns aufklärt. Was würden wir nur ohne ihn machen ;-) Liebe Grüße, Petra

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